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  • 20.02.2018
  • Praxis

Umgang mit Stress und Druck im OP

Haltung bewahren

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2017

Seite 56

Stressige Situationen gehören für Pflegende im OP-Bereich zum Arbeitsalltag. Persönliche Ressourcen können dabei helfen, Stressoren frühzeitig auszuschalten und so auch die Gesundheit zu schützen.

Pflegenden im OP-Bereich ist die Situation vertraut: Wartende Patienten und Pflegekräfte stauen sich auf dem Gang zurück, Patient X liegt schon in der Schleuse, während Patient Y auf den falschen Operationstisch gelegt wurde. Patient Z soll in den Aufwachraum, der Operateur wird ungeduldig, der Anästhesist wartet – nun herrscht Hektik. Schnelles Umlagern ist gefragt, rasches Koordinieren erforderlich. In solchen Situationen ist Stress oft vorprogrammiert.

Personalmangel und Einsparungsmaßnahmen gehören für Arbeitnehmer im Gesundheitswesen bereits zum Arbeitsalltag. Pflegende im OP-Bereich müssen darüber hinaus mit einer Vielzahl von Anforderungen in ihrem Berufsumfeld zurechtkommen: Ständig wechselnde Patienten innerhalb kurzer Zeit optimal zu versorgen bei gleichzeitigem Druck, die Nahtschnittzeiten möglichst kurz zu halten ist ein Balanceakt, der ein hohes Maß an Koordinationsgeschick erfordert.

Es stellt sich die Frage, wie es Pflegepersonal im Arbeitsfeld Operationssaal gelingt, bei omnipräsentem Zeitdruck, den Ansprüchen an interdisziplinäre Zusammenarbeit und hohe Hygienestandards, nicht gestresst zu sein. Der Satz, „Wenn du die Situation nicht ändern kannst, dann ändere wenigstens die Einstellung dazu“, löst diese Frage ganz trivial: Haltung bewahren und die eigene Einstellung zur Situation verändern. Lässt sich diese Lebensweisheit auch im hektischen Alltag des OP-Bereichs positiv nutzen?

Das können Sie tun, wenn Stress entsteht 

  1. Fokussieren: Konzentration auf die eigene Person richten,    Emotionen ablegen
  2. Evaluieren: Was ist passiert, wieso und warum?
  3. Priorisieren: Was macht wer und in welcher Reihenfolge?
  4. Kommunizieren: Motivation vermitteln, klare Absprachen    gewährleisten

Stress als ständiger Begleiter am Arbeitsplatz

Nach Angaben der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz leiden in der Europäischen Union etwa 22 Prozent der Erwerbstätigen unter arbeitsbedingtem Stress. Das heißt, mindestens 48 000 000 Menschen sind dauerhaftem Stress nicht nur ausgesetzt, sondern leiden auch gesundheitlich und psychisch unter den vorherrschenden Bedingungen am Arbeitsplatz.

Das arbeitspsychologische Stressmodell der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege (BGW) beschreibt Stress am Arbeitsplatz grundsätzlich als negativ. Stress ist ein Vorgang, der abhängig von der individuellen Situationsbewertung des Einzelnen ist und durch Stressoren beziehungsweise Risikofaktoren ausgelöst wird.

Verschiedene Ressourcen können dabei helfen, diese Faktoren zu beeinflussen. Die Individua- lität des Einzelnen mit seinen personenbezogenen Ressourcen spielt dabei eine wesentliche Rolle in der Bewertung und Bewäl- tigung „stressiger“ Situationen. Was den einen nicht tangiert, kann für den anderen schon ein bedeutsames Maß an Belastung bedeuten und umgekehrt.

Eine aktuelle Studie hat nun konkret elf belastende Faktoren am Arbeitsplatz identifiziert, die die Gesundheit des Einzelnen potenziell gefährden können. Hierzu zählen die Wissenschaftler neben einer hohen Arbeitsintensität, Überstunden und Schichtarbeit. Aber auch fehlende Wertschätzung oder eine geringe soziale Unterstützung werden aufgeführt. Kritisch ist dabei, dass es laut der Arbeitsgruppenleiterin Prof. Dr. Renate Rau von der Universität Halle-Wittenberg keiner akuten Krankheit bedarf, dass Mitarbeiter bereits weniger effizient arbeiten würden: „Es reicht, dass durch schlecht gestaltete Arbeitsbelastungen die Leistungsvoraussetzungen der Mitarbeiter beeinträchtigt werden.“

Eigene Ressourcen nutzen

Pflegende im OP-Bereich befinden sich in einem Arbeitssystem, das in den seltensten Fällen perfekte Arbeitsbedingungen vorweisen kann. Eine große Chance, um trotz aller Umstände möglichst stressfrei zu bleiben und damit die eigene Gesundheit zu erhalten, liegt in der Nutzung individueller Ressourcen.

Haltung bewahren: Häufig leidet die eigene Haltung sich selbst und anderen gegenüber unter andauerndem Stress und verändert sich zum Negativen hin. Eine positive Grundeinstellung kann dabei helfen, auch belastende Momente aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, um so potenziellen Stressoren frühzeitig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Den Blick von sich auf andere zu richten und zu hinterfragen, wie es anderen mit der konkreten Situation geht, kann dabei helfen, mehr Verständnis aufzubringen und damit seine eigene Sicht positiv zu verändern.

Ausgleich und Selbstpflege: In stressigen Zeiten werden vermeintlich „unwichtige“ Dinge wie Hobbies oder Sport gerne aufgeschoben. Dabei spielt ein Ausgleich gerade dann eine wichtige Rolle, wenn ein hohes Arbeitspensum gefordert wird. Neue Kraft schöpfen, um dann wieder mit Energie weitermachen zu können, hat einen hohen Stellenwert für die Regeneration der Psyche.

Rituale schaffen: Persönliche Rituale bieten eine Struktur und können dabei helfen, hektische Situationen zu entschleunigen. Hierbei ist Individualität gefragt. Sei es die morgendliche Tasse Kaffee bei der Übergabe oder eine kurze Erfrischung mit Wasser ins Gesicht zwischen zwei Operationen. Hier muss jeder für sich überlegen, was für ihn richtig erscheint.

Um Hilfe bitten: Stressige Situationen werden von jedem unterschiedlich bewertet. Darüber hinaus ist für Kollegen das Arbeitspensum des anderen häufig nicht transparent. Nur wer aktiv um Hilfe und Unterstützung bittet, kann sicherstellen, diese auch zu erhalten. Dabei muss nicht ausschließlich auf die eigene Berufsgruppe zurückgegriffen werden. Oft hilft ein wartender Dritter lieber, als herumzustehen und die Sekunden zu zählen.

Achtsamkeitsübungen: Bewusstes tiefes Durchatmen oder das langsame Zählen bis zehn sind einfache Strategien, um innerhalb kurzer Zeit die Konzentration zu steigern und die Aufmerksamkeit zu erhöhen.

Bewusster Stress-Stopp und Kommunikation: Gerade in hektischen Zeiten kann es hilfreich sein, die Situation bewusst kurz zu unterbrechen, neu zu sortieren und damit zu entzerren. Ein hierfür eingeräumtes Zeitfenster von zehn bis 30 Sekunden kann überflüssige Arbeit sparen und allen Beteiligten Klarheit verschaffen. Im Team werden dann folgende Punkte abgearbeitet: Zunächst wird das Problem fokussiert, eigene Emotionen rücken in den Hintergrund. Anschließend wird die Situation evaluiert und anstehende Tätigkeiten priorisiert. Hier ist eine klare Kommunikation mit Absprachen zwischen allen Beteiligten unentbehrlich. Der bewusste Stress-Stopp ist nicht nur im Team anwendbar. Auch als Einzelperson kann es hilfreich sein, zwischendurch kurz in sich zu gehen, um hektische Situationen neu zu sortieren.

Stressoren entgegenwirken

Stress im Arbeitsumfeld als gesundheitsschädliche Komponente zu kennen und Stress auslösende Faktoren identifizieren zu können, sind erste wichtige Schritte zur eigenen Gesunderhaltung. Gerade im OP-Bereich sind Konzentration und Leistungsfähigkeit gefragt. Die vorgestellten Möglichkeiten können dabei helfen, individuellen Stressoren frühzeitig entgegenzuwirken, um mehr Energie für Wichtigeres zu haben. Die eigenen Stärken und Möglichkeiten lassen sich dazu nutzen, um in stressigen Situationen gelassener reagieren zu können – und so gesund zu bleiben.

 

 

Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (Hrg.) (2012): BGW-Stresskonzept – Das arbeitspsychologische Stressmodell. www.bgw-online.de, Abruf: 13.09.2016

Studie benennt elf krankmachende psychische Belastungen in der Arbeitswelt. 25. Mai 2016. www.aerzteblatt.de/nachrichten/67813. Abruf: 9.9.2016

 

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