• Praxis
Neue Tätigkeitsverteilung

Was man am besten kann

Das Uniklinikum Jena verteilt die Aufgaben von Ärzten und Pflegekräften neu. Bis Mitte dieses Jahres wird die Arbeit in allen 26 Kliniken besser strukturiert und organisiert, damit Ärzte und Pflegekräfte mehr Zeit für die Tätigkeiten besitzen, auf die sie spezialisiert sind. Trotz anfänglicher Skepsis verläuft das Projekt bislang mit großem Erfolg. Elf Kliniken haben das zehnmonatige Projekt bereits durchlaufen.

Betten machen und Blutdruck messen, Infusionen wechseln, Essen reichen und danach die Tische wischen – ist das das Aufgabengebiet einer examinierten Pflegekraft am Universitätsklinikum Jena (UKJ)? Sicher nicht! Aber nicht nur die Aufgaben der Pflegekräfte ändern sich, auch die ärztlichen Tätigkeiten unterliegen einem Wandel. Diese Veränderungen sind Bestandteil des Projektes „Qualifikationsgerechte Tätigkeitsverteilung in der Krankenversorgung" am UKJ. Da es trotz zahlreicher Diskussionen in Politik und Wirtschaft zur berufsgerechten Aufgabenverteilung in der Krankenversorgung nicht für alle Tätigkeitsbereiche exakte gesetzliche Regelungen gibt, entschied das UKJ, dieses Themenfeld in einem eigenen Projekt anzugehen. Dieses ist bundesweit in Ausprägung und Methodik besonders, da klinikübergreifend nicht nur betrachtet wird, welche Tätigkeiten ohne Qualitätsverlust sinnvoll und rechtskonform delegierbar sind, um die verschiedenen Berufsgruppen mit der höchsten fachlichen Expertise in Diagnostik, Therapie und Pflege von fachfremden Tätigkeiten zu entlasten. leichzeitig soll auch die Qualität in der Krankenversorgung gesteigert werden.

Im Jahr 2011 startete das Projekt mit der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Klinik für Innere Medizin I sowohl in einer chirurgischen als auch in einer nicht chirurgischen Klinik. Aktuell beteiligen sich 22 Kliniken am jeweils zehnmonatigen Projekt, für elf davon liegen signifikante Projektergebnisse bereits vor. Drei weitere Kliniken begannen im vergangenen Herbst mit der Umstrukturierung. Damit werden drei Viertel der Kliniken bis Mitte 2016 das Projekt abgeschlossen haben.

Verbesserte Qualität und attraktive Pflegeberufe
Es gibt mehrere Gründe, die Aufgaben in der Krankenversorgung umzuverteilen. Zum einen steigen die Anforderungen an die Ärzte und das Pflegepersonal stetig, weil immer mehr Patienten – auch als Folge des höheren Lebensalters – multimorbide sind. Zum anderen können fachspezifisch verteilte Tätigkeiten Berufe wie den Gesundheits- und Krankenpfleger attraktiver machen. Es wird immer schwieriger, die Lehrstellen und Studiengänge für die verschiedenen Pflegeberufe am UKJ mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. Denn viele verbinden die Berufe noch immer damit, neben der Pflege der Patienten auch für die Reinigung der Betten oder diverse Hilfsarbeiten verantwortlich zu sein. Das Projekt stellt jedoch sicher, dass examinierte Pfleger lediglich die Tätigkeiten ausführen, für die sie ausgebildet wurden. Dies stärkt das Ansehen des Berufes enorm. Der wohl wichtigste Grund für die Neuverteilung der Aufgaben ist jedoch, dass sich dadurch die Qualität verbessert. Denn wer eine Tätigkeit routiniert erledigt, erledigt sie besser als jemand, der diese Tätigkeit selten und neben den eigentlichen Aufgaben ausführt.

Nach einer umfassenden externen Beratung entwarf eine klinikübergreifende Lenkungsgruppe des Projektes einen Katalog mit 100 allgemeinen Tätigkeiten, die in den verschiedenen Kliniken des UKJ durchgeführt werden. Dieser Katalog dient als Grundlage dafür, die Delegations- und Effizienzpotenziale in jeder Klinik individuell zu betrachten. Denn nicht nur die Tätigkeiten, die in den Kliniken ausgeführt werden, unterscheiden sich teilweise stark voneinander. Auch der Umfang der bereits delegierten Aufgaben variiert erheblich.

Das Projekt beginnt in jeder Klinik damit, dass das vier- bis sechsköpfige Umsetzungsteam den Tätigkeitskatalog jeweils auf die Besonderheiten der Klinik anpasst. Das Besondere an der Analyse ist, dass alle Berufsgruppen befragt werden. So sind alle Mitarbeiter frühzeitig aktiv in den Prozess der Umgestaltung integriert und können ihre Wünsche einbringen. Trotz anfänglicher Skepsis erkennen sie damit rasch, welche Vorteile die Delegation mit sich bringt. Neben Ärzten und Pflegekräften wirkt so beispielsweise auch das medizinisch-technische Personal mit. Die Mitarbeiter legen gemeinsam fest, welche Tätigkeiten bisher bereits delegiert werden und welche Aufgaben noch delegiert werden können. In diesem Zusammenhang wird auch beachtet, wie häufig die Tätigkeiten ausgeführt werden. Denn der Aufwand der Delegation muss immer im Verhältnis zu ihrem Nutzen gesehen werden. Natürlich werden auch die bisher vorhandenen gesetzlichen Bestimmungen und Vorgaben umgesetzt. Deshalb erfolgen die Entscheidungen über die zu delegierenden Aufgaben stets in Absprache mit der Rechtsabteilung des Jenaer Klinikums und werden mit den Vorgaben der jeweiligen Fachgesellschaften abgeglichen. Die Projektarbeit wird außerdem vom Personalrat kritisch-konstruktiv begleitet.

Weiterbildungen besitzen hohen Stellenwert
Aufgaben, die nicht primär dem Kernbereich der ärztlichen Diagnostik und Therapie zugeordnet werden, können delegiert werden. Beispielsweise übernehmen examinierte Pflegekräfte bereits flächendeckend Aufgaben wie die venöse Blutentnahme und das Wundmanagement. Die medizinische Dokumentation führen hingegen speziali‧sierte Dokumentare aus. Ärztliche Tätigkeiten dürfen nur delegiert werden, wenn der nicht ärztliche Mit‧arbeiter die notwendige formelle und materielle Qualifikation für diese Tätigkeit besitzt. Deshalb ist es wichtig, die Mitarbeiter umfangreich zu schulen und weiterzubilden. Daher sieht der Umsetzungsplan eine verbindliche Dienstanweisung jeder Klinik zur Zuordnung der Tätigkeiten, ausführliche Schulungsmaßnahmen und einen individuellen Qualifikationsnachweis vor.

Beispielsweise nahmen examinierte Pflegekräfte der Klinik für Innere Medizin II an Fortbildungen teil, um künftig Zytostatika bei der Behandlung von Krebs verabreichen zu können. In einer umfangreichen Schulung erhielten sie einen Einblick in rechtliche und medizinische Aspekte der Onkologie sowie in die Patientenberatung und sammelten praktische Erfahrungen in der onkologischen Tagesklinik. Nun übernehmen die Pflegekräfte bereits in der Tagesklinik sowie auf der Knochenmarktransplantationsstation die Gabe von Zytostatika und entlasten damit das ärztliche Personal in erheblichem Maß. Auch wenn die Mitarbeiter ihren neuen Aufgaben anfangs kritisch gegenüberstanden, können sie nun stolz darauf sein, sich weiterqualifiziert und spezialisiert zu haben.

Jedoch werden nicht nur ärztliche Mitarbeiter von Arbeiten entlastet. Auch examinierte Pflegekräfte können Aufgaben an nicht examinierte Pflegekräfte oder externe Dienstleister abgeben. Beispielsweise übernehmen nicht examinierte Pflegekräfte die Grundkrankenpflege oder das Terminmanagement, Servicekräfte bereiten hingegen fortan patientennahe Flächen auf und kümmern sich umfassender um die Schmutzwäsche. Es gibt jedoch auch Tätigkeiten, die nicht delegierbar sind. Behandlungsmaßnahmen, die schwierig oder gefährlich sind oder unvorhersehbare Reaktionen hervorrufen können, setzen ärztliches Fachwissen voraus. Die Summe der Tätigkeiten bleibt insgesamt gleich, wird aber auf andere Ressourcen aufgeteilt. Mit der Umverteilung werden die Zuständigkeiten klar festgelegt und die vorhandenen Berufsgruppen entsprechend ihrer Qualifika‧tion besser ausgelastet.

Aufwendiges Projekt mit wirtschaftlichem Erfolg
Das Projekt ist mit großem Aufwand verbunden – Aufwand, der sich jedoch lohnt. Denn die bisherigen Ergebnisse in den einzelnen Kliniken zeigen den Erfolg des Projektes, auch durch wirtschaftliche Effekte. Ein Jahr nach der Umsetzung wird in jeder Klinik betrachtet, wie die Tätigkeiten in der Praxis umgesetzt werden. Vor allem die Delegation von Ärzten auf examinierte Pflegekräfte sowie von examinierten auf nicht examinierte Pflegekräfte funktioniert bisher sehr gut. Es gibt jedoch noch weiteres Optimierungspotenzial. Denn besonders die Delegation von pflegerischen Tätigkeiten auf nicht pflegerische Berufsgruppen wie Dokumentationsassistenten oder auf externe Dienstleister für Reinigung oder Wäsche ist noch nicht vollständig umgesetzt.



Das Universitätsklinikum Jena (UKJ) ist das größte Krankenhaus und das einzige Universitätsklinikum im Freistaat Thüringen. Jährlich werden an den 26 Kliniken und Polikliniken rund 300.000 Patienten stationär und ambulant versorgt. Mit über 4.600 Mitarbeitern ist das Jenaer Uniklinikum der größte Arbeitgeber der Region. 



Das Autorenteam:
Tancred Lasch
Universitätsklinikum Jena
Projektleitung, Pflegeleitung, Leiter Sozialdienst

Arne-Veronika Boock
Universitätsklinikum Jena
Pflegedirektorin

Enrico Loeper
Universitätsklinikum Jena
Pflegeleitung


 

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