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Medikamentengabe bei Demenzpatienten

Ein vernachlässigtes Problem

Die medikamentöse Therapie von an Demenz erkrankten Bewohnern im Pflegeheim wirkt sich oft ungünstig auf die kognitiven Fähigkeiten aus. Um solche Nebenwirkungen künftig zu vermeiden, kommt Pflegenden eine Schlüsselrolle zu. Denn sie sollten ein besonderes Augenmerk auf die Medikation legen sowie mit Haus- und Fachärzten entsprechend Rücksprache halten.

In Deutschland leben zurzeit 1,5 Millionen an Demenz erkrankte Menschen und bis zum Jahr 2030 könnte die Zahl der Betroffenen laut Prognosen auf 2,2 Millionen steigen (Bundesregierung 2014). Die Kernsymptomatik der Demenz bilden die kognitiven Störungen, zu denen auch Beeinträchtigungen der Konzentration zählen. Als Auswirkung entsteht oftmals eine Einschränkung der Alltagskompetenz. Die Ursachen für Demenzen können unterschiedlich sein und sollten vom behandelnden Arzt exakt analysiert werden. Zu den drei häufigsten Demenzformen zählen die Alzheimer-Demenz, die vaskuläre Demenz sowie die Parkinson-Demenz. Dementielle Erkrankungen sind in den meisten Fällen nicht heilbar (Kurz 2013).

Vielfach hat der Arzt jedoch die Möglichkeit, Medikamente zu verordnen, welche das Fortschreiten der Demenz verlangsamen und somit die Alltagsbewältigung des Betroffenen verlängern können (ebd.). Bei Gefäßkrankheiten hingegen wird einer fortschreitenden Verschlechterung der Hirndurchblutung vorgebeugt (Kurz 2013). Derzeit stehen nur Medikamente für eine symptomatische Therapie zur Verfügung. An neuen Medikamenten, welche den pathobiologischen Verlauf der Krankheit hinauszögern und somit krankheitsmodifizierend sind, wird geforscht (DGPPN 2009). Vorrangig sollten die Kernsymptome behandelt werden (DGPPN 2009). Auf dem Markt befindlich sind derzeit Medikamente aus der Arzneimittelgruppe der Acetylcholinesterase-Hemmer und der NMDA-Antagonist Memantin, welche eine Zulassung für die Behandlung der Kernsymptome der Alzheimer-Demenz erhielten (DGPPN 2009). Die Leitlinie Demenz der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sowie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) erwähnt ebenfalls das pflanzliche Präparat Ginkgobiloba. 

Generell kann man sagen, dass die medikamentöse Therapie an Demenz Erkrankter eine große Herausforderung darstellt. Kognitive Einbußen, entstehende Verhaltensstörungen sowie weitere Grunderkrankungen bedürfen einer medikamentösen Therapie. Oftmals befinden sich darunter Arzneimittel, welche sich potenziell ungünstig auf die Konzentration auswirken. In deutschen Pflegeheimen sind circa 60 bis 65 Prozent der Bewohner dement. Aufgrund der im Alter sehr häufig auftretenden Multimorbidität, erhalten an Demenz Erkrankte in deutschen Pflegeheimen oftmals verschiedene internistische Medikamente. Einige dieser Medikamente können Nebenwirkungen auf die Konzentration haben und sollten nicht in der Therapie verwendet werden. Medikamente welche die Konzentration fördern, sollten verstärkt eingesetzt werden.

Medikation genauer unter die Lupe nehmen
Es wäre wünschenswert, die fachärztliche Versorgung und die pflegerische Aufmerksamkeit für die Medikation in deutschen Pflegeheimen zu erhöhen, damit die Zahl der fehl- und unterversorgten an Demenz Erkrankten mit günstig wirksamen Medikamenten sinkt. Die Liste der Wirkstoffe mit diesen Nebenwirkungen ist lang und umfasst vor allem anticholinerg wirksame Substanzen, welche zur Behandlung internistischer Grunderkrankungen in die Therapie aufgenommen wurden und zu kognitiven Einbußen führen können. Dazu gehören hauptsächlich Schmerzmittel, Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck, Antidepressiva, Antipsychotika und Benzodiazepine (Prüter 2006). Anticholinerg wirksame Medikamente haben oft kognitive Nebenwirkungen und sollten hier vermieden werden. Zudem wurde in verschiedenen Studien der hohe Psychopharmaka- und Benzodiazepin-Gebrauch in Alten- und Altenpflegeheimen bestätigt, welcher die Konzentration verschlechtern kann (Weyerer, Schäufele & Zimber 1998).
Die Gründe für ein Erscheinen dieser Nebenwirkungen sind vielfältig. Für gewöhnlich erhalten ältere Patienten mehr Medikamente als jüngere Patienten im mittleren Lebensalter (Weih 2009). Zusätzlich werden diese Medikamente langsamer im Körper um- und abgebaut (ebd.). Zur Behandlung der internistischen Grunderkrankungen werden oftmals die kognitive Leistungsfähigkeit reduzierende Arzneimittel verordnet (Weih 2009).

Der Einsatz von Antidementiva hingegen ist, bei entsprechender Diagnose, zu empfehlen. Künftig sollte die medikamentöse Therapie von an Demenz Erkrankten im Hinblick auf eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten und mit weniger Einschränkungen durch Nebenwirkungen verstärkt in Betracht gezogen werden. Denn damit könnte die geistige Leistungsfähigkeit und somit auch die Selbstständigkeit des Patienten im Sinne der Stärkung der Alltagskompetenzen länger aufrechterhalten werden. Pflegenden kommt hier eine Schlüsselposition in der Beobachtung und Rückmeldung von Nebenwirkungen der Medikamente zu, indem sie an der Schnittstelle der haus- und fachärztlichen Versorgung und sehr eng am dementen Pflegeheimbewohner arbeiten. Auch vertreten sie in einem multiprofessionellen Team die Interessen ihrer Patienen und können sich dafür einsetzen, dass alles getan wird, um ihre Situation zu erleichtern  und ihre Würde zu erhalten.

Häufig bedenkliche Arzneimittelverabreichung
Einerseits herrscht eine hohe Unterversorgung von an Demenz Erkrankten mit der entsprechenden antidementiven Medikation, andererseits werden zur Behandlung der internistischen Grunderkrankungen häufig Arzneimittel mit bedenklich kognitiven Nebenwirkungen verordnet (Weih 2009).

Demnach waren bei 33,8 Prozent der medikamentös therapierten Demenz-Patienten Arzneimittel mit negativem Nebenwirkungspotenzial auf die Konzentration feststellbar (ebd.). Viele dieser für die Konzentration ungünstigen Medikamente sind internistisch verordnete Substanzen, auf deren Verordnung der Neurologe oder Psychiater keinen therapeutischen Einfluss ausüben kann. Eine verbesserte Kommunikation zwischen den behandelnden Ärzten ist anzustreben, damit – sofern Alternativen existieren – der Medikamentenplan auf eine Pharmakotherapie ohne kognitive Nebenwirkungen angepasst werden kann. Zudem wird beschrieben, dass in den deutschen Pflegeheimen zu selten Fachärzte anzutreffen sind. Des Weiteren wird von einem sehr hohen Psychopharmaka- und Benzodiazepin-Gebrauch in Alten- und Altenpflegeheimen berichtet (ebd.). Die häufige Verordnung dieser Medikamente scheint nicht nur aufgrund der anticholinergen Wirkung und deren potenzieller Nebenwirkungen im kognitiven Bereich bedenklich, auch das hohe Suchtpotenzial sollte stets bedacht und wenn möglich umgangen werden. Dies ließe sich zum Beispiel mit anderen Therapiemöglichkeiten, wie pflanzlichen Präparaten, realisieren. Auch ist davon auszugehen, dass viele Psychopharmaka und Benzodiazepine von Hausärzten verordnet werden. Hier wäre wünschenswert, dass Fachärzte die Medikation im Hinblick auf die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und den Nebenwirkungen mit Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit überprüfen.

Elektronische Gesundheitskarte könnte helfen
Des Weiteren sollte stets von den behandelnden Ärzten vor Beginn der medikamentösen Therapie eine gründliche Medikamentenanamnese erfolgen, um eventuelle Demenzsymptome aufgrund der bestehenden Medikation auszuschließen. Die Auswahl der Medikamente sollte unter Beachtung der PRISCUS-Liste, die potenziell inadäquate Medikationen für ältere Menschen auflistet, geschehen. Bei der medikamentösen Therapiewahl ist zu berücksichtigen, dass anticholinerge Effekte besonders bei älteren Menschen auftreten und zu Komplikationen führen können. Es besteht die Gefahr, dass Anticholinergika zu kognitiven Einbußen führen. Medikamente, die sich positiv auf die kognitive Leistungsfähigkeit und die Konzentration, wurden hingegen nur wenig in der Literatur gefunden oder in den Leitlinien als Empfehlung genannt.

In der Kommunikation von Haus- und Fachärzten sollte besonderes Augenmerk auf die Medikation im Hinblick auf die Verbesserung der Konzentration und der kognitiven Fähigkeiten bei dementiell Erkrankten gelegt werden.

Hilfreich wäre hier sicherlich die Nutzung der elektronischen Gesundheitskarte. Hier können in einem sicheren, vom Internet getrennten elektronischen Gesundheitsnetz, Gesundheitsdaten, die für die Behandlung benötigt werden, in Zukunft sicher und schnell elektronisch zur Verfügung gestellt werden – vorausgesetzt der Patient wünscht dies. Ziel ist es, die Qualität der medizinischen Versorgung zu verbessern sowie die Rolle der Patienten zu stärken. Wichtige Informationen, beispielsweise über bestehende Vorerkrankungen, Allergien und die bisherige Medikationen des Versicherten, werden so sichtbar, erleichtern den Informationsaustausch und bieten eine gute Entscheidungsgrundlage für Korrekturen in der medikamentösen Versorgung bei Demenzen (Bundesministerium für Gesundheit 2015).


Der Artikel ist unter Mitarbeit von Denise Laborge entstanden.

 

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