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  • 26.09.2017
  • Praxis

Automatisierte Externe Defibrillatoren

Keine Angst vor dem „Defi“

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2017

Seite 18

Bei einem plötzlichen Herzstillstand können Automatisierte Externe Defibrillatoren (AED) Leben retten. Ob an öffentlichen Plätzen oder im Krankenhaus – die modernen Geräte sind für jeden einfach zu bedienen und führen den Anwender sprachgestützt durch die Reanimation.

Das Wort AED, also Automatisierter Externer Defibrillator, ist in aller Munde. Fast wöchentlich liest man in der Zeitung von der Übergabe eines neuen Gerätes an Sportvereine oder Feuerwehren. Viele öffentliche Einrichtungen wie Rathäuser, Banken, Schwimmbäder, Bahnhöfe oder Flughäfen statten ihre Standorte mit Defibrillatoren aus, damit diese – im Notfall – schnellstmöglich durch Passanten zum Einsatz kommen. Bei meinem letzten Schwimmbadbesuch stellte ich mir die Frage: Kann wirklich jeder einen AED bedienen, so wie es von allen Mitbürgern verlangt wird?

Um diese Frage zu beantworten, startete ich einen Feldversuch mit meinem Bruder, der BWL studiert und bis auf einen Erste Hilfe-Kurs für den Führerschein keinerlei medizinisches Know-how mitbringt. Das Experiment fand im heimatlichen Wohnzimmer statt. Als Reanimationstrainer konnte ich mir hierfür das Equipment bestehend aus einem Übungsdefibrillator und einer Übungspuppe ausleihen, positionierte diese auf den Boden und erklärte meinem Bruder mein Vorhaben. Nach kurzem Zögern sagte er mir seine Unterstützung zu.

Mein Bruder ging – so wie er es sieben Jahre zuvor im Erste Hilfe-Kurs gelernt hatte – auf den Patienten zu, sprach ihn an, stellte die Bewusstlosigkeit fest, kontrollierte die Atmung und wusste: Jetzt muss ich mit den Reanimationsmaßnahmen beginnen. Den Defi hatte ich ihm bereitgelegt. Er begann das Gerät auszupacken, die angeschlossenen Elektroden aufzureißen und diese anhand des Piktogramms auf den Elektroden aufzukleben. Hierbei fiel auf, dass das sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Er schaltete das Gerät ein, das die Art des Kreislaufstillstandes analysierte, und lud den ersten Schock hoch. Mein Bruder gab den Schock frei und folgte im Anschluss den Anweisungen des Gerätes und führte die Thoraxkompressionen durch.

Er schaffte es also wirklich, ohne jegliche Vorbildung einem Patienten mit Kreislaufstillstand die Therapie zukommen zu lassen, die dieser brauchte. Daraus ergab sich eine neue Frage: Sind regelmäßige Reanimationstrainings überhaupt sinnvoll, wenn es wirklich jeder kann?

Nicht jeder Kreislaufstillstand kann defibrilliert werden

Ein akuter Herzkreislaufstillstand ist immer ein Notfall. Nur wenn sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden, besteht eine Überlebenschance. Jedoch: Nicht jeder Notfallpatient erhält eine Defibrillation. Ob diese indiziert ist, hängt davon ab, welche Ursache der Kreislaufstillstand hat und welcher EKG-Rhythmus zugrunde liegt. Nur bei einem Kammerflimmern oder einer pulslosen ventrikulären Tachykardie – den beiden Hauptvertretern des Kreislaufstillstandes – ist die Defibrillation mit Abgabe eines Schocks zu empfehlen (Abb. 1).

Kammerflimmern: Dies ist die häufigste Ursache eines plötzlichen Kreislaufstillstandes. Aufgrund des hochfrequenten Flimmerns ist die Herzmuskelkontraktion gestört, sodass eine wirksame Kontraktion des gesamten Herzmuskels nicht mehr möglich ist. Folglich wird kein Blut mehr in den großen Kreislauf und den Lungenkreislauf ausgeworfen. Im EKG sind unkoordinierte Zacken und Wellen mit geringer Amplitude und einer Frequenz von 250–300/min zu erkennen.

Pulslose ventrikuläre Tachykardie (pVT): Das Herz schlägt so schnell, dass keine Herzauswurfleistung vorhanden ist. Es ist kein Puls tastbar.

Pulslose elektrische Aktivität (PEA): Dies ist eine Sonderform des Kreislaufstillstandes. Trotz elektrischer Aktivität des Herzens wird keine Auswurfleistung in Form eines Pulses erbracht. Unbehandelt führt die pulslose elektrische Aktivität in kurzer Zeit zum Tod.

Asystolie: Es kommt zu einem kompletten Ausfall der elektrischen und mechanischen Herzaktion, die unbehandelt innerhalb weniger Minuten zum Tod führt. Das EKG zeigt eine Nulllinie an.

Welcher Herzrhythmus vorliegt und ob eine Defibrillation indiziert ist, können Automatisierte Externe Defibrillatoren (AED) heute feststellen. Der Anwender kann nur dann einen Schock abgeben, wenn ein defibrillierbarer Rhythmus vorliegt. Deshalb ist die Bedienung dieser Geräte relativ einfach und problemlos für jeden möglich.

Durch den externen Stromstoß des Defibrillators soll eine gemeinsame Depolarisation vieler Herzmuskelzellen erreicht werden. Diese können nach einer anschließenden Refraktärzeit ihre Arbeit wieder aufnehmen, innerviert durch die eigentlichen Taktgeber des Herzens, den Sinus- beziehungsweise den AV-Knoten.

Als nicht defibrillierbare Rhythmen gelten die Asystolie und die pulslose elektrische Aktivität (PEA). In beiden Fällen ist eine Defibrillation kontraindiziert. Den Patienten können nur qualitativ hochwertige Thoraxkompressionen sowie die zügige Suche nach der Ursache und deren Behandlung retten. Die Prognose ist bei beiden Rhythmen extrem schlecht.

Wie funktioniert ein AED?

Ein Automatisierter Externer Defibrillator (AED) ist ein medizinisches Gerät, mit dem defibrillierbare Herzrhythmusstörungen durch Abgabe von Stromstößen behandelt werden können. Zwei Klebeelektroden werden dazu unter dem rechten Schlüsselbein und unter der linken Achselhöhle angebracht (Anterior-Anterior-Position). Danach wird der Herzrhythmus automatisch analysiert. Erkennt das Gerät ein Kammerflimmern oder eine ventrikuläre Tachykardie, wird die Abgabe eines Stromimpulses freigeschaltet.

In Deutschland sind verschiedene Geräte zugelassen. Die meisten davon haben mittlerweile eine sprachgestützte Anwenderführung, eine einfache Ein-, Zwei- oder Dreiknopfbedienung und eingebaute Test- und Kontrollfunktionen. Sie analysieren die elektrischen Impulse des Herzmuskels und beurteilen, ob eine Defibrillation erforderlich ist. Per Sprachanweisung wird der Anwender aufgefordert, einen Elektroschock mittels Knopfdruck abzugeben.

Gleichzeitig erhält der Anwender genaue Anweisungen zur Herzdruckmassage und Beatmung. So geben manche Geräte ein Feedback zur Qualität der Thoraxkompressionen und weisen bei Bedarf an, schneller oder fester zu drücken. Oft sind auch Metronome vorhanden, die die richtige Kompressionsgeschwindigkeit akustisch vorgeben. Zu bedenken ist jedoch: Nur unter sehr günstigen Voraussetzungen kann die alleinige Anwendung des AED eine erfolgreiche Wiederbelebung bewirken. Das A und O der Reanimation sind effektive Thoraxkompressionen.

Kann auch für den Helfer eine Gefahr entstehen? Grundsätzlich muss immer vor der Schockabgabe darauf geachtet werden, dass keiner der Helfer oder Umstehenden Berührungskontakt zum Patienten hat. Auch muss auf nassem Untergrund von einer potentiellen Gefahr für den Helfer durch Stromleitung ausgegangen werden.

Unsicherheiten bestehen zudem oft bei erkennbar implantierten Defibrillatoren und Schrittmachern. Sollte hier ein AED Anwendung finden? Die Antwort lautet: Ja. Denn selbst wenn der Patient eines dieser Geräte implantiert hat, scheint es in diesem Moment nicht zu funktionieren. Nach Möglichkeit sollte jedoch das Gerät nicht durch die Klebeelektroden des AED überklebt werden. Anwendung findet hier die Anterior-Posterior-Klebemethode. Dabei wird eine Elektrode auf dem Thorax, die andere auf dem Rücken des Patienten aufgebracht.

Bei Kinderreanimationen empfehlen die aktuellen Leitlinien des ERC, Kinderelektroden zu verwenden. Falls vorhanden, sollte eine Kindermodus-Taste auf dem AED gedrückt werden. Sind diese Optionen nicht möglich, sollten vorhandene Erwachsenenelektroden benutzt werden. Die Mehrzahl der Kinderreanimationen beruht jedoch auf Kreislaufstillständen, die nicht defibrillierbar sind. Hier gibt der AED folgerichtig keinen Schock frei.

AEDs retten Leben

Das Wichtigste ist, im Notfall Ruhe zu bewahren. Nur so lässt sich ein klarer Kopf bewahren, um die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten.

Das European Resuscitation Council (ERC) gibt uns mit seinen Leitlinien einen guten Algorithmus an die Hand. Wird eine bewusstlose Person ohne ausreichende Atmung aufgefunden ist der erste Schritt: Hilfe holen. Versuchen Sie die Atemwege frei zu machen und prüfen Sie Atmung und Lebenszeichen. Sind diese nicht vorhanden, rufen Sie das Notfallteam (oder den Notfallarzt) und beginnen sofort mit Herzthorax-Kompressionen im Wechsel mit Beatmung im Verhältnis 30:2 und einer Frequenz von mindestens 100/min.

In dieser Zeit sollte, wenn möglich, ein AED herbeigebracht werden und so lange weiterkomprimiert werden, bis dieser bereit ist. Danach muss das Gerät eingeschaltet werden, der Oberkörper des Patienten freigemacht und die Klebeelektroden wie als Piktogramm dargestellt aufgebracht werden. Das Gerät führt den Anwender darauf hin durch die Maßnahmen.

Zeigt sich im EKG-Monitor Kammerflimmern oder eine pulslose ventrikuläre Tachykardie, muss der Patient so schnell wie möglich de- fibrilliert werden (Abb. 1). Studien zeigen: Zum Zeitpunkt der ersten Rhythmus-Analyse weisen 25 bis 50 Prozent der Betroffenen einen defibrillierbaren Rhythmus auf. Wird der Herzrhythmus kurz nach dem Kollaps durch einen vor Ort verfügbaren AED aufgezeichnet, steigt der Anteil auf bis zu 76 Prozent. Mit jeder Minute, die ein Patient mit defibrillierbarem Rhythmus nicht defibrilliert wird, sinken seine Überlebenschancen um zehn bis zwölf Prozent. Deshalb fordern die ERC-Leitlinien 2015, dass die erste Defibrillation innerhalb von drei Minuten nach dem Kollaps stattfindet. Dies erhöht die Überlebensrate auf etwa 50 bis 70 Prozent. In Kliniken, in denen das Notfallteam den Notfallort nicht innerhalb von drei Minuten erreichen kann, kann diese Forderung des ERC nur durch die Einführung von AEDs erfüllt werden.

Während der Ladezeit der Elektroden sind Thoraxkompressionen durchzuführen. Damit kann die myokardiale Perfusion und Oxygenierung möglichst hoch gehalten und eine optimale Defibrillationswirkung erzielt werden. Unmittelbar nach dem Schock soll sofort – ohne erneute Rhythmusanalyse – für zwei Minuten die 30:2 Herz-Lungen-Wiederbelebung weitergeführt werden.

Für die Defibrillationen empfehlen die ERC-Leitlinien 2015 ausdrücklich selbstklebende Einweg-Defibrillator-Elektroden-Pads. Über diese kann gleichermaßen ein EKG abgeleitet und defibrilliert werden.

Studien belegen ein signifikant besseres klinisches Outcome der betroffenen Patienten. So untersuchten Berdowski und Kollegen, ob die Bereitstellung von automatischen Defibrillatoren an öffentlichen Plätzen (onsite) oder durch Ersthelfer (mobil) Einfluss auf die Zeit bis zum ersten Elektroschock und dadurch auch auf die gute Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten hat. Ausgewertet wurden Daten von 2 833 Patienten, die einen nicht-traumatischen plötzlichen Herzstillstand außerhalb eines Krankenhauses erlitten. In 128 Fällen wurde ein Onsite-AED eingesetzt, bei 478 Patienten wurde der AED (mobil) durch einen Ersthelfer (Polizei, Feuerwehr) mitgebracht und bei 2 227 Patienten wurde kein automatisierter externer Defibrillator eingesetzt. Das Ergebnis zeigte: Wurde ein AED eingesetzt, konnte die Zeit bis zur ersten Schockabgabe von 11 auf 4,1 Minuten (onsite) beziehungsweise auf 8,4 Minuten (mobil) reduziert werden.

Mit mobilen AEDs können 1,2 Leben pro eine Million Einwohner gerettet werden, mit Onsite-AEDs sogar 3,6 Leben pro eine Million Einwohner.

Wie finde ich einen Defibrillator, wenn ich ihn brauche? Das Defikataster – www.defikataster.de – ist eine Datenbank, die eine Vielzahl der öffentlich zugänglichen AEDs aufzeigt. Zum 27. Februar 2017 waren hier in Deutschland 26 916 AEDs registriert. Bei der Eingabe eines Ortsnamens in der Suchmaske erscheinen die AED-Standorte, beim Anklicken eines AED-Symbols genauere Infor-mationen über die Zugänglichkeit. Für die mobile Anwendung besteht außerdem die Möglichkeit mittels App den nächsten Defi zu lokalisieren.

Wichtig ist regelmäßige Schulung und Übung

Die anfängliche Frage lautete: „Sind regelmäßige Reanimationstrainings überhaupt sinnvoll, wenn eine ungeschulte Person ohne größere Probleme einen AED anwenden kann?“ Die Antwort lautet ganz klar Ja. Vor einem zweiten Durchgang mit meinem Bruder führte ich ein kurzes Briefing durch. Ich zeigte ihm ein verbessertes Auffindeschema, die richtige Handposition und eine verbesserte Thoraxkompression. Danach war er schon erkennbar sicherer im Umgang. So verstrich kaum noch Zeit beim Aufkleben der Elektroden, er konnte die Infos bezüglich Thoraxkompressionen schnell umsetzen und auch subjektiv fühlte er sich sicherer in dem, was er tat.

Zusammenfassend kann festgehalten werden: Bei einem plötzlichen Herzstillstand außerhalb von Krankenhäusern erhöhen Automatisierte Externe Defibrillatoren (AED) an öffentlichen Plätzen das Überleben – ohne neurologische Beeinträchtigung – um das Doppelte. AEDs können letztendlich von jedem ohne Probleme eingesetzt werden.

Eine regelmäßige Schulung und Übung ist sinnvoll und sollte gerade für im medizinischen Bereich tätige Personen zum jährlich wiederkehrenden Standard werden. Sinnvoll ist weiterhin eine noch flächendeckendere Versorgung mit Onsite-AEDs. Das Wichtigste bei der Reanimation ist und bleibt aber eine unmittelbare, unterbrechungsfreie und heftige Thoraxkompression.

AED – Drei Buchstaben, die Leben retten! aed-kataster.net (abgerufen am 22.05.2017)
Berdowski J, Blom MT, Bardai A, Tan HL, Tijssen JG, Koster RW: Impact of onsite or dispatched automated external defibrillator use on survival after out-of-hospital cardiac arrest, Circulation. 2011 Nov 15; 124 (20): 2225–2232
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Defibrillator, in: Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. 261. Auflage. De Gruyter, Berlin 2007
Die Geschichte des Defibrillators: www.defibrillatorkaufen.com/ratgeber/geschichte-def ibrillator.html (abgerufen am 26.05.2017)
Flake, F.; Runggaldier. K.: Arbeitstechniken A-Z für den Rettungsdienst: Bildatlas Rettungsdienst. Elsevier, Urban & Fischer, München, Jena 2008
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Ladiges, Falko: Ein Job für Spezialisten – Widerstände für medizinische Anwendungen, 2011, www.elektroniknet.de/design-elektronik/elekromechanik/widerstaende-fuer-medizinische-anwendungen-78794.html (abgerufen am 26.05.2017)
Ley, B. (2016): ERC-Leitlinien 2015 – Die neuen Leitlinien zur Reanimation. Die Schwester Der Pfleger 2/16: 10–15
Reek, S.; Meltendorf, U.; Klein, H.U.: Defibrillatorweste zur Überbrückung eines intermittierenden Arrhythmierisikos. In: DMW – Deutsche Medizinische Wochenschrift. 127, 2002, S. 2127–2130
Schönegg, Martin: Impedanzunabhängige Defibrillation mit physiologischer Impulsform, Promotionsschrift
Wenk, Werner (2011): Elektrotherapie, 2. Auflage, Springer Verlag

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