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  • 01.09.2016

Neue Tätigkeitsverteilung

Was man am besten kann

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2016

Das Universitätsklinikum Jena verteilt die Aufgaben von Ärzten und Pflegenden neu. Bis Ende des Jahres sollen die Arbeitsabläufe in allen 26 Kliniken besser strukturiert und organisiert werden, damit die Mitarbeiter mehr Zeit für die Tätigkeiten haben, auf die sie spezialisiert sind.

 

Betten machen, Blutdruck messen, Infusionen wechseln, Essen reichen, danach die Tische wischen – sollte so das Aufgabengebiet einer Pflegefachperson aussehen? Sicher nicht! Doch nicht nur Pflegende übernehmen Aufgaben, die teilweise nicht ihrer Qualifikation entsprechen. Auch Ärzte führen häufig Tätigkeiten aus, die nicht zu ihrem originären Aufgabengebiet gehören und die auch Mitarbeiter anderer Berufsgruppen übernehmen könnten.

Aufgaben neu zuordnen

Trotz zahlreicher Diskussionen in Politik und Wirtschaft zur berufsgerechten Aufgabenverteilung in der Krankenversorgung gibt es nicht für alle Tätigkeitsbereiche exakte gesetzliche Regelungen. Aus diesem Grund entschied das Universitätsklinikum Jena (UKJ), Aufgaben von Pflegenden und Ärzten im Rahmen des Projekts „Qualifikationsgerechte Tätigkeitsverteilung in der Krankenversorgung" neu zu sortieren. Damit sollte klinikübergreifend betrachtet werden, welche Tätigkeiten ohne Qualitätsverlust sinnvoll und rechtskonform delegierbar sind, um die verschiedenen Berufsgruppen von fachfremden Tätigkeiten zu entlasten. Gleichzeitig sollte auch die Qualität in der Krankenversorgung gesteigert werden. 

 2011 startete das Projekt in der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Klinik für Innere Medizin 1. Aktuell beteiligen sich 22 am jeweils zehnmonatigen Projekt; bis Ende 2016 werden mehr als drei Viertel der 26 Kliniken des UKJ das Projekt abgeschlossen haben. Für 13 Kliniken, die die Umstrukturierung der Aufgaben umgesetzt haben, liegen bereits erste Projektergebnisse vor.

Es gibt mehrere Gründe, die Aufgaben in der Krankenversorgung umzuverteilen. Zum einen ändern sich Anforderungen an Ärzte und Pflegende, was entsprechende Anpassungen der Arbeitsabläufe erforderlich macht. Zum anderen machen fachspezifisch verteilte Tätigkeiten das Berufsbild attraktiver. Dies ist vor dem Hintergrund, dass Ausbildungsplätze und Studiengänge im Bereich der Pflege immer schwieriger besetzt werden können, ein entscheidender Vorteil. Denn viele verbinden den Pflegeberuf noch immer damit, neben der Patientenversorgung auch für die Reinigung der Betten oder Hilfsarbeiten verantwortlich zu sein. Das Projekt stellt jedoch sicher, dass examinierte Pflegepersonen genau die Tätigkeiten ausführen, für die sie ausgebildet wurden. Dies stärkt das Ansehen des Berufs enorm. 

Der wohl wichtigste Grund für die Neuverteilung der Aufgaben ist jedoch, dass sich dadurch die Qualität verbessert. Denn wer eine Tätigkeit routiniert erledigt, erledigt sie besser als jemand, der diese Tätigkeit selten und neben seinen eigentlichen Aufgaben ausführt.

Tätigkeitskatalog zeigt Delegationspotenzial auf 

Zu Beginn des Projekts entwarf eine interprofessionelle Lenkungsgruppe einen Katalog mit 100 allgemeinen Tätigkeiten, die in den verschiedenen Kliniken des UKJ durchgeführt werden. Dieser Katalog diente als Grundlage dafür, die Delegations- und Effizienzpotenziale in jeder Klinik individuell zu betrachten. 

Dabei fiel auf: Nicht nur die Tätigkeiten, die in den Kliniken ausgeführt werden, unterscheiden sich teilweise stark voneinander. Auch der Umfang der bereits delegierten Aufgaben variiert erheblich. 

Die Neusortierung der Aufgaben beginnt in jeder Klinik damit, dass das vier- bis sechsköpfige Umsetzungsteam den Tätigkeitskatalog auf die Besonderheiten der Klinik anpasst. Das Besondere hierbei ist, dass alle Berufsgruppen einbezogen werden. So sind alle Mitarbeiter frühzeitig aktiv in den Prozess der Umgestaltung integriert und können ihre Wünsche einbringen. 

Trotz anfänglicher Skepsis erkennen sie damit rasch, welche Vorteile die Delegation mit sich bringt. Neben Ärzten und Pflegenden wirkt so beispielsweise auch das medizinisch-technische Personal mit. Die Mitarbeiter legen gemeinsam fest, welche Tätigkeiten bisher bereits delegiert werden und welche Aufgaben zusätzlich noch delegiert werden können. In diesem Zusammenhang wird auch beachtet, wie häufig die Tätigkeiten ausgeführt werden. Denn der Aufwand der Delegation muss immer im Verhältnis zu ihrem Nutzen gesehen werden. 

Natürlich werden auch die bisher vorhandenen gesetzlichen Bestimmungen und Vorgaben umgesetzt. Deshalb erfolgen die Entscheidungen über die zu delegierenden Aufgaben stets in Absprache mit der Rechtsabteilung des Jenaer Klinikums und werden mit den Vorgaben der jeweiligen Fachgesellschaften abgeglichen. Die Projektarbeit wird außerdem vom Personalrat kritisch-konstruktiv begleitet. 

Blut entnehmen, Zytostatika verabreichen

Alle Vorbehaltsaufgaben sowie Tätigkeiten, die nicht primär der ärztlichen Diagnostik und Therapie zugeordnet werden, sind grundsätzlich delegierbar. So übernehmen examinierte Pflegende im Rahmen der Neustrukturierung flächendeckend Aufgaben wie das Wundmanagement und die venöse Blutentnahme. Die medizinische Dokumentation führen hingegen spezialisierte Dokumentare aus. 

Ärztliche Tätigkeiten dürfen nur delegiert werden, wenn der nicht-ärztliche Mitarbeiter die notwendige formelle und materielle Qualifikation für diese Tätigkeit besitzt. Deshalb ist es wichtig, die Mitarbeiter umfangreich zu schulen und weiterzubilden. 

Der Umsetzungsplan sieht daher eine verbindliche Dienstanweisung zur Zuordnung der Tätigkeiten, ausführliche Schulungsmaßnahmen und einen individuellen Qualifikationsnachweis vor. Beispielsweise nahmen examinierten Pflegende der Klinik für Innere Medizin 2 an Fortbildungen teil, um künftig Zytostatika bei der Behandlung von Krebs verabreichen zu können. In einer umfangreichen Schulung erhielten sie einen Einblick in rechtliche und medizinische Aspekte der Onkologie sowie in die Patientenberatung. Zudem sammelten sie praktische Erfahrungen in der onkologischen Tagesklinik. 

Als Ergebnis dieser Schulung verabreichen die Pflegenden in der Tagesklinik und auf der Knochenmarktransplantationsstation Zytostatika und entlasten damit das ärztliche Personal. Auch wenn die Mitarbeiter ihren neuen Aufgaben anfangs kritisch gegenüberstanden, können sie nun stolz darauf sein, sich weiterqualifiziert und spezialisiert zu haben.

Jedoch werden nicht nur ärztliche Mitarbeiter von Arbeiten entlastet, auch Pflegende können Aufgaben an geringer Qualifizierte oder externe Dienstleister abgeben. Beispielsweise übernehmen nicht-examinierte Pflegende die Grundkrankenpflege oder das Terminmanagement; Servicekräfte bereiten patientennahe Flächen auf und kümmern sich um die Schmutzwäsche. 

Es gibt auch Tätigkeiten, die nicht delegierbar sind. Behandlungsmaßnahmen, die schwierig sind oder unvorhersehbare Reaktionen hervorrufen können, setzen beispielsweise ärztliches Fachwissen voraus. 

Wichtig ist: Die Summe der Tätigkeiten bleibt insgesamt gleich, sie werden aber anders verteilt. Damit werden Zuständigkeiten klar festgelegt und Mitarbeiter können ihren Qualifikationen entsprechend eingesetzt werden. 

Aufwand, der sich lohnt

Das Projekt ist mit einem großen Aufwand verbunden – ein Aufwand jedoch, der sich lohnt. Denn die bisherigen Ergebnisse in den einzelnen Kliniken zeigen nicht nur bessere Arbeitsabläufe, sondern auch wirtschaftliche Effekte. 

Ein Jahr nach der Umsetzung wird in jeder Klinik evaluiert, wie die Tätigkeiten in der Praxis umgesetzt werden. Vor allem die Delegation von Ärzten auf examinierte Pflegende sowie von examinierten auf nicht-examinierte Pflegende funktioniert bisher sehr gut. 

Es gibt jedoch noch weiteres Optimierungspotenzial. Denn besonders die Delegation von pflegerischen Tätigkeiten auf nicht-pflegerische Berufsgruppen wie Dokumentationsassistenten oder auf externe Dienstleister für Reinigung oder Wäsche ist noch nicht vollständig umgesetzt. 

 

Die Autorengruppe: Tancred Lasch, MBA, Projektleitung, Pflegeleitung, Leiter Sozialdienst; Arne-Veronika Boock, Pflegedirektorin; Enrico Loeper, Pflegeleitung