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  • 05.10.2017
  • PflegenIntensiv

Positionspapier

"ANP ist nicht mehr aufzuhalten"

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2017

Seite 18

 

Die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) hat ein Positionspapier zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung in der Intensivpflege veröffentlicht. Advanced Nursing Practice spielt darin eine zentrale Rolle. Über die Hintergründe sprachen wir mit Initiatorin und Autorin Katrin Blanck-Köster.

Frau Blanck-Köster, was war der Anlass für das Positionspapier „Wissenschaftliche Weiterentwicklung in der Intensivpflege“?

Die DGF hat früh erkannt, dass ein Studium auf Grundlage von Advanced Nursing Practice für immer mehr berufserfahrene Mitglieder von persönlichem Interesse ist. Durch meine Tätigkeit sowohl in der Fort- und Weiterbildung als auch in der Hochschulbildung kann ich dies ebenfalls deutlich beobachten. Es stand somit immer stärker die Frage im Raum, wo sich Intensivpflegende nach abgeschlossenem Studium berufspolitisch wiederfinden. Es galt zudem mehr denn je, innovative Karrierewege für Intensivpflegende mit Master-Abschluss aufzuzeigen. Also stellte ich beim Vorstand der DGF einen Antrag, um gemeinsam mit weiteren Kollegen ein Positionspapier zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung in der Intensivpflege zu erarbeiten. Ich hielt es angesichts der fortschreitenden Akademisierung und Professionalisierung für logisch, uns als Gesellschaft adäquat zu positionieren.

Von wem wurde das Papier erarbeitet?

Die Arbeitsgruppe bestand aus fünf DGF-Landesbeauftragten – Christa Keienburg, Arnold Kaltwasser, Andreas Schäfer, Tobias Becker und mir. Zu unserer Freude wurden wir von Frau Professorin Uta Gaidys unterstützt, die bereits seit Jahren dem wissenschaftlichen Beirat der DGF angehört. Ich freue mich, dass das Positionspapier im März sowohl vom Vorstand als auch von den Landesbeauftragten freigegeben wurde. Alle Interessierte können sich das Papier auf der Homepage der DGF herunterladen.

Im Positionspapier wird Advanced Nursing Practice, kurz ANP, als „Antwort auf komplexe Versorgungsprozesse“ gefordert. Das klingt abstrakt. Wie kann ANP auf der Intensivstation konkret aussehen?

Um dies zu beantworten, möchte ich zunächst die Pflegewissenschaftlerin Rebecca Spirig zitieren. Sie definierte die folgenden sieben Subrollen einer Advanced Practice Nurse (APN) auf Masterniveau: die der Praktikerin, die der Expertin, die der Beraterin, die der Lehrerin, die der Forscherin, die der Vertreterin und die der Leiterin. Übertragen auf die Praxis einer Intensivstation bedeutet dies: In ihrer Rolle beispielsweise als Praktikerin kann eine APN für das Assessment und die Diagnostik zuständig sein. Sie ist kompetent, klinisch-physische Untersuchungen vorzunehmen, die beispielsweise auf das kardio-vaskuläre, respiratorische oder metabolische System bezogen sind. Sinnvolle Aufgaben der Praktikerin wären darüber hinaus die Überwachung und Anpassung des Delir-, Analgesie- und Sedierungsmonitorings sowie der Weaning- und der Ernährungssituation der kritisch kranken Menschen.

Wie könnte die zweite genannte Subrolle einer APN – die der „Expertin“ – ausgefüllt werden?

Indem sie ihre pflegerische Versorgung an Evidenzen ausrichtet, also stets den aktuellen Stand der Forschung miteinbezieht. Oder indem sie evidenzbasierte Leitlinien recherchiert sowie Konzepte, Standards und Verfahrensanweisungen entwickelt. Diese gibt sie dann auch an ihre Kollegen weiter – da wären wir dann auch schon bei der Rolle der Beraterin und Lehrerin.

Das alles klingt in der Theorie gut. Doch ist eine Umsetzung von ANP auf Intensivstationen angesichts des Personalmangels und der knappen Budgets realistisch?

Ich bin fest davon überzeugt, dass ANP zur Verbesserung der Versorgungsqualität und damit auch im Sinne der Patienten- und Angehörigenzufriedenheit nicht mehr aufzuhalten ist. Dies zeigen bereits jetzt Beispiele von Studiengangsabsolventen, die entsprechende Stellen in Kliniken bekleiden. Einige Häuser, insbesondere in Freiburg, Düsseldorf und Hamburg, setzen Pflegeexperten APN und ihre Kompetenzen bereits ganz gezielt ein, etwa im Bereich der Delirprävention, im Weaningprozess oder im Dysphagie- Management. Zugegeben: Noch ist die Zahl gering, aber die bislang tätigen Pflegeexperten APN in der Intensivpflege sind definitiv Leuchttürme mit Strahlkraft.

Welche Kompetenzen von APN werden auf Intensivstationen künftig gebraucht werden?

Einige dieser Kompetenzen habe ich bereits genannt. Eine Rolle von APN, deren Bedeutung in Zukunft zweifellos steigen wird, liegt in der Beratung von Patienten und Angehörigen – zum Beispiel bezogen auf Diabetes und die Wundversorgung. Mit solchen spezialisierten Pflegenden werben ja heute schon einige Kliniken. Das sind interessante Handlungsfelder auch für ältere Intensivpflegende, deren Wissen künftig unbedingt bewahrt und weitergegeben werden muss. Viele Pflegeexperten, die ihr ANP-Studium an der HAW absolviert haben, sehen ihre Rolle aber auch ganz eindeutig in der klinischen Leitung – also im Clinical Leadership. Pflegende in der direkten Patientenversorgung, die im Sinne des Clinical Leaderships auch über Führungskompetenzen verfügen, werden auf Intensivstationen künftig mehr denn je gefragt sein, insbesondere im Hinblick auf den Qualifikationsmix.

Inwiefern?

Intensivstationen benötigen in Zukunft Führungspersönlichkeiten, die über spezialisierte pflegerische Expertise verfügen. Sie müssen Entwicklungsprojekte koordinieren und innovative Problemlösungsstrategien initiieren können. Ein Pflegeexperte APN in der Leitungsfunktion muss zudem erkennen können, welche Themen künftig eine Rolle spielen, wie Versorgungsprozesse priorisiert und wie Strategien angegangen werden. Das alles sind neue anspruchsvolle Aufgaben, die mit einem erweiterten Entscheidungs- und Handlungsspielraum einhergehen. Aus meiner Sicht birgt das nicht nur die große Chance, diese hochqualifizierten Pflegenden an ihre Häuser zu binden, sondern insgesamt wird ein erheblicher Beitrag geleistet, die Intensivpflege wissenschaftlich weiterzuentwickeln und damit zukunftsfest zu machen. Das ab sofort erhältliche Positionspapier soll auf diesem Weg eine Orientierung bieten. Und das ist dem Autorenteam auch gut gelungen!

Frau Blanck-Köster, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

 

 

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