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  • 01.08.2016
  • Praxis

Pflege bei COPD

Hinter die Fassade blicken

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2016

Viele ältere Menschen leiden an einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). Sie benötigen ein großes Verständnis ihrer Erkrankung und viel Zuspruch, um trotz der chronisch fortschreitenden Erkrankung eine bestmögliche Lebensqualität zu erhalten. Speziell die Pflege ist hier gefragt.

 

Wenn Jörg Kaiser einen Patienten betreut, der an COPD leidet, dann steht für den Krankenpfleger und stellvertretenden Pflegedienstleiter (PDL) der Schön Klinik Berchtesgadener Land vor allem eins im Vordergrund: Ruhe zu vermitteln und Stress zu vermeiden. COPD steht für „chronic obstructive pulmonary disease", auf deutsch „chronisch-obstruktive Lungenerkrankung mit Lungenemphysem". Das ist eine unheilbare Erkrankung, die mit einer Verengung der Atemwege und einer zunehmenden irreversiblen Schädigung des Lungengewebes einhergeht. Je nach Stadium der Erkrankung bekommen Betroffene unter Belastung oder auch schon in Ruhe nicht mehr ausreichend Luft und ihr Organismus wird nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt. Dadurch sind sie körperlich immer weniger leistungsfähig.

COPD ist aber viel mehr als nur eine Erkrankung der Lunge, denn viele Betroffene leiden unter Begleiterkrankungen, zum Beispiel einer Rechtsherzinsuffizienz, einer Osteoporose oder einem metabolischen Syndrom. Studien zeigen außerdem, dass die Krankheit oft mit psychischen Beeinträchtigungen wie Angststörungen und Depressionen einhergeht. Auch dadurch sinkt die Lebensqualität zusätzlich.

Das pneumologische Zentrum der Berchtesgadener Klinik hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensqualität von COPD-Patienten durch rehabilitative Angebote bestmöglich zu fördern. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet Jörg Kaiser nun bereits in dem Krankenhaus, dessen medizinische Schwerpunkte außer der Pneumologie, die Psychosomatische Medizin und die Orthopädie sind. Als Pfleger war er in allen drei Abteilungen eingesetzt und noch heute springt er auch als PDL dort ein, wo Not am Mann ist.

„COPD ist ein sehr komplexes Krankheitsbild mit einer erheblichen psychischen Komponente", weiß Kaiser. Wenn sich ein davon betroffener Patient gestresst fühle, reagiere er sehr schnell hektisch und gereizt. Dann ist die Luft sofort weg. Das könne schon passieren, wenn er sich etwa durch eine Röntgen-Untersuchung überfordert fühle. In dem pneumologischen Zentrum bestimmen diese Patienten daher ihr Pensum selbst. „Niemand soll über seine Grenze hinausgehen", so der Krankenpfleger. Wer sich für eine Untersuchung nicht fit genug fühlt, soll das mitteilen. Hier stehen nicht medizinische Maßnahmen im Vordergrund, sondern die Gesamtsituation des Patienten.

Der Gesprächsbedarf ist hoch

Schon bei der Aufnahme bespricht der Arzt mit dem Patienten die Wege und Ziele für seinen Reha-Aufenthalt und hält sie schriftlich fest. Diese Aufzeichnungen können alle Mitarbeiter am Computer einsehen. „So arbeiten alle an der Behandlung des COPD-Patienten beteiligten Personen an gemeinsamen Zielen anstatt eigene zu formulieren", sagt Kaiser. Das sei ein wesentlicher Bestandteil ihres interdisziplinären Behandlungskonzepts. Im weiteren Verlauf fragen Ärzte und Pflegekräfte ständig nach, wie es dem Patienten geht und wie er seine Therapie empfindet. „Es ist ganz wichtig, ihm das Gefühl zu geben, er kann sich jederzeit aussprechen", so der Krankenpfleger.

Im Rahmen solcher Gespräche fragt Prof. Dr. Klaus Kenn, Chefarzt der Klinik, gezielt auch nach Ängsten und anderen psychischen Problemen. „Da öffnen sich mitunter Schleusen", sagt der Pneumologe. Das Krankheitsbild sei neben Husten und Auswurf als Leitsymptomen zudem mit erheblicher Scham besetzt. Hinzu kämen oft Selbstvorwürfe, weil meist das Rauchen die Ursache darstellt. COPD-Patienten wirkten oft still und eher „dumpf". „Doch hinter der Fassade ist das häufig nicht so", so Kenn. Bis zu einem Drittel seiner Visitenzeit würden Gespräche in Anspruch nehmen.

Angst vor Luftnot und dem Tod schon in frühen Stadien

Wie hoch der Redebedarf ist, zeigen auch Studien, die Kenn durchgeführt hat. So hat er zusammen mit einer Arbeitsgruppe an seiner Klinik einen Fragebogen zur Erfassung krankheitsspezifischer Ängste bei COPD entwickelt und zusammen mit dem Verein COPD – Deutschland eine Online-Befragung durchgeführt. Früher, so der Chefarzt, sei vor allem die Depression im Fokus von wissenschaftlichen Untersuchungen gestanden. Kenns Studien zufolge kommen aber Angststörungen bei diesen Patienten eine größere Bedeutung zu und das erstaunlicherweise nicht erst in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung.

„Schon Patienten mit einer mittelgradigen COPD, die wir an unserer Klinik befragt haben, leiden unter End-of-Life-Ängsten", so Kenn. Leicht nachzuvollziehen bei Menschen, die unter einer fortschreitenden, unheilbaren Krankheit leiden. Dennoch: Kenn hat in seinen Studien auch untersucht, welchen Stellenwert die psychische Belastung im normalen klinischen Alltag spielt. Das Ergebnis ist erschreckend: Rund 90 Prozent gaben an, dass sie noch nie von einem Arzt gezielt nach Ängsten befragt worden seien. Etwa die Hälfte würde laut der Befragung aber gern darüber sprechen. „Die psychischen Aspekte einer COPD sind im Alltag von Ärzten und Pflegekräften zu wenig evident", sagt der Pneumologe.

Dabei führen gerade diese oft in eine Abwärtsspirale. Denn aus Angst vor Luftnot versuchen viele Betroffene, sich körperlich zu schonen. Dadurch bauen sie aber körperlich nur weiter ab, ziehen sich zurück und oft kommt es auch zu einer sozialen Ausgrenzung. All das führt zu einer noch größeren psychischen Belastung. „Ein Teufelskreis, den es zu zerschlagen gilt", so Kenn. Neben der medizinischen Therapie können offene Gespräche, zum Beispiel über die Angst, ersticken zu müssen oder eines Tages nur noch eine Belastung für die Familie zu sein, helfen, eine bestmögliche Lebensqualität zu erhalten und eine geeignete Therapie zu finden.

Im Rahmen von stationären Aufenthalten von COPD-Patienten sollten die damit verbundenen psychischen Aspekte für alle an der Behandlung Beteiligten immer mit bedacht werden.

Zudem ist es laut Kaiser enorm wichtig, auch auf die richtige Einnahme der Medikamente zu achten. Üblicherweise zählen Wirkstoffe, die die Bronchien erweitern (Bronchodilatatoren) und teils auch inhalative Corticoide zu der medikamentösen Basistherapie. Hier gibt es aber viele Anwendungsfehler. „Manche Patienten wenden ihre Inhalationsmedikamente nicht richtig an", erzählt Kaiser. Dann bekommen sie gegebenenfalls nicht die volle Dosis. Die Pflegekräfte seiner Klinik lassen sich daher von jedem zeigen, wie er das handhabe.

Patienten sollten ihre Krankheit selbst händeln können

Im Vergleich zu anderen Krankheiten ist bei COPD ein gutes Selbstmanagement entscheidend für den Verlauf. Ärzte legen hier in der Regel zwar eine Basis-Therapie in bestimmten Dosierungen fest. Komme es aber zu einer akuten Verschlechterung, so müssen die Patienten wissen, was zusätzlich zu tun ist. In fortgeschrittenen Fällen ist häufig eine Sauerstofftherapie notwendig. Auch diese sollte immer wieder neu individuell den Bedürfnissen angepasst werden.

In einem weit fortgeschrittenen Stadium häufen sich oft solche akuten Verschlechterungen, auch Exazerbationen genannt. Vor allem hier kommt der menschlichen Zuwendung eine große Bedeutung zu. COPD-Patienten kennen üblicherweise bestimmte Techniken, um die Atmung zu verbessern. Dazu zählt zum Beispiel die sogenannte Lippenbremse, bei der die Ausatmung gegen einen Widerstand erfolgt, so dass der Druck in der Lunge steigt und mehr Sauerstoff ins Blut gelangt. „Im Fall einer akuten Verschlechterung vergessen sie das aber oft", sagt Kaiser. Oft helfe es schon, sie daran zu erinnern und gemeinsam mit ihnen zu atmen und ihnen psychisch und menschlich beizustehen.

Verschlechtern sich die Blutgase der Patienten aber trotz aller Therapien auf ein bedrohliches Niveau und reichen selbst intensivierte medikamentöse Therapien nicht mehr aus, dann kann eine unterstützende so-genannte nicht invasive Beatmung Hilfe bringen. Diese erfolgt über Masken, die ebenso wie die Beatmungsdrucke behutsam individuell angepasst werden müssen. Hier entscheidet laut Chefarzt Kenn dann oft die erste Viertelstunde über den Erfolg. Wenn der Patient die Maske auf seinem Gesicht nicht toleriert, macht diese Maßnahme gegebenenfalls alles nur schlimmer. „In einer akuten Atemnot einfach Mund und Nase quasi abgedichtet zu bekommen kann als Horror erlebt werden", beschreibt er das. Auch hier stehen Erklärungen und seelischer Beistand im Vordergrund. Merkt der Patient nach wenigen Minuten, dass die Atmung besser wird, bekommt er Vertrauen und entspannt sich.

Das „Gaspedal" bei Bedarf treten

Meist ist eine Sauerstoff- beziehungsweise eine Beatmungstherapie auch über den Klinikaufenthalt hinaus notwendig. Der Patient bekommt dann ein entsprechendes Gerät mit nach Hause. Um es verstehen und bedienen zu können, muss er über die Zusammenhänge und Funktionen aufgeklärt sein. Die Aussage „Mein Arzt hat mir gesagt, ich solle 16 Stunden am Tag Sauerstoff nehmen" sei zwar oft zu hören, doch nicht wegweisend, so Kaiser. Vielmehr müsse der Patient lernen, wann und wie viel Sauerstoff bei den jeweiligen Belastungen notwendig sei. „Ein Auto braucht auch mehr Benzin, wenn man mehr Gas gibt", erklärt der Krankenpfleger. Auch bei dem schweren Weg, solche Geräte im persönlichen Alltag zu akzeptieren, brauchen Betroffene wiederum Unterstützung.

Über diese Zusammenhänge und Möglichkeiten zu informieren, zählt auch zu den pflegerischen Tätigkeiten. Und das in allen klinischen Bereichen. Denn immer mehr Patienten haben die Krankheit zumindest auf der Liste der Nebenerkrankungen stehen. Laut dem Lungeninformationsdienst gehen Schätzungen davon aus, dass in Deutschland zehn bis zwölf Prozent der Erwachsenen über 40 Jahren unter einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung leiden – Prävalenz steigend. „Bis 2020 wird die COPD wahrscheinlich weltweit an dritter Stelle sowohl der Morbiditäts- als auch der Mortalitäts-Statistik stehen", sagt Chefarzt Kenn. Demnach ist davon auszugehen, dass sie im klinischen Alltag eine immer größere Rolle spielen wird.

 

 

 

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