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Defizitäres Schmerzmanagement in Europas Altenheimen

In den Ländern Europas leidet fast die Hälfte der Altenheimbewohner unter Schmerzen. Doch von Land zu Land fällt das Schmerzprofil der Senioren sehr unterschiedlich aus. In Italien berichten 23 Prozent der Heimbewohner von Schmerzen, in Finnland dagegen 73 Prozent. Der Altersmediziner Albert Lukas von der Agaplesion Bethesda Klinik der Universität Ulm präsentiert auf dem 24. Deutschen Schmerz- und Palliativtag am 9. März in Frankfurt die Ergebnisse der EU-geförderten „SHELTER-Studie“.

Für ihre Studie „Schmerzen und Schmerzkontrolle in europäischen Altenheimen" hatte ein internationales Wissenschaftlerteam in den Jahren 2009 und 2010 in sieben EU-Ländern (Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande und Tschechien) sowie Israel die Schmerzsituation von 3.926 Bewohnern von Altenheimen insgesamt drei Mal im Abstand von sechs Monaten mit demselben Instrumentarium erfasst. Konnten Altenheimbewohner aufgrund kognitiver Störungen die Fragen der Interviewer nicht selbst beantworten, wurden verantwortliche Betreuer um eine entsprechende Einschätzung gebeten.

Im europäischen Schnitt gaben 48 Prozent der Altenheimbewohner an, Schmerzen zu haben. Frauen waren häufiger betroffen als Männer. Allerdings registrierten die Forscher enorme Unterschiede von Land zu Land. In Israel hatten nur 20 von 100 Heimbewohnern in den dem Interview vorausgegangenen drei Tagen an Schmerzen gelitten. In Italien waren es 23 Prozent, in Deutschland 52 Prozent, in Frankreich 59 Prozent und in Finnland 73 Prozent.

Unterschiedliche Zeitpunkte, an denen Menschen in den verschiedenen Ländern in ein Altenheim übersiedeln, könnten eine Erklärung für diese Unterschiede sein. In Italien beispielsweise werden ältere Menschen häufig noch lange in den Familien gepflegt. Darum sind in Italien 42 von 100 Heimbewohnern abhängig vom Pflegepersonal. In Deutschland trifft dies hingegen nur auf jeden Vierten zu.

In Italien und Israel – den Ländern mit der niedrigsten Schmerzrate – leidet auch ein höherer Prozentsatz der Altenheimbewohner unter Demenz: In Israel waren 68 Prozent, in Italien 58 Prozent der Studienteilnehmer dement. „Glaubt man den nackten Zahlen, könnte der Eindruck entstehen, dass Demenz zu einem besseren Schmerzmanagement führt“, sagte Lukas. Zwar gibt es Hinweise, dass bei Menschen mit Demenz die Schmerzwahrnehmung verändert ist. Doch wahrscheinlicher ist, dass die eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten der betroffenen Menschen eine Rolle spielen, vermuten Experten. Abgesehen von Demenz könnten aber auch andere Einflüsse, beispielsweise das Klima, eine Rolle bei der Schmerzhäufigkeit spielen. Denn ebenso wie bei der Depressivität existiert auch bei der Schmerzwahrnehmung generell ein Nord-Südgefälle.

Trotz der offensichtlichen Defizite war die Zufriedenheit der Befragten mit der Schmerzkontrolle erstaunlich hoch. 88 Prozent waren mit der Schmerzbehandlung zufrieden, obwohl in den drei vorausgegangenen Tagen nur 57 Prozent keine oder leichte Schmerzen gehabt hatten. „Diese positive Einschätzung ist eher ein Indiz für die niedrige Erwartung der Heimbewohner als für eine angemessene Schmerzkontrolle“, räumt der Ulmer Geriater ein. „Anscheinend gehört leider immer noch für viele ältere Menschen Schmerz zum Alter dazu.“

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