• Praxis
Ein Kommentar

Seniorenheim senkt Pflegestufe – und wird bestraft

Eine Krankenkasse verweigert einem Seniorenheim in Lindau eine Bonuszahlung, obwohl es die Pflegestufe einer Bewohnerin von II auf die geringere Stufe I einpendelte. Dazu ein Kommentar der Heimleiterin. Der Vorgang ist ebenso absurd wie traurig: Ein Pflegeheim schafft es, den Zustand einer Bewohnerin so signifikant zu verbessern, dass sie von Pflegestufe II auf ein Niveau ohne Pflege sinkt und der Pflegekasse dadurch bis heute große Summen einspart. Kassen sehen für Seniorenheime, denen das seltene Kunststück einer Rückstufung gelingt, eine ohnehin nur bescheidene einmalige Bonuszahlung von 1.536 Euro vor. Doch nun verweigert die DAK auch diesen Betrag. Grund: Die Bewohnerin ist inzwischen in Pflegestufe I zurückgekehrt. Diese „Erhöhung" schließe einen Bonus aus. Dass diese Einstufung auf I über den positiven Umweg ohne Pflegestufe gekommen ist – und die aktuelle Pflegestufe permanent noch immer unter der ursprünglichen Stufe II liegt – ignoriert die DAK einfach.

Mit dieser Politik nimmt man guten Einrichtungen systematisch die Motivation, sich besonders für den Zustand ihrer Bewohner einzusetzen. Überhaupt sind mir keine Häuser bekannt, die dauerhaft an Rückstufungen interessiert sind, denn damit schneiden sich die Heime finanziell ins eigene Fleisch: Wenn man zurückstuft, bekommt man als Einrichtung weniger Mittel. Wenn man dagegen still hält, zahlt die Kasse einfach weiter und die Einrichtung hat erheblich höhere Mehreinnahmen. Der Bonus soll ein Anreiz sein, sich dennoch für die Verbesserung des Pflegezustandes der Bewohner einzusetzen und die Kostenträger im Erfolgsfall davon zu unterrichten.

Das Seniorenheim muss für seine gute Arbeit und die ehrliche Haltung teuer bezahlen, denn: Durch die Rückstufung hat das Maria-Martha-Stift über einen Zeitraum von nunmehr zehn Monaten 8.496 Euro weniger für die Betreuung der Bewohnerin erhalten, während die DAK 6.652 EUR einsparen konnte. Monat für Monat kommen auf Seiten der Pflegekasse weitere 256 Euro hinzu. Demgegenüber steht der nun verweigerte kleine Bonus-Betrag für das Heim. Voraussetzung für den Bonus ist eine mehr als sechs Monate konstant niedrigere Pflegestufe. Im aktuellen Fall ist die Bewohnerin vier Monate nach der Rückstufung von II auf einen Zustand ohne Stufe in I gerückt. Der verbesserte Zustand zur Ursprungspflegestufe II hält allerdings schon mehr als zehn Monate an.

Eigentlich müsste die Kasse voller Freude über diesen Umstand sein, denn sie profitiert deutlich. Die DAK aber argumentiert mit der Hochstufung nach vier Monaten und bleibt stur. Als Leistungserbringer kann das Maria-Martha-Stift keinen Widerspruch gegen den Beschluss der DAK einlegen. Einziger Weg wäre eine Leistungsklage vor dem Sozialgericht. Diese wollen wir vermeiden, überlegen jedoch, ob wir diesen Weg aus prinzipiellen Gründen einschlagen sollten.

Trotz allem lassen wir uns nicht davon abbringen, auch weiterhin systematisch an der Verbesserung des Wohlbefindens der Bewohner zu arbeiten, auch wenn wir finanziell dafür bestraft werden. Wir tun es trotzdem, weil wir stolz darauf sein können, die Lebensqualität unserer Senioren so signifikant zu verbessern.


Über das Maria-Martha-Stift
Das Maria-Martha-Stift belegt jedes Jahr aufs Neue, dass mit den vorhandenen Mitteln durchaus menschenwürdige Pflege möglich ist, man dabei trotz des schlechten Images der Branche als prämierter Arbeitgeber wahrgenommen werden und dabei auch noch Gewinn erwirtschaften kann. Als eines der wenigen Seniorenheime überhaupt gelingt es dem Stift immer wieder, Pflegestufen von Bewohnern zu senken – auch wenn das Haus damit weniger Mittel von den Pflegekassen bekommt. Dies ist der Einrichtung allein im Jahr 2014 bereits vier Mal gelungen.


Maria-Martha-Stift
Heimleiterin Anke Franke
Zwanzigerstraße 20-26
88131 Lindau
franke@diakonie-lindau.de

 

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