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  • 05.12.2017

Schülerprojekt „Pflege ohne Grenzen"

Gemeinsam auf Tour

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2014

Altenpflegeschüler aus Landsberg am Lech haben mit demenzkranken und teilweise stark pflegebedürftigen Bewohnern einen dreitägigen Ausflug in den Bayerischen Wald unternommen. Eine besondere Erfahrung für alle Beteiligten.


Stolz sitzt sie da. Mit erhobenem Haupt und ihrem Akkordeon in den Händen. Nach „Muss i denn zum Städtele hinaus" und zwei weiteren Liedern erklingt nun der wundervolle Schneewalzer. Voller Pathos lässt Hildegard Ferrer das Schifferklavier ertönen. Wenn sie zu Hause im Pflegeheim manchmal spielt, dann ist es lediglich ein Lied in Dauerschleife. Doch heute Abend ist die an Demenz erkrankte 86-Jährige voll da. Ihre Augen funkeln, der bewundernde Applaus der anderen spornt sie an. „So viel Beifall habe ich schon lange nicht mehr bekommen", sagt sie gerührt. Ihre Betreuerin, Altenpflegeschülerin Teresa Meißner, kann es kaum glauben: „Noch nie habe ich sie so aufgeweckt gesehen."

Auch Berta Zehnder scheint wie ausgewechselt. Die 100-jährige Allgäuerin lacht und singt schon den ganzen Tag. Vergangene Nacht hat sie gemeinsam mit Viktoria Hafner und deren dreijährigen Tochter Mia in einem Doppelbett geschlafen. „Die zwei waren nur am giggeln", sagt Hafner. Heute Morgen dann beim Frühstück hat Berta Zehnder fast zwei Brötchen mit Marmelade verdrückt. „Sonst isst sie wie ein Spatz", weiß die Schülerin. Selbst ihre häufigen Schwindelanfälle sind deutlich zurück gegangen.

Die meisten der elf Bewohner aus unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen in und um das oberbayerische Landsberg am Lech blühen bereits am ersten Ausflugstag auf. Gemeinsam mit 21 Altenpflegeschülern haben sie sich für drei Tage auf eine Reise in den vier Stunden entfernten Bayerischen Wald begeben. Der „Kurzurlaub" ist in diesem Jahr Bestandteil der Ausbildung an der Heimerer-Altenpflegeschule in Landsberg am Lech. Die Schüler haben im September 2012 mit ihrer Ausbildung begonnen. Im zweiten Ausbildungsjahr steht routinemäßig ein Projekt auf dem Lehrplan, das die Schüler selbst organisieren und gestalten müssen. „Es ist das erste Projekt dieser Art", verrät Schulleiterin Martina Raaf, die vom Engagement ihrer Schüler beeindruckt ist. Die Schüler haben sich diesmal bewusst dafür entschieden, mehrere Tage nonstop mit ihnen anvertrauten Senioren unterwegs zu sein. Zwei Schüler kümmern sich jeweils um einen Bewohner. Im Hotel im niederbayerischen Langdorf teilen sie sich ein Doppelzimmer mit Schlafcouch. „Nicht alle Schüler waren sofort von der Idee begeistert, im Doppelzimmer mit den Pflegebedürftigen zu wohnen – zumal unter ihnen alle Pflegestufen vertreten sind. Die Bedenken wichen aber schnell gespanntem Interesse. Reibungspunkte entstanden eher an anderer Stelle", verrät die Schulleiterin. So kam es zu Unstimmigkeiten innerhalb der Zweierkonstellationen der Schüler: Einige Schüler fühlten sich, als ob sie allein für die kontinuierliche Betreuung des Bewohners zuständig seien, während sich der Partner zurückzog und freie Zeit genoss.

Intensive Vorbereitungsphase

Das Schülerprojekt ist im Rahmen der Unterrichtsfächer „Altenpflege", „Lebensraum- und Lebenszeitgestaltung" sowie „Berufskunde" entstanden und erforderte von den Schülern, nicht zur im Team zu arbeiten, sondern auch Organisationstalent zu beweisen. Die 21 Schüler teilten sich in vier Projektgruppen auf: „Unterkunft, Verpflegung und Reise", „Aktivitäten", „Medien und Gestaltung" und „Finanzen". Mit rund 6.000 Euro an Sponsorengeldern von 34 Firmen und Einrichtungen in und um Landsberg, von Angehörigen und Privatpersonen sowie knapp 1.000 Euro Zuschuss von der Schule konnte die Reise letztlich finanziert werden.

Die Entscheidung, welche Bewohner mitfahren durften, fiel zum einen aufgrund ihrer Biografie, wer also immer schon gern reiste, und zum anderen, wie sympathisch sich Bewohner und Schüler waren.

Ein 24-Stunden-Job

Privatsphäre gibt es keine – ähnlich wie bei pflegenden Angehörigen. Genau das ist eines der Projektziele: sich in die Lage pflegender Angehöriger zu versetzen, die rund um die Uhr für die Betreuung ihrer Liebsten im Einsatz sind. „Trotz aller Anstrengungen ist es eine wertvolle Zeit zusammen. Einer von beiden Schülern ist immer für den Bewohner da. Hier gibt es kein hektisches Hin- und Herrennen wie im Heim", sagt Heike Schlüter und Benedikt Wagner ergänzt: „Wir sind ein Teil der Bewohner und umgekehrt und das nicht nur, weil wir sie pflegen, sondern weil wir gemeinsam etwas erleben." „Die konstante und innige Nähe ist aber anfangs schon sehr gewöhnungsbedürftig", gibt Teresa Meißner zu. Doch erst dadurch sei eine besondere Bindung entstanden, die das Vertrauen auf beiden Seiten habe inniger werden lassen. „Jetzt kann ich verschiedene Reaktionen von Frau Ferrer besser verstehen und nachvollziehen. Das erlaubt mir, noch individueller auf sie einzugehen." Und genau das ist die Intention. „Wir wollen mit unserem Projekt vor allem eine individuell abgestimmte, enge Verzahnung von Theorie und Praxis in der Pflege erreichen", sagt Benedikt Wagner. Dabei laute die Devise stets, so viel Sicherheit wie nötig zu geben und so viel Freiraum wie möglich zu lassen. Wagner gehört zu den Initiatoren des Schulprojekts, das die Klasse „Pflege ohne Grenzen" getauft hat. Ihm und den anderen Auszubildenden geht es darum, den oft starren Heimablauf aufzubrechen und mehr Zeit mit den Senioren zu verbringen. Dies sei in dem ungezwungenen Rahmen eines solchen Projekts eher möglich als im Heimalltag mit seinen einschränkenden Grenzen. „Wir wollen zeigen, dass Pflege anders sein kann und nicht nur von Pflegenotstand und angeblichen Qualitätsmängeln bestimmt ist", betont Wagner. Man müsse vom Ruf wegkommen, das Pflegeheim sei ein Abstellgleis. Wer im Seniorenzentrum lebe, müsse und dürfe nicht von der Außenwelt isoliert sein. Früher seien mehrtägige Ausflüge regelmäßig unternommen worden. „Es ist traurig, dass im heutigen Pflegealltag meist weder Personal noch Zeit für solche Aktivitäten ist." Wie viel letztlich von den ambitionierten und idealistischen Ansätzen übrig bleibt, wenn die Bewohner wieder im Heim sind und die Auszubildenden in der Schule, wird der Alltag zeigen.

„Das war super", fasst jedenfalls Berta Zehnder die Reise zusammen und würde am liebsten noch etwas bleiben.