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  • 01.09.2016

Nachhaltigkeit in der Pflege

Mehr als eine gute Ökobilanz

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2016

Natur- und Umweltschutz, ein sorgsamer Umgang mit Ressourcen, Generationengerechtigkeit – alle diese Themen betreffen auch die Pflege. Doch noch ist die pflegewissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit gering. Ein EU-Projekt an der Hochschule Esslingen fördert nun gezielt die Einbindung nachhaltigkeitsbezogener Themen in die Pflegeausbildung.

 

Nachhaltigkeit ist eine der zentralsten Forderungen dieser Zeit und markiert den weitreichenden Anspruch, sorgsam mit Natur, Umwelt, Lebewesen, den Ressourcen und insgesamt mit der Welt umzugehen.

Unter dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft" stellte die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 eine Definition vor, die die Komplexität nicht nur des Begriffs, sondern auch des Vorhabens verdeutlicht: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs" (Aachener Stiftung Kathy Beys 2016). Übersetzt wird diese Definition in diesem Lexikon der Nachhaltigkeit wie folgt: „Nachhaltig ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen."

Nachhaltigkeit in Pflege und Gesundheit

Das Bundesministerium für Gesundheit hat 2013 einen Ressortbericht zur nachhaltigen Entwicklung in Gesundheit und Pflege verfasst (BMG 2013). In diesem wird unter anderem festgehalten, dass „die Zuständigkeit für die nationale Nachhaltigkeitsstrategie (...) im Bundesministerium für Gesundheit bewusst in der Abteilung Grundsatzfragen" liegt (BMG 2013, 2) und damit auch klar einer politischen Verankerung bedarf. In dem Papier werden die zentralen Herausforderungen für die Gesundheitspolitik wie folgt festgehalten: 

  • nachhaltige Finanzierung (nachhaltige Sicherung der Finanzierungsbasis der gesetzlichen Krankenversicherung),
  • Sicherstellung einer wohnortnahen und bedarfsgerechten Versorgung,
  • Neuausrichtung der Sozialen Pflegeversicherung (nachhaltige Finanzierung),
  • nachhaltige Sicherung der Fachkräftebasis in Gesundheit und Pflege,
  • Prävention und Gesundheitsförderung als Beitrag einer nachhaltigen Gesundheitsversorgung.

Hier zeigt sich bereits deutlich, dass die Berufsgruppe Pflege im Gesundheitssystem in gesundheitspolitische Strategien stark eingebunden beziehungsweise von diesen in ihrer eigenen Nachhaltigkeitsentwicklung geprägt ist. Dieser normative Rahmen für Nachhaltigkeit in der Pflege gibt jedoch nur wenig konkrete Hinweise auf die zentralen Themen, die Nachhaltigkeit in der Pflege auszeichnen können. Die nationale Auseinandersetzung der Pflegewissenschaft mit dem Begriff und Konzept der Nachhaltigkeit ist noch zurückhaltend – insbesondere gemessen an den international zu verzeichnenden Aktivitäten. 

Forschungsprojekt NurSus setzt auf Bildung

Vor diesem Hintergrund wurde an der Hochschule Esslingen mit dem Forschungsprojekt „NurSus" eine internationale Forschungskooperation im Rahmen eines EU-Projektes (Erasmus+-Projekt) aufgebaut. Ziel des Projekts ist die Entwicklung eines „Nachhaltigkeits-Baukastens" („NurSusTOOLKIT"), der die Implementierung nachhaltigkeitsbezogener Themen in die Pflegeausbildung erleichtert. 

Nachhaltigkeit wird in diesem Projekt – durchaus vergleichbar mit der oben genannten Definition – folgendermaßen verstanden: „Die Gestaltung und Ausführung eines Gesundheitswesens, das sowohl die Gesundheit und die relevanten Bedürfnisse von Individuen sowie der Bevölkerung berücksichtigt, ohne dabei die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu schmälern, ihre eigene Gesundheit und deren Bedürfnisse zu stillen" (NurSus 2015). Ersichtlich ist, dass dieses Verständnis von Nachhaltigkeit stärker auf das Gesundheitssystem bezogen ist und dass an das gesamte Gesundheitswesen die Forderung gestellt wird, die Abhängigkeit unserer Gesundheit vom Ökosystem unserer Erde zu begreifen sowie dies entsprechend auf allen Ebenen zu berücksichtigen.

Ziel dieser strategischen Partnerschaft ist es, die Verfügbarkeit und Relevanz eines schlüssigen Lernangebotes in Nachhaltigkeitsbildung und -kompetenz (NBK) in der Pflegeausbildung zu verbessern. Dazu werden innovative Lehr- und Lernzugänge und Materialien entwickelt, gute Handlungspraxen verbreitet und die Aufnahme der Lernzugänge und -materialien durch eine strategische Nutzung von Informationstechnologien befördert. 

Das Projekt befasst sich im Kern damit, wie Pflegende durch Bildung eine reflexive Haltung zum Thema Nachhaltigkeit erlangen können. Darüber hinaus geht es um die Frage, über welches Wissen Pflegende zukünftig zum Thema Nachhaltigkeit verfügen sollten, um eigenes Verhalten vor dem Hintergrund einer Nachhaltigkeitsperspektive auszurichten und an der Gestaltung von Verhältnissen auf unterschiedlichen betrieblichen, überbetrieblichen und damit auch politischen Ebenen mitzuwirken. 

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit über drei Jahre zwischen der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Esslingen, der Universität in Plymouth (UK), der Universität in Jaén (Spanien) sowie der Universität in Maastricht (Niederlande). Insgesamt 448 000 Euro an Fördergeldern wurden für dieses Projekt bewilligt. Die Projektleitung in Esslingen liegt in den Händen von Prof. Dr. Norma Huss, Prof. Dr. Thomas Heidenreich und Prof. Dr. Astrid Elsbernd, die Projektlaufzeit beträgt drei Jahre (2014 bis 2017).

Nachhaltigkeit in der Pflegeausbildung verankern

Als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen tragen Pflegende eine besondere Verantwortung. Dies wird bereits daran deutlich, dass beispielsweise der ICN (International Council of Nurses) in seinem Ethikkodex an einigen Stellen diese weitreichende Verantwortung festgehalten hat (ICN-Kodex 2006, übersetzt 2010): 

  • „Die Pflegende teilt mit der Gesellschaft die Verantwortung, Maßnahmen zugunsten der gesundheitlichen und sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung, besonders der von benachteiligten Gruppen, zu veranlassen und zu unterstützen."
  • „Die Pflegende handelt zur Bewahrung und zum Schutz der natürlichen Umwelt und ist sich deren Bedeutung für die Gesundheit bewusst."
  • „Nationale Berufsverbände für Pflegende setzen sich für eine sichere und gesunde Umwelt ein."

Allerdings wird die Berufsgruppe diesen weitreichenden Forderungen noch nicht im entsprechenden Maße gerecht. Hierzu wäre ein deutlicheres berufs- und gesundheitspolitisches Engagement nötig, um an den strategisch bedeutsamen Entwicklungen mitzuwirken. Auch möchten wir festhalten, dass im Rahmen der Pflege(aus-)bildung das Thema deutlich verankert sein müsste. In folgenden Bereichen wäre dies unter anderem gut vorstellbar: 

  • ethische Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit, zum Beispiel auch „ökologischer Fußabdruck", Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen, Schutz der Menschen vor Giftstoffen,
  • Umwelt, Klimawandel, Reduzierung von CO2-Emissionen, Energieeffizienz, Abfallvermeidung, Abfallwirtschaft und Mülltrennung, 
  • Umgang mit Ressourcen, zum Beispiel Nahrung und Nahrungsmittelverschwendung, Verpackung, Bestellwesen, Lieferwege, Bevorratung,
  • soziale Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit.

Genau hier möchte das NurSus-Projekt bei seinen Zielgruppen Pflegelehrkräften, Pflegeschüler/innen und Fachkräften im Gesundheitswesen ansetzen. Zunächst wurde evaluiert, inwieweit Nachhaltigkeitsthemen bereits in den Lehrplänen verankert sind. Bezugnehmend auf diese Ergebnisse werden Open-Access Lehr- und Lernmöglichkeiten entwickelt (NurSusTOOLKIT). Diese sollen nicht nur beruflich relevante Fertigkeiten in Nachhaltigkeitsbildung und Kompetenz, sondern auch zu einer Modernisierung der Höheren Ausbildungsagenda beitragen. 

Die fünf großen Themenbereiche des Projekts beinhalten nicht nur grundlegende Konzepte von Nachhaltigkeit und Gesundheit, sondern auch die Verbindungen zwischen Gesundheit und Umwelt. Zusammenhänge zwischen der Arbeit im Gesundheitswesen und dem Schutz der Umwelt sollen transparent gemacht werden, sodass daraus nicht nur Wissen über gesunde und nachhaltige Gemeinschaften generiert wird, sondern auch konkret überlegt werden kann, inwieweit es gilt, dieses Wissen im sozialen und politischen Kontext (neu) zu verorten. So werden Pflegefachkräfte befähigt, in einem Arbeitsmarkt zu arbeiten, der sich an die sich verändernden Klimabedingungen anpassen muss. 

Die Ergebnisse dieser Studie sollen dazu dienen, Verfügbarkeit und Relevanz eines schlüssigen Lernangebotes in Nachhaltigkeitsbildung und -kompetenz (NBK) in der Pflegeausbildung zu verbessern, indem innovative Lehr- und Lernzugänge/Materialien entwickelt werden, gute Handlungspraxen verbreitet werden und die Aufnahme der Lernzugänge und -materialien durch eine strategische Nutzung von Informationstechnologien befördert wird. Um eine möglichst umfangreiche Verbreitung des Toolkits zu ermöglichen, werden die Materialien online und kostenlos in insgesamt sechs Sprachen (englisch, spanisch, deutsch, niederländisch, französisch sowie polnisch) zur Verfügung stehen. 

Wichtig: eine reflexive Haltung entwickeln

Pflegende arbeiten in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, die durch ihr Management und ihre betrieblichen Vorgaben das Thema Nachhaltigkeit wesentlich mitbestimmen. Pflegende, die zum Thema Nachhaltigkeit keine reflexive Haltung haben und über wenig einschlägiges Wissen verfügen, sind in ihrem Verhalten den betrieblichen Bedingungen stark unterworfen. Dies sollte den Manager/innen von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen bewusst sein und ihr Verantwortungsgefühl schärfen. Je informierter und reflexiver Pflegende mit dem Thema umgehen, desto mehr können sie ihr Verhalten, im besseren Fall aber auch die Verhältnisse im Betrieb, positiv beeinflussen und verbessern. Schlüssel zur Nachhaltigkeit sind also Management und umfassende Bildung, die eine ethische Reflexion immer einschließen muss. 

Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema, das aufgrund seiner Vielfältigkeit oft schwer zu definieren ist. Da das Thema in beinahe alle Arbeits- und Lebensbereiche hereinragt, besteht schnell die Gefahr, dass der Überblick verloren geht und damit alle Themen als „nachhaltig" deklariert werden. In einigen Bereichen, zum Beispiel Energieeffizienz oder Abfallwirtschaft, lassen sich Kennzahlen scheinbar gut vergleichen, andere Bereiche – wie soziale Verantwortung und Gerechtigkeit – sind nur schwer in dieser Weise operationalisierbar.

Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen hängt zentral von den aktuellen Gesetzen und (gesundheits)po‧litischen Initiativen ab, die vor allem die Finanzströme im Gesundheitswesen lenken. Der vom Bundesministerium für Gesundheit herausgegebene Bericht zur Nachhaltigkeit (BMG 2013) postuliert unter anderem, dass ein wettbewerbsorientiertes Finanzierungssystem im Gesundheitswesen Nachhaltigkeit in allen Bereichen fördert und das GKV-Versorgungsstrukturgesetz (2012 in Kraft getreten) einen wesentlichen Beitrag zur flächendeckenden und bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung darstellt und dem Fachkraftmangel entgegenwirkt. 

Eine erste vorsichtige Bewertung darf herausstellen, dass diese Einschätzungen als zu optimistisch einzuordnen sind. Es bedarf hier mehr Anstrengungen, sowohl im normativen Bereich der Gesetze als auch konkretere Vorstellungen, die die vielfältigen Themen konkret anstoßen und gegebenenfalls auch mit Anreizsystemen versehen. Ein Beispiel wäre das „Green Hospital". 

Auch das NurSus-Projekt ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, an der Verankerung von derart relevanten Themen in der Pflege mitzuarbeiten. Die Arbeit des vielseitigen Projektteams aus mehreren Fachrichtungen wird mit dem NurSusTOOLKIT viele wertvolle Themenimpulse und Anregungen für konkret umzusetzende Lehrmöglichkeiten bieten und somit einen großen Beitrag dafür leisten, dass Nachhaltigkeit nicht nur als bloße Floskel verstanden wird, sondern mit notwendigen Inhalten für die Praxis gefüllt werden kann. 

 

Aachener Stiftung Kathy Beys (2016): Lexikon der Nachhaltigkeit. www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland_report_563.htm (11.05.2016) 

Bundesministerium für Gesundheit (2013): Ressortbericht „Nachhaltige Entwicklung in Gesundheit und Pflege", Eigenverlag, Berlin

Debatin, J., Goyen, M., Kirstein, A. (Hrsg.) (2011): Alles grün ... auch im Krankenhaus. Green Hospital – Wege zur effektiven Nachhaltigkeit. Thieme Verlag Stuttgart

Deges, St.; Sleziona, M. (2011): Abfallmanagement: Kleinvieh macht auch Mist. Führen und Wirtschaften im Krankenhaus Nr. 6 582–583

Heinemann, A., Diekmann, F., in: Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) (Hrsg.): Abfallentsorgung – Informationen zur sicheren Entsorgung von Abfällen im Gesundheitsdienst. (2012) Verfügbar unter: www.bgw-online.de/DE/Medien-Service/Medien-Center/Medientypen/bgw-themen/EP-AE_Abfallentsorgung

International Council of Nurses (ICN) (2006) in deutscher Übersetzung (Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV), Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK): ICN_Ethikkodex für Pflegeberufe, Beikirch Grafik, Berlin

IPCC Fourth Assessment Report: Climate Change (2007). Verfügbar unter: https:// www.ipcc.ch/publications_and_data/ar4/wg1/en/faq-2–1.html

KPMG (Hrsg.) Care in a changing world. Challenges and opportunities for sustainable health‧care. (2012) KPMG International Cooperative 

Lange, J. (2011): Grünes Ressourcenmanagement. In: Alles grün ... auch im Krankenhaus. Green Hospital – Wege zur effektiven Nachhaltigkeit. Thieme Verlag Stuttgart