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  • 23.08.2018
  • Die Schwester Der Pfleger

Forschungsprojekt

Ambulante Pflege: Entlastung durch Smartphones?

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2018

Seite 26

Sind Smartphones geeignet, die ambulante Versorgung zu unterstützen und die dort tätigen Pflegenden zu entlasten? Dieser Frage gehen Pflegewissenschaftler der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar in dem Projekt „Integrierte Technik- und Arbeitsprozessentwicklung für Gesundheit in der ambulanten Pflege (ITAGAP)“ nach.

Die vielzitierten demografischen Herausforderungen und der damit einhergehende wachsende Fachkräftemangel werden in der ambulanten Pflege durch die Altersstruktur der Pflegenden verschärft. So weisen Altersstrukturanalysen aus dem aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geförderten Projekt ITAGAP („Integrierte Technik- und Arbeitsprozessentwicklung für Gesundheit in der ambulanten Pflege“) darauf hin, dass der größte Teil der Mitarbeiter in diesem Handlungsfeld 40 Jahre und älter ist. Das Projekt untersucht derzeit die Frage, ob über eine technikgestützte Pflege berufliche Belastungen reduziert und damit auch mehr Effizienz sowie eine höhere Qualität im Pflegealltag erbracht werden können.

Arbeit ohne Smartphones für Pflegende nicht mehr vorstellbar

Erste empirische Ergebnisse aus ITAGAP zeigen, dass in den untersuchten Pflegediensten lediglich eine Form innovativer, neuer Technologien flächendeckend zum Einsatz kommt: Mobile Dokumentationsassistenten (MDA). Das sind handelsübliche Smartphones, die über eine spezielle Software verfügen, die primär der Optimierung ablauforganisatorischer Prozesse dient.

Experteninterviews mit Pflegenden, Qualitätsbeauftragten, Personalmanagern und Führungskräften zeigen grundsätzlich eine Offenheit für neue Technologien. Akzeptanzprobleme bei der Einführung dieser Innovation scheinen sich vielfach nach kurzer Zeit zu legen. So berichten Pflegende wiederholt, die Einführung der MDA hätte „ein wenig Zeit beansprucht“, danach würde sich die Arbeit mit den Geräten „normalisieren“. Ein Arbeiten ohne die MDA ist für die meisten Pflegenden schlicht nicht mehr vorstellbar. Die Pflegenden nehmen die Geräte zum Großteil auch mit nach Hause und wehren sich teilweise sogar gegen Vorgaben der Arbeitgeber, diese nach dem Dienst abzugeben. Dies legt den Schluss nahe, dass MDA bereits als fester Bestandteil in der Pflegepraxis verankert sind (Daxberger 2018).

MDA bieten zudem viele arbeitsorganisatorische Unterstützungsmöglichkeiten. Die pflegefachlichen Informationen werden in den untersuchten Diensten derzeit zwar noch auf Papier dokumentiert, sodass es zu einer Trennung organisatorischer und pflegefachlicher Aspekte kommt. Über die MDA sind jedoch die Tourendaten verfügbar – dazu zählen beispielsweise die Reihenfolge der geplanten Betreuungen, die Wegzeiten und die vorgesehenen Leistungen –, personenbezogene Daten zu einzelnen Pflegebedürftigen können digital abgerufen werden, die tatsächliche Betreuungsdauer wird digital dokumentiert und Abweichungen davon werden automatisiert abgefragt. Je nach Software kann auch die Arbeitszeit Pflegender erfasst werden. Für die Arbeit in der ambulanten Pflege von großem Vorteil ist die Möglichkeit, ortsunabhängig telefonieren sowie Textnachrichten senden und empfangen zu können.

Die Gefahr, dass die permanente Erreichbarkeit Pflegender auch Stress verursachen kann, sollte sorgfältig reflektiert werden. Hier sind, so eines der Projektergebnisse, gut durchdachte Strategien im Umgang mit den technischen Neuerungen zu entwickeln. Pflegende beklagen auch teilweise fehlende, überalterte Technologien – zum Beispiel zu kleine Displays bei den MDA und fehlende PCs – sowie eine mangelnde technologische Infrastruktur, etwa unzureichende Internetverbindung in ländlichen Gebieten. Pflegende bemängeln zudem, MDA „bestimmen die Arbeitszeit“ und dienen als Medium zur Steuerung von Arbeitsprozessen, insbesondere durch die Vorgabe von Zeitfenstern. Das führt zu der Wahrnehmung, dass speziell bei kurzen Einsätzen nur wenige Handlungsspielräume existieren.

MDA bringen neue Herausforderungen

In diesem Zusammenhang ist ein Wandel in der Funktion der Pflegedienstleitungen erkennbar, der unter anderem aus der Abnahme direkter Arbeitsanweisungen und der Zunahme von indirekter Steuerung, beispielsweise durch eine Steuerung von Touren und Dienstzeiten über Smartphones, resultiert. So werden beispielsweise neue Kunden mit festgelegten Zeitfenstern in Touren eingespeist oder Vertretungsdienste auf den Displays der MDA angezeigt, ohne dass vorher ein direkter Kontakt zu den betreffenden Pflegenden aufgenommen wird. Mitarbeiter müssen auf diese Situationen flexibel und selbstständig reagieren.

Indirekte Steuerung nach Peters (2008) beschreibt die Veränderung der Leistungsdynamik in Organisationen hin zu einer neuen Selbstständigkeit von abhängig Beschäftigten. Auf der Ebene pflegepraktischer Versorgung ergeben sich damit und auch darüber hinaus spürbare Veränderungen in den Handlungsspielräumen Pflegender, die unterschiedlich erlebt werden und den Mitarbeitern neue Strategien abverlangen.

In diesem Zusammenhang sei auf das Phänomen der „Interessierten Selbstgefährdung“ hingewiesen. Diese ist gekennzeichnet dadurch, dass Mitarbeiter ihre eigene Gesundheit zur Erreichung betrieblicher Ziele in die Bresche werfen (Peters 2017). Infolgedessen kommen sie beispielsweise auch krank zur Arbeit, um ihre Kunden und Kollegen nicht „im Stich zu lassen“. In der ambulanten Pflege ist das nicht zuletzt bedingt durch das Spannungsfeld zwischen ökonomischen und fachlichen Interessen (Slotala 2011).

Eine hohe Verausgabungsbereitschaft scheint, abseits individueller Unterschiede, bei vielen Pflegenden positiv belegt zu sein. Werden aber die betrieblichen Ziele über die persönliche Gesundheit gestellt, kann das zur oben beschriebenen interessierten Selbstgefährdung und damit zu gesundheitsgefährdendem Verhalten führen (Peters 2011). Die Beanspruchungsfolgen interessierter Selbstgefährdung, das sind unter anderem Konflikte zwischen fachlichem und unternehmerischem Gewissen, innere Zerrissenheit, Schulderleben, Gruppendruck und Vereinzelung/Mangel an offener Kommunikation über Belastungen finden sich in der hier beschriebenen Untersuchung wieder (Krause, Peters & Dorsemagen 2010). Insbesondere in den Bereichen Kommunikation und Dokumentation sowie im Verschwimmen von privaten und dienstlichen Belangen, das durch die Mitnahme von MDA nach Hause bedingt ist, kommt den Smartphones hier die bedeutende Rolle eines „Insulins“ zu (Daxberger 2018).

Arbeitsprozesse neu denken

Wie eingangs beschrieben, profitiert die Organisation des ambulanten Pflegedienstes in vielerlei Hinsicht vom Einsatz der MDA. Vor allem in Bezug auf arbeitsorganisatorische Aspekte können MDA aufgrund ihres Funktionsumfangs viele Vorteile hinsichtlich Touren- und Dienstplanung sowie Leistungsabrechnung bieten.

Die gegenwärtig stattfindende Trennung zwischen einer digitalen Umsetzung organisatorischer Abläufe und einer analogen Umsetzung von pflegefachlichen Angelegenheiten sollte möglichst durchbrochen werden. Über die Erstellung von entsprechenden, gesundheitsförderlichen Konzepten kann potenziell einen Beitrag geleistet werden, neue Technologien so in Arbeitsprozesse zu integrieren, dass diese bestmöglich miteinander harmonieren, anstatt parallel zu verlaufen. Technik sollte dabei nicht als „Add-on“, sondern als interagierender Bestandteil bei der Prozessgestaltung und Steuerung von Pflegediensten mitgedacht werden.

Die Smartphones sollten dabei idealerweise als adäquate Unterstützungsmedien eingesetzt werden und auch als solche vonseiten der Pflegenden wahrgenommen werden. Insgesamt wird eine Notwendigkeit in der Auseinandersetzung mit neuen Technologien gesehen, zugleich scheint es aktuell an finanziellen Ressourcen und vor allem an der systematischen Reflexionsfähigkeit des Technikeinsatzes, auch und insbesondere mit Blick auf die Steuerungsthematik, zu fehlen.

Literatur bei den Autoren.

Die Autoren: Sabine Daxberger; Dr. Lena Marie Wirth; Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt ITAGAP, Universität Oldenburg; Maraike Siemer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Johanniter- Regionalverband Weser-Ems; Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler, Inhaber des Lehrstuhls Gemeindenahe Pflege, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar (PTHV)