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  • 24.01.2018

Krisenintervention im Krankenhaus

Halt geben

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2017

Abgründe, menschliches Schicksal, Not und Leid gehören zum Alltag eines Krankenhauses. Mal mehr, mal weniger dramatisch. Aber oft sind es die Pflegenden, die die meistens lebensverändernden Situationen abfangen und aushalten. Was hilft in solchen Situationen?

Das Wort Krise kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Meinung, Beurteilung, Entscheidung oder Wendepunkt. Im medizinischen Sprachgebrauch ist mit einer Krise meist gemeint, dass der Scheitelpunkt einer Erkrankung erreicht ist. Entweder schlägt das Pendel in Richtung Leben oder in Richtung Tod aus. Auf jeden Fall fällt eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung.

Helfen, die Krise zu überstehen

Auch die Lebenskrisen der Hinterbliebenen gleichen einem Pendel. Die bisherige Stabilität ist nicht mehr vorhanden, das eigene Leben in den Grundfesten erschüttert. Für den Patienten ist alles getan worden. Nun stehen Pflegende vor den Hinterbliebenen und müssen helfen, die Krise akut zu überstehen. Zuwendung, Achtsamkeit, Blickkontakt und die Kommunikation ohne Worte sind eine Brücke, die die Angehörigen vielleicht erreicht, wenn sie die Botschaft des Arztes mit voller Wucht trifft.

Grundvoraussetzung ist, dass man als Pflegeerson selber gerade relativ „stabil“ ist. Denn wenn im eigenen persönlichen Umfeld gerade etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist, ist es verständlicherer Weise schwerer, Halt zu bieten. Und genau den brauchen die Hinterbliebenen.

Zeit ist ein weiterer wichtiger Faktor. Krisenintervention kennt keine Sekundenzeiger. Wenn eine Pflegeperson noch andere Patienten zu versorgen hat, versucht sie, ihren zeitlichen Raum zu organisieren. Eine kurze Absprache im Team kann Abhilfe schaffen. Lässt sich eine akute Situation nicht sofort angehen, kann es hilfreich sein, eine andere Person anzubieten, die verfügbar ist. Es ist zudem immer sinnvoll, die Angehörigen zu fragen, ob sie einen Klinikseelsorger wünschen. Diese Berufsgruppe ist „qua Amt“ für Krisen zuständig.

Im Umgang mit Personen in Krisensituationen sollte eine Pflegeperson stets verbindlich sein mit Aussagen wie „Ich komme gleich wieder“. Vertrauen und Stabilität sind für die Angehörigen jetzt besonders wichtig. Möglicherweise gibt es spezielle Ruhe- oder Rückzugsräume, um längere, schwierige Gespräche zu führen. Ungebetene neugierige Mithörer können so vermieden werden.

Wie den Angehörigen beistehen?

Wie aber kann eine Pflegeperson Angehörigen helfen, wenn es darum geht, den ersten Schock durchzustehen? Dazu ein Fallbeispiel: Eine Frau, Ende 40, wird von ihrem Ehemann zu Hause mit einem Küchenmesser niedergestochen. Die Tat geschieht im Streit, vor den Augen des 13-jährigen Sohnes und der beiden erwachsenen Töchter. Der herbeigerufene Notarzt kann die Frau zwar für den Transport in die Notaufnahme stabilisieren, allerdings stirbt sie noch auf dem Weg in den OP an ihren schweren Verletzungen. Die Kinder der Verstorbenen werden mit schweren Schocks in der Notaufnahme behandelt.

Dies ist sicher kein alltäglicher Fall, aber leider auch keine Seltenheit. In der Regel überbringen die behandelnden Ärzte eine Todesnachricht. Die erste wichtige Vorbereitung für eine Krisenintervention ist es – wie bereits erwähnt –, einen ruhigen Raum zu finden, neugierige Mithörer zu vermeiden und Zeit einzuplanen. Denn mögliche Reaktionen sind schwer vorhersehbar. Weinen, Schweigen, Schreien, Davonlaufen, körperliche Schockreaktionen oder paradoxe Verhaltensweisen, wie Aggression, Nichtwahrhabenwollen und Verdrängung, sind denkbar.

In dem Fallbeispiel ist zu berücksichtigen, dass die Geschwister unterschiedlich alt sind. Denn Kinder und Jugendliche haben ihre eigene Sprache. Dazu kommt erschwerend, dass sie selbst Opfer sind, da sie die Tat mitangesehen haben und ihr Vater der Täter ist. Ihnen bricht also ihr gesamtes familiäres Umfeld weg. Das, was für sie Sicherheit, Geborgenheit und Schutz geboten hat, wurde gerade ins Gegenteil verkehrt. Nun haben sie auch noch die Mutter verloren und die eigene Zukunft ist ungewiss. All diese Aspekte sind für die Krisenintervention wichtig.

Empathie ist unerlässlich

Bedeutsam sind auch die Fakten, die zu äußern sind. Angehörige wollen oft genau wissen, wie die Art der Verletzung war, was getan wurde und wieso keine Rettung möglich war. Empathie für die richtigen Worte ist dabei unerlässlich, ebenso wie Verbindlichkeit. Das Wiederholen der Worte „gestorben“ und „tot“ klingen schrecklich. Sie sind aber ebenfalls wichtig, damit die Angehörigen wirklich erfassen, was passiert ist.

Im Fallbeispiel sind auch ganz praktische Dinge zu klären, weil der minderjährige Junge, wenn er nicht stationär behandelt werden muss, in die Obhut von Angehörigen – zum Beispiel den Schwestern oder anderen Angehörigen – beziehungsweise einem Jugend- oder Sozialdienst übergeben werden muss. Bei einer Gewalttat wünscht die Kriminalpolizei häufig eine zeitnahe Befragung der Zeugen. Der Arzt entscheidet, ob das aus medizinischer Sicht möglich ist.

Manchmal wollen die Angehörigen ihre Verstorbenen sehen. Das sollte möglich gemacht werden. In unserem Fall wird die Verstorbene von der Polizei „beschlagnahmt“, da es eine nicht natürliche Todesursache war. Das bedeutet, dass an der Leiche nichts verändert werden darf und dass eine gerichtsmedizinische Autopsie durchgeführt wird. Falls die Angehörigen darauf drängen, die Polizei es erlaubt und der Leichnam „ansehbar“ ist, sollte diesem Wunsch entsprochen werden. Begleitung sollte angeboten werden – die Polizei wird ebenfalls anwesend sein. Das alles gehört zu Krisenintervention – das Begreifen der Tatsachen.

Zurück zum Fallbeispiel: Hier wurden weitere Familienangehörige informiert, um eine Unterbringung für die Kinder zu finden. Ihr Zuhause war als Tatort von der Spurensicherung gesperrt. Manchmal hilft es, wenn die Betroffenen selber aktiv werden können. Sie leiden unter dem Kontrollverlust, der so eine Situation mit sich bringt. Hier kann es helfen, sofern es der Gemütszustand der Betroffenen erlaubt, sie Aufgaben selber übernehmen zu lassen. Das vermittelt Sicherheit. Im Fallbeispiel etwa rief die älteste Schwester mit Hilfe einer Pflegeperson eine Tante an, die sich umgehend auf den Weg machte, um die Geschwister abzuholen. So konnte eine sichere, familiäre Unterbringung gewährleistet werden; die begonnene Krisenintervention durch die betreuende Pflegeperson endete hier. Das Angebot, einen Krankenhausseelsorger anzurufen, wurde im Fallbeispiel abgelehnt.

Krisenintervention bezieht sich immer nur auf die akute Situation. Später wird für die Betroffenen möglicherweise eine Langzeittherapie nötig sein. Die drei Schritte einer Krisenintervention sind, wie im Fallbeispiel erläutert:

  • Informieren und für Orientierung sorgen,
  • Stabilisieren, Reaktionen und Emotionen zulassen und aushalten,
  • Ressourcen aktivieren, mögliche Handlungsoptionen aufzeigen, aber nicht „überreden“.

Persönliche Meinung außen vor lassen

Es sollte selbstverständlich sein, dass in der Krisenintervention die persönliche Meinung nichts verloren hat. Eine Wertung des Geschehens – und sei sie auf den ersten Blick noch so offensichtlich – hilft niemanden. Und meistens sind noch nicht alle Fakten bekannt.

Ein abschließender wichtiger Aspekt ist für Pflegende ist Achtsamkeit mit sich selbst. Eine Krisenintervention gehen auch an noch so erfahrenen Pflegenden nicht spurlos vorbei. In den Brennpunkten eines Krankenhauses werden häufig interdisziplinäre Supervisionen, kollegiale Beratungen oder Fallbesprechungen angeboten. Es ist kein Zeichen von Schwäche, daran teil zu nehmen. Ein Gespräch mit einem Kollegen oder dem Krankenhausseelsorger, der auch den Mitarbeitern zur Verfügung steht, kann ebenfalls helfen, die nächste Schicht wieder mit all ihren neuen Herausforderungen zu bewältigen.