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  • 01.08.2013
  • Forschung

Nationales Pflegeforschungsinstitut

„Gute Pflegeforschung rechnet sich in jedem Fall"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2013

In den USA gibt es ein National Institute of Nursing Research (NINR), das für die Untersuchung pflegerelevanter Forschungsfragen zuständig ist und von der Politik gefördert wird. Wir sprachen mit Prof. Dr. Stefan Görres, warum ein solches Institut auch die Pflegeforschung in Deutschland voranbringen könnte.

Sie beklagen schon länger, dass es in Deutschland keine systematisch geförderte Pflegeforschung gibt. Woran liegt das?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen gibt es die Pflegewissenschaft in Deutschland erst seit den 1990er Jahren; damit war wenig Zeit, Pflegeforschung zu etablieren. Zweitens gibt es nur sechs Universitäten in Deutschland, die pflegewissenschaftliche Studiengänge anbieten. Dadurch haben wir zu wenig Nachwuchswissenschaftler, die wirklich Forschung betreiben – die zahlreichen Fachhochschulen setzen ihre Schwerpunkte eher in der Lehre. Und drittens fällt die Pflegeforschung durch die üblichen Strukturen der Forschungsförderung meist durch. Viele wissenschaftliche Projekte werden über die DFG, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, gefördert. Hier passt die Pflegewissenschaft aber in keine Schublade, Einzelanträge werden von Fachfremden beurteilt und die Chance, eine Förderung für eine pflegewissenschaftliche Studie zu erhalten, ist sehr gering.
 

Gibt es alternative Fördermöglichkeiten?

Von 2004 bis 2011 wurden insgesamt vier Forschungsverbünde in der Pflegewissenschaft vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, BMBF, mit knapp zehn Millionen Euro gefördert. Diese Förderung war hilfreich, aber nicht ausreichend, um eine nachhaltige Forschungs-Infrastruktur aufzubauen. Dafür brauchen wir eine langfristige Förderung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Partner, die uns lange kompensatorisch unterstützt haben, wie die Robert Bosch Stiftung oder die B. Braun-Stiftung, nun andere Schwerpunkte setzen und sich aus der Forschungsförderung zurückziehen – mit dem nachvollziehbaren Argument, jetzt sind auch mal die Politik und andere Förderinstitute dran. Bei bundesweiten Projektausschreibungen stehen wir mit unseren Forschungsanträgen aber in Konkurrenz mit anderen Disziplinen wie Versorgungsforschung oder auch den Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften. Und da wir im Vergleich bisher kaum eine Forschungsinfrastruktur aufbauen konnten, haben wir oft das Nachsehen. Das ist fatal, denn es gibt viele offene und existenzielle Fragen. Eine deutliche Schwerpunktsetzung in der Pflegeforschung mit eigener Infrastruktur wäre dringend notwendig.
 

Wie lässt sich begründen, dass die Pflegewissenschaft – im Gegensatz zu anderen Disziplinen – eine eigene Forschungsinstitution braucht?

Die Frage ist doch: Ist die Pflege – und alles um die Pflege herum – nicht ein so drängendes nationales Thema, dass wir eine eigene Forschung brauchen? Nur ein Beispiel: In den Medien ist aktuell zu lesen, dass es viel zu wenig alters- und pflegegerechte Wohnungen gibt und dass der erforderliche Umbau aller Senioren-Wohnungen rund 39 Milliarden Euro kosten würde. Alleine daran können Sie sehen, um welche Dimensionen es geht, wenn es um eine zukunftssichere Lebensqualität etwa bei älteren Menschen geht! Hier könnte die Pflegeforschung gute Konzepte und Ansätze liefern, was bei solchen Umbaumaßnahmen zu beachten ist. Pflegeforschung dieser Art muss aber langfristig und nachhaltig gefördert werden.
 

In den USA gibt es so etwas ja schon seit 1985: ein National Institute of Nursing Research. Wie ist dieses Institut für Pflegeforschung organisiert?

Ich hatte die Chance, das Institut im Mai dieses Jahres mit Unterstützung der B. Braun-Stiftung zu besuchen. Das National Institute of Nursing Research mit zirka 120 Mitarbeitern steht unter dem Dach der National Institutes of Health, die mehrere wissenschaftliche Institute im Gesundheitswesen vereinen. Es ist organisatorisch an das Gesundheitsministerium angebunden, ein eigenes Forschungsministerium, wie wir es in Deutschland kennen, gibt es nicht. Das hat den Vorteil, dass national relevante Themen im Bereich Gesundheit und Pflege direkt über Forschungsaufträge in die Wege geleitet werden können.
 

Welche Themen werden hier beispielsweise gefördert?

Die Forschungsprojekte beschäftigen sich mit Prävention in der Pflege, mit Verbesserung von Lebensqualität, sozialer Ungleichheit im Zugang zur pflegerischen Versorgung, Palliative Care, Schmerzforschung und vieles mehr. Aber es wird auch Grundlagenforschung betrieben, das geht hin bis zur Genforschung, wo sich Untersuchungen mit der Frage beschäftigen: Wie entstehen überhaupt chronische Wunden? Zudem wird im National Institute of Nursing Research nicht nur geforscht, sondern auch vieles direkt in Weiterbildungsprogramme übersetzt, sodass über diesen Transfer von Forschungsergebnissen Innovationen direkt in die Praxis gelangen.
 

Werden alle Forschungsprojekte direkt im Institut bearbeitet?

Nein, das Institut gibt nur einen kleinen Teil des Geldes für eigene Forschung aus, etwa zehn Prozent. Der größte Teil des Geldes, zirka 90 Prozent, wird landesweit an andere Forschungsinstitute vergeben, die beim National Institute of Nursing Research dann ihre Forschungsanträge stellen können – das Institut ist ja für die ganzen USA zuständig. Insgesamt verfügt das Forschungs-institut pro Jahr über etwa 140 Millionen Dollar.
 

Wer entscheidet über die Anträge?

Hierfür wurde ein Beirat gebildet, der sogenannte National Advisory Council for Nursing Research. Dieses entscheidet über die Vergabe der Forschungsgelder. Das Besondere an diesem Beirat ist, dass ausgewählte Wissenschaftler, Manager und Pflegeexperten über den Sinn und Zweck der Forschungsanträge gemeinsam entscheiden. Diese Allianz ist für die Wissenschaft in Deutschland sehr untypisch – das ist, als würde Andreas Westerfellhaus vom Deutschen Pflegerat über Forschungsvorhaben mitentscheiden. Diese Allianz verdeutlicht aber die gemeinsame Verantwortung für den Bereich Pflegeforschung, der nicht wie in Deutschland alleinig in den Händen der Wissenschaftler liegt.
 

Um so ein nationales Pflegeforschungsinstitut in Deutschland zu etablieren, wäre aber eine Voraussetzung, dass die Politik ein solches befürworten würde.

Auf jeden Fall. Die Politik muss die Notwendigkeit einer solchen Institution sehen – das ist keine Frage des Geldes, sondern der Überzeugung. Wir haben mit Pflegewissenschaftlern und Stiftungsvertretern das Forschungsinstitut in den USA besucht und überlegen nun: Wie können wir die Politik dafür begeistern? Ich denke, dass die Politik mit einem solchen Vorhaben sehr überzeugend zum Ausdruck bringen könnte, dass Pflege wirklich Chefsache ist und eine hohe Priorität hat.
 

Und wenn die Politik sich nicht begeistern lässt?

Dann müssen wir uns einen Plan B überlegen, zum Beispiel: Gibt es Interessenten jenseits der Politik, die bereit sind zu investieren? Das könnten Versicherer sein, Unternehmen der Pharmabranche oder Hilfsmittelhersteller. Aber es laufen gerade Gespräche mit der Politik, auch auf der oberen Ebene, und hier gibt es durchaus Interesse. Ich hoffe auf jeden Fall, dass wir einen Weg finden, auch in Deutschland ein nationales Forschungsinstitut zu etablieren – vielleicht auch in Form einer Allianz aus Politik, Verbänden und Unternehmen, die das Vorhaben unterstützen.
 

Wie versuchen Sie, die Politik von der Notwendigkeit eines Forschungsinstitutes zu überzeugen? Gibt es überzeugende Zahlen aus den USA, die Einspareffekte belegen?

Wenn man die Fördermittel in den USA für Pflegeforschung pro US-Bürger berechnet, kommt man auf 46 Cent pro Kopf, also einen knappen halben Dollar. Das ist nicht viel. Wenn man überlegt, wie viel Geld sich wiederum einsparen lässt, wenn man auf gute Forschungsergebnisse zurückgreifen und präventive Konzepte einbringen kann, weiß man, dass man volkswirtschaftlich betrachtet viel Geld sparen könnte. Das rechnet sich allemal. Es geht vielmehr darum, dass ein solches Institut politisch gewollt sein muss. Wir brauchen mutige Politiker, die sagen, jetzt mache ich mal etwas um der Sache willen, einfach weil ich es für richtig halte. Ich bin auf jeden Fall fest von diesem Konzept überzeugt und gerne bereit, in meinen nächsten Berufsjahren noch einige Klinken zu putzen, damit wir auch in Deutschland ein nationales Pflegeforschungsinstitut bekommen werden.
 

Ich wünsche Ihnen viel Glück dabei und danke Ihnen für das Gespräch, Herr Professor Görres.

Das Interview führte Brigitte Teigeler.

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