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  • 11.01.2018
  • Praxis

Intermittierender Selbstkatheterismus

"Gewinn an Freiheit"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2016

Ein Dauerkatheter birgt ernstzunehmende Risiken und führt zu einer reduzierten Lebensqualität des Patienten. Eine Methode, die weitaus mehr Freiheit und Autonomie ermöglicht, ist das eigenständige Katheterisieren. Damit sie zum Erfolg führt, muss eine gute pflegerische Anleitung und Beratung erfolgen. 

 

Herr M. blickt auf eine langjährige Erfahrung mit dem selbstständigen Katheterisieren zurück. Als er vor acht Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall aus dem Auto geschleudert wurde, änderte sich sein Leben radikal. „Die Querschnittlähmung war ein erster sehr harter Schlag", sagt er rückblickend. „Der zweite folgte, als ich verstand, dass ich nie mehr normal zur Toilette gehen könnte." 

Dauerhaft „undicht" zu sein, könne nicht sein, dachte sich der Mann mittleren Alters und begann, sich innerlich dagegen aufzulehnen. „Es war ein regelrechter Kampf und langer Weg zu verstehen, dass ich nicht nur einen Rollstuhl benötige, sondern auch eine künstliche Harnableitung", so Herr M. 

Doch dann erfuhr er von der Möglichkeit des Intermittierenden Selbstkatheterismus, also der zeitlich wiederkehrenden, vom Patienten selbstständig ausgeführten Harnableitung mithilfe eines Kunststoffschlauchs, der über die Harnröhre in die Harnblase eingebracht wird. 

Heute ist Herr M. im Umgang mit den Kathetern sehr routiniert: „Ich weiß genau, wie ich vorzugehen habe: einen ruhigen Platz suchen, reinigen, den Katheter steril behandeln, die Handgriffe sitzen. Wenn es dann doch mal passiert, dass ich den Katheter berühre, muss ich einen neuen nehmen – auch das weiß ich mittlerweile. Denn ich will keine Blaseninfektion, das ist mir wichtig." 

Es klingt zwar aufwendig, doch Herr M. betrachtet das selbstständige Katheterisieren als „Gewinn an Freiheit", wie er sagt. Beispiele aus seinem Alltag machen dies deutlich: „Ich musste auch schon einen Dauerkatheter tragen, mit Beutel. Das fühlte sich unangenehm an; nichts konnte ich beeinflussen und ich musste mich regelmäßig katheterisieren lassen. Heute bestimme ich, wann ich meine Blase entleere. Das kann ich auf einer Toilette tun, aber auch im Auto während eines Staus. Diese Flexibilität ist in meinem Beruf wichtig. Für die Partnerschaft ist es auch ein Gewinn, das kann man sich ja denken. Insgesamt schenkt mir das eigenständige Katheterisieren Normalität. Wer es nicht weiß, der sieht und ahnt nichts."

Methode bietet viele Vorteile

Das Fallbeispiel zeigt: Personen mit neurogenen Blasenentleerungsstörungen und chronischer Restharnbildung profitieren vom Intermittierenden Selbstkatheterismus (ISK). Patienten mit Querschnittlähmung, Spina bifida, degenerativen Erkrankungen des Rückenmarks oder Multipler Sklerose können die Methode nutzen (DNQP 2014, Webelhuth/Hegeholz 2006). Die Blase kann damit regelmäßig entleert werden. Um eine dauerhafte Überdehnung und das Risiko eines Harnwegsinfekts zu minimieren, sollte die Methode vier- bis sechsmal in 24 Stunden angewendet werden. Ein Füllungsvolumen in der Blase von über 400 Millilitern sollte vermieden werden (DNQP 2014, EAU 2012).

ISK bietet im Vergleich zur dauerhaften Harnableitung viele Vorteile. Diese sind:

  • Unabhängigkeit und selbstbestimmte Blasenentleerung,
  • Vermeidung von Komplikationen, die aufgrund einer Langzeitableitung entstehen, wie Harnwegsinfektionen,
  • geringere Einschränkung der sexuellen Erlebnisfähigkeit.

Sorgfältig anleiten

Sowohl jüngere als auch ältere Menschen können die Methode anwenden; sie müssen jedoch in der Lage sein, die notwendige Technik zu erlernen und auszuführen. Sowohl die kognitiven als auch manuellen Fähigkeiten hierzu müssen gegeben sein. 

Motivation, Lernbereitschaft, Verständnis und Akzeptanz für die Methode des ISK sind unbedingte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Anleitung (DNQP 2014, Hayder/Kuno/Müller 2012). Weiterhin ist die Mobilität zu überprüfen: Kann der Patient die Kleidung entfernen und den Katheter selbst einführen? Sind die Arm- und Handfunktion gegeben? Liegen Einschränkungen vor, die mit Hilfsmitteln wie Einführhilfen kompensiert werden können? 

Wenn sich die betroffene Person nicht selbstständig katheterisieren kann, die Methode jedoch dennoch nutzen möchte, können betreuende Personen das intermittierende Katheterisieren übernehmen. Auch diese Personen benötigen eine gute Anleitung (Schäfer 2013, Webelhuth/Hegeholz 2006).

Bei der Anleitung zum Katheterisieren ist grundsätzlich auf eine ruhige Umgebung zu achten – Patienten sollten keine Angst davor haben, gestört zu werden. Sie sollen die Technik schrittweise und in Ruhe erlernen können. Es ist genug Zeit einzuplanen, damit aufkommende Fragen geklärt werden können. Die anleitende Person und der Patient sollten sich kennen, sodass bereits eine professionelle Beziehung aufgebaut werden konnte. Dies hilft, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Idealerweise hat die anleitende Person schon die Beratung hinsichtlich des ISK übernommen, sodass sie um die Sorgen des Patienten weiß und mit ihm das Vorgehen sorgfältig abstimmen konnte (DNQP 2014, Schäfer 2013).

Als vorteilhaft hat sich gezeigt, dass der Patient den Vorgang des Katheterisierens anfangs am Modell übt und einige Male wiederholt. Die Pflegekraft demonstriert anschließend am Patienten und bezieht ihn in einem nächsten Schritt ein, sodass sich dieser mit wachsender Selbstständigkeit katheterisiert. Aus der Anleitung wird so die vollständige Übernahme – der Patient katheterisiert sich eigenständig (Schäfer 2013). 

Für die Pflegeperson ist es wichtig, die jeweiligen Lernstufen angemessen zu dosieren. Individualität ist hier entscheidend, denn manche Personen erlernen die Methode zügig in ein bis zwei Sitzungen, während andere dafür mehr Zeit benötigen.

Patienten sollten die Möglichkeit erhalten, Hilfsmittel kennenzulernen sowie diverse Techniken und Kniffe zu erlernen. Ein Spiegel kann beispielsweise Frauen helfen, den Eingang der Urethra zu finden. Zudem sollten Patienten Empfehlungen für den Alltag erhalten – bezüglich der Katheterisierungsfrequenzen, der Trinkmenge, der Entsorgung der Katheter und den notwendigen Vorbereitungen, wenn man außer Haus ist. 

Es gibt eine Vielzahl von Kathetern und Kathetersystemen, die Patienten kennenlernen sollten, um das passgerechte System für ihre individuelle Situation finden zu können. Für Patienten ist es hilfreich, wenn sie sich bei Fragen erneut an die anleitende Person wenden können.

Richtige Materialien verwenden

Um Komplikationen zu vermeiden, müssen die richtigen Materialien genutzt werden (Cottenden et al. 2013, DNQP 2014, EAU 2012). Der Markt bietet eine Vielzahl von Katheter- und Kathetersystemen. Wichtig sind:

  • der Gebrauch von sterilen, zum einmaligen Gebrauch bestimmten Kathetern,
  • die Verwendung von Kathetern mit atraumatischer Spitze, abgerundeten Katheteraugen und hydrophiler Beschichtung,
  • eine gute Handhabbarkeit der Katheter, um eine aseptische Nutzung – ohne zusätzliche Berührung und ohne sterile Handschuhe – zu ermöglichen.

Bei der Vorgehensweise spielt die Umgebung eine wichtige Rolle: Während in der Klinik steril vorgegangen werden sollte, hat sich im häuslichen Bereich die aseptische Methode durchgesetzt. Dazu wird vor Einführung des sterilen Katheters die Harnröhrenregion mit einem geeigneten Schleimhautdesinfektionsmittel desinfiziert (Cottenden et al. 2013, DNQP 2014, EAU 2012). 

Psychosoziale Situation beachten

Wenn Pflegende das ISK für einen Patienten in Erwägung ziehen, sollten sie immer die psychosoziale Situation in die Überlegungen einbeziehen. Dabei ist es wichtig zu erörtern, wie es zur Blasenentleerungsstörung kam und ob die Person bereit ist, die Technik zu erlernen. Gerade traumatische Erfahrungen wie Unfälle oder Gewalterfahrungen können dazu führen, dass das ISK abgelehnt wird – vor allem, wenn Pflegende sie zu früh oder mit Nachdruck umsetzen wollen.

Pflegende sollten sich darüber hinaus regelmäßig bezüglich ihres Wissens, des notwendigen Kompetenzerwerbs sowie ihrer Handlungsweisen in Beratung, Anleitung und Begleitung hinterfragen. Anhaltender Zeitmangel kann beratende Pflegende enorm unter Druck setzen und sich negativ auf die Begleitung der Patienten auswirken. Daher sollte es Aufgabe des Managements in Gesundheitseinrichtungen sein, die notwenigen Ressourcen für eine fachkompetente, empathische und bedarfsgerechte Beratung zu fördern und zu erhalten.

 

Cottenden, A.; Bliss, D.Z.; Buckley, B.; Fader M.; Gartley, C.; Hayder, D.; Ostasziewsicz, J.; Wilde, M. (2013): Management using continence products. In: Incontinence – International Consultation on Incontinence, 5th Edition 2013. Abrams,P.; Cardozo, L.; Khoury, S.; Wein, A. (Eds.) Health Publications Ltd., 1653–1786

DNQP (Hrsg.) (2014): Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz in der Pflege – 1. Aktualisierung. Schriftenreihe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Osnabrück: Fachhochschule Osnabrück

EAU (European Association of Urology) (2012): Guidelines on Urinary Incontinence (Vol. 18). http://www.uroweb.org/gls/pdf/18_Urinary_Incontinence_LR_1%20October%202012.pdf

Hayder, D.; Kuno, E.; Müller, M. (2012): Kontinenz – Inkontinenz – Kontinenzförderung. Praxishandbuch für Pflegende. 2. Auflage. Bern: Huber

Schäfer, D. (2013): Anleitungskonzept zu dem intermittierendem Selbstkatheterismus. In: Hayder, D. (Hrsg.): Interdisziplinäre Kontinenzberatung: Patientenorientierte Pflege, Medizin und Therapie. Stuttgart: Kohlhammer, 96–105

Webelhuth, W.; Hegeholz, D. (2006): Harndrainage: Handling & Hygiene – Pflegekonzepte bei Patienten mit instrumentellen Harnableitungen. In: Boelker, Th.; Hegeholz, D.; Webelhuth, W.: Außer Kontrolle – Pflege bei Harn- und Stuhlinkontinenz. Verlag Tabea Noreikes, 67–85

 

 

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