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  • 16.03.2018
  • Praxis

Komplementäre Pflege

Klangschalen beruhigen

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2017

Seite 38

Intensivpatienten sind einer ständigen Geräuschkulisse ausgesetzt, die auf Dauer Stress verursacht. Am Helios-Amper Klinikum in Dachau werden Klangschalen auf der Intensivstation eingesetzt, um diese Belastungen zu mindern und das Wohlbefinden der Patienten zu steigern. Das bisherige Ergebnis sind reduzierte Atemfrequenzen und sichtbare Entspannung.

Herr M. kam als Notfall auf die Intensivstation. Er litt an einem massiven Koronarverschluss und musste reanimiert werden. Im Anschluss war er über eine längere Zeit beatmungspflichtig. In der Aufwachphase hatte Herr M. eine Atemfrequenz von 40 bis 45 pro Minute und machte einen gestressten Eindruck.

Um das Wohlbefinden des 70-jährigen Mannes zu steigern, entschied sich die betreuende Intensivpflegende für eine Klangschalentherapie. Diese zeigte schnell positive Effekte: Bereits nach fünf Minuten wurde die Atmung tiefer und zunehmend ruhiger. Am Ende der Intervention wies Herr M. eine Atemfrequenz von 15 bis 17 pro Minute auf, er lag entspannt im Bett. Auch der Blutdruck senkte sich.

Stress beeinflusst Atmung

Das Praxisbeispiel macht deutlich, dass sich Patienten auf der Intensivstation in einer Ausnahmesituation befinden und häufig unter Stress stehen – unabhängig von der Ursache ihrer Erkrankung oder der Behandlung. Unsicherheit und Angst können nachteilige gesundheitliche Folgen haben, zum Beispiel eine verminderte Darmaktivität, einen Anstieg des Blutdrucks oder eine Tachypnoe. Gerade Letztere wirkt dem Behandlungsziel einer guten Ventilation der Lunge und einer guten Oxygenierung entgegen.

Optimal ist bei beatmeten Patienten eine tiefe, entspannte Bauchatmung. Diese führt in der Regel zu einer gut ventilierten Lunge und damit auch zu guten arteriellen Blutgas-Werten. Nur wenn diese Werte stimmen, kann die Unterstützung durch die Beatmungsmaschine schrittweise reduziert werden – von BIPAP auf CPAP und an das T-Stück. Es ist für beatmete Patienten folglich von enormer Bedeutung, ihnen nicht nur Schmerzen, sondern auch Angst, Unsicherheit und das Gefühl des Ausgeliefert-Seins zu nehmen. Nur so kann auch eine gute Lungenventilation erreicht werden. Dies gilt gerade während einer längeren Beatmungsphase und insbesondere dann, wenn sich der Patient in der Weaning-Phase befindet.

Klänge wirken vielseitig

Das Praxisbeispiel zeigt auch: Stress bei Intensivpatienten ist kein unausweichliches Phänomen. Das Gehör kann nicht einfach abgeschaltet werden. Es nimmt in jeder Lage Reize auf und verarbeitet diese weiter. An diesem Punkt setzt die Klangschalentherapie an. Sie dämpft Geräusche und bringt dem Patienten Entspannung und Wohlbefinden. Je entspannter dieser ist, desto ruhiger und tiefer wird folglich auch die Atmung. Die Schwingungen der Klangschalen vermitteln aber nicht nur über das Gehör das Gefühl von Geborgenheit, Vertrautheit und Sicherheit. Sie wirken auch auf verschiedene andere Bereiche, wie etwa die Zellen, die Muskulatur, den Magen-Darm-Trakt und das vegetative Nervensystem.

Ein weiterer Vorteil ist die Verbesserung des Schlafes. Viele Patienten verlieren auf einer Intensivstation ihren Tag-Nacht-Rhythmus und liegen nachts wach und angespannt im Bett. Bei der Anwendung auf der Intensivstation der Helios Amper-Kliniken schliefen viele Patienten noch während der Klangschalentherapie ein. Eine Besonderheit ist hierbei die nachhaltige Dauer des Schlafes. Dieser hielt oft mehrere Stunden an.

Die Schwingungen der Klangschalen führen schließlich auch somatosensorisch zu einer verbesserten Wahrnehmung und damit zu einer besseren Orientierung. Zahlreiche Patienten auf der Intensivstation leiden postoperativ unter einem Delir. Darüber hinaus sind diese insbesondere dann orientierungslos, wenn sie auf Luftkissenmatratzen liegen. Diese verstärken eine Wahrnehmungsstörung, weil sie das eigene Körpergefühl schwinden lassen. Die Klangschalentherapie unterstützt die körpereigene Wahrnehmung. Der Patient kann sich wieder mehr spüren und in der Folge leichter orientieren.

Leicht zu integrieren

Um eine Klangschalentherapie durchführen zu können, ist eine Ausbildung in dieser Praxis sehr wichtig. Diese beträgt zwischen 26 und 84 Stunden in der Grundausbildung. Zunächst sollten dabei Übungen bei Gesunden gemacht werden, bevor man die Massage bei kranken oder beatmeten Patienten durchführt. Wissen und Erfahrung sowohl in der Klangschalentherapie als auch in der Intensivpflege sind dabei unablässig.

Normalerweise werden Klangschalen auf dem bekleideten Körper aufgestellt. Möglich sind Hände und Füße sowie der abdominelle und thorakale Bereich. Die Besonderheiten der Intensivstation erfordern aber häufig ein Abweichen von dieser klassischen Form. Hier werden die Schalen neben den Körper des Patienten gestellt. Die drei Klangschalen können am Fußende oder zwischen den Füßen, sowie im Schulterbereich rechts und links neben der Schulter platziert werden.

Eine Klangschalentherapie bei Intensivpatienten dauert meist nur fünf bis zehn Minuten, da sich die erwünschten Folgen – sichtbar am Patienten und am Monitor – rasch einstellen. Damit kann die Anwendung auch in den zeitlichen Rahmen des Intensivablaufs integriert werden.

Die Erfahrung zeigt, dass sich Klangschalen sehr gut auf einer Intensivstation einsetzen lassen. Die Klangschalentherapie hat eine positive Wirkung auf Körper, Geist und Seele und entspannt somit den gestressten Intensivpatienten. Das ärztliche Personal des Helios-Amper Klinikums ist von der Methode überzeugt und befürwortet den Einsatz von Klangschalen auf der Intensivstation. Eine wissenschaftliche Evaluation der Auswirkungen und Ergebnisse wird derzeit vorbereitet.

 

Seidenath, G. (Hrsg): Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie 3|14, S. 130, Stuttgart/New York: Georg Thieme Verlag

Hess P. (2011): Klangschalen – Gesundheit und innere Harmonie. München: Südwest

Hess P.; Koller C. (Hrsg) (2010): Peter Hess- Klangmethoden im Kontext von Forschung und Wissenschaft, Schüttdorf: Verlag Peter Hess.

Hess P. (2012): Die heilende Kraft der Klangmassage. München: Irisiana.

Rathgeber J. (Hrsg) (2010): Grundlagen der maschinellen Beatmung-Einführung in die Beatmung für Ärzte und Pflegekräfte. Stuttgart/New York: Thieme

Seidel W. (2009): Emotionspsychologie im Krankenhaus, Springer Spektrum