• Bildung
Gewalt in der Pflege

Pionierinnen gegen Gewalt in der Pflege

Silvia Paul geht jetzt  morgens über alle Bereiche des Bremer Pflegezentrums Forum Ellener Hof.  „Gibt es Probleme? Verhalten sich Bewohner auffällig mit massiver Abwehr? Schlägt jemand zu oder belästigt Pflegekräfte sexuell?",  fragt sie unter anderem ihre Kolleginnen. Als eine der ersten Präventionsbeauftragten gegen Gewalt in der Pflege in Deutschland weiß sie, was zu tun ist.

 

„Damit der Umgang zum Beispiel mit einem aggressiven, an Demenz erkrankten Bewohner nicht eskaliert und in Gewalt  umschlägt, suchen wir im Team möglichst mit den Angehörigen nach Lösungen", berichtet Silvia Paul. Als Qualitätsmanagementbeauftragte ihres Hauses hat sie ohnehin die Qualität von Pflege und Betreuung im Blick. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass nunmehr die bundesweit ersten zwölf Altenpflegekräfte als Präventionsbeauftragte in Heimen und Pflegediensten Gewalt in der Pflege vorbeugen.

Welche Aufgaben diese Pionierinnen und Pioniere in Sachen Gewaltprävention nach ihrer 160-Stunden-Weiterbildung am Institut für Berufs- und Sozialpädagogik (ibs)  in Bremen haben, bringt Akademie-Leiterin Elisabeth Lanwer-Eilers auf den Punkt: „Sie sind qualifizierte Ansprechpartnerinnen für Mitarbeiterinnen, Bewohnerinnen und Angehörige mit dem Ziel, Gewalt in der Pflege zu verhindern. Sie gehen dazu aktiv auf die Pflegenden zu, deeskalieren und leiten in schwierigen Situationen kollegiale Beratung an." Zudem arbeiten sie als Fachleute für die Vermeidung von freiheitseinschränkenden Maßnahmen und beraten im Alltag.

Konkret heißt das für die Präventions- und QM-Beauftragte Silvia Paul: „Wir fragen nach dem Grund für Aggression etwa eines demenzkranken Bewohners. Was ist oder war der Auslöser dafür? Lag es vielleicht an der Pflegekraft? Will der Bewohner  heute nicht gepflegt werden? Hat er schlecht geschlafen? Befindet er sich gerade in einer anderen Realität?" Dabei könne es eine Lösung sein, den  Bewohner auf seinen Wunsch hin einmal ganz in Ruhe zu lassen und nicht die pflegeüblichen Verrichtungen vorzunehmen. Paul: „Das Recht auf Selbstbestimmung  und das Wohlbefinden aller uns anvertrauten Bewohner steht immer an erster Stelle. Unser Vorgehen wird dann dokumentiert und in der Pflegeplanung berücksichtigt."

Vorfall gab zu denken

Doch warum engagierte sich Silvia Paul derart für die bundesweit neuartige Weiterbildung zu Präventionsbeauftragten in der Pflege? Ein Vorfall in ihrem Pflegezentrum Forum Ellener Hof hatte im November 2012 für eine Welle der Empörung gesorgt. Eine Altenpflegerin hatte eine hilflose, demenzkranke und damals 84-jährige Bewohnerin beschimpft, geschubst und an den Haaren gezogen. Ein veröffentlichtes Video, das der besorgte Sohn der Seniorin illegal mit einer versteckten Kamera im Zimmer seiner Mutter aufgenommen hatte, brachte das Geschehen an den Tag - und der Pflegefachkraft wenig später die fristlose Kündigung ein.

 „Die Aufregung war groß. Unsere Mitarbeitenden wurden sogar über längere Zeit zur Zielscheibe öffentlichen Zorns", blickt Silvia Paul zurück. „Da musste einfach etwas geschehen!" Schließlich fürchtete das tadellos geführte Haus in Bremen-Osterholz um seinen guten Ruf. Heimaufsicht, MDK, Heimbeirat, Angehörige und die Öffentlichkeit erwarteten nicht nur klare Worte von der Heimleitung, sondern eine überzeugende Strategie, wie das Haus Gewalt in der Pflege künftig zu vermeiden gedachte.

Aber woran lag es eigentlich, dass eine Fachkraft so aggressiv mit einer hilflosen Schutzbefohlenen umgehen konnte? Ergebnis einer anonymen Umfrage unter den Pflegenden: Vielen Kräften fehlte in ihrem ausgefüllten Pflegealltag eine Vertrauensperson insbesondere in Stresssituationen oder im Umgang mit auffälligen Bewohnern. Die Einrichtung zog die erste Konsequenz: Begleitet vom Betriebsrat wählten die Pflegenden Vertrauensleute aus ihren Reihen, die sich fortan den  täglichen Sorgen und Nöten der anderen annehmen sollten. Zudem regte Silvia Paul die gezielte Schulung von Pflegekräften zu Expertinnen für gewaltfreie Pflege an und stieß bei Elisabeth Lanwer-Eilers, der Leiterin der ibs-Akademie, gleich auf offene Ohren.

Für die überregionale Weiterbildung waren die Verantwortlichen der Hansa-Gruppe und anderer Einrichtungen bald gewonnen. Auch die Heimaufsicht des Landes Bremen unterstützte das Vorhaben. So absolvierten nun elf Fachkräfte aus Heimen im Raum Bremen, Bremerhaven, Oldenburg und Nordhorn sowie eine Pflegekraft aus einem Pflegedienst den bundesweit neuartigen Lehrgang.

Verantwortungsvolle Aufgabe

 „Damit aus diesem Projekt eine Erfolgsgeschichte wird, brauchen unsere Teilnehmenden Rückhalt und Unterstützung von ihren Leitungen", betont Lanwer-Eilers. Darum begleiteten deren Heim- und Pflegedienstleitungen von Anfang an die Weiterbildung. Im Herbst 2014 legten alle gemeinsam die Einsatzgebiete und Aufgaben der Präventionsbeauftragten fest und vereinbarten erste Umsetzungsschritte.

„Wir haben uns als Präventionsbeauftragte auf einem Angehörigenabend am 17. März vorgestellt", berichtet Silvia Paul.  Mitarbeitende und Angehörige wüssten bereits die neue Ressource zu schätzen, Gewalt in der Pflege zu vermeiden. Den Leiter des operativen Bereichs der Hansa-Gruppe weiß sie auf ihrer Seite. Thorsten Ahrens: „Wir nehmen die Schulung sehr ernst und werden alles tun, um die Umsetzung in all unseren Häusern zu unterstützen."

Erste Erfolge seien schon zu sehen, ergänzt Horst Warnke, Hausleiter des Hansa Wohnstifts in Nordhorn: „Unsere Präventionsbeauftragte hat zunächst die Aufgabe, gemeinsam mit den Teams die zugewandte Anamnese weiterzuentwickeln." In jedem Hansa-Haus sollen künftig mindestens zwei Fachkräfte zur Gewaltprävention geschult sein, um sich gegenseitig vertreten und stärken zu können.

Andere Einrichtungen führten zunächst das Instrument der „Kollegialen Beratung" in Teambesprechungen ein, wenn es um schwierige Pflegesituationen geht. Wichtig ist allen Präventionsbeauftragten, sich Angehörigen und ihrem Heimbeirat vorzustellen sowie Pflegeteams zu beraten.

Geldstrafe und Haft

Übrigens fand jene in Osterholz fristlos gekündigte Altenpflegerin sofort wieder einen neuen Arbeitsplatz in einem anderen Bremer Pflegeheim. Erst als man dort von dem Video erfuhr, kündigte man ihr ebenfalls. - Juristisches Nachspiel ihrer Attacken auf die demenzkranke Bewohnerin: Im Revisionsverfahren wurde sie wegen Körperverletzung gegenüber einer besonders schutzwürdigen Seniorin am 27. Juli 2014 vom Landgericht Bremen zu sechs Monaten Haft, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, verurteilt. Am 28. Juli 2013 hatte ihr bereits das Amtsgericht Bremen eine Geldstrafe von fast 2000 Euro auferlegt.

 

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