Passwort vergessen
  • 12.03.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Justizvollzug

Pflege hinter Gittern

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2018

Seite 40

Wie sieht die Arbeit von Pflegefachpersonen im Gefängnis aus? Wie ist es, mit straffällig gewordenen Menschen zu arbeiten? Ein Besuch im Krankenhaus der Justizvollzugsanstalt Hamburg.

Wenn Pflegedienstleiterin Stefanie Frey in ihr Büro will, braucht sie eine Weile. Vom Eingang der Justizvollzugsanstalt Hamburg bis in ihr Büro im Krankenhaustrakt ist sie einige Minuten unterwegs – dabei muss sie eigentlich nur zwei Stockwerke hoch und in den Gang hinten rechts. Doch zuerst muss sie die Sicherheitsschleuse passieren, dann die erste Tür aufschließen, durchgehen, Tür wieder zuschließen. Ein paar Schritte entlang der hellen, weiß gestrichenen Gänge gehen und vorbei an den ersten Haftzellen, dann wieder Tür aufschließen, durchgehen, Tür wieder zuschließen. Das Prozedere wiederholt sich noch viermal bevor Frey endlich an ihrem Zielort ankommt.

Im weiteren Tagesverlauf ähneln ihre Aufgaben dann allerdings wieder jenen einer Pflegedienstleitung in einem öffentlichen Krankenhaus. „Mit dem feinen Unterschied, dass wir Gitter vor den Fenstern haben“, erzählt Frey und schmunzelt. Sie selbst nimmt die Gitterstäbe allerdings kaum wahr, sagt sie. Auch war ihr noch nie mulmig zumute, wenn sie die Gänge entlang und an den meist männlichen Häftlingen vorbei muss. Seitdem sie vor gut einem Jahr ihre Stelle hier in der Hamburger Neustadt angefangen hat, weiß sie: Übergriffe sind äußerst selten. Frey hat zumindest noch keine wirklich brenzlige Situation miterleben müssen und weiß: Im Zweifel muss sie nur auf den Piper an ihrem Schlüsselbund drücken, und schon eilen die diensthabenden Kollegen zu Hilfe. 

Das Krankenhaus im Gefängnis

Das Zentralkrankenhaus des Justizvollzugs Hamburg liegt zentral in der Hansestadt und unweit der beliebten Parkanlage Planten un Blomen. Der Kliniktrakt ist direkt an die Untersuchungshaftanstalt mit rund 400 Plätzen angeschlossen, die überwiegend für Inhaftierte von Untersuchungs-, Polizei- und Zivilhaft vorgesehen sind. Insgesamt gibt es in Hamburg sechs Justizvollzugsanstalten mit aktuell rund 2.000 inhaftierten Menschen.

Ihre ambulante medizinische Versorgung erfolgt in den dort jeweils angegliederten Ambulanzen mit insgesamt 32 Pflegenden.

Ihre stationäre Versorgung erfolgt im Vollzugskrankenhaus mit 47 Betten. Dort arbeiten mittlerweile 58 Pflegende auf vier Stationen: Chirurgie, Innere Medizin, Pulmologie und eine inter- disziplinäre Station. Hierzu gehören noch dreizehn Funktionsabteilungen. Dazu zählen unter anderem Röntgen, Endoskopie, Physiotherapie, Zahnarztabteilung, OP und Sterilisation.

Patienten, die intensivmedizinisch betreut oder tomografisch untersucht werden müssen, werden in externe Krankenhäuser verlegt und dort jeweils von zwei Vollzugsbediensteten bewacht.

Sowohl Gefangene aus Hamburg als auch aus Schleswig-Holstein und Bremen werden hier ambulant und stationär medizinisch versorgt.

„Mord und Totschlag passieren hier nicht“

„Viele haben keine klaren Vorstellungen, was Pflegende eigentlich hinter den Gefängnismauern zu tun haben“, so die Pflegedienstleiterin. „Mord und Totschlag passieren hier nicht, auch wenn gewalttätige Kriminelle einen Teil unserer Patienten ausmachen. Als Untersuchungsgefangene bringen diese regelmäßig selbst Schuss- oder Messerstichverletzungen mit, um die wir uns nach der Erstversorgung im Akutkrankenhaus kümmern müssen.“

Auch ist sie keine Beamtin, sondern arbeitet als Angestellte und wird nach dem Tarif der Arbeitsrechtlichen Vereinigung Hamburg bezahlt. Eine Ausbildung im Vollzug hat Frey nicht absolviert. Aber jede Pflegefachperson, die hier anfängt, erhält eine dreimonatige intensive Einarbeitung. In dieser Zeit stehen neben der Arbeit auf den einzelnen Stationen und Funktionsbereichen des Krankenhauses auch zwei Wochen im Vollzug an – immer eng begleitet von einem Mentor.

Die Entscheidung, ob jemand für die Arbeit hier geeignet ist, fällt aber schon einen Schritt früher, beim Probearbeiten. „Meist weiß ich und wissen auch die Bewerber selbst nach wenigen Stunden, ob der Job etwas für sie ist oder nicht“, sagt Frey aus Erfahrung. Manche kommen mit dem Gefühl des Eingesperrtseins nicht zurecht, andere scheinen sehr zurückhaltend, können aber, wenn es darauf ankommt, sehr tough sein.

„Und das muss man hier auch sein“, bekräftigt Kristin Hansen. Sie arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin im stationären Bereich des Vollzugskrankenhauses. „Hier herrscht schon ein rauer Umgangston, verbal muss man einiges abkönnen“, sagt die langjährige Pflegerin aus Leidenschaft. Auch muss man wachsam sein, wenn man ein Krankenzimmer betritt. „Viele sind psychisch krank. Man darf die Sache nie zu locker nehmen. Zu Handgreiflichkeiten kann es durchaus kommen.“ Die Betten sind extra verschweißt, damit sie nicht auseinandergebaut werden können, auch Steckdosen sind extra gesichert. Manche Patienten werden sogar per Videokamera überwacht. 

Pflegefachpersonen gesucht

Pflegende, die Interesse an der Arbeit in einem Vollzugskrankenhaus haben, können sich melden unter UHPoststelle@justiz.hamburg.de.

Derzeit sind drei Pflegestellen vakant.

Upgrade Krankenstation

Aber Hansen verrät auch: „Wer im Knast einsitzt, der freut sich, wenn er auf die Krankenstation verlegt wird. Da werden die Wildesten plötzlich sanftmütig“. Denn das heißt, statt kahle und enge Zelle warten schöne helle und große Zweibettzimmer, meist sogar mit Blick ins Grüne oder – mit viel Glück – sogar mit Blick auf die Elbphilharmonie. „Das ist ein ziemliches Upgrade für die Insassen. Da wird natürlich gerne gemogelt und geschummelt, wo es nur geht. Aber wir kennen unsere Pappenheimer“, so Hansen. Für die simulierten „Fälle“ bekommt man schnell ein Gespür, sagt sie.

Eine ihrer Aufgaben ist es deshalb, die Krankenzimmer regelmäßig zu zweit abzusuchen. Das geschieht unter anderem mit einer Teleskopstange, an deren unterem Ende ein kleiner Spiegel befestigt ist. So kann man in die unmöglichsten Winkel schauen, ob Zigaretten, Handys, Medikamente, zu Waffen umfunktionierte Bestecke oder andere Habseligkeiten versteckt wurden. „Vor allem auf Tabletten und Wärmepflaster haben es die Insassen abgesehen. Ich bin immer wieder erstaunt, was alles geraucht werden kann und wie erfinderisch die Herrschaften hier sind.“

Auf jeder Station gibt es acht Hafträume. Die Schilder an der Tür geben Aufschluss darüber, welche Nahrung der Patient erhält: normal (A-Form, siehe Foto), vegetarisch, schweinefleischfrei oder Diätkost. Außerdem ist dort vermerkt, ob ein oder zwei Patienten im Zimmer liegen und ob besondere Hygienemaßnahmen beachtet werden müssen.

Bis zu fünf Liter Methadon jeden Monat

Die meisten Patienten hier leiden unter Diabetes, Bluthochdruck, Tuberkulose, HIV oder Hepatitis C. Bei vielen kommen Entzugserscheinungen hinzu. Um sie kümmert sich Michaela Törper-Hahn in der Ambulanz. Dort verabreicht sie zum Beispiel die tägliche Dosis, um einen methadongestützten Entzug zu steuern. Je nachdem, was der Arzt verordnet hat, bekommen die betroffenen Patienten zwischen 0,3 und 30 Milliliter Methadon. „Im Monat verbrauchen wir auf diese Weise rund fünf Liter Methadon“, beschreibt die examinierte Pflegerin.

Die Inhaftierten kommen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, viele sprechen nur wenig deutsch. „Es ist nicht immer leicht, einen Zugang zu ihnen zu gewinnen“, gibt Törper-Hahn zu. Dennoch möchte sie ihre Arbeit hier nicht missen. Sie arbeitet, wie die meisten Pflegenden, schon jahrelang hier. Diese Beständigkeit zeichnet das Team letztlich aus. Alle, Pflegeteam, Ärzte und Vollzugsbeamte, sind miteinander vertraut und wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können. Sie arbeiten zwar hinter Gittern, aber vielleicht schweißt auch gerade das so zusammen.

Autor

Weitere Artikel dieser Ausgabe

WEITERE FACHARTIKEL AUS DEN KATEGORIEN