Passwort vergessen
  • 21.06.2018
  • PflegenIntensiv

Notfalltraining am Frühchen- und Kleinkindsimulator

Die Retter der Kleinen

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2018

Seite 34

Das Neonatologie-Team der Universitätsklinik Tübingen trainiert seit knapp einem Jahr an einer speziellen Puppe, um für die sensiblen Notfälle auf der Station gewappnet zu sein.

Weltweit ist eines von zehn neugeborenen Kindern ein Frühchen. An der Uniklinik Tübingen kommen jährlich rund 120 Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1 500 Gramm in der Frauenklinik zur Welt. Das sind zahlenmäßig zwar nicht viele, aber genau darin liegt auch die Krux: „Lebensbedrohliche Notfälle bei Kindern sind selten und stellen Behandlungsteams vor große Herausforderungen“, weiß Kinderarzt Dr. Rangmar Goelz von der neonatologischen Intensivstation. Gemeinsam mit seinem Team macht er sich deshalb stark für pädiatrische Simulationstrainings. In Tübingen sind dafür unterschiedliche Simulationspuppen im Einsatz: sowohl für Babys als auch für Kleinkinder und Jugendliche.

Eine Besonderheit seit Frühjahr 2017 ist „Paulchen“. Er ist 35 Zentimeter klein und wiegt nur 1 000 Gramm. Die Silikonpuppe ist detailgetreu einem Frühchen aus der 27. Schwangerschaftswoche nachempfunden. „Damit können Pflegende und Ärzte zusammen realitätsnah üben, was im Notfall zu tun ist“, beschreibt Goelz. Bisher haben er und sein Team an einem Fünf-Kilo-Babysimulator trainiert. „Manche Frühgeborene jedoch wiegen nicht einmal 400 Gramm und sind so klein wie ein Kugelschreiber“, beschreibt der Mediziner.

 

Simulationstraining auf hohem Niveau

Auf der interdisziplinären pädiatrischen Intensivstation der Uniklinik Tübingen zählen Simulationstrainings schon seit mehreren Jahren zur Routine. „Wir bieten die Trainings auf einem hohen Niveau an, wie sie selten vorzufinden sind“, betont Rebekka Rudyk.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Roman Kremling kümmert sie sich darum, dass alle Mitarbeiter fit sind am Simulator, damit das Team im Ernstfall reibungslos zusammenarbeiten kann. Beide haben sich zu Instruktoren weiterbilden lassen. Gemeinsam sind sie nun für das komplette Notfallmanagement der Kinderklinik zuständig. Ziel der beiden passionierten Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger: Jeder Mitarbeiter der Kinderklinik in Tübingen soll mindestens einmal im Jahr an einem Simulationskurs teilnehmen – egal ob Pflegefachkraft oder Arzt. Die einzelnen Puppen entsprechen hier einem Säuglingsalter zwischen vier bis acht Monaten und einem Kleinkind von etwa fünf Jahren.

Rudyk hat sich zusätzlich zur sogenannten PAEDSIM-Instruktorin und SIM-Nurse weiterqualifiziert. „PAEDSIM steht für ein interdisziplinäres Ausbildungsprojekt, das das Notfallmanagement von lebensbedrohlich erkrankten oder verletzten Kindern verbessern soll“, erläutert die Fach- kinderkrankenschwester. Das Besondere an dem Training sei, dass Kollegen von der Normal- und Intensivstation interdisziplinär zusammen- trainierten. „Das Training gibt extrem viel Sicherheit im Arbeitsalltag. Mir ist es ein Herzensanliegen, diese Sicherheit möglichst allen Kollegen zu vermitteln – zum Wohle letztlich der Kleinen.“

State of the Art

Paulchen ist eine Weltneuheit. In Deutschland verfügen nur noch die Kollegen von der Uni-Kinderklinik Lübeck über solch einen Frühchensimulator. „Vor allem die Beatmung eines Frühchens stellt das behandelnde Team immer wieder vor eine große Herausforderung“, sagt Goelz.

Mit Paulchen können jetzt verschiedene Atemmuster und Atemgeräusche simuliert werden. Luftwege können anatomisch verändert, zentrale und periphere Pulse beeinflusst werden. Paulchen kann sogar seine Farbe verändern – etwa wenn er zu wenig Luft bekommt.

„Therapeutische Maßnahmen üben wir natürlich auch“, so der Kinderarzt. Beispielsweise Maskenbeatmung, Intubation und intra­ossäre Punktionen oder die Anlage einer Drainage nach Lungenriss.

Während der Simulationstrainings steuert ein Instruktor den Babysimulator vom Computer aus. Das funktioniert ferngesteuert via Funk. Der Instruktor kann jederzeit Vitalparameter direkt beeinflussen oder über Programme bestimmte Szenarien simulieren.

„Aber es geht gar nicht so sehr um einzelne Tätigkeiten, die geübt werden sollen“, merkt Goelz an. „Am wichtigsten ist das Team-Training und das reibungslose Zusammenspiel im Notfall. Da muss die Kommunikation stimmen und jeder Handschlag sitzen – in Sekundenschnelle.“

Unter höchstem Stress richtig handeln

Denn: „So ein Notfall ist eine extreme Stresssituation“, weiß der erfahrene Mediziner. Dieser Stress behindere Wahrnehmung und Denken. Deshalb reiche es eben nicht aus, generell zu wissen, was im Notfall zu tun ist. Man muss es auch zum richtigen Zeitpunkt abrufen können. „Das gelingt leichter, wenn man es regelmäßig trainiert.“

Die Anschaffungskosten für Paulchen waren allerdings üppig: 60 000 Euro hat die kleine Hightechpuppe gekostet. Da weder Krankenkassen noch Staat die Kosten für eine solche Anschaffung übernehmen, war die Uniklinik auf Spenden angewiesen. Diese kamen etwa zusammen durch Aktionen der lokalen Tageszeitung und über die Stiftung „Hilfe für kranke Kinder“ der Unikinderklinik.

Mail:

nadine.millich@bibliomed.de