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Lebensgeschichten sind Brücken zum Verständnis

Biografiearbeit in der Pflege

Die Berücksichtigung lebensgeschichtlicher Aspekte in der alltäglichen Pflege hält für die Bewohner wie auch für die Pflegenden eine Fülle von positiven Aspekten bereit. Über biografieorientierte Gespräche werden zusätzliche Erkenntnisse gewonnen, die für die Begleitung und Pflege positiv genutzt werden können.

Wenn man sich mit der Lebensgeschichte eines Menschen im Sinne der Biografiearbeit befasst, gibt es unterschiedliche Zugänge. Zum einen besteht die Möglichkeit, sich von „außen" zu nähern und an sogenannten „harten" Daten zu orientieren, wie etwa Geburtsdatum, Schuleintritt, Berufsfindung, Eheschließung oder Ähnliches. Diese Daten geben aber nicht immer den persönlichen Kern des jeweiligen Menschen wieder. Um einen ganz persönlichen und individuellen Eindruck zu erhalten, sind zum anderen ausgiebige Gespräche in entspannter Atmosphäre und eine Hinwendung zum inneren Erlebten notwendig.


Die Geschichten, die dann zutage treten, folgen meist einem imaginären gedanklichen Kompass und haben ihre eigene Logik. Dabei zählt nicht unbedingt der rationale Verstand der Außenstehenden, sondern es werden oft neue Eindrücke der unmittelbaren Gegenwart mit Vergangenem vermischt. So entsteht für den Außenstehenden Stück für Stück ein Persönlichkeitsprofil, das auch vom Erzählenden selbst akzeptiert werden kann. Oftmals wollen gerade ältere Menschen, die den Krieg erlebt haben, dieses ganze schreckliche Kapitel einfach ausklammern. Andere hingegen drängt es, gerade hierüber erzählen zu wollen, denn das Langzeitgedächtnis funktioniert bei manchen noch sehr gut.

Erleben ältere Menschen sich und ihre Erinnerungen als ernst genommen, wächst ihr Selbstvertrauen. Sie wagen, sich auf Unvertrautes einzulassen, eignen sich neue Fähigkeiten an, um ihr Erinnerungsvermögen zu stärken und ihre Geschichte weiterzugeben.

Erinnerungen, sofern sie nicht zu Monologen verfestigt sind, schlagen Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen und Kulturen.

Die „Biografiearbeit" gehört zum wichtigen Repertoire der modernen Altenpflege, um auf der persönlichen Ebene würdig begegnen zu können. Erinnerungspflege macht in der Regel auch sehr viel Spaß, kann vielfältige Befriedigung schaffen und alltägliche Betreuungssituationen spürbar entlasten. Zuhören, Aufnehmen und Verarbeiten gehören ebenso wie das aktive Erzählen und das „Sprechen über die Dinge des Lebens" zu jedem Menschen. Eigene Erzählungen sind ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeit und leisten bei der Pflegearbeit als ganzheitlicher Zugang zum Menschen gute Dienste. Die aktuelle Lebenssituation kann dadurch umfassender begriffen und verbessert werden.


Einige Methoden zur Ermittlung der persönlichen Erinnerungen und Lebenswünsche
  • Lebensgeschichte erzählen: Erleben ältere Menschen sich und ihre Erinnerungen als ernst genommen, wächst ihr Selbstvertrauen
  • Erinnern in Pflegesituationen: „10-Minuten-Aktivierung" mithilfe einer Sammlung von alten Gegenständen, die in der Alltagsbegleitung von Menschen mit Demenz eingesetzt werden
  • Biografiebogen: Dokumentation der Erkenntnisse als Hilfestellung für die weitere Vorgehensweise bei der Pflege
  • Achtung und Vertrauen: Diese spielen eine wichtige Rolle, wenn über persönliche Erinnerungen gesprochen wird
  • Wahrheitsgehalt des Erinnerns: In verschiedenen Gesprächen herausfinden, wie sich Erzählerlebnisse nach Stimmung verändern
  • Gruppengespräche: Im gemeinsamen Gespräch die Reaktionen der Teilnehmer analysieren
  • Gegenstände: Förderung der Fantasie durch Assoziation des Gegenstandes mit vergangenen Erlebnissen
  • Visuelle Arbeit: Erinnern durch Bilder betrachten oder Basteln und Malen, Stadtpläne und Landkarten
  • Erinnerungsprojekte: In eine Rolle schlüpfen durch Seniorentheater oder Erfragen von Berufswünschen
  • Musik, Geräusche, Bewegung: Erinnern durch Worte, Rhythmen und Mitbewegen und die Möglichkeit zum Austausch über das Gehörte


Meine tägliche Erfahrung mit der Biografiearbeit
Gabriele Lämmerhirt-Seibert, Leiterin Betreuender Dienst vom
»Katharinenhof« in Hannover über ihre Erfahrungen aus der Praxis
 

Oft spielen wir sogenannte Erinnerungsspiele. Dabei geht es um Kommunikation zu Themen aus der Kinder- und Jugendzeit, z. B. „Was haben Sie früher sonntags gegessen, was essen Sie heute sonntags?" oder „Was gab es bei Ihnen zum Frühstück, als Sie Kind waren?" „Was essen Sie heute zum Frühstück?" „Womit haben Sie als Kind gespielt – womit spielen die Kinder heute?"

Teilweise ist es schwierig, überhaupt etwas über die Biografie eines Menschen zu erfahren, besonders, wenn er dement ist und keine Angehörigen mehr hat. Dies kommt öfter vor, als man denkt. Ich erlebe es nicht selten, dass ich auf dem Friedhof bei der Beerdigung erstmalig die Kinder kennen lerne. Diese haben dann den Drang, mir zu erzählen, warum sie zu ihrem Angehörigen keinen Kontakt mehr hatten. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass es auf beiden Seiten Schuldgefühle gab/gibt und die Verständigung auf Grund der gegenseitigen Verletzungen einfach nicht möglich war.


Das intime, vertrauensvolle Gespräch unter vier Augen ist wichtig. Aber auch das scheinbar Belanglose schafft Nähe und Vertrautheit. Besonders wichtig ist, zu wissen, was die jeweilige Person gerne isst und trinkt. Beispiel: Vor einiger Zeit, als ich das Musikcafé betreute, kam eine Angehörige zu mir und bat um einen Kaffee. Kurze Zeit darauf kam sie erneut. Sie teilte mir mit, ihr dementerMann habe ihren Kaffee ausgetrunken. Auf seinem Wohnbereich bekomme er nur gesüßten Kaffee mit viel Milch und den habe er noch nie gerne getrunken. Ich fragte, ob sie das den Mitarbeitern nicht gesagt habe. Sie meinte, das habe sie, aber sie würden sich ja nicht dran halten, er bekomme immer wieder das süße Zeug, das er nicht mag. Ich war sehr froh darüber, dass es diese Rückmeldung gab. Sie zeigte auf, dass es bei den Kollegen einen bedauerlichen Bruch in der Informationskette gab. Dieser konnte nun behoben und der Bewohner mit dem ihm schmeckenden Getränk versorgt werden. Dies führte zu einer viel besseren Beziehung mit dem Bewohner. Kleine Ursache – große Wirkung.

Tanzen bringt „Barrieren zum Einsturz"
Bewegung ist wichtig und, wie ich gestern erst wieder in einem Vortrag eines Arztes hörte, Tanzen ist eine der besten Bewegungsformen im Alter. Wer in jungen Jahren gerne und viel getanzt hat, verlernt dies auch bei einer Demenz nicht. Vor zwei Jahren war ich mit Bewohnern auf einem „Seniorenball für Menschen mit und ohne Demenz", der von einer Tanzschule in Kooperation mit einigen Seniorenheimen veranstaltet wurde. Dort tanzte zwei Stunden lang unermüdlich ein hochbetagter Herr mit einer zehn Jahre jüngeren Dame im Ballkleid. Wie ich später hörte, war er 93 Jahre alt. Ich kam mit der Dame ins Gespräch und sie teilte mir mit, ihr Mann sei sehr dement, aber sie beide hätten früher regelmäßig auf Turnieren getanzt und wenn sie ihr Ballkleid anziehe, wüsste er, es geht wieder zu einem Turnier und dann frage er jedes Mal, ob sie wieder einen Pokal gewonnen hätten. Ich habe lange kein so elegant tanzendes Paar gesehen!


Biografiearbeit bei Menschen mit Demenz
Gerade neulich hat auf unserer Veranstaltung ein pflegender Angehöriger gesprochen, der seine Frau zwölf Jahre lang zu Hause gepflegt hat. Er sagte, dass Demenzkranke an Langeweile leiden. Deshalb müssten sie regelmäßig beschäftigt werden, z. B. durch Essen (da muss ich wissen, was der Bewohner mag und was nicht), oder durch Mithilfe im Haushalt, z. B. durch Tisch decken (da darf man dann nicht schimpfen, wenn nicht alles so ist, wie man es gerne hätte), oder durch Spiele, die er immer schon gerne gespielt hat (hier sind Kreuzworträtsel sehr beliebt, doch das geht nicht ewig, weil es bei zunehmendem Gedächtnisverlust auch zu Frustrationen kommen kann). Die Hauptsache ist, der Mensch hat etwas zu tun und fühlt sich wertgeschätzt. Aber auch bei geistig fitten Personen hilft es, deren Biografie zu kennen, denn so hat man immer die Möglichkeit, mit Themen ins Gespräch zu kommen, die den Menschen interessieren. So fühlt er sich ernst genommen.

Es ist nicht immer einfach, die wichtigen Informationen zu erhalten. Leider kommt es gelegentlich dazu, dass das beruflich geforderte Interesse mit Neugierde verwechselt wird. Manchmal sind sich die Menschen in einer Familie doch so fremd, dass sie uns die Auskünfte nicht geben können. In einigen Fällen gelingt es, gemeinsam mit weiteren Angehörigen die Biografie aufzunehmen. So kommen wir alle ins Gespräch und es ergeben sich Anknüpfungspunkte. Viele sind froh, mal jemanden zu haben, der ihnen zuhört. Manche Angehörige lehnen solche Gespräche auch ab. Am liebsten ist es mir, wenn ich einen neuen Bewohner selbst fragen kann, was er früher gemacht hat, wo er gelebt hat und welche Erfahrungen er gesammelt hat in seinem Leben. Ich persönlich finde es sehr schade, dass ich bei so mancher Beerdigung, an der ich teilnehme, vieles über den verstorbenen Bewohner höre, was ich gerne viel früher gewusst hätte, um entsprechend mit ihm in Kontakt zu kommen. Schon aus diesem Grund ist es mir wichtig, nicht nur mit dem Bewohner, sondern möglichst auch mit den Angehörigen im Gespräch zu sein.

G. Lämmerhirt-Seibert


Mit freundlicher Genehmigung aus:
„Von Mensch zu Mensch", Ausgabe 2/2014, Seiten 6-9, Firmenzeitschrift CASA REHA Unternehmensgruppe, Oberursel

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