Passwort vergessen
  • 17.10.2016
  • Praxis

Delirprävention

Die Wahrnehmung gezielt fördern

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2016

Seite 48

Kahle Wände, ständiger Lärm, grelles Licht – Patienten auf Intensivstationen sind vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Diese können nicht nur zu Angst und Desorientierung führen, sondern sich auch negativ auf die Wahrnehmung auswirken.

Viele Patienten auf Intensivstationen geben krankheitsbedingt ein fehlendes Gefühl für ihren Körper an (Nydahl 1996). Andere äußern, dass ihre Seh- und Hörfähigkeit beeinträchtigt sind. Belastungen wie diese können dazu führen, dass die Wahrnehmung der Betroffen gestört ist. Dieser Effekt wird durch Schlafmangel und Lärm zusätzlich verstärkt.

Gezielt vorbeugen

Beeinträchtigungen, die sich ungünstig auf die Wahrnehmung kritisch kranker Menschen auswirken, müssen reduziert und möglichst vorgebeugt werden. Denn es gilt als oberstes Gebot der professionellen Intensivpflege, die Wachheit und Wahrnehmung der Patienten zu fördern, um einem Delir und anderen Komplikationen vorzubeugen.

Entsprechende pflegerische Handlungen müssen gezielt erfolgen, damit sie zum Erfolg führen. Zunächst ist es bedeutsam, sich klarzumachen, welche Art von Beeinträchtigungen tatsächlich vorliegt. Daraus müssen individuell zugeschnittene Interventionen festgelegt und durchgeführt werden.

Beeinträchtigungen des Riechens: Ein höheres Lebensalter und die Einnahme von Kalziumantagonisten können zu Beeinträchtigungen des Riechens führen. Der Dauergebrauch von vasokonstriktiven Substanzen in Nasentropfen sowie unter Anwendung von Methotrexat und Doxycylin verändert die Nasenschleimhaut, was ebenfalls zu einem reduzierten oder völlig fehlenden Riechvermögen führen kann (Schmid et al. 2000). Diese Problematik ist bei der Gabe von Antibiotika und bei der Verwendung von Nasentropfen zu beachten.

Eine tägliche Nasenpflege und Verwendung patienteneigenen Parfums kann eine angegriffene Nasenschleimhaut beruhigen. Gleichzeitig wird so das Wohlbefinden des Patienten gefördert.

Beeinträchtigungen des Schmeckens: Nebenwirkungen bestimmter Medikamente können bei dauerhafter Verabreichung zur sogenannten Hypogeusie, der Verminderung des Geschmackssinns, oder zur Dysgeusie, der Geschmacksstörung, führen. Einzelne Substanzen von ACE-Hemmern und Kalziumantagonisten können sogar eine Ageusie, den vollständig fehlenden Geschmackssinn, zur Folge haben (Schmid et al. 2000).

Vor diesem Hintergrund ist es ratsam, über eine gezielte Reduktion von Medikamenten nachzudenken. Zudem ist es sinnvoll, dem Patienten vor jeder Mahlzeit eine Mundpflege anzubieten. Hierbei sollte auf individuell gestaltete Mundpflege-Lösungen zurückgegriffen werden, beispielsweise den Lieblingstee des Patienten.

Falls eine Nahrungskarenz besteht, kann die Mundschleimhaut mit bevorzugten Flüssigkeiten benetzt werden. Der Gebrauch von kleinen Sprühflaschen und die Anwendung von Eiswürfeln sind wirkungsvoll, um eine Geschmacksveränderung beim Patienten herbeizuführen.

Beeinträchtigungen des Sehens: Medikamente wie Nifedipin, Atropin und Digitoxin können die visuelle Wahrnehmung negativ beeinflussen. Beschwerden, die von Betroffenen beschrieben werden, sind unter anderem Halluzinationen und starke Lichtempfindlichkeit. Patienten reagieren darauf oft mit Verunsicherung und Angst.

Zahlreiche Patienten nehmen helles Licht im Zimmer als unangenehm wahr, wodurch bereits vorhandene visuelle Beeinträchtigungen verstärkt werden.

Andere kritisch Kranke leiden unter einem stark eingeschränkten Blickfeld, das sich aufgrund einer Immobilität ergibt. Pflegende sollten den visuellen Radius der Patienten positiv gestalten, weil das Starren auf weiße Wände und trostlose Betrachten der Decke ebenfalls zu Verunsicherungen führen können (Schmid et al. 2000). Fotos von Angehörigen aufzustellen, eine gezielte Deckenbemalung oder dezente Lichtverhältnisse können eine angenehme Raumgestaltung unterstützen.

Beeinträchtigungen des Hörens: Da Patienten auf Intensivstationen meist eine eingeschränkte visuelle Wahrnehmung aufweisen, orientieren sie sich verstärkt über das Hören.

Lärm – allgegenwärtig auf einer Intensivstation – ist der größte Störfaktor der auditiven Wahrnehmung. Bei vielen Betroffenen stellt permanente Unruhe eine große Belastung dar. Ein normales Gespräch wird mit 60 Dezibel (dB) bemessen, wohingegen die Schmerzgrenze bei einer dB-Zahl von 120 liegt, die mit einem Propellerflugzeug verglichen werden kann. Das Aufreißen einer sterilen Verpackung hat einen Lautstärkepegel von 86 dB; alltägliche Tätigkeiten des Pflegepersonals wie das Laufen über den Flur oder das Herablassen von Bettgittern werden mit 90 db angegeben (Schrader/Schrader 2001).

Um Belastung aufgrund von Lärm entgegenzuwirken, können Lärm-Ampeln angebracht werden, die bei einer speziellen Laustärke das Signal ändern. Sobald ersichtlich ist, dass die Lärmbelastung zu hoch ist, kann dementsprechend gehandelt werden.

Bei pflegerischen Handlungen sollte zudem stets die Tür geschlossen werden, um die Geräuschkulisse zu senken. Alarme von medizinischen Geräten sollten möglichst leise eingestellt werden.

Beeinträchtigungen der Sensibilität: Aufgrund von Erkrankungen wie der Critical-Illness-Polyneuropathie und Schmerzen kann es zu Beeinträchtigungen der Sensibilität kommen. Medikamente wie Lorazepam, Tramadol und Risperidon können ebenfalls zu Sensibilitätsstörungen führen (Schmid et al. 2000).

Positionsveränderung und Mobilisation, Basale Stimulation sowie Anwendungen der Körperbegrenzung sind wirkungsvolle Maßnahmen, um solchen Beeinträchtigungen entgegenzuwirken.

Empathisch vorgehen

Veränderungen der Wahrnehmung sollten genau bestimmt werden, um eine ganzheitliche und patientenorientierte Behandlung zu gewährleisten. Eine Sensibilisierung des Pflegepersonals ist ein wichtiger erster Schritt, um Wahrnehmungsstörungen entgegenzuwirken.

Aufgrund der gegebenen Strukturen auf Intensivstationen ist die geforderte Norm nicht immer umsetzbar. Die gezielte Förderung der Wahrnehmung kann jedoch ein integraler Bestandteil der Intensivpflege werden, wenn Pflegende sensibilisiert sind und empathisch vorgehen.

Nydahl, P. et al. (1996): Wie erleben Patienten die Intensivstation? Intensiv 4, Stuttgart: Thieme, 250–254

Schmid et al. (2000): Arzneimittellehre für Krankenpflegeberufe. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Schrader, D.; Schrader, N. (2001): Lärm auf Intensivstationen und dessen Auswirkungen auf Patienten und Personal. Intensiv 9 (3): 96–106