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  • 29.11.2019
  • PflegenIntensiv

Patientenkommunikation in der Anästhesie

Positive Suggestion: Angst und Unsicherheit reduzieren

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2019

Seite 60

Zu einer schmerz- und stressfreien Narkose gehört auch ein spezifisches Kommunikationsverhalten der Anästhesiepflegenden. „Positive Suggestion“ löst beruhigende Vorstellungsbilder aus. Sie kann Angst und Unsicherheit in der präoperativen Situation vorbeugen, was sich förderlich auf den Narkoseverlauf auswirkt.

Im OP-Bereich sind immer wieder bestimmte Warnungen von Anästhesiepflegenden an Patienten zu hören: „Nun sticht es“, „Jetzt brennt es im Arm“, „Gleich wird es unangenehm“. Worte wie „stechen“, „brennen“ oder „unangenehm“ sind jedoch mit negativen Vorstellungen verbunden. Sie zu verwenden, trägt dazu bei, dass Patienten die Anästhesie mit Schmerz und Angst assoziieren (siehe dazu auch Tab. 1, Anm. d. Red.).

 

Die Aussage „Sie müssen keine Angst haben!“ soll eigentlich beruhigend wirken. Informationen wie „Nun werden Sie verkabelt“ sind dazu gedacht, über das Vorgehen zu informieren. Beim Einlegen des peripheren Venenkatheters heißt es häufig: „Es gibt einen Stich. Sie haben das Schlimmste überstanden.“ Die Opioid-Injektion erfolgt oft mit den Worten: „Jetzt kann es Ihnen schwindlig werden!“ Der Kommentar zur Propofol-Gabe lautet häufig: „Achtung: Jetzt brennt es im Arm!“

Solche Negativsuggestionen steigern bei den Patienten die Nervosität, statt sie zu lindern. Die Folgen sind Tachykardie, Hypertonie sowie ein hoher Analgetika- und Hypnotikaverbrauch während der gesamten OP.

 

Sätze positiv formulieren

Vielfältige Erfahrungen mit verunsicherten Patienten motivierten mich dazu, nach einer anderen Form der Kommunikation zu suchen. Während meiner Ausbildung zum Diplomierten Experten HF Anästhesiepflege am Universitätsspital Zürich lernte ich die Methode der Positiven Suggestion kennen. Sie bietet die Möglichkeit, Sätze so zu formulieren, dass sie keine negativen Assoziationen auslösen. Ich wähle nun beispielsweise folgende Worte: „Es ist normal, dass Sie Angst haben. Wir sind jedoch ein professionelles Team und werden gut auf Sie Acht geben“ und „Ich werde Sie monitorisieren – das trägt zu Ihrer Sicherheit bei“. Durch diese veränderte Kommunikation erlebe ich eine deutlich sichtbare Veränderung im Alltag. Die Patienten wirken auf mich ruhiger und zufriedener.

Eine Narkose und ein operativer Eingriff stellen Extremsituationen dar. Sie lösen bei den meisten Menschen eine Stressreaktion aus. Dadurch verändert sich ihre Wahrnehmung. Ein „Trancezustand“ tritt ein, charakterisiert durch fokussierte Aufmerksamkeit. Patienten nehmen ihre Umgebung dann sehr konzentriert und überwiegend bildhaft wahr. Sie beziehen die Eindrücke verstärkt auf sich selbst. Geräte und Geräusche sind fremdartig und ungewohnt für sie. Dies kann ihre Stress-Symptomatik verstärken [1]. Deshalb ist eine Kommunikationsform gefragt, die beruhigend wirkt. Hier setzt die „Positive Suggestion“ an. Suggestion bedeutet, das Gegenüber auf eine Weise zu beeinflussen, die nicht bewusst wahrnehmbar ist [2].

Positive Vorstellungen hervorrufen

 

„Keine Angst haben“, „nicht aufregen“, „nicht so schlimm“ – Worte wie diese lösen stark negative Vorstellungsbilder aus und können dadurch Angst oder Schmerz verstärken. Im Gegensatz dazu rufen Formulierungen wie „für Ihr Wohlbefinden“, „macht es leichter“, „sorgt für erholsamen Schlaf“ positive Bilder hervor [1]. Solche Aussagen können sogar „wie Medizin“ wirken [3]. Deshalb ist es wichtig, negative Suggestionen durch positive zu ersetzen. Dabei geht es nicht darum, Patienten etwas „vorzuspielen“. Das Ziel besteht eher darin, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten [4]. Die Prinzipien der Positiven Suggestion sind in Tabelle 2 dargestellt.

 

In der Praxis erlebe ich, dass Positive Suggestion die oft festgefahrene, monotone Kommunikation verändert. Anstatt zu sagen „Ich werde Sie nun verkabeln“, kann ich andere Worte wählen: „Ich werde Ihnen nun eine Blutdruckmanschette anlegen, die kontinuierlich Ihren Blutdruck misst und so zu Ihrer Sicherheit beiträgt.“

Besonders positiv wirken Begriffe wie „innere Ruhe“, „Wohlbefinden“, „Sicherheit“, „Beistand“ und „Heilung“. Fachpersonen sollten sie möglichst oft nutzen [3]. Damit der Wandel zur Positiven Suggestionen gelingt, sind jedoch Weiterbildungen notwendig, ebenso eine gewisse Selbstreflexion. Zudem ist es erforderlich, sich von jeglichem Fachjargon zu verabschieden [2].

 

Techniken der Positiven Suggestion

In der Literatur sind mehrere Techniken beschrieben, wie Fachpersonen Positive Suggestion anwenden können:

Indirekte Suggestion: Oft nehmen Patienten Suggestionen besser auf, wenn sie indirekt formuliert sind. Eine Aussage wie „Sie schaffen das!“ wird oft angezweifelt. Wenn ich jedoch sage „Die meisten Patienten glauben mir nicht, wenn ich ihnen sage: Sie schaffen das!“, erhöht sich der Effekt einer Positiven Suggestion [6].

Innerer Ruheort: Schon vor der Operation können Fachpersonen den Patienten nach einem „inneren Ruheort“ fragen: Wohin möchten Sie sich in Gedanken zurückziehen? Dies kann ein Ferienort sein, ein Lieblingsplatz am See oder in den Bergen [6]. Je intensiver der Patient diesen Ort imaginiert, desto besser kann er sich dorthin zurückziehen. „Sie fühlen nun die kühle Bergluft auf der Haut“ – diese Formulierung ist ein schönes Beispiel für Positive Suggestion. Während der Propofol-Gabe können beispielsweise folgende Worte wohltuend wirken: „Es wird warm im Arm – so als würde die Sonne darauf scheinen.“ Der Patient kann die Augen schließen und sich völlig dem inneren Ruheort hingeben [6].

Utilisation: „Utilisieren“ bedeutet, der Einzigartigkeit jeder Person mit Wertschätzung zu begegnen und Informationen individuell abzustimmen [7]. Dies setzt voraus, die Ängste und die Anspannung eines Patienten zu erkennen und zu akzeptieren [2]. Es gilt zu bedenken, dass Menschen im Trancezustand für bestimmte Worte nicht aufnahmefähig sind. Dies trifft vor allem auf Verneinungen („nicht“, „keine“) zu. Deshalb ist es nicht wirkungsvoll, zu sagen: „Sie müssen keine Angst haben!“ Besser wäre folgende Aussage: „Es ist völlig normal, dass sie Angst haben. Wir werden Sie gut betreuen“ [1]. In Bezug auf medizinische Geräte ist folgende Wortwahl hilfreich: „Alles, was Sie hier hören und sehen, mag ungewohnt für Sie sein. Es dient jedoch Ihrer Sicherheit“ [6].

Posthypnotische Suggestion: Um dem Patienten etwas mit auf den Weg zu geben, das später nachwirkt, empfiehlt sich beispielsweise der folgende Satz: „Wenn Sie meine Stimme wieder hören, ist die Operation schon zu Ende. Dann wissen Sie, dass Sie die Operation gut überstanden haben und der Heilungsprozess schon begonnen hat“ [4].

Die Beziehung steht im Fokus

Ein zentrales Element der Positiven Suggestion ist die Beziehung zwischen der Fachperson und dem Patienten [6]. Die Anästhesiefachpersonen und das gesamte Betreuungsteam konzentrieren sich bei der Positiven Suggestion auf den Menschen, dem die OP bevorsteht. Patienten bemerken und schätzen diese Aufmerksamkeit. Sie erleben Vertrauen und Sicherheit als Grundlage einer guten Beziehung [4].

Von Positiver Suggestion können Patienten deutlich profitieren. Sie sind aktiver und selbstbewusster. Zugleich fühlen sie sich weniger ausgeliefert und gehen mit mehr Selbstverstrauen in eine Folgenarkose [3]. Im Rahmen von Studien senkte Positive Suggestion den Analgetikabedarf [3]. Zudem verringerte sie die Dauer des Spitalaufenthalts, und eine frühere Mobilisation war möglich. Es fiel auf, dass Patienten prä-, inter- und postoperativ hämodynamisch stabiler waren. Auch die Inzidenz von Fieber, Kopfschmerzen und PONV (postoperative nausea and vomiting) ließ sich durch Positive Suggestion senken. Zu erwähnen ist auch, dass diese Kommunikationsform nicht nur im wachen Zustand Wirkung zeigte, sondern auch während der Narkose [3].

Fazit: Ich finde es schön, wenn Patienten mir mitteilen, dass ich ihnen die Angst und Aufregung nehmen konnte. Jede Person sollte vor einer OP die Möglichkeit haben, von Positiver Suggestion zu profitieren. Es ist Zeit, die Routinekommunikation zu verlassen und neue Wege zu gehen. Hansen und Bejenke betonten: „Der Patient ist nicht länger ein Störfaktor, sondern er ist ein Teil der Heilung und Anästhesie ist mehr als Physiologie, Pharmakologie und Medizintechnik“ [1].

Versucht das Anästhesiepersonal, negative Suggestionen zu minimieren und positive zu potenzieren, sind wir auf einem guten Weg. Dann können wir die Narkoseeinleitung und ihren Ablauf verbessern, Komplikationen minimieren und die Patientenzufriedenheit erhöhen. Dabei ist es mir persönlich wichtig, eine Vorbildfunktion auszuüben und so andere darauf aufmerksam zu machen, ihre Kommunikation zu reflektieren. Zudem stelle ich die Methode der Positiven Suggestion im Rahmen einer Präsentation vor, unter anderem im Universitätsspital Zürich. Dort sind weitere Schritte zur Implementierung der Positiven Suggestion in Planung.

Hinweis: Michael John erhielt den Hanse-Pflegepreis 2018 für die beste fachpraktische Arbeit aus dem Bereich Intensiv- und Anästhesiepflege, gestiftet von der B. Braun Melsungen AG.

 

[1] Hansen E, Bejenke C (2010). Negative und positive Suggestion in der Anästhesie. Der Anästhesist, 59(3), 199–209

[2] Lyoth C (2005). Hypnose, Positive Kommunikation und die Kraft der Suggestionen im Anästhesiealltag. www.lyoth.net/de/Hypnose-v14.pdf, letzter Zugriff: 14.12.2016

[3] Seemann M, Zech N, Hansen E (2014). „Worte wie Medizin“ bei Schmerz. Zeitschrift für Komplementärmedizin, 6(2), 42–47

[4] Hanke U (2016). Zusammenfassung der wichtigsten Regeln in der positiven suggestiven Patientenkommunikation. Zürich: Z-INA (internes Dokument)

[5] Seemann M, Zech N, Hansen E (2014). Noceboeffekte und Negativsuggestionen in der Anästhesie. Der Anästhesist, 63(11), 816–824

[6] Hansen E, Hansen M (2011). Worte wie Medizin. Deutsche Zeitschrift für zahnärztliche Hypnose, 17(2), 20–25

[7] Hammel S (2012). Utilisation. In: Wirth J, Kleve H (Hrsg.): Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie, Heidelberg: Carl-Auer-Verlag, S. 441 ff

[8] John M (2018). Prinzipien der positiven Suggestion im OP-Bereich. Institut für Anästhesiologie, Universitätsspital Zürich (internes Dokument)

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