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  • 05.12.2017
  • Praxis

Porträt

Zwei Monate voller Adrenalin

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2014

Seite 876

Krankenschwester Raina Klüppelberg hatte ihren ersten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen in einem Notfallprojekt im Südsudan. Die 28-jährige Hamburgerin verriet uns, welche Erfahrungen sie vor Ort machte, was sie nachhaltig bewegt und warum sie sich unermüdlich trotz großer Strapazen und Entbehrungen engagiert.


Karge, weitläufige Steppenlandschaft ohne Schatten, 50 Grad Celsius, kein fließendes Wasser, Strom nur zu bestimmten Zeiten – dazu 100.000 Flüchtlinge, die teilweise dringend auf ärztliche Hilfe angewiesen sind. Mittendrin Raina Klüppelberg. Die 28-jährige Hamburgerin ist eine von 45 sogenannten Expats – Expatriats, wie die internationalen Hilfskräfte bei Ärzte ohne Grenzen heißen. Zwei Monate ist die examinierte Krankenschwester dafür zuständig, unter einfachsten Verhältnissen, Verletzte zu versorgen, Kranke zu behandeln, Kinder zu impfen und einheimisches Personal zu schulen. Täglich treffen neue Flüchtlinge aus den umliegenden Regionen ein. Viele leiden an Lungenentzündung, Atemwegsinfektionen, Malaria, Durchfall, Mangelernährung oder Kriegsverletzungen.

Grund für den verzweifelten Flüchtlingsstrom sind bewaffnete Auseinandersetzungen innerhalb der südsudanesischen Armee und zwischen bewaffneten Kämpfern unterschiedlicher ethnischer Gruppen. Seit Beginn der Kämpfe im Dezember 2013 hat es mehr als 10 000 Tote gegeben. Das medizinische Behandlungszentrum im Flüchtlingslager Minkamman im mittleren Südsudan wurde innerhalb kürzester Zeit errichtet, um die dringlichste Not zu mildern. „Die hygienischen Verhältnisse waren erschreckend und die Lebensbedingungen schwierig“, berichtet Klüppelberg. Das war mit ein Grund, warum ihr erster Einsatz nur zwei Monate angesetzt war. Insgesamt war die Lage vor Ort sehr angespannt. „Es war erschreckend zu sehen, dass die Menschen nur noch die Kleidung an ihrem Leib und eine Handvoll Essen hatten, aber stets ein Maschinengewehr bei sich trugen.“ Dennoch: „Ich hatte nie Angst, dass ich in Gefahr bin“, so Klüppelberg. Sie vertraut Ärzte ohne Grenzen blind. „Die würden mich nicht losschicken – schon gar nicht als ersten Einsatz –, wenn es nicht sicher genug wäre.“

Kräftezehrend und lebensbedrohlich

Auf dem rund zwölf Quadratkilometer großen Areal des Flüchtlingscamps wurde ein Inpatient Department errichtet, ein aus mehreren Zelten provisorisch zusammengesetztes Krankenhaus, in dem 70 Patienten stationär behandelt werden können. Zudem gab es fünf kleinere Zelte im Lager verteilt, in denen ambulante Behandlungen erfolgen.

Die ersten zwei Wochen waren sehr gewöhnungsbedürftig. „Ich hatte das Gefühl, in einer Sauna eingesperrt zu sein. Es gab keine Möglichkeit, sich irgendwie abzukühlen“, berichtet Klüppelberg. Die Hitze war auch der Grund für Kreislaufprobleme, die immer wieder bei ihr auftraten. Denn die Patienten lagen nur auf Matratzen oder Decken auf dem Boden. Das hieß also, sich jedes Mal zum Patienten runterzubücken und dann wieder aufzustehen. Hinzu kam, dass Klüppelberg während ihres gesamten Aufenthalts mit einer Magen-Darm-Erkrankung zu kämp­fen hatte. Das lag nicht nur an den einseitigen Dosenmahlzeiten wie Reis, Bohnen, Linsen und Erbsen. „Kräfteraubend waren auch die gefühlten eine Million Fliegen auf den Latrinen.“

Neben den klimatischen Herausforderungen mit ihren Konsequenzen gab es aber durchaus lebensbedrohliche Situationen. Beispielsweise konnte einer schwerkranken Patientin nicht mehr geholfen werden. Ihr Ehemann akzeptierte die Entscheidung der Ärzte nicht und forderte mit vorgehaltener Waffe „von den Weißen mit der Wundermedizin“, seine Frau zu heilen. „Einheimische Krankenschwestern stellten sich ohne zu zögern schützend vor uns. Sie versuchten den Mann zu beruhigen und konnten gemeinsam mit Psychologen vor Ort die Situation deeskalieren.“ Dennoch war die Situation beängstigend und belastend für Klüppelberg. Ihren Eltern zu Hause wollte sie nichts von dem Vorfall erzählen. „Damit sie sich nicht noch mehr Sorgen machen. Das war schwierig. Aber das Team hat mir Halt gegeben.“



Ärzte ohne Grenzen

Als humanitäre medizinische Organisation setzt sich Ärzte ohne Grenzen für eine qualitativ hochwertige und effiziente Gesundheitsversorgung in den Ländern ein, in denen das Überleben von Menschen gefährdet ist. Die deutsche Sektion von Médecins Sans Frontières wurde 1993 als gemeinnütziger Verein gegründet. Als Teil des internationalen Netzwerks verfolgt sie das Ziel, Menschen in Not ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, religiösen oder politischen Überzeugung medizinisch zu helfen und zugleich öffentlich auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Derzeit sucht Ärzte ohne Grenzen dringend Pflegepersonal, besonders mit Französischkenntnissen und Erfahrungen in ärmeren Ländern. Weitere Informationen: www.aerzte-ohne-grenzen.de



Zielstrebig und ehrgeizig

Raina Klüppelberg wußte schon früh, dass sie sich in humanitären Hilfsprojekten engagieren möchte. Im Alter von 15 Jahren war sie mit einem Bekannten auf dem größten zivilen Krankenhausschiff der Welt der Mercy-Ships-Flotte unterwegs. Das beeindruckte sie so sehr, dass von da an ihr Berufswunsch klar war: Sie wollte Krankenschwester werden. Nach ihrer Ausbildung ging sie nach Neuseeland – und zwar in jener Zeit, als ein Tsunami auf dem benachbarten Inselstaat Samoa wütete. Doch obwohl sie die Qualifikation hatte und dringend Pflegepersonal gesucht wurde, durfte sie als Aus-länderin nicht helfen. Damit wollte sie sich nicht abfinden. Zurück in Deutschland beschloss sie, interdisziplinär zu arbeiten, um sich möglichst viel Erfahrung und Wissen so schnell wie möglich anzueignen. Dann bewarb sie sich das erste Mal bei Ärzte ohne Grenzen. Doch ihr fehlten noch einige Qualifikationen, die die Organisation voraussetzt. Also übernahm sie auf ihrer Station die Schichtleitung, um Management- und Führungskompetenzen nachweisen zu können, übernahm Ämter wie Hygiene- und Apothekenbeauftragte, belegte einen vierwöchigen tropenmedizinischen Kurs in Tübingen und lernte an der Volkshochschule Französisch. Da man auch belegen sollte, ein Dritte-Welt-Land bereist oder dort gearbeitet zu haben, ging sie als Backpackerin nach Indien. Dann bewarb sie sich erneut und wurde zu einem mehrstündigen bilingualen Bewerbungsgespräch eingeladen.

Mit Herzblut dabei

„Nicht nur der Lebenslauf ist entscheidend, sondern es wird vor allem geprüft, wie man sich in bestimmten Situationen verhält und ob man den Belastungen in den Krisenregionen vor Ort gewachsen ist“, weiß Klüppelberg. Psychologische Vor- und Nachsorge gehört deshalb zum Pflichtprogramm bei Ärzte ohne Grenzen. Dann hieß es abwarten. Mit ihrem Arbeitgeber, der Asklepios Klinik Altona, hatte Klüppelberg bereits eine einjährige Freistellung vereinbart. Wann und wo die Hamburgerin letztlich aber eingesetzt werden würde, war ungewiss.

An einem Montag im Februar dieses Jahres erhielt sie dann den Anruf, ob sie samstags im Südsudan sein könne: „Ich war gerade als Volunteer in Südostasien unterwegs, um die freie Zeit zu überbrücken und schaute mir verschiedene Projekte und Krankenhäuser an. An der Grenze zwischen Laos und Thailand klingelte mein Handy.“ Danach ging alles schnell. Am nächsten Tag flog sie zurück nach Hamburg, packte ihren Rucksack neu und flog nach Genf. Von dort aus wurde das Notfallprojekt organisiert und dort erhielt sie ein letztes Sicherheits­briefing. Dann ging es weiter nach Nairobi und mit Helikopter und Jeep schließlich in das Flüchtlings­lager aus provisorischen Wellblechhütten.

Dass sie durchaus Angst hatte, den Herausforderungen im Südsudan gewachsen zu sein, verschweigt Klüppelberg nicht. „Aber man wird so ins kalte Wasser geworfen, dass man einfach funktioniert und keine Zeit mehr hat, sich Gedanken zu machen.“ Sie sei immer voller Adrenalin gewesen und habe ungeahnte Kräfte entwickelt. „Ich war überrascht, wie gut ich das alles weg­stecken konnte – sei es das Klima, der Stress oder die wackelige Sicherheitslage.“ Die Belastung und Anstrengung bemerkte sie erst, als sie zurück in Deutschland war.

Mit wenig viel erreichen

Das 45-köpfige Team von Ärzte ohne Grenzen setzte sich aus Pflegenden und Ärzten aus Europa, Kenia, Nigeria und Mexiko zusammen. Klüppelberg war die einzige Deutsche. Hinzu kamen rund 450 nationale Angestellte, die unter anderem für den Bau der Unterkünfte oder für die Wasseraufbereitung zuständig waren und das Areal für die bevorstehende Regenzeit rüsteten. Zu ihnen zählten auch die Krankenschwestern, die die Hamburgerin schulen sollte. „Die einheimischen Pflegenden hatten nur ein äußerst geringes Level an pflegerischen Kenntnissen. Das fing schon damit an, wie man einen Puls misst“, beschreibt Klüppelberg. „Es war eine Herausforderung, das Wissen zu vermitteln, warum wir welche Maßnahmen durchführen und was das bedeutet.“

Die einheimischen Krankenschwestern waren Flüchtlinge wie die meisten im Camp. Sie hatten keine Unterkünfte, schliefen unter freiem Himmel oder einem der wenigen Mangobäume. Die Einsatzhelfer übernachteten mindestens in Zweimannzelten – „ziemlich komfortabel im Vergleich“, so Klüppelberg. Es sind Situationen wie diese, die ihr verdeutlichen, „auf welch hohem Niveau wir uns doch immer beklagen. Ich war sehr ergriffen von der Herzlichkeit der Flüchtlinge, dem liebvollen Umgang untereinander und ihrer Dankbarkeit uns gegenüber, obwohl sie alles verloren und Schreckliches erlebt haben.“ Das will sie auch auf sich übertragen: nicht mehr so materialistisch sein, dankbarer sein, bewusster leben. „Geht es mir wirklich schlechter, wenn ich mir nicht mein zehntes Paar Schuhe kaufe?“, fragt sie sich vorwurfsvoll.

Es war immer schon ein Traum von Raina Klüppelberg, in einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen helfen zu können. Es sei erstaunlich, mit wie wenig Medizin man teilweise so viel bewegen könne. „Ich hätte es nicht gemacht, wenn ich das nicht wirklich wollen würde“, sagt sie, und weiter: „Man kann die schlimmen Dinge nicht leugnen, mit denen man konfrontiert wird. Unterm Strich bleibt was Gutes, etwas Positives für die Leute vor Ort und auch für mich selbst und meine persönliche Entwicklung.“ Sie freut sich schon auf ihren nächsten Einsatz, „der hoffentlich im September losgeht“. Dafür hat sie auch noch einmal Sonderurlaub bekommen. Wohin es geht, weiß sie noch nicht und was danach sein wird auch nicht, aber eins ist sicher: Sie wird es nicht bereuen.

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