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  • 18.12.2019
  • PflegenIntensiv

Angehörige auf der Intensivstation

"Die Beziehung mit Angehörigen proaktiv gestalten"

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2019

Seite 36

Am Universitätsspital Zürich ist eine „Advanced Practice Nurse – Family“ für die Betreuung und Begleitung von Familien auf der Intensivstation zuständig. Die Tätigkeit der Pflegeexpertin erfolgt im Rahmen eines Projekts, das mit dem Versorgungsforschungspreis des Kantons Zürich ausgezeichnet wurde. Über die Hintergründe sprachen wir mit Projektleiterin Rahel Naef.

Frau Naef, im Oktober 2018 startete am Universitätsspital Zürich ein Projekt zur Unterstützung von Familien kritisch kranker Patienten, das im Kern die Tätigkeit einer akademisch qualifizierten Pflege- expertin zur Begleitung von Angehörigen vorsieht. Das Konzept wurde vorab bereits mit dem Versorgungsforschungspreis des Kantons Zürich ausgezeichnet. Wie ist das Projekt entstanden?

Familien kritisch erkrankter Personen haben einen hohen Bedarf an Kommunikation und Unterstützung. Wir wissen zudem aus Studien, dass Familien durch die Situation stark belastet sein können. Etwa 20–30 % der Angehörigen leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Deshalb ist es wichtig, dass wir Familien gezielt unterstützen und sie partnerschaftlich in die Pflege einbeziehen – vor allem, wenn für das Familienmitglied ein längerer Intensivaufenthalt notwendig ist. Gerade für diese Familien wollen wir mehr tun und gleichzeitig evidenzbasierte Empfehlungen für eine familienzentrierte Versorgung auf der Intensivstation umsetzen.

Die Begleitung von Familien auf evidenzbasierter Basis – was bedeutet das?

Wir entwickeln auf der Basis aktueller Forschung einen Familienbetreuungspfad unter pflegerischer Leitung. Mit der Betreuung der Familien beginnen wir spätestens beim Eintritt auf die Intensivstation. Wir begleiten die Familie proaktiv während der intensivmedizinischen Behandlungszeit und nach der Verlegung oder nach dem Verlust des erkrankten Angehörigen. Eine Pflegeexpertin erbringt die Betreuung und koordiniert den Pfad. Sie ist auf Familienpflege spezialisiert – wir nennen sie „Advanced Practice Nurse – Family“, abgekürzt APN-F. In die Betreuung der Angehörigen sind jedoch auch diplomierte Experten und Expertinnen Intensivpflege, Ärztinnen und Ärzte sowie andere Berufsgruppen einbezogen.

Was sind die konkreten Aufgaben der Pflegeexpertin APN-F?

Als Pflegeexpertin arbeitet sie mit einem beziehungsorientierten, systemischen Ansatz. Es geht darum, jeden Angehörigen und die gesamte Familie im Umgang mit der kritischen Erkrankung und den damit verbundenen Herausforderungen zu stärken. Zu den Kernaufgaben der Pflegeexpertin APN-F gehört die direkte Betreuung und Begleitung von Angehörigen und Familien. Wichtig ist uns, die Beziehung mit den Angehörigen proaktiv zu gestalten – das bedeutet konkret, dass die Pflegeexpertin auf die Familie zugeht, möglichst zeitnah zum Betreuungsbeginn auf der Intensivstation. Regelmäßige Gespräche mit den Familienmitgliedern sind zentral, damit Familien sich aufgehoben fühlen und ihre Unterstützung niederschwellig gewährleistet ist. Die Pflegeexpertin koordiniert die durch verschiedene Berufsgruppen geleistete Betreuung der Angehörigen; so entsteht ein tragfähiges professionelles Netzwerk. Sie begleitet den Übergang von der Intensivstation auf die nachbehandelnde Abteilung oder in die nachsorgende Einrichtung. Zudem informiert sie die Familie, wo sie weiterführende professionelle Hilfe erhalten kann.

Handelt es sich um eine Vollzeitstelle?

Nein, es ist eine Teilzeitstelle, 3 Tage pro Woche.

Wie sehen ihre Arbeitszeiten aus?

Die Pflegeexpertin arbeitet entsprechend dem Bedarf der Angehörigen, in der Regel jedoch von 11 bis 20 Uhr. Angehörige sind vor allem nachmittags und abends auf der Intensivstation. Wir haben festgestellt, dass ein niederschwelliger Zugang wesentlich ist.

Welche Qualifikation weist die Pflegeexpertin auf?

Sie ist diplomierte Expertin Intensivpflege mit langer klinischer Erfahrung. Derzeit absolviert sie ein Masterstudium in Pflege. Zudem hat sie sich in systemischer Familienpflege weitergebildet.

Wieso braucht es eine solch hohe Qualifikation für diese Stelle?

Das systemische, pflegetherapeutische Arbeiten mit Familien im Kontext der kritischen Erkrankung erfordert eine entsprechende Weiterbildung und Expertise. Es braucht eine sehr praxiserfahrene Spezialistin, die auf reiches Fachwissen zurückgreifen kann und somit die Bedürfnisse von Familien besonders gut kennt. Dadurch fühlen sich die Betroffenen sehr gut verstanden. Sie haben eine Ansprechperson mit dem notwendigen professionellen Hintergrund, um sie bestmöglich zu unterstützen. Das schafft Vertrauen und Sicherheit in dieser verletzlichen Situation. Die Beratung und Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen im Umgang mit komplexen Familien- und Betreuungssituationen ist eine weitere Kernaufgabe. Hierfür ist eine fundierte Vertiefung und Qualifikation in dieser Thematik notwendig.

Was hat sich durch die Tätigkeit der Pflegeexpertin verändert?

Die ersten Rückmeldungen sind sehr positiv. Die Angehörige äußern, dass sie sich umfassend betreut fühlen. Pflegefachpersonen und das interprofessionelle Team schätzen die Unterstützung durch die Pflegeexpertin APN-F. Momentan evaluieren wir die Erfahrungen der Angehörigen und Fachpersonen sowie den Nutzen des Angebots. Die Ergebnisse werden im Herbst vorliegen.

Die Stelle ist befristet und das Innovationsprojekt läuft im Juni aus. Rechnen Sie mit einer Weiterführung des Projekts?

Nachhaltigkeit ist für uns ein sehr großes Thema. Wir klären momentan auf mehreren Ebenen ab, wie wir das Angebot fortführen können.

Frau Naef, viel Erfolg weiterhin mit dem Projekt und herzlichen Dank für das Gespräch.

Hinweis: Rahel Naef leitet das Projekt zusammen mit Paola Massarotto, dipl. Expertin Intensivpflege, MScN, Leiterin Projekte und Prozesse, Institut für Intensivmedizin, Universitätsspital Zürich.

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