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Clowns in Heimen

„Humor richtet keinen Schaden an"

Freude am Leben zu haben, ist wichtig  - auch auf den letzten Wegen. Das weiß auch Michael Bossle, Clown und Professor für Pflegepädagogik an der Technischen Hochschule Deggendorf. Station24 sprach mit ihm über das Besondere der Clown-Arbeit in Heimen und seine persönlichen Beweggründe, Senioren und Pflegenden humorvolle Momente zu bereiten. 

Herr Professor Bossle, wie wird man eigentlich Clown?

Jeder ist oder hat seinen eigenen Clown und den gilt es zu entdecken. Hilfreich dabei ist, einen künstlerisch ästhetischen Background zu haben, zum Beispiel tanz-, musik- oder theateraffin zu sein. Ich selbst bin Musiker und habe zudem noch eine Ausbildung an einer Schule für Clowns absolviert.

Die Kunst des Stolperns" Schule für Clowns in Freising ist eines von vielen Bildungsinstituten in Deutschland. Es ist allerdings kein spezifisches Angebot zur Klinik-Clownerie.

Sie haben Clowns in einem Ihrer Beiträge als „Kraftwerke" bezeichnet. Was genau meinen Sie damit?

Clowns sind anarchische und zweckfreie Persönlichkeiten, die sich ausschließlich dem Spiel im Hier und Jetzt widmen können und müssen. Durch die Humorintervention transportieren sie ein kategorisches und ausschließliches Dasein im Augenblick mit denjenigen Personen, die gerade Teil des Spiels sind und werden.

Es gibt kein Ziel, das erreicht werden muss, etwa fünfmal zu lachen. Das steht den Kriterien, die in den Kliniken und Heimen an der Tagesordnung sind, entgegen. Es gibt dort kaum noch Begegnungen, die sich nicht einem bestimmten Ziel und Zweck widmen.

Was machen Clowns in dieser Hinsicht konkret anders?

Das Verhalten und die Philosophie der Clowns zeigt deutlich, wie wichtig der Austausch zwischen den Akteuren und den Pflegebedürftigen und Angehörigen in den Gesundheitsinstitutionen ist.

Sie sind Kraftquellen, die den Professionellen den Sinn ihrer Arbeit zeigen. Deswegen schulen wir Clowns auch beispielsweise Teams, Pflegepersonen oder andere Therapeuten, damit deutlich wird: Es kommt vor allen Dingen auf die Qualität der Begegnung an, nicht auf die Anzahl.

Und das gilt auch für das Personal untereinander. Das Team ist die wichtigste Ressource, die ständig über ein humorvolles Beziehungsgeschehen gepflegt sein will!


Sie sind nicht nur in Kinderkliniken als Clown unterwegs, sondern auch in Seniorenheimen? Wie unterscheidet sich die Arbeit in den beiden Einrichtungen?

Zunächst sei gesagt: Es gibt einen Unterschied beim Kostüm. Während in der Kinderklinik der Arzt karikiert wird mit Mantel, den diagnostischen Werkzeugen und der Visite, ist es im Seniorenheim anders. Hier sind die Clowns chic, aber immer eine Spur daneben. Einen weißen Mantel zu tragen, würde die Bewohner möglicherweise auf die Krankheitsfährte locken. Das wollen wir nicht.

Und was haben die beiden Zielgruppen gemeinsam?

Es geht immer darum, den Blick nicht auf die Situation der Krankheit, das Gebrechen oder eventuell die Schmerzen zu lenken. Es geht einfach um die Dinge des Lebens. Gewohnheiten zu überspitzen, Liebenswürdigkeiten zu kommunizieren, Eigenheiten wertzuschätzen. Bei den Kindern stehen manchmal auch die Eltern im Mittelpunkt des Spiels.

Was gefällt den älteren Patienten besonders gut am Clown-Spiel?

Bei den älteren Herrschaften sind häufig das Mann-Frau-Verhalten, Stereotypien im Beziehungsspiel und besonders die Erinnerung an geliebte Menschen oder Rituale im Zeitenlauf Thema. Letzteres lässt sich musikalisch bestens illustrieren. Mit den Liedern der Menschen, die sie als Kinder, oder mit Schlagern, die sie als Erwachsene gesungen haben. Mit Liedern, die für die Jahreszeiten und Natur stehen, oder für Feste, die gefeiert werden.

So schenken die Clowns den Kindern beziehungsweise den Senioren 5 bis10 Minuten ihrer Zeit. Zeit der Entlastung, der Ablenkung, der Normalität und humorvoller Atmosphäre.

Wie müssen wir uns einen Clown-Besuch im Heim vorstellen?

Bei den Senioren sind wir in der Regel bekannt. Wir haben unsere Clownsfigur. Ich als Goggo mit meiner Partnerin Rosi Sauerkräuter. Wir besprechen aktuelle Herausforderungen des Alltags – zum Beispiel Goggos Rekordschnarchfrequenz - und kommen so in den Austausch mit den Bewohnern.

Einige erkennen sich oder den Partner wieder, erinnern sich an ihre Zeit der Beziehung. Diejenigen, die es nicht mehr können oder wollen, hören einfach nur zu. Wir singen dann vielleicht Schnarchlieder, Schlaflieder, Wirtshauslieder.

Also gibt es keine einstudierten Choreografien?

Nein, wir haben keine festen Nummern. Es ist immer eine blitzschnelle Entscheidung, was das Spiel ist oder was zum Thema wird.

In der Regel entscheiden es die Kinder oder die Bewohner selbst. Gespür für die Situation, den Raum und die Person sind dabei unverzichtbar, ebenso wie ein hohes Improvisationsvermögen.

Was bedeutet es für Sie persönlich, in Heimen als Clown zu arbeiten?

Für mich ist ein Seniorenheim ein Krisengebiet. Die Clowns bringen in die guten wie schlechten Einrichtungen immer eine Irritation. Der Alltag bekommt dann einen Farbklecks. Für mich als Pflegewissenschaftler ist es hoch interessant zu sehen, wie in der Logik der Pflege der Blick auf das Defizit herrscht.

Was heißt das genau?

Ich habe gelernt, mein eigenes Denken als eine spezifisch geformte pflegerische Sichtweise kennen zu lernen und darf dieses Denken als Clown radikal umformen. Es interessiert uns nicht, welche Diagnose, welche Probleme oder sonstige Herausforderungen im Pflegeprozess anstehen, sondern es geht nur um die Menschen. Natürlich wissen wir vom Personal, wo welche grundsätzliche Problematik vorliegt - Trauer, eine Infektionskrankheit und so weiter. Aber auch nicht mehr.

Ich habe in den letzten vier Jahren als Clown soviel gelernt. Über mich, das System, die Menschen, die Logiken, die Interessen der Entscheider, die Politik. Die Absurditäten der institutionellen Regeln sind es, die Pflegende oft verzweifeln lassen!

Was gefällt ihnen besonders am Clown sein?

Ich darf öffentlich verzweifeln, heulen, lachen, summen, leise und laut sein, Hände halten, scheitern. Ich darf den Wahnsinn der Institutionen benennen. Das tut mir gut und bringt den Akteuren Momente der Irritation und des Nachdenkens. Als Pädagoge liebe ich die Provokation als Lernanlass. Auch das ist etwas, was wir als Clowns oft nutzen.

Wie reagieren die Senioren auf Sie?

Wie gesagt, in den Heimen sind wir als feste Spielpaare eingesetzt und damit bei den Bewohnern bekannt. Die große Mehrheit findet die Clownseinsätze ganz hervorragend und möchte mehr davon.

Neue Bewohner sind in der Regel aufgeschlossen. Manche aber auch zurückhaltend. Selbstverständlich werden wir auch einmal abgelehnt. Eine feste Regel ist, dass wir immer fragen, bevor wir ein Bewohnerzimmer betreten.

In Pflegeeinrichtungen treffen Sie auf unterschiedlich kranke Menschen: Manche Patienten sind körperlich gebrechlich, aber geistig fit. Andere leiden etwa an Demenz. Wie gehen Sie als Clown auf die diversen persönlichen Situationen ein?

Ja, das stimmt. Wir arbeiten über drei große Kanäle: Kommunikation, Musik und Berührung. Je nachdem, wo welche Form einsetzbar ist, wenden wir die entsprechende Intervention an.

Musik ist der Kanal, der bei allen Beteiligten Reaktionen hervorruft. Manchmal sitzen wir nur da und singen leise, streicheln eine Hand. Meistens ist es aber so, dass schnell erkennbar ist, wo welche Intervention sinnvoll ist, und wir kennen dann auch schnell die Gewohnheiten der Bewohner.

Sehr wichtig ist zu sehen, welche Energie man in die Zimmer bringt. Es gibt Energielevels, die bei gewissenen Bewohnern durchaus bei Minus 2 sein können, Da muss man sehr feinfühlig sein.

Dann steckt hinter Ihrer Arbeit sicher ein ausgeklügeltes Konzept. Inwiefern liegen diesem auch wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde?

Tja, was ist ein Konzept. Das Megakonzept ist sicher das der Humanisierungsarbeit in den Institutionen.  Die Interventionen, die angewendet werden, sind aber durchaus auch wissenschaftlich evaluiert und in Studien nachgewiesen beziehungsweise unter die Lupe genommen.

Was sind die zentralen Ergebnisse der Wissenschaftler?

Wichtigste Erkenntnis: Humorintervention richtet keinen Schaden an! Die professionelle Haltung und die Sensibilität der Clowns sind dafür ein wichtiger Maßstab. Es gibt auch einen ethischen Codex, nach dem sich alle professionellen Clownsvereine richten.

Außerdem gibt es mittlerweile eine Reihe von empirischen Studien, die gezeigt haben, dass sich Schmerzempfinden, Angespanntheit und Angst reduzieren lassen und damit die Genesung nach beispielsweise OPs verbessert wird. Eine weitere entscheidenede Erkenntnis ist, dass der sogenannte Überraschungseffekt neurobiologisch von Interesse ist.

Das heißt?

Dass Clowns durch ihre Anwesenheit bei einem eventuell belasteten Nervensystem eine Art „Reset" auslösen können und so eine Neubewertung von Situationen, ein Lernen, möglich wird. Das ist wichtig, denn häufig kreisen ja Gedanken um die Krankheit und den eigenen Zustand.

Eine Studie hat auch gezeigt, dass die Clowns in einer Praxis zur künstlichen Befruchtung eingesetzt wurden. Die Erfolgsquote bei den Befruchtungen war um ein Vielfaches höher als bei Frauen ohne Clownsintervention. Das sind nur ein paar ausgewählte und für mich spannende Erkenntnisse. Es gibt noch so viel mehr!

Inwiefern können Sie als Clown das Pflegepersonal im Arbeitsalltag entlasten?

Clowns sind immer ein zusätzliches Angebot im institutionellen Alltag. Sie übernehmen keine pflegerische Leistung oder sind eventuell ein Ersatz für Betreuungsangebote der Einrichtungen. Das ist mir wichtig zu sagen! Nur die wenigsten Einrichtungen übernehmen die Finanzierung der Einsätze, sondern lassen sich diese bezahlen.

Von wem?

Meistens sind es Stifter, Spendengelder oder der Verein KlinikClowns Bayern, der einspringt, wenn die Finanzierung ausläuft! Nicht nur deshalb sind Clowns autonome Wesen in der Einrichtung, sondern auch, weil die Arbeit des Clowns anderen Logiken folgt als dem Gedanken, dass es vor allen Dingen um reibungslose Abläufe gehen muss.

Trotzdem ist auch manchmal das Pflegepersonal Teil des Spiels, wir sprechen miteinander und geben unseren clownesken und philosophischen Blick auf die Dinge preis. Das ist für Pflegende manchmal ein Grund zu lachen.

Und wir schulen auch Personal, wo dies gewünscht ist. Hier geht es nicht darum, dass die Pflegenden Clowns werden sollen. Aber sie sollen die Kraft und Potentiale des Humors kennen lernen. Und das heißt nicht, sich über andere lustig zu machen.

Werden Sie gelegentlich von den Pflegenden nach Tipps für einen humorvollen Patientenumgang gefragt?

Ja. Ich gebe dann immer den Rat: Die Kunst des Humors ist auch, manchmal über sich selbst und die Wirrungen des Alltags zu lachen. Sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, ist schon ein guter Anfang. Das ist dann auch gut für die Kinder oder die Heimbewohner..

Was interessiert die Pflegekräfte am meisten?

Wer wir eigentlich sind, was wir machen. Was ein Clown können muss, wie man Clown wird. In den Bildungssettings kommt häufig die Frage nach der Situation mit der Verwirrtheit und dem Humor. Das ist die große Kunst!

Oft hilft einfach nur staunen oder die eigene Hilflosigkeit zu reflektieren. Und miteinander sprechen. Eben mit den Kollegen. Manchmal auch einzusehen, nichts tun zu können, was eine Verbesserung oder Heilung angeht. Manchmal geht es eben nur darum, da zu sein.

Das soll nicht heißen, Dinge zu unterlassen. Aber vielleicht einfach nur andere Ziele zu setzen: nämlich für Momente der Entlastung für alle Beteiligten zu sorgen.

Wie passen für Sie Tod und Humor zusammen?

Der Tod gehört zum Leben. Wir als Clowns nähren uns von der Kunst mit dem Scheitern. Betrachtet man den Tod als allerletztes Scheitern, so ist es möglicherweise bedrohend, weil es keine Wendung mehr geben kann.

Ich selbst meine aber, dass der Tod auch etwas ist, vor dem man sich öffnen muss. Eben wie beim Humor. Offenheit könnte auch hier das Geheimrezept sein.

Im Interview mit Station24 hat der Mediziner und Kabarettist Eckhart von Hirschhausen die Pflegenden als „Helden des Alltags" bezeichnet. Wie sehen Sie das?

Dem kann ich nur zustimmen. Keine andere Berufsgruppe leistet das, was Pflege Tag für Tag tut. Sie legt Hand an. Keine andere Berufsgruppe ist ähnlich intim mit Menschen. Intimität ist aber häufig auch tabuisiert. Und Pflege ist sehr häufig auch ein Tabu unserer Gesellschaft. Deshalb müssen Pflegende dringend aus dieser Tabuzone heraus. Ohne die Pflegenden bricht unsere Gesellschaft zusammen!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Pflege?

Ich wünsche der Pflege Mut, Selbstbewusstsein und endlich eine Bildung, die dem gerecht wird, was die Pflegenden eigentlich können müssen: mit den Widersprüchen der institutionellen Normen umzugehen. Diese Absurdität kann man nicht mit den bislang bestehenden Angeboten an den Schulen bearbeiten. Da muss noch viel geschehen.

Und ich wünsche der Pflege, dass sie lernt, Alternativen der pflegerischen Versorgung in unserer Gesellschaft zu schaffen. Das können nicht nur findige Unternehmer, sondern die Pflegenden selbst. Dann ist mir nicht bange und Pflege bekommt die Anerkennung, die sie verdient hat!


Herr Bossle, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Johanna Kristen.

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