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  • 24.08.2017
  • Bildung

Einarbeitung auf der Intensivstation

Berufsanfänger eng begleiten

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2017

Am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen sorgt ein abgestuftes Gesamtkonzept für eine sorgsame Einarbeitung neuer Kollegen auf der Intensivstation. Das Ziel: Berufsanfänger sollen innerhalb von zwei Jahren ein fachliches Niveau erreichen, um Patientengruppen eigenverantwortlich betreuen zu können.

Der überwiegende Anteil der Pflegenden, die eine Tätigkeit auf den Intensivstationen des Herz- und Diabeteszentrums Nordrhein-Westfalen (HDZ NRW) aufnehmen, sind Berufsanfänger. Um Überforderung entgegenzuwirken, benötigen sie eine behutsame und sorgfältige Einarbeitung. Nur so kann der Einstieg in das hochkomplexe Arbeitsfeld einer Intensivstation gelingen.

Konzept ist in drei Phasen gegliedert

Für den Berusstart auf der Intensivstation ist im HDZ NRW ein dreiphasiges Einarbeitungskonzept entwickelt worden, das ein Bündel von Unterstützungsangeboten enthält. Die zweijährige Einarbeitung ist in insgesamt zwölf Modulen abgebildet, die sich an das Curriculum der Weiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie in Nordrhein-Westfalen anlehnen (Abb. 1). Die innere Struktur eines Moduls zeigt Abbildung 2.

Die erste Phase der Einarbeitung umfasst zunächst eine theoretische Auseinandersetzung mit dem erforderlichen Grundlagenwissen, das auf einer Intensivstation benötigt wird. Darauf folgt die praktische Einarbeitung des jeweiligen Kollegen mit Aufwachpatienten, die keine Komplikationen aufweisen. Während dieser Zeit werden die neuen Mitarbeiter über einen Zeitraum von mindestens acht Wochen von Praxisanleitern am Intensivpatienten begleitet. Nach etwa vier Wochen findet dabei ein Wechsel des Mentors statt.

In der zweiten Phase, die sich drei bis sechs Monate nach Abschluss der ersten Phase anschließt, wird das bis dahin vermittelte Wissen erweitert. Die neuen Inhalte sind nun auf die Versorgung von Patienten mit höherem pflegerischem und medizinischem Aufwand ausgerichtet. Der Kompetenzerwerb wird in dieser Phase unterstützt durch eine einwöchige Begleitung durch einen Mentor, der sowohl in der Theorie als auch in der Praxis unterstützt.

Die dritte Phase folgt nach weiteren zehn Monaten. Bis dahin haben sich die bereits erlernten Inhalte in der Praxis gefestigt. Hierauf aufbauend erfolgt nun die Einarbeitung an komplex erkrankten Intensivpatienten. Für den zeitlichen Rahmen in Phase 3 stehen insgesamt zwei Wochen zur Verfügung.

Die Wirksamkeit der Einarbeitung wird anhand eines Protokolls überprüft. Die Evaluation erfolgt nach jedem absolvierten Modul, immer auf Basis gegenseitiger Absprache. Es ist sinnvoll, diese Zeiträume im Vorfeld verbindlich festzulegen. Die Erfolgskontrolle zeigt: Wie ist der momentane Zustand der beschriebenen Probleme? Welche Veränderungen sind eingetreten? Sind die gesetzten Ziele erreicht? Wenn nicht, was sind die Gründe dafür? Die Ergebnisse der Lernzielkontrolle bilden die Grundlage für die nötige Umgestaltung und Abstimmung der weiteren Einarbeitung.

Gezielte und planvolle Mitarbeiterentwicklung

Nicht immer stehen für die geplanten Einarbeitungsphasen entsprechende Patienten zur Verfügung. Aus diesem Grund ist dieses Konzept bidirektional aufgebaut. Es können somit initial auch komplexere Tätigkeiten aus weiterführenden Phasen vermittelt werden. Analog zur strukturierten Übersicht wird daher zu jedem Modul notwendiges Vorwissen aus vorhergehenden Einarbeitungsphasen zur Schulung vorgeschlagen. Dieses kann auch in theoretischen Einheiten, also parallel zur Patientenversorgung, geschehen. Damit ist gewährleitet, dass alle Informationen in allen Phasen berücksichtigt werden können. Ergänzend werden hierzu themenbezogene Fortbildungsveranstaltungen angeboten.

Die an der Einarbeitung beteiligten Mentoren unterstützen durch ihr persönliches Engagement die gezielte und planvolle Personalentwicklung, die sich nicht nur auf die Motivation der neuen Kolleginnen oder des neuen Kollegen auswirkt, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur hohen Qualität in der Pflege leistet.

Rechercheplattform: Eine eigene Rechercheplattform ermöglicht es den Mitarbeitern, auf Skripte, Standards und Leitlinien zuzugreifen. Vertieftes und eigenständiges Lernen soll so unterstützt werden. Praxisanleiter mit einer entsprechenden Berechtigung können die neuen Mitarbeiter nach erfolgreicher Registrierung freischalten. Ab dann besteht die Möglichkeit, auch über den privaten Rechner auf die Inhalte zuzugreifen. Ein Zugriff ist auch über eine Smartphone-App möglich.

Pflegestandards: Viele Tätigkeiten sind im HDZ NRW in Standards abgebildet, wie beispielsweise der Verbandwechsel zentralvenöser Katheter. Die Pflegestandards stellen eine wichtige Grundlage für die Einarbeitung neuer Mitarbeiter dar. Natürlich sind sie auch für langjährig erfahrene Pflegende ein gutes Nachschlagewerk. Die Standards werden in einer Arbeitsgruppe von Praxisanleitern, Wissenschaftlern und Pädagogen gemeinsam auf der Basis aktueller Literatur entwickelt und aktualisiert. Alle Pflegenden können sie über die Rechercheplattform und das Intranet abrufen.

„Helpi“: Der Helpi – kurz für: „Handliches (HDZ-) Einarbeitungstool – Lehrreich, Praxisnah und Informativ“ – ist eine praxisnahe Informationszusammenstellung für neue Mitarbeiter. Um ein patientennahes Arbeiten zu ermöglichen, passt das Format in die Kasacktasche. Durch die Laminierung der einzelnen Seiten ist eine Wischdesinfektion jederzeit möglich. Zu den Inhalten gehören Checklisten, Verfahrensanweisungen und Informationen zu den verschiedenen Arbeitsfeldern der Intensivpflege. Hier ist beispielsweise die Vorbereitung eines Intensivbettplatzes für Patienten nach kardiovaskulärchirurgischen Eingriffen zu nennen. Bei Schichtbeginn sorgt eine Checkliste für eine strukturierte Bettplatzkontrolle. Pflegende haben zusätzlich die Möglichkeit, beispielsweise kurze Informationen bei der Betreuung von beatmungspflichten Patienten nachzulesen. Das Inhaltsverzeichnis des 75-seitigen Helpi gibt einen inhaltlichen Überblick. So kann beispielsweise innerhalb kürzester Zeit auf wichtige Wirkungen und Nebenwirkungen von den gebräuchlichsten Medikamenten zurückgegriffen werden. Kleine Grafiken auf den einzelnen Seiten erleichtern die Verknüpfung der Theorie mit der Praxis am Patientenbett.

Evaluation: Nach Abschluss einer jeden Einarbeitungsphase hat der neue Mitarbeiter die Möglichkeit, online seine Einarbeitung zu evaluieren. Er kann anonym Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge abgeben. Damit besteht für alle Pflegenden die Chance, sich aktiv an der Weiterentwicklung des Einarbeitungskonzepts zu beteiligen. Zusätzlich bieten regelmäßige Evaluationsgespräche in der Einarbeitung den nötigen Raum für ein Feedback von Seiten des Mentors und des neuen Mitarbeiters. Dafür stehen auf den Intensivstationen separate Besprechungsräume zur Verfügung.

Fort- und Weiterbildung: Über ein Onlinetool können sich alle Mitarbeiter jederzeit zu unterstützenden Fortbildungen aus dem öffentlichen Fortbildungskatalog des Hauses anmelden. Das Angebot ist so konzipiert, dass Mitarbeiter mit unterschiedlichem Vorwissen passende Angebote finden. Beispielsweise wird eine vierstündige Einführung in das EKG angeboten. Für Pflegende mit Berufserfahrung und dem nötigen Basiswissen zum Thema besteht die Möglichkeit, direkt in den EKG- Aufbaukurs einzusteigen.

„One-Minute-Wonder“: Um sich im laufenden Berufsalltag über Veränderungen oder interessante Themen aus der Intensivpflege zu informieren, besteht die Möglichkeit, „One-Minute-Wonder“ (OMW) zu nutzen. Diese Kurzinformationen werden seit Februar 2017 stationsübergreifend durch ein Netzwerk von Mitarbeitern erstellt und gepflegt. Ziel der aus England stammenden Methode ist es, Wartebereiche einer Intensivstation zur Fortbildung zu nutzen. Zur Erstellung von OMW werden gezielt Mitarbeiter angesprochen, die erst seit kurzer Zeit im HDZ NRW arbeiten. Pflegende mit langjähriger Berufserfahrung unterstützen die Entwicklung ebenfalls. Über eine Evaluation konnte der Nutzen dieser Methode als Fortbildungsmöglichkeit in der Pflege aussagekräftig belegt werden.

Weiterbildungslehrgang: Wenn Pflegende zwei Jahre im Haus sind und die interne Einarbeitung abgeschlossen ist, besteht die Möglichkeit, die erworbenen Kompetenzen zu vertiefen. Dazu eignet sich der Weiterbildungslehrgang für Intensivpflege und Anästhesie. Das HDZ NRW kooperiert dafür mit drei Weiterbildungsstätten, übernimmt die Kosten und bietet jährlich neue Weiterbildungsplätze an. Um sich für die Weiterbildung zu qualifizieren, besuchen Interessenten eine Reihe von festgelegten Fortbildungen. Dazu gehören ein Beatmungsseminar, ein EKG-Grundkurs und ein Seminar zur Nierenersatztherapie. Außerdem bestehen weitere im Fortbildungskatalog ausgewiesene Veranstaltungen, um auf die staatlich anerkannte Weiterbildungsmaßnahme vorzubereiten. Bei einer Bewerbung wird die Teilnahme an diesen Veranstaltungen sowie die Betriebs- und Abteilungszugehörigkeit zum HDZ NRW anhand eines Punktesystems verrechnet. Pflegende, die vor ihrer Beschäftigung auf der Intensivstation Berufserfahrung auf einer Normalstation im Unternehmen gesammelt haben, werden so ebenfalls berücksichtigt. Ein transparenter Bewerbungsprozess ist auf diesem Weg gewährleistet.

Wissen weiter vertiefen

Auch nach dem Abschluss einer Fachweiterbildung besteht für die Mitarbeiter die Möglichkeit ihr berufliches Wissen weiter zu vertiefen durch Kongressbesuche oder die Teilnahme an Veranstaltungen im Programm der innerbetrieblichen Fortbildung die als High-Level-Training oder Refresher-Veranstaltungen gekennzeichnet sind.

Die Autoren: Birgit Schmidt; Lars Krüger, Fachkrankenpfleger für Intensivmedizin und Anästhesie, Praxisanleiter (Mail: lkrueger@hdz-nrw.de); Jens Mosel, Fachkrankenpfleger für Intensivmedizin und Anästhesie, Lehrer für Pflegeberufe