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Interview mit Renate Adam-Paffrath

„Nicht jeder Pflegender ist für einen Einsatz in Pflegeoasen geeignet"

Bei der Entwicklung und Umsetzung von Pflegeoasen müssen unterschiedliche Perspektiven zur Lebensqualität der Bewohner beachtet und Einschätzungen von Angehörigen und Pflegenden kritisch reflektiert werden. Wir sprachen mit Renate Adam-Paffrath von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar über die Lebensqualität von Bewohnern einer Pflegeoase und Ergebnisse einer aktuellen Evaluationsstudie.

Sie haben die Lebensqualität von Bewohnern einer Pflegeoase aus Sicht von Pflegenden und Angehörigen untersucht. Was genau steckt hinter dem Konzept einer sogenannten Pflegeoase?
Bei einer Pflegeoase handelt es sich um einen Mehrpersonenraum, in dem Menschen mit schwerster Demenz leben und wohnen. Die Idee einer Pflegeoase ist die Verbesserung der Versorgung von Menschen, die sich selbst nur noch verbal schwer äußern können und deshalb andere Kontaktformen und -frequenzen als in Einzelzimmern benötigen.

Pflegeoasen sind durchaus ein strittiges Wohnkonzept. Warum haben Sie sich diesem Thema gewidmet und was haben Sie erhofft, mit Ihrer Untersuchung herauszufinden oder verändern zu können?
Wir wollten herausfinden, ob sich die Lebensqualität der Bewohner in einer Pflegeoase verbessert und wie das Pflegepersonal und Angehörige mögliche Veränderungen der Bewohner in der Pflegeoase wahrnehmen und beurteilen. Ebenso wollten wir etwas darüber erfahren wie sich der Alltag in einer Pflegeoase gestaltet und wie Pflegende in der Pflegeoase ihre Arbeit dort wahrnehmen.

Was sind die Ergebnisse Ihrer Studie im Detail?
Die Ergebnisse der Studie sind ambivalent. Zum Beispiel zeigte sich in den quantitativen Befunden unserer Studie eine geringe Verbesserung der Lebensqualität der Bewohner als in der Vergleichsgruppe, in denen die Bewohner mit schwerster Demenz teilweise in einem sogenannten Böhm-Bereich nach einem psychobiografischen Pflegemodell und teilweise in einem herkömmlichen stationären Setting versorgt wurden. Insgesamt zeigten die Bewohner der Pflegeoase laut Aussagen der Angehörigen und der Pflegenden in den Gruppendiskussionen eine Abnahme von herausfordernden Verhaltensweisen, einen Rückgang der Gabe von Psychopharmaka sowie teilweise Gewichtszunahmen. Die Bewohner spüren, wer sich in der Pflegeoase aufhält, sie reagieren darauf mit entspannten Mimiken oder Gesten oder mit Anspannung und verbalen Lauten. In den qualitativen Ergebnissen zeigten sich in dem Belastungsempfinden der Pflegenden in der Pflegeoase Unterschiede zu den Angaben in dem anonym ausgefüllten Belastungsscreening (BHD). Zu betonen ist das außerordentlich hohe Engagement der Pflegenden, die in der Pflegeoase arbeiten und die Arbeitsformen als „ihre" Vorstellungen einer fachgerechten Pflege ansehen.

Welche Konsequenzen haben die Ergebnisse für Pflegende?
Von zentraler Bedeutung ist in diesen Ergebnissen, dass nicht jeder Pflegende für den Einsatz in einer Pflegeoase geeignet ist. Der Tagesablauf ist geprägt von einer hohen Verantwortung, die unter Umständen nur teilweise von einem Team mitgetragen werden kann, weil die Pflegenden den größten Teil des Tages alleine in der Pflegeoase arbeiten. Diese Arbeitsweise hat, so die Aussage einiger Pflegender, Vor- und Nachteile. Die Vorteile liegen darin, dass die Beziehungsarbeit zu den Menschen mit schwerster Demenz intensiv erfolgen kann, weil ein Überblick vorhanden ist. Der Tagesablauf kann für die Bewohner flexibler und somit individueller gestaltet werden. Permanente hohe pflegerische Arbeitsanforderungen über viele Stunden bei Menschen mit schwerster Demenz und hohe Erwartungshaltungen der Angehörigen bergen ein großes Belastungspotenzial bei den Pflegenden in der Pflegeoase. Für einige der Pflegenden ist es gut vorstellbar dauerhaft in der Pflegeoase zu arbeiten, weil dort die Möglichkeiten der eigenen Entscheidungen und Gestaltungen des Arbeitsablaufes größer sind als auf einer Station. Andere Pflegende äußerten in der Gruppendiskussion, dass sie die Arbeit in einem Team gewohnt sind und ihnen das alleine Arbeiten in der Pflegeoase schwer fällt.

Wie beurteilten Angehörige das Konzept?
Die Angehörigen äußerten sich in der Entstehungsphase der Pflegeoase skeptisch. Sie hatten Angst vor einer Massenpflege. Im Verlauf unserer Studie löste sich diese Skepsis auf und die Angehörigen hatten das Gefühl einer sicheren Versorgung. Vor allem beurteilten sie die ständige Präsenz der Pflegenden als sehr positiv. Somit hatten sie immer einen Ansprechpartner. Der Aspekt der Anwesenheit des Pflegepersonals vermittelte den Angehörigen Sicherheit und das Gefühl, dass alles für die Menschen mit schwerster Demenz getan wird. Die Raumatmosphäre in der Pflegeoase wurde von den Angehörigen als entspannt beschrieben.

Wie werden diese Ergebnisse in die Praxis einfließen?
In einer gemeinsamen Positionierung der wissenschaftlichen Vallendarer Expertengruppe, die sich mit der Forschung in verschiedenen Pflegeoasen beschäftigt, wurden eine gemeinsame Stellungnahme verfasst, die als handlungsleitende Empfehlungen für Langzeiteinrichtungen, welche eine Pflegeoase implementieren möchten, dienen sollen. Die Implementierung einer Pflegeoase ist nicht voraussetzungsfrei. Neben der speziellen räumlichen Ausgestaltungen einer Pflegeoase mit Rückzugsmöglichkeiten für die Bewohner und ihre Angehörigen gilt das Augenmerk dem Pflegepersonal in der Pflegeoase. Kontinuierliche Schulungen, Supervisionen für die Mitarbeiter in Pflegeoasen sowie die Möglichkeit einer interdisziplinären Teamentwicklung sind zwingend erforderlich. Die Integration der Menschen mit schwerster Demenz in die Gesamteinrichtung sollte weiter das Ziel sein.

Wie stehen Sie persönlich zum Konzept der Pflegeoasen?
Zunächst ist für mich eine Pflegeoase kein Konzept für Kosteneinsparungen, die möglicherweise durch die Subventionierung aus den anderen Pflegebereichen mit finanziert wird. Aus der sozialethischen Perspektive wirft das Konzept der Pflegeoase gerade an dieser Stelle weitere Fragen für mich auf:

  1. Es ist aus Sicht der Pflege sicher positiv zu bewerten, dass in einer Pflegeoase die wesentlichen Bestandteile pflegerischer Arbeit wie die Beziehungs- und Vertrauensarbeit mit Bewohnern und Angehörigen intensiver gestaltet werden kann als in anderen Settings. Offen bleibt jedoch die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit. Wenn eine solche Pflege in der Pflegeoase ermöglicht wird, warum ist es dann auf den restlichen Stationen nur sehr schwer möglich? Warum braucht eine Einrichtung eine Pflegeoase? Um diese Form einer bezugsorientierten Pflege zu legitimieren, die das Klientel von schwerst erkrankten Menschen – nicht nur an Demenz erkrankte Personen – in Wirklichkeit benötigen?
  2. Es existieren noch keine wissenschaftlich validen Bewertungskriterien für die Entscheidung, welche Bewohner in die Pflegeoase einziehen sollen und welche nicht. Sind es wirklich nur Bewohner mit schwerster Demenz oder auch Bewohner mit Wachkoma oder sterbende Bewohner? Macht sich die Auswahl nur an einer medizinischen Diagnose fest oder spielen unter Umständen pflegerische Aspekte eher eine Rolle? Wer wählt aus? Und vor allem: wie viele Bewohner sollen in einer Pflegeoase leben und wohnen? Die Immobilität und mangelnde verbale Auskunftsfähigkeit der Bewohner können kein alleiniges Kriterium für den Einzug in eine Pflegeoase sein.
  3. Für mich war und ist es weiterhin undurchsichtig, welche Verantwortung die Politik und die Kostenträger in Bezug auf die Versorgung von Menschen mit schwerster Demenz übernehmen. Hierbei geht es insbesondere um die Finanzierung von Begleitforschungen. Es wäre wünschenswert, wenn wissenschaftliche Evaluationen zu den Wohn- und Lebensformen von Menschen mit schwerster Demenz im Langzeitpflegebereich längsschnittlich untersucht würden. Nur so können langfristig Konzepte zum Wohle der Bewohner kritisch betrachtet und weiterentwickelt werden.

Für Wohn- und Lebenskonzepte in Langzeiteinrichtungen sind Gestaltungsspielräume notwendig, wie sie im ursprünglichen Modell der Pflegeoase im schweizerischen Sonnweid angedacht und umgesetzt sowie kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Welches Fazit ziehen Sie?
Wir brauchen in Deutschland die Entwicklung einer Kultur von interdisziplinären Entscheidungs- und Gestaltungsspielräumen in den Langezeiteinrichtungen, die weniger von fragwürdigen Kontroll- und Disziplinarmechanismen beeinflusst werden. In einem solchen Kulturverständnis wäre Raum für eine Form von Kreativität, die getragen wird von einer gemeinsamen Für-Sorge, nicht nur gegenüber Menschen mit schwerster Demenz, sondern von allen Bewohnern.

Die Fragen stellte Nadine Millich

Näheres zum Thema:
Hermann Brandenburg, Renate Adam-Paffrath (Hrsg): „Pflegeoasen in Deutschland"(2013). Darin findet sich auch die gemeinsame Positionierung der Vallendarer Expertengruppe.

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