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  • 29.08.2018
  • Forschung

Morbus Parkinson

Im Takt gegen die Krankheit

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2018

Musik- und Tanztherapie wirken sich positiv auf Emotion, Kognition und Motorik von Parkinsonpatienten aus. Mehrere Studien belegen die Wirksamkeit beider Therapieansätze. Ihr verstärkter Einsatz in der Praxis scheint daher ratsam. 

Musik kann bei der Heilung von Krankheiten helfen. Sie wirkt auf den Blutdruck, die Atmung und andere Körperfunktionen (2). Bei von Morbus Parkinson betroffenen Menschen verbessern Melodien das aufgrund der Krankheit gestörte Rhythmusgefühl (1). Diese Effekte werden für therapeutische Anwendungen wie Tanztherapie oder musikgestütztes Gangtraining genutzt. Betroffene trainieren hierbei beispielsweise zum Klang eines gleichmäßigen Grundschlags das Gehen (2). 

Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft stellt in den Kasseler Thesen zur Musiktherapie aus dem Jahr 1998 fest: „Musiktherapie ist eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin, die in enger Wechselwirkung zu verschiedenen Wissenschaftsbereichen steht. Insbesondere der Medizin, den Gesellschaftswissenschaften, der Psychologie, der Musikwissenschaft und der Pädagogik“ (7). Der gezielte Einsatz von Melodien hat also eine therapeutische Wirkung auf die Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung der psychischen und körperlichen Gesundheit (7). Durch beispielsweise therapeutisches Singen können von Morbus-Parkinson-Betroffene Stimme und Atmung gezielt beeinflussen, sodass sie besser und deut‧licher sprechen (3). 

Nachweislich positive Wirkung

Musik- und Tanztherapie haben einen nachweislich positiven Einfluss auf Betroffene mit Morbus Parkinson. 

Beweglichkeit: Im Verlauf der Parkinson’schen Erkrankung nimmt die Beweglichkeit der Betroffenen kontinuierlich ab. Die Schritte werden kleiner und Gang- sowie Gleichgewichtsstörungen kommen hinzu (11). Dass Musik- und Tanztherapien eine lindernde Wirkung auf die Symptomatik haben, wurde in den erwähnten Studien aufgezeigt. Die Studie von Dahmen-Zimmer und Jansen (10) sowie von Cochrane in Österreich (1) bestätigen, dass sich die Beweglichkeit und die Balance verbessern können. Das wirkt sich positiv auf die Körperhaltung und auf das Gangbild von Morbus-Parkinson-Erkrankten aus (1, 10). 

Stimmung: Bis zu 70 Prozent der von Parkinson Betroffenen entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung eine Depression (11). Es ist bewiesen, dass die Therapieansätze eine Verbesserung in der Stimmung und bei einer Depression haben (10, 12). Die Erkrankten empfinden Freude an den Tanzstunden. Das gemeinsame Erleben von den Personen und die Bewegung zu der Musik verbinden ein positives, motivierendes Erlebnis (10,12). 

Soziale Interaktion: Die Krankheit verändert in vielen Fällen das Erscheinungsbild, wofür sich viele Erkrankte schämen. Daher meiden viele der Betroffenen den Kontakt mit anderen und ziehen sich nach und nach zurück (11). Die Folge ist eine immer weiter zunehmende Isolation (12). Die Schlussfolgerung von Lewis et al. (12) und von Hackney und Bennett (13) war, dass Musik- und Tanztherapie die soziale Interaktion fördern und verbessern können. Durch die Trainingsgruppen und das regelmäßige Treffen von erkrankten Personen können neue Kontakte geknüpft werden (11). Die Betroffenen können sich auch über ihre Erfahrungen austauschen und die emotionale Wahrnehmung besser verarbeiten. Die Therapie wird zu einer soziale Aktivität. Die Veranstaltungen in der Gruppe können auch neue Freundschaften initiieren (4).

Die Tanztherapie ist eine psychotherapeutische Disziplin aus dem Bereich der künstlerischen Therapien (4). Im Jahr 1940 entwickelten Chace et al. (5) in den USA verschiedene tanztherapeutische Richtungen. Sie definieren Tanztherapie als „die psychotherapeutische Verwendung von Bewegung im Sinne eines Prozesses, der die emotionale und körperliche Integration des Individuums zum Ziel hat“ (5). Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist die starke Vitalisierung im Tanz, zudem spielt das unmittelbare Körpererleben eine bedeutsame Rolle. Der Tanz als „höchster Ausdruck menschlichen Lebensgefühls setzt gewaltige Kräfte im Menschen frei, von denen er im Normalzustand nichts ahnt, der Tanz eröffnet ihm Zugang zum kollektiven Unterbewusstsein“ (4). Der positive Einfluss von Bewegung spiegelt sich ebenso in sozialen und kommunikativen Aspekten wider. Die gemeinsamen Stunden binden die Kranken in die Gemeinschaft ein und verhindern so eine soziale Isolierung (5).

Musik und Tanz als Stimmungsaufheller

Die Wirkung beider Therapieansätze auf von Morbus-Parkinson-Betroffene stellen Harfinger et al. (1) in ihrem Review vor. Sie zeigen, dass musikalische Geh- oder Tanzübungen zu einer verbesserten Beweglichkeit und Stabilität führen können. Die Balance verbessert sich, was der Sturzprophylaxe dient. So wurden die Schritte der Betroffenen größer und sie konnten schneller aus dem Sitzen aufstehen und gehen (1). 

Andere Studien belegen, dass die Erkrankten wieder mehr Kontrolle über ihren eigenen Körper erlangen und verstärkt am sozialen Leben teilnehmen (13). Markant ist auch, dass eine Depression durch diese Therapien verringert werden kann (13). Schon die Teilnahme an wöchentlichen Tanzkursen kann die Stimmung bei Morbus-Parkinson-Erkrankten verbessern (12). 

Zahl der Erkrankten verdoppelt sich bis 2030

Nach Angaben der Deutschen Parkinson Gesellschaft sind weltweit rund 4,1 Millionen Menschen an Morbus Parkinson erkrankt. In Deutschland sind etwa 250.000 Menschen betroffen (8). Bis 2030 steigt die Zahl an Betroffenen weltweit voraussichtlich auf 8,7 Millionen (8). 

Diese Tatsache und die positive Studienlage sprechen dafür, dass Morbus-Parkinson-Betroffene Musik- und Tanztherapie im Pflegeheim, Krankenhaus oder in Rehakliniken erhalten sollten. 

Die Therapieansätze fördern insgesamt die Beweglichkeit der Betroffenen. Präventiv können die Therapien Folgeerkrankungen oder Zweiterkrankungen wie Depressionen, Kontrakturen und soziale Isolation verhindern. Regelmäßige körperliche Bewegung ist für die Erkrankten von zentraler Bedeutung (11).

Einrichtungen können Musik und Tanz in die Regelversorgung einbinden. Dies könnte durch individuelle oder Gruppeninterventionen erfolgen. Die Umsetzung kann durch qualifizierte Pflegefachpersonen durchgeführt werden. In der Akutklinik könnten Patienten auf Angebote von entsprechenden Selbsthilfegruppen hingewiesen werden.

 

(1) Harlfinger, J.; Kerschner, B.; Stigler, F. (2014): Musiktherapie bei Parkinson: heilsame Töne? www.medizin-transparent.at/musiktherapie-bei-parkinson-heilsame-toene, Abruf: 22.1.2018

(2) Bernatzky, G.; Kreutz, G.(2015): Musik und Medizin, Wien: Springer

(3) Dalla Bella, S.; Tillmann, B. (2014): Der Rhythmus des Gehens www.spektrum.de/magazin/rhythmus-als-medizin-wie-musik-parkinson-und-schlaganfallpatienten-hilft/1318320

(4) Klein, P. (1991): Tanztherapie. Büdelsdorf: Dieter Balsies Verlag

(5) Willke, E. (2007): Tanztherapie, Bern: Hans Huber

(6) Dalla Bella, S.; Tillmann, B. (2014): Der Rhythmus des Gehens www.spektrum.de/magazin/rhythmus-als-medizin-wie-musik-parkinson-und-schlaganfallpatienten-hilft/1318320, Abruf: 29.1.2018

(7) Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (1998): Kasseler Thesen zur Musiktherapie. www.musiktherapie.de/musiktherapie/definition.html, Abruf: 29.1.2018

(8) Deutsche Parkinson Gesellschaft (2013): Aktuelles – Von der Forschung in die Klinik: Die Deutsche Parkinson Gesellschaft mit neuer Präsenz im Web www.parkinson-gesellschaft.de/aktuelles/36-von-der-forschung-in-die-klinik-die-deutsche-parkinson-gesellschaft-mit-neuer-praesenz-im-web.html, Abruf: 29.1.2018

(9) Bräuninger, I.(2014): körper-tanz-bewegung – Tanz und Tanztherapie bei Parkinson- Erkrankungen. 2 (2014): 181–183

(10) Dahmen-Zimmer, K.; Jansen, P. (2017): Frontiers in Medicine – Karate und Tanztraining zu Balance verbessern und Stimmung stabilisieren, 237 (4) 1–7 

(11) Oertel, W.; Günther, D.; Werner, P. (2012): Parkinson-Syndrome und andere Bewegungsstörungen, Stuttgart: Thieme

(12) Lewis, C.; Lucy, A.; Davenport, S. (2014): Mood changes following social dance sessions in people with Parkinson’s disease. journals.sagepub.com/doi/10.1177/ 1359105314529681, Abruf: 1.2.2018

(13) Hackney, B.; Bennett, C. (2014): Dance therapy for individuals with Parkinson’s disease: improving quality of life. www.researchgate.net/profile/Madeleine_Hackney/publication/260597165_Dance_Therapy_for_Individuals_with_Parkinson‘s_Disease_Improving_Quality_of_Life/links/0deec531b803eaca8e000000.pdf, Abruf: 7.2.2018

Die Autorinnen: Medina Karjasevic; Jorun Thoma, MSc, Diplom-Pflegewissenschaftlerin, Stabsstelle Pflegedirektion, Universitätsklinikums Freiburg; Dr. Johanna Feuchtinger, Pflegewissenschaftlerin, Stabsstelle Pflegedirektion, Universitätsklinikums Freiburg