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  • 01.09.2014

Zehn Jahre Pain Nurse

Schmerz lass nach!

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 9/2014

Schmerzen lindern kann nur, wer über Schmerzen Bescheid weiß. Genau das ist das Steckenpferd sogenannter Pain Nurses. Seit mittlerweile zehn Jahren verbessern sie die schmerztherapeutische Versorgung nachhaltig. Ein Ein- und Ausblick zum Jubiläum.

Experten sind sich einig darüber, dass starke, unerträgliche Schmerzen während eines Klinikaufenthalts der Vergangenheit angehören sollten – und könnten. Und das gleichgültig, ob Schmerzen nach einer OP oder infolge einer akuten oder chronischen Erkrankung auftreten. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft allerdings immer noch eine Lücke. Denn trotz stetiger Entwicklungen ist eine flächendeckende Akutschmerztherapie noch immer keine klinische Routine, sodass auch heute noch Patienten unnötig an Schmerzen leiden. Im Fall einer unzureichenden Behandlung besteht jedoch die Gefahr, dass Schmerzen chronisch werden. Nach Schätzungen der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. leiden rund acht Millionen Menschen in Deutschland unter chronischen Schmerzen. Das kostet rund 25 Milliarden Euro pro Jahr.

In den vergangenen zehn Jahren habe sich in puncto Schmerzversorgung in Deutschland aber einiges getan, berichtet Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Osterbrink, Lehrstuhlinhaber sowie Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft und -praxis der Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Salzburg. Mit der Entwicklung des „Nationalen Expertenstandards zum Schmerzmanagement in der Pflege" habe die Pflege ihren Aufgabenbereich definiert und deutlich gemacht, welchen Anteil an einem multiprofessionellen Schmerzmanagement sie zu leisten in der Lage sei. Daher sei es nur logische Konsequenz gewesen, den Expertenstandard 2011 für Menschen mit akuten Schmerzen zu überarbeiten und 2014 für Menschen mit chronischen Schmerzen neu zu entwickeln. „Aufgrund der hohen Zahl von über 6000 weitergebildeten Pain Nurses hat sich die Bedeutung der Pflege im Rahmen der multiprofessionellen Zusammenarbeit deutlich gebessert", sagt Osterbrink. Derzeit seien sie allerdings zum Beispiel in der Versorgung chronischer Schmerzpatienten noch keine Selbstverständlichkeit. „Es bleibt also immer noch einiges zu tun."

Keine neuen Schranken zwischen Berufen errichten

Die Gründung der Nationalen Fachgruppe der pflegerischen Schmerzexperten im Herbst vergangenen Jahres unter dem Dach des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) in Berlin sei ein wichtiger erster Schritt, um der wachsenden Gruppe der pflegerischen Schmerzexperten politisches Gewicht zu geben. „Dennoch ist und bleibt das Schmerzmanagement eine multiprofessionelle Aufgabe. Die Förderung der berufsgruppenübergreifenden Kooperation darf keineswegs außer Acht gelassen werden, um sicherzugehen, dass keine neuen berufsgruppenspezifischen Schranken aufgebaut werden", so der Pflegewissenschaftler.

Motivation, Wissen und Fähigkeiten seien drei wesentliche Faktoren, um ein „schmerzfreies" Krankenhaus erreichen zu können. Dazu zählten Fähigkeiten wie Schmer- zen am Patienten einzuschätzen, Schmerzdokumentation, Beratung, Schulung und vor allem Kooperationsfähigkeit mit anderen Berufsgruppen.

Die Deutsche Schmerzgesellschaft sieht die Bekämpfung von Schmerzen als eine „Aufgabe von nationalem Interesse". Immer mehr Beschäftigte im Gesundheitswesen haben sich das Ziel gesteckt, das Schmerzniveau von Patienten auf ein erträgliches Maß zu reduzieren oder komplett zu beseitigen. Das passende Handwerkszeug, um ihr persönliches Kompetenzfeld zu erweitern, finden sie in Seminaren und Fortbildungen. Ein passender Baustein dafür ist das Angebot des Nürnberger Bildungsanbieters cekib. Das Erwachsenenbildungsinstitut des Klinikums Nürnberg hat mit dem Fernlehrgang Pain Nurse ein Angebot auf den Markt gebracht, das mittlerweile zum festen Inventar im Gesundheitswesen zählt.

Seit zehn Jahren werden in der nordbayerischen Stadt Pain Nurses ausgebildet. Eine Säule im Fernlehrgang sind interaktive Workshops während der Präsenzphase in Nürnberg. Tumorschmerztherapie, die Implementierung des Expertenstandards oder nichtmedikamentöse Schmerztherapie stehen dann unter anderem auf dem Programm. „Wir arbeiten viel mit Fallbeispielen und Anschauungsmaterial, um den Workshop lebendig zu gestalten", sagt Christian Pistor. Er leitet den Workshop für postoperative Schmerztherapie und ist Mitautor zweier der insgesamt neun Lehrbriefe für die Zusatzausbildung zur Pain Nurse. Nancy Grove aus der Schmerzklinik des Helios Klinikums Hildesheim hat aus dem Kurs viel mitnehmen können: „Ich habe mein Examen Mitte der 1990er-Jahre gemacht, insofern liegt meine Ausbildung schon eine gewisse Zeit zurück." Zu diesem Zeitpunkt war Schmerz allenfalls ein Randthema und wurde nicht wirklich vertieft. „Insofern waren etliche Inhalte im Fernlehrgang in dieser Detailliertheit neu und sehr aufschlussreich für mich", so Grove. Auch ihre Kollegin Anke Hahnenberger konnte die Erfahrungen als Pain Nurse nach dem Kursbesuch sinnvoll nutzen. Für ihr Engagement wurde sie 2013 sogar zur „Pain Nurse des Jahres" gekürt. Diesen Umstand verdankt sie einer komfortablen Situation bei sich am Klinikum, verrät sie. „Ich habe am Klinikum Hildesheim die Chance erhalten, eine stationäre Schmerzklinik aufzubauen und konnte dadurch viel von dem Wissen als Pain Nurse einspeisen und von Beginn an eins zu eins für chronische Schmerzpatienten umsetzen." Die damalige Geschäftsführung habe ihr viel Freiraum und Mitspracherecht eingeräumt. „Ein echtes Privileg, das ich natürlich umfassend genutzt habe", so Hahnenberger. Inzwischen hat sie in Norddeutschland erfolgreich sieben weitere Schmerzkliniken als Projektmanagerin aufgebaut. Anfangs war sie jedoch durchaus skeptisch, ob sie den Fernlehrgang neben ihrem Job überhaupt schafft. „Aber die Online-Plattform, die den Fernlehrgang begleitet, nimmt viel von diesem Druck weg", sagt sie. Die Zeit für die Lehrbriefe sei großzügig bemessen, der persönliche Austausch mit Dozenten während der Anwesenheitstage optimal. „Ich habe sehr von den Probe-Testaten profitiert, die online zur Verfügung gestellt werden und von der Möglichkeit, bei Rückfragen sofort Kontakt mit den Dozenten aufzunehmen", so Hahnenberger.

Enger Austausch zwischen Teilnehmern und Dozenten

Auch am Klinikum Nürnberg Nord werden die Inhalte des Fortbildungskurses konsequent in den Klinikalltag umgesetzt. Alle Pflegedienstleitungen haben seit Beginn der Fortbildungsmöglichkeit Mitarbeiter in den Kurs entsandt. Über die Zeitspanne von zehn Jahren ist somit das Wissen mittlerweile gut über die verschiedenen Fachkliniken verteilt. „Zusammen mit den chirurgischen Kliniken im Klinikum entwickeln wir derzeit ein gezieltes Multiplikatorensystem, das in engem Kontakt zum Schmerzdienst steht", sagt Dirk Risack, Leiter der Schmerzambulanz im Klinikum Nürnberg Nord. Er ist von Beginn an mit zuständig für die Kursentwicklung zur Pain Nurse, verfasst Lehrbriefe, hält Workshops und engagiert sich bei der Betreuung der Teilnehmer auf der Online-Plattform. Mit dem Kurs hat auch der Expertenstandard Schmerz Einzug ins Klinikum Nürnberg gehalten. „Die einzelnen Fachkliniken haben jeweils eigene Schmerzstandards entwickelt, die tatsächlich auch umgesetzt sind", sagt Risack. Mediziner seien bislang allerdings noch eher eine Randerscheinung im Teilnehmerfeld des Kurses. „Dabei wäre der Besuch für alle Berufsgruppen sinnvoll, die mit Patienten arbeiten", so Risack. Mediziner hätten das Thema genauso in der Ausbildung, wie Pflegende. Aber in der Flut von Informationen, mit der man in der Ausbildung konfrontiert werde, gehe solch ein Themenkomplex auch schnell unter. Mittlerweile gebe es jedoch auch für Mediziner sehr sinnvolle Angebote, um die eigenen Kompetenzen in diesem Bereich aufzurüsten.

 



 Ein Konzept mit Zukunft

Von der ersten Stunde an ist der Erwachsenenpädagoge Hans Beck zuständig für die Konzeption und Organisation des Fernlehrgangs vom Nürnberger Bildungsanbieter cekib. Zusammen mit zwei Kollegen übernimmt er die Kursbetreuung – und das nicht nur in Nürnberg. Über die Jahre hinweg ging der Fernlehrgang Pain Nurse auf die Reise, unter anderem nach Salzburg oder Münster, wo im Rahmen des Projekts „Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt" 100 Teilnehmer weiterqualifiziert wurden.

Wie viele Teilnehmer haben den Fernlehrgang bislang absolviert?

In den vergangenen zehn Jahren haben über 6.000 Teilnehmer mitgemacht. Darauf sind wir sehr stolz, denn mit einem solch enormen Zuspruch hätten wir nicht gerechnet. Die meisten unserer Teilnehmer kommen aus dem deutschsprachigen Raum, viele Österreicher, Schweizer und Südtiroler sind mit dabei. Den weitesten Weg hat ein Teilnehmer aus Griechenland zurückgelegt.

Welcher Personenkreis fühlt sich von dem Lehrgang besonders angesprochen?

Schaut man sich unser Teilnehmerfeld an, dominieren klar Frauen. Manche absolvieren den Kurs direkt nach der Ausbildung, manche möchten ihr Wissen in diesem Bereich auch mit 60 Jahren noch erweitern. Hauptsächlich sind es Pflegende, die bei uns mitmachen, aber auch Medizinische Fachangestellte oder Physiotherapeuten. Mediziner sind eher die Ausnahme.

Gibt es nach Kursende noch Kontakt mit Absolventen?

Wir wollen unsere Teilnehmer dazu animieren, sich auch nach dem Besuch des Fernlehrgangs weiter mit der Thematik zu beschäftigen, damit letztlich auch ein Wissenstransfer in den Berufsalltag erfolgt. Dazu haben wir eine Online-Plattform eingerichtet. Wir versorgen unsere Absolventen nach Kursende weiterhin mit aktuellen Informationen. Außerdem werden Handouts aktueller Präsenztage eingestellt. Man hat also auch nach dem Kurs die Möglichkeit, sein Wissen laufend zu aktualisieren. Wir sind überrascht davon, wie viele von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Von 6000 Absolventen sind immerhin 4000 Personen auf der Plattform aktiv.

Wie sehen Sie die Weiterentwicklung des Kurses?

Der Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen wird immer wieder angepasst. Sobald sich etwas tut, bauen wir die neuesten Entwicklungen zeitnah in das aktuelle Curriculum des Kurses ein. Außerdem haben wir zur Vertiefung den Fernlehrgang „Pain Nurse Plus" konzipiert, der sich mit Schmerzmanagement in besonderen Situationen und bei chronischen Schmerzen beschäftigt. Wir bleiben also stets am Ball.

 

 

 

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