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Spiele für Demenzpatienten

Silver Gaming – ein Betreuungsmodell mit Zukunft

Immer häufiger treffen sich pflegebedürftige Senioren zum gemeinsamen Spielen mit dem Tablet oder der Konsole. Station24 sprach mit dem Präsidenten des PIAGET Institute for Human Game Machine Interaction (HGMI), Roland Weiniger, unter anderem über die Herausforderungen bei der Konzipierung von Demenzspielen, die Rolle der Pflegenden, die Favoriten der alten Menschen und die Zukunft der sogenannten Silver Games. 

Herr Weiniger, wie sind Sie dazu gekommen, Spiele für Demenzkranke zu entwickeln?

Als ehemaliger Zivildienstleistender und Altenpflegehelfer ist für mich der Umgang mit pflegebedürftigen Menschen immer eine Selbstverständlichkeit geblieben. Im Rahmen eines Forschungsantrags zu Technologien für das Alter haben wir versucht zu identifizieren, warum digitale Spiele intuitiv funktionieren und weitgehend ohne Handbücher auskommen. Diese Erkenntnisse wollten wir dann auch auf die Pflege übertragen.

Das heißt?

Wir starteten ein Forschungsprojekt in einem Nürnberger Altenheim, wo die Bewohner unterschiedliche digitale Spiele ausprobieren konnten. Auf lange Sicht betrachtet werteten wir dann beispielsweise  Akzeptanz und Wirkung der Spiele aus. Das Projekt läuft im Übrigen noch heute in einem eigens dafür ausgestatteten Medienraum, in dem regelmäßig gespielt wird. Das ermutigte uns auch, zielgerichtet Spiele für Demenzerkrankte zu entwickeln.

Was genau steckt hinter dem Begriff „Silver Gaming"?

Mit Silver Gaming bezeichnet man alle Spiele und spielerische Betreuungs - und Trainingsangebote für ältere Menschen. Die Altersgrenze ist dabei natürlich fließend. Zumeist nutzt man 55 oder 60 Plus.  Außerdem berücksichtigt der Begriff zum Beispiel Asekte wie  Biographiearbeit oder die Früherkennung dementieller Erkrankungen sowie Motivation oder Simulationen für die Pflegenden.

Was sind die Herausforderungen bei der Erstellung von Demenzspielen?

Zunächst ist es entscheidend, die Zielgruppe genau zu definieren. Das bedeutet, ich muss mich beispielsweise fragen: Mache ich ein Spiel zur Prävention, für Erkrankte im Anfangsstadium oder für Schwerstdemenzerkrankte? Außerdem ist Demenz nicht gleich Demenz. Die Erkrankungen und Stadien unterscheiden sich, genauso wie der Mensch als Individuum betrachtet werden muss!

Zusätzlich muss sich das Spiel auch noch an die kognitiven und motorischen Fähigkeiten der Spieler anpassen können. Denn: Wer kaum mehr sehen kann, kann Beschreibungen auf Spielkarten auch nicht mehr lesen. Das bedeutet aber auch, dass es ein Spiel, das alle Eventualitäten abdeckt und jedem gefällt, nicht geben kann. Vielmehr gilt es immer, ein spezielles Spiel für eine ganz bestimmte Zielgruppe zu entwickeln.

Was unterscheidet ein Demenzspiel von einem herkömmlichen Gesellschaftsspiel?

Auf den ersten Blick sind Spiele für Demenzerkrankte gar nicht so weit weg von einem herkömmlichen Gesellschaftsspiel. Denn idealerweise nutzt man schon bekannte Spielmechanismen. Neue Spielregeln sind nur schwer zu vermitteln und müssen gegebenenfalls wohl dosiert und in kleinen Schritten vermittelbar sein.  

Welche medialen Spielformen für Demenzpatienten gibt es?

Grundsätzlich kommen alle Spielmedien in Frage. Vom klassischen Brett- und Kartenspiel, über Spielkonsole und Tablet bis hin zu virtuellen Welten via 3D-Brille. Welche der Spielmedien dann für das jeweilige Silver Game in Frage kommt, hängt jedoch von ganz vielen Faktoren ab.

Das bedeutet konkret?

Sowohl von der letztendlichen Zielgruppe, dem Spielmechanismus, den Zielen, die man mit dem Spiel verfolgt, aber natürlich spielen auch wirtschaftliche Asekte eine Rolle. Die tollste Technologie nutzt niemanden, wenn sie am Markt nicht durchsetzbar ist.

Was ist die beliebteste Spielart?

Während Frauen oft Denk- und Logikspiele bevorzugen, möchten Männer oft strategischer oder wettbewerbsorientierter spielen. In Gruppen sind vor allem Sportspiele mit gewissen Geschicklichkeits- und Bewegungsanforderungen beliebt.

Inwiefern setzen Pflegeheime Demenzspiele zur Betreuung ein?

Silver Gaming ist ja weitgehend schon immer Teil der Betreuungsangebote gewesen. Denn: Gespielt wurde schon immer. Selbst Bowling kommt über Spielekonsolen heute  in die Pflegeheime. Allerdings werden die Spiele bislang noch nicht zielgerichtet und koordiniert mit anderen Pflege- und Aktivierungsmaßnahmen eingesetzt. Da gibt es noch viel Nachholbedarf.  

Müssen Pflegekräfte speziell geschult werden, um Silver Games anzubieten?

Im gewissen Sinne ja. Insbesondere der Umgang mit digitalen Geräten ist bei Pflege- und Betreuungskräften nicht sehr verbreitet. Sie müssen erstmal die Grundlagen erlernen.

Weiterhin sind viele Spiele – mal abgesehen vom „Mensch-ärgere-Dich-nicht" - weitgehend unbekannt. Dabei gibt es im klassischen Brett- und Kartenspiele-Sektor eine ganze Reihe von Spielen, die sofort oder mit einfachen Modifikationen wunderbar in der Pflege eingesetzt werden können. Sie sind allerdings selten im normalen Einzelhandel erwerblich und deshalb auch nicht bekannt.

Darüber hinaus erfordert der Umgang mit Demenzerkrankten natürlich einen entsprechenden Kenntnisstand. Dieses Wissen gilt es dann mit dem Spiel zu verknüpfen. Vor allem das Thema Wettbewerb und der Umgang mit Personen mit unterschiedlichen Spielstärken und Fähigkeiten ist ja im Normalfall nicht Teil der Ausbildung.

Aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit der Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienste in Bayern sowohl Kurzmodule für die Einbindung in die Ausbildung von Gerontologiefachkräften oder für Betreuungskräfte nach § 87 b SGB XI als auch eine mehrtägige Weiterbildung mit Zertifizierung für alle anderen Pflegekräfte entwickelt.

Wie reagieren die Betroffenen in der Regel auf die Spiele?

Zumeist sehr positiv. Jedoch muss beachtet werden, dass früher das Spiel eher mit den Kindern verbunden wurde. Wenn man selbst nicht in einer Kartenspielrunde oder sportlich wie beispielsweise beim Kegeln aktiv war, fehlen einem einfach gewisse Berührungspunkte mit dem Medium „Spiel".  Spielen ist außerdem immer freiwillig. Nicht jeder Mensch will spielen  - weil es eben nur was für Kinder ist oder man nie gespielt hat. Manchmal ist es deshalb hilfreich, ein Spiel gar nicht „Spiel" zu nennen.

Und wie profitieren die Demenzpatienten konkret von dem Spielangebot?

Auch hier muss zwischen den Zielgruppen unterschieden werden. Noch „Rüstige" profitieren vor allem von der sozialen Interaktion und der Geselligkeit. Besonders in Pflegeheimen entstehen durch den Kontakt im Spiel auch neue Freundschaften und wirken so der drohenden sozialen Isolation entgegen.

Demenzerkrankte im fortgeschrittenen Stadium werden über das Spiel aktiviert. Kognitive oder/ und motorische Fähigkeiten werden angesprochen und wieder sozusagen in Erinnerung gerufen. Es entsteht ein „Draht" zum Demenzpatienten, der im Zusammenspiel mit anderen Pflegemaßnahmen weiterverfolgt werden kann.  

Welche Themen verarbeiten Sie bei der Spielkonzeption?

Grundsätzlich natürlich Themen, mit denen die Spieler früher schon einmal in Kontakt gekommen sind. Begebenheiten aus der Geschichte oder regionale Themen sind natürlich Klassiker. Bei Bewegungsspielen sind Gleichnisse aus der Welt des Sports hilfreich. Auch sinnvoll sind Gebiete wie Garten, Handwerk oder Kommunikationstechnologie – zum Beispiel das alte Telefon.

Inwiefern arbeiten Sie dabei mit Experten aus der Pflege zusammen?

Als wissenschaftliche Einrichtung der angewandten Forschung ist die Zusammenarbeit mit Experten aus der Pflege obligatorisch. Wir müssen ja die praktischen Erfahrungen im Umgang mit Demenzbetroffenen in unsere Forschungsarbeit miteinbeziehen.

Darüber hinaus sind es zunächst die Pflegenden selbst, die das Spiel kennen lernen und dann in der Praxis nutzen müssen. Ein Silver Game muss deshalb auch zunächst von den Pflege- und Betreuungskräfte selbst akzeptiert werden, bevor es bei den Patienten eingesetzt werden kann.

Ist Silver Gaming ein Betreuungsangebot mit Zukunft?

Selbstverständlich! Im Laufe der Zeit werden - neben den bewährten klassischen Spielen - auch immer mehr digitale Silver Games Einzug in die Betreuung halten. Denn die künftigen Generationen, die pflegebedürftig werden, sind bereits mit Computern aufgewachsen. Sie haben also automatisch eine viel höhere Technikakzeptanz- und affinität als die derzeitige Pflegebedürftigen-Generation. Auch mit Blick auf den Fachkräftemangel in der Pflege werden digitale, selbsterklärende spielerische Betreuungsangebote sicher an Bedeutung gewinnen.

Herr Weiniger, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Johanna Kristen.

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