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  • 24.06.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Spiritual Care

Pflege, die erfüllt

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2019

Seite 44

2016 eröffnete am Scharmützelsee nahe Berlin die deutschlandweit erste buddhistische Pflegeeinrichtung: Sukhavati. 17 zumeist schwerkranke Menschen erhalten dort die Pflege und Zuwendung, die sie benötigen – so, wie es eigentlich in jeder Einrichtung sein sollte. Was in Sukhavati anders läuft, haben uns Pflegedienstleiterin Kerstin Peter und Geschäftsführer Henry Schumann gezeigt. 

Der Blick aus den fast bodentiefen Fenstern geht direkt ins Grüne und gen See. In der linken Zimmerecke verströmt eine Duftlampe den Geruch von Orange. Die Holztöne des Eichenparketts wirken in Kombination mit den Waschbetondecken warm und sorgen für wohliges Ambiente. Kerstin Peter betritt behutsam den Raum und stellt die Lieblingsmusik von Andreas Thoma* an. Ein Lächeln macht sich auf dem Gesicht des 56-Jährigen breit, der an amyotropher Lateralsklerose, kurz ALS, erkrankt ist. Jetzt weiß er, dass seine Lieblingspflegerin da ist, um ihn in den Tag zu begleiten. Und dafür nimmt sich Peter Zeit. „Die Grundpflege kann schon mal eineinhalb Stunden dauern“, sagt sie.

Kerstin Peter ist Pflegedienstleiterin in der Einrichtung Sukhavati im brandenburgischen Bad Saarow – idyllisch gelegen direkt am Scharmützelsee, rund 1,5 Stunden entfernt von Berlin. Insgesamt ist sie für 27 Pflegefachpersonen und Pflegehilfskräfte zuständig. Wenn es ihre Zeit zulässt, kümmert sie sich mit um die aktuell 17 Bewohnerinnen und Bewohner. 8 von ihnen sind dauerhaft pflegebedürftig. Für ihre Beatmungsüberwachung rund um die Uhr ist ein Personalschlüssel von einer Pflegefachkraft zu maximal 3 Patientinnen und Patienten vorgeschrieben. „Unser Personalschlüssel entspricht insgesamt dieser Relation und ist damit sehr gut. Davon profitieren auch unsere übrigen Gäste. So können wir uns um jeden kümmern, wie sie oder er es verdient hat: achtsam und in Ruhe.“

Die gelernte Krankenschwester arbeitet seit 2017 in Deutschlands erster buddhistischer Pflegeeinrichtung. Zuvor arbeitete die Pflegefachperson in einer privat geführten Klinikkette. „Das war nicht mehr das Richtige für mich“, sagt sie. „Der Pflegealltag wurde immer hektischer, der Umgang im Kollegenkreis und auch mit Patientinnen und Patienten war nicht mehr sehr wertschätzend.“ In Sukhavati habe sie nun die Zeit, die es für Pflege und Betreuung braucht. Dank der guten Personalsituation könne sich das Pflegepersonal intensiver auf die Menschen einlassen, teilweise entstünden so sehr innige Beziehungen. „Arbeiten müssen wir überall, aber das ,Wie‘ ist entscheidend.“

Im Zentrum für Spiritual Care, wie sich die Einrichtung auch nennt, können sich Interessierte für eine bestimmte Zeit als Gast einmieten oder sich als Mitglied der Wohngemeinschaft dauerhaft dort niederlassen. Neben der ambulant geführten Pflege-WG finden sich individuelle Tagesgestaltungen sowie spirituelle Betreuung und Begleitung im Angebot.

„Sukhavati“ stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „Ort des Wohlbefindens, der Zufriedenheit und des Glücks“. Jeder, der die rund 3.400 qm große Anlage betritt, wird sich dessen bewusst. Nicht nur der Zen-Garten, die Buddha-Figuren oder die 3 Meditationsräume vermitteln diese spirituelle Behaglichkeit. Die Stimmung ist insgesamt entspannt und voller positiver Energie, die Menschen strahlen – Angestellte, Angehörige und Pflegebedürftige gleichermaßen. „Obwohl wir täglich viel Leid, Schmerz und Trauer um uns haben, liegt hier auch jede Menge pure Lebensfreude in der Luft. Es vergeht kein Tag, an dem nicht herzhaft gelacht wird. Wir sind wie eine große Familie, eine Einheit – dabei aber immer auch professionell in unserer Arbeit“, so Kerstin Peter.

Zusammenhalt, Verständnis und Unterstützung habe das noch junge Pflegeteam vor allem über die wöchentlichen Meditationen – die auch für Bewohnerinnen und Bewohner sowie Interessierte von außerhalb offenstehen – und speziellen, 30-minütigen Spiritual-Care-Schulungen gelernt. In Letzteren stehen aktives Zuhören wie Deep Listening, der Umgang miteinander oder Basale-Stimulations-Praktiken auf dem Programm. Diese Schulungen sollen künftig zweimal wöchentlich erfolgen.

Seit Oktober vergangenen Jahres gibt es zudem vor jedem Teammeeting eine 5-Minuten-Meditation. „Das hilft uns, die Emotionen aus dem Alltag sacken zu lassen und in einen sachlichen Austausch zu kommen“, sagt die Pflegedienstleiterin. Ein bis zwei Pflegefachpersonen sorgen während dieser Zeit für das Notfallmanagement.

„Ohne ein gut funktionierendes Team könnten wir unsere Arbeit hier nicht so gut meistern“, ist sich die Pflegedienstleiterin sicher. Die Pflegenden sind zwar nicht verpflichtet, an den Übungen und Meditationen teilzunehmen, doch eigentlich nehmen alle das Angebot wahr – auch wenn die meisten von ihnen nicht dem buddhistischen Glauben angehören. „Sukhavati ist für jede Glaubensrichtung offen. Wichtig ist uns, in allem, was wir tun, wertschätzend und achtsam anderen gegenüber zu handeln. Wer diesem Grundsatz zustimmen kann, ist herzlich willkommen.“

Die Meditationen und speziellen Schulungen förderten nicht zuletzt die Selbstfürsorge, sodass die Pflegenden insgesamt zufriedener seien mit ihrer Arbeit. Zwar komme es hin und wieder vor, dass Kolleginnen oder Kollegen aufgrund von Krankheitsfällen aus dem Frei geholt würden. „Da wir aber generell schon stärker aufgestellt sind als in anderen Einrichtungen, können wir Ausfälle besser kompensieren“, weiß Kerstin Peter.

FINANZIERUNGSKONZEPT HINTER SUKHAVATI

Über die Tertön Sogyal Stiftung, eine weltweit agierende buddhistische Stiftung, zahlen Bewohnerinnen wie Bewohner nach dem Solidarprinzip und entsprechend ihrer finanziellen Möglichkeiten ein und können zusätzliche finanzielle Unterstützung beantragen. Derzeit betrifft das rund 60 % der Pflegegäste. Die pflegerischen Leistungen werden dann über die eigens gegründete Sukhavati Pflege GmbH abgerechnet. Das Unternehmen ist Vertragspartner der Kranken- und Pflegekassen sowie Mitglied im Berufsverband ambulanter Dienste. Die Leistungsabrechnung erfolgt jeweils nach Vertragsabschluss entsprechend den aktuell gültigen Rahmen- und Leistungsvereinbarungen für Pflegesachleistungen, Verhinderungspflege und häusliche Krankenpflege.

Meetings starten mit dem Gong der Klangschale

Die meisten Patientinnen und Patienten in Sukhavati leiden an ALS, einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, oder Multipler Sklerose, andere kommen bewusst zum Sterben hierher. „Zu sterben, hat hier einen Wert, egal ob erst 27 Jahre alt oder schon 85 Jahre“, so die Pflegerin. Wenn gewünscht, kann eine verstorbene Person bis zu 72 Stunden in einem der Ruheräume aufgebahrt werden – entsprechend der Sterbephasen nach den buddhistischen Regeln. „Viele Angehörige nutzen das und nehmen sich Zeit, Abschied zu nehmen. Das sind sehr intensive Momente für alle Beteiligten.“

Der Umgang mit Sterbenden und dem Tod ist auch Thema in den Seminaren und Fortbildungsangeboten der in die Einrichtung integrierten Sukhavati-Akademie. Die Kurse richten sich u. a. an Mitarbeitende der Kranken- und Palliativpflege, der Notfallmedizin oder an Seelsorgerinnen und Seelsorger. Für Angehörige gibt es Kursangebote zur Persönlichkeitsentwicklung und für Wege aus der Trauer. In den Startlöchern steht außerdem ein spezielles Coaching-Programm für Eltern, deren Kinder im 50 km entfernten Hospiz in Frankfurt/Oder liegen. Schon jetzt kommen Pflegeschulklassen und Hospiz-Teams regelmäßig vorbei, um sich die pflegerische Arbeit und das Konzept von Sukhavati zeigen zu lassen.

Sukhavati ist als gemeinnütziges Projekt 2016 ins Leben gerufen worden. Leitgedanke: Jeder Mensch, der älter wird oder krank ist, sollte die bestmögliche Versorgung bekommen – für Körper, Geist und Seele. Möglich wurde das Projekt durch mehrere anonyme Großspenden. Hinter diesen Spendern stehen Angehörige, die ihre Nächsten durch schwere Krankheiten verloren haben und dabei erleben mussten, dass der letzte Weg des Lebens nicht immer würdevoll verläuft. Zwei Drittel des 9 Mio. Euro teuren Wohnprojekts konnten mit diesen Spenden finanziert werden, der Rest lief über Bankkredite. Die Betriebskosten sollen mittelfristig aus den Einnahmen der vermieteten Apartments, den Dienstleistungen des Pflegedienstes und den Seminargebühren erwirtschaftet werden. Etwa 15 % der Betriebskosten sollen über Fundraising laufen.

Für Geschäftsführer Henry Schumann ist Sukhavati ein magischer Ort. Seinen Job bezeichnet er nicht als Arbeit, sondern Aufgabe. „Wir sind kein klassisches Pflegeheim, sondern eine spirituelle Gemeinschaft für Menschen in besonderen Lebenssituationen“, beschreibt Schumann. Menschen, die in einer akuten Krankheitsphase, bei andauernder Pflegebedürftigkeit oder am Ende des Lebens pflegefachliche und medizinische Hilfe im eigenen Apartment wünschten, seien bei Sukhavati richtig.

Schumann ist voller Tatendrang, immer in Aktion, huscht über die Flure, tätigt hier noch schnell einen Anruf, organisiert dort die Ankunft des nächsten Patienten. „Es ist ein Balanceakt, die buddhistischen und wirtschaftlichen Interessen gleichermaßen zu wahren“, gesteht er. Aber: „Die Zahlen muss ich im Blick behalten, auch wenn wir dank der Stiftung in der günstigen Situation sind, keine Gewinne erzielen zu müssen.“

Zwei Eigenschaften kommen Schumann bei diesem Balanceakt zugute: Als ehemaliger Marketingleiter für die Region Ost beim Automobilkonzern General Motors kennt er die wirtschaftliche Seite, als aktiver Buddhist die spirituelle. Schumann wechselte im Herbst 2018 nach Bad Saarow. Sein Credo für das Unternehmen: gesundes Wachstum und stabile Entwicklung. Mit dem Social-Business, wie er es nennt, will er wenigstens die entstehenden Kosten erwirtschaften. Dieser Ansatz scheint bislang aufzugehen. In diesem Jahr wird der Break-Even-Point erreicht und erstmals die Gewinnschwelle überschritten. Die Warteliste für die Apartments umfasst mittlerweile 15 Personen. Zwar könnten rein räumlich aktuell noch 3 Bewohnerinnen und Bewohner aufgenommen werden – dafür reicht aber das Pflegepersonal nicht. Derzeit werden 3 Pflegefachkräfte gesucht. „Mir ist wichtig, dass wir das verdiente Geld in Personal investieren“, betont der Geschäftsführer. Das fange bei den Gehältern an, die teilweise über dem branchenüblichen Tarif lägen, und gehe bis zu kostenfreien biovegetarischen Speisen und vergünstigten Eintritten in die weniger als 100 m entfernte Therme.

„Wir bieten hier einen Ort, an dem Menschen durch Fürsorge und Unterstützung Ruhe, Erholung und innere Kraft finden können – sei es für Gäste oder Mitarbeitende. Und: Weder der Glauben noch der finanzielle Status spielen eine Rolle, um von unserem Angebot profitieren zu können“, so Schumann.

Diese innere Kraft und Ruhe sind es dann auch, die auf dem gesamten Areal zu spüren sind. Die sanft an den Ufern sich brechenden Wellen des Sees betonen diese meditative Atmosphäre.

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