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  • 23.08.2018
  • Praxis

Schlafförderung

"Eine gute Schlafqualität ist unverzichtbar"

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2016

Seite 15

Ein erholsamer Schlaf ist eine grundlegende Voraussetzung für mentale und körperliche Leistungsfähigkeit. Bei kritisch kranken Patienten erst recht – Schlaf ist für sie eine wichtige Ressource, die Genesung überhaupt erst ermöglicht. Doch Intensivstationen bieten für einen ungestörten Schlaf per se schlechte Voraussetzungen, stellt Pflegewissenschaftlerin und Fachkrankenschwester Susanne Krotsetis fest.

Frau Krotsetis, Schlaf von Intensivpatienten ist ein bislang wenig untersuchtes Thema. Wie sind Sie darauf gekommen, sich damit in Ihrer Master-Arbeit zu befassen?

Initial habe ich die Frage bearbeitet, wie Pflegende auf einer chirurgischen Intensivstation ein Delir wahrnehmen, erfassen und welche pharmakologischen Interventionen daraufhin erfolgen. Die Ergebnisse der Erhebung haben mich schnell zum Thema Schlaf von Intensivpatienten geführt.

Warum?

Es war auffällig, dass bei agitierten und unter Schlafstörungen leidenden Patienten vermehrt Benzodiazepine eingesetzt wurden. Hilfreiche pflegerische Ansätze, wie Mobilisation, Unterstützung des Tag-Nacht-Rhythmuses oder schlaffördernde Maßnahmen, wurden hingegen nicht ergriffen. Dies ging aus den Pflegeberichten und Anordnungen hervor, die ich mir über einen Zeitraum von zwei Wochen angesehen hatte. Es ergab sich also der dringende Bedarf, erstens ein valides Delir-Assessment einzuführen und zweitens ein Schulungsprogramm zu den Hintergründen, Formen und Behandlungsansätzen des Delirs zu entwickeln. Die die Schlafförderung war hier ein wichtiger Baustein, um die Entwicklung eines Delirs zu vermeiden.

Susanne Krotsetis arbeitet zu 25 Prozent auf einer chirurgischen Intensivstation und zu 75 Prozent in der Pflegeforschung am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Sie ist Fachkrankenschwester für Intensivpflege und verfügt über einen Master-Abschluss in Critical Care der walisischen Cardiff University. Mail: susanne.krotsetis@uksh.de

Welchen Stellenwert hat Schlaf für Intensivpatienten?

Einen sehr hohen, so wie für alle Menschen. Wenn wir keinen ausreichenden und guten Schlaf bekommen, sind wir physisch und psychisch nicht leistungsfähig. Auch unser kognitiver Habitus – Konzentration, Aufmerksamkeit, Stimmungslage – wird von der Qualität des Schlafs beeinflusst. Schlaf ist eine elementare Ressource, die Regeneration ermöglicht. Jeder kennt das Gefühl, wenn der Schlaf – eventuell sogar über einen längeren Zeitraum – nicht gut und oder nicht ausreichend lang ist. Bei kritisch Kranken ist eine gute Schlafqualität unverzichtbar. Sie benötigen diese Ressource, um überhaupt wieder gesund werden zu können.

Ist diese Notwendigkeit auf Intensivstationen gewährleistet?

Nein, viele Studien haben gezeigt, dass der Schlaf bei kritisch Kranken reduziert und massiv fragmentiert ist. Die wichtigen tiefen Schlafphasen und die bedeutsame Rapid-Eye-Movement-Phase kommen nur in unzureichender Weise vor – sie sind zu kurz und zu wenig. Außerdem ist bekannt, dass delirante Patienten unter einem stark gestörten Schlafrhythmus leiden.

Welche Folgen hat das?

Die Konsequenzen sind Stimmungsschwankungen, eine verminderte Lebensqualität – auch wenn sie bereits entlassen wurden –, ein erhöhtes Delirrisiko, eine gesteigerte Morbidität und Mortalität sowie ein längerer Aufenthalt im Krankenhaus.

Ist die Relevanz des Themas Intensivpflegenden bewusst?

Jein. Pflegende nehmen schon wahr, wenn Patienten nicht gut schlafen – vor allem, wenn sie dabei auch noch agitiert sind. Zudem ist das Bewusstsein gestiegen, dass eine Intensivstation mit dem hohen Geräuschpegel, dem künstlichem Licht und dauernd stattfindenden therapeutischen Interventionen per se kein guter Ort zum Schlafen ist. Was die Reduktion von Lärm, Licht und nicht notwendigen Pflegemaßnahmen in der Nacht angeht, sind Pflegende meines Erachtens in den vergangenen Jahren jedoch reflektierter und besser geworden. Allerdings ist auch aus verschieden internationalen Untersuchungen bekannt, dass Pflegende die Qualität des Schlafs häufig überbewerten. Die Annahme, dass ein Patient gut geschlafen hat, nur weil er die Augen geschlossen und sich nicht bewegt hat, ist oft nicht richtig.

Sind Mediziner weiter bei dem Thema? Immerhin existiert dazu eine medizinische Leitlinie…

Natürlich sind Schlafstörungen als großes gesundheitliches und gesellschaftlich relevantes Problem in der Medizin erkannt worden. Dies zeigt auch die Tatsache, dass die S3-Leitlinie „Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen“ derzeit aktualisiert wird. Es wäre aber interessant zu erheben, wie viele der auf einer Intensivstation tätigen Ärzte und Pflegepersonen diese Guideline überhaupt kennen und umsetzen. Das Bewusstsein, als multiprofessionelles Team gemeinsam den individuellen Schlafbedarf des Patienten in den Blick zu nehmen, ist meiner Meinung nach bei den Mitarbeitern der Intensivstationen angekommen. Beschäftigen wir uns wirklich mit Fragen wie: Wie erfassen wir den Schlaf der Patienten? Wie empfindet der Patient selbst den Schlaf? Wie sieht es mit der Verabreichung schlafstörender Substanzen aus – werden beispielsweise Sedativa sobald wie möglich gesenkt? Was können wir zur Kurzeitbehandlung anbieten? Wie sehen unsere nicht-pharmakologischen pflegerischen Ansätze aus?

Welche pflegerischen Interventionen sind Ihrer Erfahrung nach denn geeignet, um den Schlaf von Intensivpatienten zu verbessern?

Zur Nacht sollte das Licht gedimmt und der Geräuschpegel heruntergefahren werden. Das Einsetzen von Schlafbrillen und Ohropax sind wissenschaftlich nachgewiesene Angebote, die den Schlaf fördern und auch das Auftreten eines Delirs senken können. Voraussetzung hierfür ist natürlich das Einverständnis des Patienten – manche mögen es nicht, weil sie dann das Gefühl haben, von der Umgebung abgeschnitten zu sein. Vorsicht ist bei schon deliranten Patienten gegeben, die eh schon Schwierigkeiten haben mit der Orientierung und dem kognitiven Einordnen von Eindrücken.

Was ist noch hilfreich?

Wichtig ist es, den sogenannten zirkadianen Rhythmus zu ermöglichen – tagsüber also für Licht zu sorgen und nachts eine dunkle Umgebung zu schaffen. Hier spielt die frühzeitige Mobilisation eine große Rolle: Denn es ist normal, dass sich Menschen tagsüber bewegen und nachts ruhen. Dies können wir auch im Setting einer Intensivstation umsetzen und Patienten so oft wie möglich im Rahmen ihrer Möglichkeiten körperlich zu fordern – vom Sitz auf der Bettkante bis hin zum Laufen über den Flur. Mobilitätsfördernde Maßnahmen haben erhebliche Vorteile bezüglich des Outcomes, einer kürzeren Delir-Dauer und eines verbesserten Schlafs – dies ist in großen, handwerklich einwandfrei durchgeführten Studien nachgewiesen. Essentiell sind auch die Empfehlungen zu den Themen Schmerz- und Sedierungsmanagement, die in der aktuellen S3-Leitlinie „Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin“ nachzulesen sind. Darüber hinaus ist es meiner Ansicht nach wichtig, alle Patienten – egal ob sediert oder wach – stets über unser Handeln zu informieren und damit Wertschätzung auszudrücken.

Inwiefern?

Pflegende erzeugen so ein Gefühl der Teilhabe und Sicherheit, was sich auch positiv auf die Schlafqualität auswirkt. Denn es wird heute immer noch zu wenig beachtet, dass viele Patienten auf der Intensivstation ausgeprägte Gefühle der Angst, Sorge, Unsicherheit und Hilflosigkeit empfinden. 2015 haben wir hier am Campus Lübeck ein Instrument zur Erfassung der subjektiven Schlafwahrnehmung von kritisch Kranken übersetzt und die deutsche Fassung auf drei Intensivstationen evaluiert. Interessanterweise haben 26 von 35 befragten Patienten Angst und Sorge als häufigsten Grund für einen schlechten Schlaf angegeben.

Sie arbeiten selbst noch in der Praxis. Was tun Sie, um den Schlaf der Patienten zu fördern?

Meine Kollegen und ich versuchen natürlich, die genannten Interventionen umzusetzen, auch wenn wir bislang weder ein gezieltes Schlaf-Monitoring noch ein Schlafprotokoll in der Praxis implementiert haben. Als ein zusätzliches Angebot bieten wir Aromapflege auf unserer Station an. Damit machen wir sehr gute Erfahrungen. Einige Kollegeninnen und ich sind in der Aromapflege geschult und haben Aromapflegestandards erarbeitet. Einer davon zielt auf die Schlafförderung der Patienten ab.

Wie gehen Sie hier vor?

Wir verwenden eine feuchte Dampfkompresse, die mit in einem Emulgator gelösten ätherischen Lavendelöl beträufelt wird. Diese wird dem Patienten kurz vor dem Schlafen auf den Solarplexus gelegt.

Welche Wirkung hat dies?

Lavendel ist bekannt für seine entspannende und schlaffördernde Wirkung. In Tierversuchen wurde nachgewiesen, dass Lavendelöl bestimmte Rezeptoren potenziert, ähnlich wie beim Einsatz von Benzodiazepinen. Wir haben häufig beobachtet, dass Lavendelöl zu einem rascheren Einschlafen und längeren Schlafphasen führt. Wir haben sogar schon Patienten von einem unterstützenden Beatmungsmodus in einen kontrollierten umstellen müssen, weil sie so tief geschlafen haben. Dies sind allerdings lediglich unsere eigenen Beobachtungen und eventuell auch gewünschten Schlussfolgerungen. Wir haben den Einsatz des Lavendelöls bisher nicht wissenschaftlich evaluiert, was sich aber bald ändern wird. Wir planen eine randomisiert kontrollierte Studie, mit der wir hoffentlich im Spätsommer starten werden.

Wie sind Sie darauf gekommen, Aromapflege zur Förderung des Schlafs einzusetzen?

Bevor ich meine Tätigkeit auf der Intensivstation aufnahm, war ich auf einer operativ-onkologischen Station der Frauenklinik tätig. Dort wurde sehr intensiv mit dem Angebot der Aromapflege gearbeitet und ich habe diese guten Erfahrungen mit auf die Intensivstation genommen.

Eignet sich die Aromapflege bei allen Intensivpatienten?

Aromapflege ist nicht nur Wellness und der Einsatz setzt ein geschultes Handling voraus. Es bestehen Kontraindikationen für verschiedene Öle, die die Anwender kennen müssen – zum Beispiel bei Schwangerschaft, Hypertonus und Epilepsie. Prinzipiell kann die Aromapflege aber bei der Mehrzahl der Patienten angewendet werden. Lavendel ist ein Öl mit wenig bis keinen Nebenwirkungen.

Ist die Aromapflege zur Schlafförderung fest auf Ihrer Station etabliert?

Anfangs wurden meine Kolleginnen und ich etwas suspekt beäugt, aber mittlerweile hat die Aromapflege ihren festen Platz im Stationsalltag. Immer häufiger ist es vorgekommen, dass Kollegen selbst gemerkt haben, dass sie Interventionen offensichtlich wirken, und sich aufgrund der eigenen gemachten Erfahrungen überzeugen ließen. Wir haben ein Team von geschulten und sehr engagierten Kolleginnen, das sich um Teamschulungen, Beratung, Standards, Ölanmischungen und Bestellungen kümmert.

Die Wirksamkeit der Aromapflege ist dennoch wissenschaftlich nicht belegt. Warum ist die Anwendung trotzdem gerechtfertigt – gerade auch in Anbetracht der ohnehin engen Zeitressourcen?

Das ist nicht ganz richtig. Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die sich mit dem Thema befasst haben. Richtig ist aber, dass methodisch robuste und ausreichend große Studien fehlen. Sicherlich ist das Überlegen und Ausführen nicht-routinemäßiger pflegerischer Ansätze und deren wissenschaftliche Überprüfung ein zeitliches Investment, das erst einmal zur Verfügung gestellt werden muss. Auch werden komplementäre Angebote nicht immer und in jeder Schicht möglich sein. Aber ich bin überzeugt, dass genau dieses Reflektieren neuer Lösungen unseren Beruf so spannend macht. Unser Angebot mit dem Lavendelöl ist hierfür ein gutes Beispiel. Sicherlich ist es im Stationsalltag nicht immer leicht, Zeit dafür freizuschaufeln. Doch letztendlich zahlt sich der Einsatz aus. Denn ein ruhiger, individuell wahrgenommener und ausgeschlafener Patient bindet auf längere Sicht weniger Zeitressourcen als ein agitierter, ängstlicher und gestresster Patient, der unter Schlafmangel leidet. Es profitiert der Patient, weil er bessere Chancen zur Genesung und eine bessere Lebensqualität hat. Und auch die Pflegeperson selbst hat einen deutlichen Benefit, weil sie mit ihrer Arbeit wirklich etwas bewegen kann.

Frau Krotsetis, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.