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  • 13.09.2019
  • PflegenIntensiv

Komplementäre Pflegemethoden

"Ein Genuss für die Sinne"

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2018

Seite 10

Im Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn und St. Marien-Hospital Marsberg sind naturheilkundliche Anwendungen etablierte Ergänzungen zur herkömmlichen Intensivtherapie. Bereichsleiterin Eveline Löseke plädiert für eine kreative Herangehensweise, bei der das Wohlbefinden des Patienten im Mittelpunkt steht.

Frau Löseke, naturheilkundliche Anwendungen auf einer Intensivstation zu etablieren, klingt zunächst einmal ungewöhnlich – für manche angesichts des hohen Technisierungsgrades womöglich wie ein Widerspruch. In den von Ihnen verantworteten Kliniken haben nicht-medikamentöse Methoden jedoch ihren festen Platz. Wie kam es dazu?

Alles begann im Jahr 2001. Ich arbeitete damals mit einer ärztlichen Kollegin zusammen, die Schmerztherapeutin war und über eine Weiterqualifizierung in naturheilkundliche Anwendungen verfügte. Gemeinsam beschlossen wir, nicht-medikamentöse Methoden für Patienten mit Schmerzen auf breitere Beine zu stellen. Ich leitete damals die Anästhesie, der die Schmerztherapie angegliedert war, und war davon überzeugt, dass gerade Patienten mit chronischem Schmerz von komplementären Methoden profitieren würden. So absolvierte ich eine einjährige Ausbildung in naturheilkundlicher Pflege und Aromatherapie. Als diese abgeschlossen war, begannen wir damit, in der Schmerzambulanz und stationären Schmerztherapie naturheilkundliche Verfahren anzubieten. Es dauerte nicht lange, bis die komplementären Methoden auch auf den Normal- und Intensivstationen angeboten wurden.

Aufgrund der guten Erfahrungen?

Ja, Patienten profitieren in der Regel erheblich von diesen Verfahren, da sie das Wohlbefinden enorm steigern können. Die Schwierigkeit ist jedoch immer, dass die meisten heilkundlichen Methoden wissenschaftlich nicht belegt sind. Infolgedessen dürfen sie beim Patienten nicht ohne weiteres zur Anwendung kommen. Vor einigen Jahren gab es den Fall eines Chefarztes, der eine OP-Wunde mit einer Zitrone behandelt hatte. Der Patient klagte und bekam Recht. Er hatte zwar keinen Schaden erlitten, aber wurde vom Arzt nicht aufgeklärt. Insofern achten wir in unseren Kliniken sehr darauf, dass alle Patienten bei der Aufnahme über unsere naturheilkundlichen Angebote informiert werden. Sie können dann äußern, ob sie dies wünschen oder nicht. Es erfolgt ein entsprechender Eintrag in der digitalen Dokumentation, und man ist auf der sicheren Seite.

Auf Intensivstationen ist die Arbeitsbelastung meist sehr hoch. Ist es insofern gerechtfertigt, Zeit für Maßnahmen aufzuwenden, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt ist?

Pflegende können mit naturheilkundlichen Anwendungen kreativ und innovativ arbeiten. Zudem gelingt es ihnen damit, gerade kritisch kranken Patienten ohne großen Aufwand etwas Gutes zu tun. Das ist für Mitarbeiter sehr motivierend. Dennoch gibt es natürlich mitunter auch Vorbehalte. Manche machen sich über den vermeintlichen Hokuspokus auch lustig. Doch wenn man die Mitarbeiter gut schult und informiert, lassen sich die meisten von der Sinnhaftigkeit überzeugen. Viele Pflegende stehen den naturheilkundlichen Methoden offen und mit einer guten Portion Neugier gegenüber.

Wie kann es gelingen, naturheilkundliche Methoden auf einer Intensivstation systematisch nachhaltig einzuführen?

Dies gelingt aus meiner Sicht am besten über Multiplikatoren, die als Ansprechpartner für ihre Kollegen fungieren. Zudem muss man sich sehr genau überlegen, ob man das große Ganze anstrebt oder sich mit kleinen Zielen zufriedengibt. Diese Überlegung ist gerade bei naturheilkundlichen Maßnahmen wichtig, denn es handelt sich um ein riesiges Feld. Insofern ist die Gefahr groß, dass das Ganze ausufert und der Benefit gering ist. Wir konzentrieren uns daher auf wenige, aber sichere und etablierte Verfahren. Über regelmäßige Schulungen stellen wir sicher, dass diese Maßnahmen dann aber auch von allen Mitarbeitern beherrscht und je nach Situation auch angewendet werden. Wir haben einen Standard erstellt, der genau definiert, welche Maßnahmen auf welche Weise angewendet werden dürfen. Dies beinhaltet auch die Möglichkeit, die benötigten Substanzen über die Apotheke anzufordern.

Welche Maßnahmen sind das?

Einen großen Stellenwert hat bei uns die Aromapflege. Der Einsatz ätherischer Öle ist eine hilfreiche und wohltuende Ergänzung zu herkömmlichen medizinisch-pflegerischen Maßnahmen. Unsere Mitarbeiter sind dahingehend geschult, Aromen und Düfte im Stationsalltag gezielt einzusetzen. Insbesondere bei schwerstkranken und sterbenden Menschen entfalten sie oft eine gute Wirkung. Wichtig ist allerdings, dass die Pflegenden zwischen Aromatherapie und Aromapflege unterscheiden können. Die Aromatherapie darf durch Pflegende rechtlich gesehen nicht eigenständig durchgeführt werden. Denn Heilbehandlungen und Therapien sind Ärzten, Hebammen und Heilpraktikern sowie Pflegenden mit bestimmten Zusatzqualifikationen vorbehalten. Damit verbietet sich für Pflegende die Anwendung von ätherischen Ölen in oraler oder rektaler Form. Zudem dürfen sie keine Konzentrationen anwenden, die dem Arzneimittelrecht unterliegen.

Was ist der Unterschied zwischen Aromapflege und Aromatherapie?

Bei der Aromapflege geht es hauptsächlich um die Anwendung von Düften und Aromen, um beispielsweise das Wohlbefinden zu stärken oder die Hautpflege zu unterstützen. Die Aromatherapie verfolgt hingegen einen therapeutischen Ansatz und versucht, Erkrankungen und Störungen zu behandeln. Beide Konzepte greifen immer wieder ineinander: Wenn Eukalyptusöl beispielsweise zur Reinigung der Atemwege eingesetzt wird, reinigt es gleichzeitig die Raumluft und trägt durch seinen angenehmen Duft zum Wohlbefinden bei. Oder wenn Zitronenaroma aufgrund des angenehmen Zitrusduftes eingesetzt wird, hat es daneben eine stark antiseptische Wirkung.

Wie wird die Aromapflege bei Intensivpatienten angewendet?

Nicht anders als bei Patienten auf Normalstationen: Die Anwendung über Inhalation ist die natürlichste Form, da ätherische Öle von Pflanzen auch ohne das Zutun des Menschen in die Umgebung abgegeben werden. Jeder kennt das Gefühl, an einem Blumenstrauß zu riechen – das ist ein Genuss für die Sinne. Auch verschiedene Gewürze entfalten bis in die Lungen ein wärmendes und feuriges Gefühl.

Dieser natürliche Effekt wird bei der Aromapflege genutzt?

Ja, und das geht wie gesagt am besten über Inhalation. Inhaliert ein Mensch einen Stoff, gelangen die Duftmoleküle über die Nase in die Lungen. Dort können sie ihre Wirkung entfalten, je nach ihrem Spektrum. Sie fördern zum Beispiel die Schleimproduktion, weiten die Alveolen und wirken antiseptisch. Die Aromen können auch in die Blutbahn eindringen, um an anderer Stelle im Körper zu wirken. Eine gute und einfache Möglichkeit ist die Anwendung von Raumsprays. Hierzu werden Aromen in Ethanol gelöst. Die Beduftung eines Patientenzimmers mit einer Duftlampe ist eine private, ebenfalls wirkungsvolle Möglichkeit, der Raumluft eine angenehme Note zu geben, zu desinfizieren, die Stimmung aufzuhellen oder einen Gefühlszustand zu unterstreichen.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, um Aromapflege anzuwenden?

Ätherische Öle werden aufgrund ihrer fettlöslichen Eigenschaften besonders gut über die Haut aufgenommen. Über das Gewebe gelangen sie rasch in den Blutkreislauf und somit zu den einzelnen Organen. Wird ein Öl unverdünnt aufgetragen, tritt es schnell in die oberen Hautschichten ein und benötigt dann aber etwas Zeit, um die Wirkung zu entfalten.

Wie groß ist die Zeitverzögerung vom Auftragen bis zur Wirkung im Körperinneren?

Das kommt auf das eingesetzte ätherische Öl an. Eukalyptus- und Thymianöl benötigen 20 bis 40 Minuten, bis sie wirken. Bei Zitronenöl dauert es 40 bis 60 Minuten, Lavendelöl wirkt erst nach 60 Minuten und bei Pfefferminze vergehen 100 Minuten bis zum Wirkeintritt. Tipp: Um die Reaktion eines Öls auszutesten, ist die Innenseite des Unterarms geeignet.

Welche ätherischen Öle können bei Intensivpatienten zur Anwendung kommen?

Das kommt auf das Krankheitsbild und die erhoffte Wirkung an. Allgemein antiseptisch wirken Basilikum, Bergamotte, Estragon, Eukalyptus, Lavendel, Thymian, Zimt und Zitrone. Bei unruhigen Patienten sind Düfte wie Anis, Lavendel, Melisse und Zitrone sinnvoll. Schleimlösend und damit gut geeignet bei Intensivpatienten sind Fenchel, Majoran, Thymian und Rosmarin.

Können diese Substanzen auch im Rahmen der Körperpflege zum Einsatz kommen, etwa bei einer Waschung im Bett?

Natürlich! Ohne großen Aufwand ist schnell ein Massageöl hergestellt, dem ätherische Öle problemlos beigefügt werden können. Dieses Massageöl kann bei der Waschung im Bett zur Anwendung kommen. Zur entspannenden und stresslösenden Wirkung tritt dabei zudem die wohltuende Eigenschaft der Berührung.

Sie sagten, dass Sie sich auf wenige komplementäre Methoden beschränken. Welche sind das neben der Aromapflege?

Bei Fieber oder Erkältungskrankheiten ist der Wickel als Hals-, Brust-, Bauch- oder Wadenwickel eine gute und anerkannte Methode. Bei kritisch kranken Patienten ist natürlich eine Absprache mit dem Arzt erforderlich. Wichtig ist, den Patienten während einer Anwendung nicht alleine zu lassen, da Wickel sich auf den Kreislauf auswirken können.

Wie werden Wickel angewendet?

Um beispielsweise Fieber zu senken, kann ein feuchter Wadenwickel angewendet werden. Dazu wird ein fiebersenkendes Öl ausgewählt – etwa Pfefferminze, Teebaum, Zitrone oder Eukalyptus – und drei bis fünf Tropfen auf ein Liter Wasser gegeben. Die Wassertemperatur soll etwa 17 Grad betragen. Das feuchte Tuch wird nun um die Waden gewickelt und erneuert, wenn es erwärmt ist. Dieser Vorgang wird wiederholt, bis das Fieber gesunken ist. Bei Brust- oder Bauchwickeln werden zwei weitere Tücher um das erste Tuch gewickelt. Der Wickel kann über Nacht belassen werden. Auflagen mit ätherischen Ölen eignen sich gerade bei Patienten auf Intensivstationen auch zur Beruhigung und Schlafförderung.

Was ist bei der Dosierung der einzusetzenden Substanzen zu beachten?

Eine sorgsame Herangehensweise ist in der Tat das A und O – insbesondere bei Patienten auf der Intensivstation. Die Pflegenden müssen genau wissen, was sie tun, denn „Gottes Apotheke“ ist nicht immer harmlos. Grundsätzlich gilt: Die Dosis macht das Gift! Bei den Duftstoffen handelt es sich um hochkonzentrierte Heilmittel. Es ist deshalb wichtig, bei der Dosierung auf die Empfehlungen von Aromatherapeuten in der Literatur und auf die Herstellerangaben zu achten. Eine zu hohe Dosierung kann zum Beispiel Kopfschmerzen oder Übelkeit auslösen.

Was raten Sie Kliniken, um die Patientensicherheit zu gewährleisten und den rechtlichen Rahmen einzuhalten?

Für den Kliniken ist es aus meiner Sicht essentiell, die Vorgehensweise einer naturheilkund-lichen Anwendung in einem für die Mitarbeiter verbindlichen Standard genau zu definieren. Auf diese Weise weiß jeder, in welchem Rahmen er sich bewegen kann. Grundsätzlich gilt: Der Einsatz von ätherischen Ölen in der Pflege ist rechtlich dann unproblematisch, wenn der Patient der Anwendung zustimmt, dieses dokumentiert ist und der Arbeitgeber das entsprechende Produkt zur Verfügung stellt. Dieses muss zudem von der deutschen Kosmetikverordnung zugelassen sein. Wenn dies alles gewährleistet ist, bieten komplementäre Methoden ein großes Potenzial. Laut Krankenpflegegesetz ist es eine originäre pflegerische Aufgabe, das Wohlbefinden zur Unterstützung des Genesungsprozesses oder zur Linderung von Beschwerden zu fördern. Die naturheilkundlichen Anwendungen eröffnen hierzu unendlich viele Möglichkeiten.

Frau Löseke, vielen Dank für dieses Gespräch.