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  • 01.11.2017
  • PflegenIntensiv

Intensivtagebuch

"Die Idee hat sich selbstständig gemacht"

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2017

Seite 12

 

Das Intensivtagebuch wurde in den späten 1980er-Jahren in Skandinavien entwickelt. Peter Nydahl hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Instrument heute auch auf deutschen Intensivstationen sehr bekannt ist. Im Interview resümiert der Kieler Pflegewissenschaftler seine Erfahrungen und gibt Tipps zur Umsetzung.

Herr Nydahl, wann haben Sie vom Intensivtagebuch zum ersten Mal gehört?

Vor rund zehn Jahren berichtete mir der Schweizer Intensivpflegefachmann Dirk Knück erstmals vom Intensivtagebuch. Mir wurde sofort klar, dass es sich dabei um ein kreatives Instrument für die psychosoziale Pflege von Patienten und Angehörigen auf Intensivstationen handelt.

2008 haben Sie in der Fachzeitschrift „Intensiv“ Ihre erste Studie zum Intensivtagebuch veröffentlicht. In dieser ging es im Wesentlichen um die Verbreitung dieses Instruments in Deutschland. Die Untersuchung brachte ein „Null-Ergebnis“ zutage: Keine einzige Intensivstation arbeitete mit dem Intensivtagebuch. Was hat sich seitdem getan?

Sehr viel. Dirk Knück und ich haben die Website www.intensivtagebuch.de erstellt und einen Leitfaden für die Implementierung entwickelt. Später kamen regelmäßige Newsletter und die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz dazu. Wir haben viele Kollegen dabei unterstützt, das Intensivtagebuch auf ihren Stationen zu implementieren. Wir haben viele Vorträge gehalten und Schulungen durchgeführt. Es wurde ein deutsches und ein internationales Netzwerk gegründet.

Wie verbreitet ist das Intensivtagebuch heute in Deutschland?

Es ist sehr vielen Intensivpflegenden bekannt, und es wird auch in einigen Lehrbüchern thematisiert. Zu meiner Freude befassen sich immer mehr Kollegen in Studien und Facharbeiten mit dem Intensivtagebuch, und zwar ohne dass Dirk Knück oder ich Anstöße dazu geben müssen. Das zeigt, dass sich die Idee im deutschsprachigen Raum selbstständig gemacht hat, und genau das wollten wir immer erreichen. Wirklich eingeführt ist das Tagebuch bislang nur auf etwa fünf bis 15 Prozent der Intensivstationen, hier ist also noch Luft nach oben. Es gilt also nach wie vor, die Pflegenden von den Vorteilen dieses wichtigen Instruments zu überzeugen.

Was sind die Vorteile?

Das Tagebuch ist eine Form von Sprache – gerade dann, wenn eine verbale Kommunikation nicht möglich ist. Das Tagebuch wird von den Pflegenden und Angehörigen geführt; sie halten schriftlich Informationen und Gedanken fest. Der Adressat wird all dies zwar erst später lesen, aber es wird ihn irgendwann erreichen. Gleichzeitig reflektieren Pflegende mit den Eintragungen ihr eigenes professionelles Handeln. Sie halten fest, was im jeweiligen Augenblick das für den Patienten wirklich Wesentliche ist und überlegen, wie sie dies in Worte fassen können. Dies ermöglicht einen Perspektivwechsel: Die Pflegenden betrachten sich gewissermaßen selbst von außen und können so viel leichter erkennen, was für den Patienten wichtig ist. Zudem hat das Intensivtagebuch eine psychosoziale Wirkung, denn alles, das zu Papier gebracht wird, entlastet die Seele. Das ist sehr wohltuend für Angehörige. Und: Das Intensivtagebuch erleichtert es ungemein, dass sich Patienten und Angehörige später über die Zeit des Klinikaufenthalts konstruktiv austauschen können.

Bei welchen Patienten sollte das Intensivtagebuch zum Einsatz kommen?

Eine gute Frage. Früher haben wir das Tagebuch für Menschen mit einer voraussichtlichen Sedierung von mehr als 48 Stunden geschrieben. Heute werden Patienten nicht mehr so tief sediert, und wir wissen, dass auch nicht-sedierte Patienten Erinnerungslücken oder traumhafte Erlebnisse haben, zum Beispiel im Delir. Bei diesen Patienten könnten Tagebücher auch sehr hilfreich sein, allerdings gibt es hierüber noch keine Studien. Das Tagebuch wird übrigens auch bei Schlaganfallpatienten auf peripheren Stationen eingesetzt, da sie Bewusstseinsstörungen haben können. Bei Frühgeborenen ist das Tagebuch als Coping für die Eltern sinnvoll, und auch der Hospizbereich beginnt langsam damit, Tagebücher einzusetzen.

Gibt es Kontraindikationen?

Es sind keine bekannt. Bei einer Sprachstörung, etwa einer Aphasie nach Schlaganfall, kann es schwierig werden, ein Tagebuch zu lesen. Bei schwerer Demenz oder anderen Störungen, die ein Sprachverständnis erschweren oder unmöglich machen, ist das Tagebuch für den Patienten nicht sinnvoll, sehr wohl aber für die Angehörigen.

Wann sollte man mit den Eintragungen beginnen?

Ab dem ersten Tag auf der Intensivstation. Es kann aber auch später damit begonnen werden. Die ersten Tage können dann aus der Erinnerung nachgeschrieben werden, was übrigens oft die Angehörigen erledigen können. Das Intensivtagebuch ist ein Instrument, für das es keine genauen Regeln gibt. Dies betrifft übrigens auch die Dauer. Selbst nach einer Verlegung kann das Schreiben fortgeführt werden. Zu Beginn des Intensivaufenthalts sind meist ein bis drei Eintragungen pro Tag sinnvoll. Bei stabilen Verläufen genügt ein Eintrag pro Tag.

Welcher Schreibstil ist sinnvoll?

So, als würde man den Patienten direkt ansprechen. Zu Beginn ist eine Zusammenfassung der Ereignisse, die zum Aufenthalt führten, sinnvoll. Dann sollten der tägliche Zustand, Ereignisse und Fortschritte beschrieben werden. Je nach den Interessen des Betroffenen kann dann auch Alltägliches zur Sprache kommen, wie Ereignisse in der Familie, Fußball­ergebnisse und politische Entwicklungen – die Ergebnisse der Bundestagswahl sollte man aber lieber verschweigen (lacht).

Sie sprachen davon, dass das Intensivtagebuch nur auf vergleichsweise wenigen Intensivstationen implementiert ist. Hängt das auch mit der angespannten Personalsituation zusammen?

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen das Schreiben eines Intensivtagebuchs eine untergeordnete Priorität hat. Bei anstehenden Teamfusionen, erheblichen Konflikten, aktuellem Stellenabbau oder sonstigen Umstrukturierungen haben die Kollegen andere Sorgen, als Tagebücher zu schreiben. Das ist auch legitim. Zeitmangel ist hingegen relativ. Wir konnten zeigen, dass auch bei einer Eins-zu-drei-Betreuung es möglich ist, Tagebücher zu schreiben. Interessanterweise haben wir auch festgestellt, dass Pflegende sich mehr Zeit nehmen, je mehr Erfahrung sie im Schreiben der Tagebücher haben. Wenn man sich dann klarmacht, dass Tagebücher zu den Tätigkeiten gehören, die eine nachgewiesen langfristige positive Wirkung auf Patienten haben, dann sind es eine gut investierte Pflegezeit. Ein Eintrag dauert ja nicht länger als drei bis fünf Minuten.

Neuerdings gibt es Intensivtagebuch-Apps. Was halten Sie von dieser Möglichkeit?

Das ist aus meiner Sicht vielversprechend, doch es kommt auf die jeweilige App an. Die britische Organisation „ICUsteps“ testet zurzeit eine sehr gut gelungene Version, weitere Versuche sind zurzeit in den USA, in Australien und in den Niederlanden im Gange. Hier muss man die weitere Entwicklung abwarten. Es freut mich jedenfalls, dass das Thema auch nach zehn Jahren noch in Bewegung ist.

Herr Nydahl, vielen Dank für dieses Gespräch.