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  • 02.05.2018
  • Praxis

Snoezelen auf der Intensivstation

Intensivpflege in anderem Licht

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2016

Seite 40

Grelles Licht, Unruhe, Lärm – die Umgebung einer Intensivstation verursacht bei vielen Patienten Stress und Angst. Entgegen wirken kann das Snoezelen – eine Methode aus den Niederlanden, bei der negative Gefühle reduziert und positive Assoziationen geweckt werden sollen.

119, 120, 121 – fertig! Obwohl ich ganz genau weiß, dass es 121 Kacheln an der Wand sind, zähle ich sie einfach immer wieder. Es ist eigentlich auch ganz egal, wie viele Kacheln es sind, es ändert ja nichts an meiner Situation, aber es lenkt mich wenigstens etwas ab, sie zu zählen. Seit 36 Tagen liege ich schon hier, hier auf der Intensivstation. Ständig Alarme, ständig Licht. Nicht einmal richtig schlafen können, seit Wochen. An den beißenden Geruch des Desinfektionsmittels werde ich mich einfach nie gewöhnen. Schon immer hasste ich diesen Krankenhausgeruch, der einen gleich dazu bringt, sofort umdrehen zu wollen. Der ständige Blick auf den Spritzenwagen, den blinkenden Monitor, die Infusionen, die Dialysemaschine, auf meine geschwollenen Arme und Hände – und natürlich die Kacheln. Ich mache die Augen zu und möchte nicht mehr denken. In meinem Kopf soll nicht nur noch die Krankheit Thema sein. Ich kneife sie ganz fest zusammen, auf einmal sehe ich meine kleine Tochter vor meinem inneren Auge. Ich sehe, wie sie vor mir steht, zu mir hochguckt und sagt: „Papa, du siehst nicht gut aus. Du bist krank. Wenn man krank ist, muss man sich Ruhe gönnen, ausschlafen und sich erholen.“ Ja, wie recht sie doch hat, denke ich. Dann kommt eine Schwester zu mir ins Zimmer. Sie stellt sich mir vor, setzt sich zu mir und fragt mich, ob ich Interesse daran habe, zu Snoezelen.

Alternative Erlebniswelt

Snoezelen, was ist das? Snoezelen (snuseln ausgesprochen) setzt sich aus den zwei Worten „snuffelen“ (schnuppern, schnüffeln) und „doezelen“ (dösen, schlummern) zusammen. Es entstand in den 70er-Jahren, als zwei niederländische Zivildienstleistende auf die Idee kamen, eine alternative Erlebniswelt für Bewohner mit Behinderung zu entwickeln, die zu beeinträchtigt waren, um an vielen Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Sie entwickelten einen Raum, in dem es möglich war, alle Sinne anzusprechen, Naturgeräuschen zu lauschen, verschiedenste Düfte zu riechen, bewegte Lichter zu beobachten – und dabei einfach nur zu entspannen.

Snoezelen entwickelte sich rasch weiter. Schnell wurde es mehr als ein reines Freizeitangebot. Heute hat die Methode in den unterschiedlichsten Bereichen sozialer Arbeit Einzug genommen. Snoezelen findet Anwendung als Therapie und Förderung zugleich. Es ist ein gezieltes und individuell ausgesuchtes Angebot, das aktivierend oder entspannend wirkt, Erinnerungen weckt und Ängste löst.

Wenn ein Mensch etwas wahrnimmt, dann werden Informationen der fünf menschlichen Sinne im Gehirn weitergeleitet. Bei der Verarbeitung dieser ausgewählten Informationen spielt das limbische System eine große Rolle. Es gleicht die erhaltenen Informationen mit bereits gemachten Erfahrungen ab; es findet eine emotionale Bewertung dessen statt, was wahrgenommen wird. Menschen verbinden also Gefühle mit einem Duft, einem Lied oder einem Geschmack. Das limbische System macht somit unsere Wahrnehmung subjektiv. Zudem arbeitet es eng zusammen mit Hypophyse und Hypothalamus. Diese reagieren auf Signale des limbischen Systems mit entsprechenden Hormonausschüttungen. So sorgt bei manchen Menschen allein der Anblick einer Spritze für großes Unbehagen, wenn damit bereits schlechte Erfahrungen gemacht worden sind. Gleichzeitig erfolgt die Ausschüttung von Stresshormonen, die wiederum für einen erhöhten Blutdruck oder Schweißausbrüche sorgen können. Andere Personen wiederum haben keine negativen Assoziationen in Bezug auf Spritzen. Eine ähnliche Wirkung tritt ein, wenn man morgens von seinem Lieblingslied geweckt wird. Der Kreislauf kommt in Schwung, wir sind gut gelaunt und können positiv und voller Kraft in den Tag starten. Es zeigt sich, wie eng unser seelisches und körperliches Befinden mit dem, was wir wahrnehmen, in Zusammenhang stehen. Die Wahrnehmung bestimmt die subjektive Realität.

Grelles Licht, der Blick auf angstmachende Maschinen oder die kahle Decke, laute Alarme, unangenehme Gerüche, Schmerzen – wenn man sich bewusst macht, was ein Intensivpatient den ganzen Tag um sich herum sieht oder hört, was er zum Teil schmeckt, riecht oder was er fühlen muss, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, was allein diese Umstände mit einem Menschen machen. Die Belastung der Betroffenen ist enorm hoch. Das sorgt für Stress, schwächt und wirkt in keiner Weise unterstützend für den Heilungsprozess – im Gegenteil. Genau das ist der Punkt, an dem man mit Snoezelen ansetzen kann.

Wenn man mit einem Patienten snoezelt, sollen negative Eindrücke reduziert und mit dem Zugang über die Sinne positive Assoziationen geschaffen werden. Patienten, die aufgrund des Lichts, der Unruhe und des Lärms der Intensivstation von zu vielen Sinneseindrücken geplagt sind, wird so die Möglichkeit gegeben, zur Ruhe zu kommen. Ein Patient, der in seiner Wahrnehmung eingeschränkt ist, kann gefördert werden, indem seine Sinne gezielt stimuliert werden. Gesnoezelt werden kann auf unterschiedliche und individuelle Weise. Die Methode ist genauso anwendbar bei wachen, ansprechbaren und orientierten Patienten als bei unruhigen, demenzkranken und neurologischen Patienten.

Emotionen wecken

Wenn es auf der Intensivstation keinen Snoezelen-Raum gibt, besteht die Möglichkeit, für den Patienten angenehme Snoezelen-Materialien aus einem mobilen Wagen auszusuchen und zusammenzustellen. In einem Snoezelen-Wagen befinden sich alle erdenklichen Materialien, die die Sinne ansprechen – etwa Lampen in verschiedenen Farben, Lichterketten, Glitzerlampen oder Leuchten, die ein sich langsam bewegendes Muster an die Decke werfen. Auch Musik-CDs aus verschieden Jahrzehnten und Hörbücher sollten darin enthalten sein. Darüber hinaus ist es sinnvoll, wenn der Wagen eine Reihe ätherischer Öle, duftende Lotionen, Massagehandschuhe, gefüllte Tastkissen, Igelbälle, Massageöle sowie Fango- oder Vibrationskissen beinhaltet.

Kann der Patient selbst nicht befragt werden, welche Materialien ihm gefallen, ist die enge Zusammenarbeit mit den Angehörigen wichtig. Sie bringen persönliche Gegenstände des Patienten mit und unterstützen die Pflegeperson bei der Auswahl. Mit dem Wissen, dass Sinneseindrücke einen erheblichen Einfluss auf das seelische und körperliche Wohlbefinden haben, wird die Vorgehensweise in Abhängigkeit individueller Vorlieben, Hobbys, Abneigungen oder Kontraindikationen – etwa Allergien, Epilepsie oder Ängste – genau abgewogen.

Bevor man mit dem Snoezelen beginnt, erfolgt ein gezielter Blick ins Zimmer, um Störfaktoren zu minimieren: Unter anderem sollten die Perfusoren und Infusomaten vor der Snoezelen-Zeit möglichst voll sein, um störende Alarme zu verhindern. Je nach Stabilität des Patienten werden die Alarme am Überwachungsmonitor und der Intervall der Blutdruckmessung angepasst sowie der Monitor auf Privat oder die Beatmungsmaschine auf Nachtmodus gestellt. Das Zimmer kann auf Wunsch etwas abgedunkelt werden, sodass eine ausreichende Beobachtung des Patienten jedoch jederzeit möglich ist. Natürlich soll die Überwachung zu keiner Zeit beeinträchtigt werden. Im Gegenteil: Die Beobachtung der Patienten und die Evaluation der gewählten Maßnahmen hat einen sehr hohen Stellenwert, denn Snoezelen weckt Emotionen.

Ist die Auswahl getroffen, werden die Materialien aufgestellt, der Patient eventuell bequem und sicher gelagert, Lichter oder Musik angeschaltet. So ist in kurzer Zeit das sonst sterile, kalte Patientenzimmer in einen warmen Raum verwandelt, der zum Wohlfühlen einlädt. Jetzt kann gesnoezelt werden – entweder alleine, mit den Angehörigen oder mit der Pflegeperson. Ist diese anwesend, besteht die Möglichkeit, Elemente der täglichen Prophylaxen und Pflege ins Snoezelen zu integrieren. So kann zum Beispiel bei Patienten mit einer Pneumonie vor einer Snoezelen-Einheit eine Inhalation durchgeführt werden und nach der Mobilisation in den Stuhl ein Vibrationskissen in den Rücken gelegt werden. Dieses dient gleichzeitig der Lockerung von Sekret in den Atemwegen und der Stärkung der Muskulatur. Auch die Kombination mit einer atemstimulierenden Einreibung, beruhigenden tiefen Atemzügen zu ruhiger Musik und dem Einsatz von ätherischen Ölen wie Minze oder Eukalyptus ist möglich. Die Stimulation des Tast- und Geruchssinns kann durch Eincremen von Armen oder Beinen mit angenehm duftender Creme und Massagehandschuhen erfolgen. Es kann auch eine Colonmassage zur Obstipationsprophylaxe und, wenn gewünscht, eine beruhigende oder belebende Waschung durchgeführt werden. Auch eine Mundpflege mit dem Lieblingsgetränk kann erfolgen, um die gustatorische Wahrnehmung zu fördern. Bei Beatmungspatienten oder Patienten mit Magensonde i8st das besonders effektiv. Zudem gibt es die Möglichkeit, verschiedene therapeutische Lagerungen mit dem Snoezelen zu verbinden. Die A-Lagerung wird beispielsweise von vielen Patienten als angenehm und entspannend empfunden; sie dient zugleich der Pneumonieprophylaxe. Als sehr beliebt haben sich Lagerungen herausgestellt, die immobile Menschen mit Lagerungsschlangen oder Decken umarmen. Körpergrenzen werden dadurch spürbar gemacht. Darüber hinaus wird die Selbstwahrnehmung und das Wohlbefinden gefördert.

Die Stille genießen

Möchten der Patient und seine Angehörigen zusammen snoezeln, kann dies den Wohlfühleffekt für den Patienten erheblich steigern. Zudem gibt dies den Angehörigen das schöne Gefühl, etwas Gutes für den Patienten getan zu haben. Die Erfahrung zeigt, dass das Snoezelen gemeinsam mit dem Partner oder Kindern von Patienten als sehr angenehm empfunden werden. Davon profitieren auch die Angehörigen, da sie nicht mehr Stunden ruhig neben dem Bett des Liebsten sitzen, sondern ebenfalls der ruhigen Musik im Zimmer lauschen oder ihr Familienmitglied selbst mit duftenden Ölen einreiben können.

Patienten, die alleine snoezeln möchten, genießen häufig die im Zimmer geschaffene Ruhe. Sie stöbern beispielsweise in zur Verfügung gestellten, laminierten Zeitschriften, hören leise Hörbücher oder genießen einfach nur die Stille.

Patienten, die unter Schlaflosigkeit leiden, nutzen das Snoezelen gerne als Einschlafritual. Hier ist es sinnvoll, Lavendel-Öl auf ein Tuch zu tropfen, damit der Duft den Raum durchströmt, was zum Träumen einlädt. Andere wiederum möchten sich mithilfe des Snoezelens sogar bewusst in angstmachenden und unangenehmen Situationen ablenken oder beruhigen. So ist das Anwendungsspektrum sehr umfangreich, wobei der Patient immer die Hauptperson und der Wegweiser ist. Er zeigt und gestaltet den Weg, den er gehen möchte; die Pflegeperson unterstützt ihn dabei.

Fest in Alltag integriert

Mein persönliches Resümee: Anfangs wurde ich schief angeguckt, als ich von meiner Idee erzählte, das Snoezelen bei uns auf der Intensivstation einführen zu wollen. „Für so etwas hat keiner Zeit. Das kann man doch gar nicht auf einer Intensivstation umsetzen“, war die Reaktion vieler Kollegen. Doch gleich mit den ersten Patienten, mit denen ich zu snoezeln begann, verschwand diese Skepsis und ich bekam zusehends mehr Unterstützung.

Seit Sommer 2013 bieten wir unseren Patienten das Snoezelen regelhaft an. Es ist mittlerweile fest in den pflegerischen Alltag integriert. In nur wenigen Minuten wird aus einer Waschung Entspannung, aus einer unbeliebten Atemübung ein motivierter Gesang und aus der Besuchszeit eine lebendige Therapiestunde für Körper und Seele. Der Erfolg des Konzepts zeigt sich somit nicht allein in den zahlreichen positiven Rückmeldungen – es macht auch einfach Spaß.

Snoezelen ist ein wunderbares Angebot, den Patienten auf eine individuelle Weise zu helfen, sich besser zu fühlen, sich wieder wahrzunehmen, Glück zu spüren, Leid zu lindern und vielleicht auch schneller wieder gesund zu werden. Snoezelen ist eine Form der Zuwendung, die nicht nur den Patienten gut tut, sondern auch seinen Angehörigen und den Pflegenden selbst. So ist es ist nicht zuletzt ein weiterer Beweis dafür, wie wichtig der Einfluss der Pflege am Heilungsprozess des Patienten wirklich ist.

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