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  • 01.07.2016
  • Management

Blickpunkt Berlin

Systemwechsel: Nicht mehr als neuer Wein in alten Schläuchen?

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2016

Eigentlich war es unter einer Unzahl anderer nur eine kleine Entschließung beim 119. Deutschen Ärztetag in Hamburg, wenig überraschend und als Diskussionsbeitrag wahrlich nicht neu. Im Laufe von über zehn Jahren haben sich die Meinungen zum Thema „Delegation und Substitution bislang ärztlich vorbehaltener Tätigkeiten auf und durch Pflegefachkräfte" um keinen Yota geändert Im aktuellen Leitantrag des Bundesärztekammer-Vorstands heißt es dazu unnachgiebig: „Die persönliche Leistungserbringung ist eines der wesentlichen Merkmale freiberuflicher Tätigkeit. Dennoch kann der Arzt Leistungen in Teilen auch an nichtärztliche Mitarbeiter delegieren. Der 119. Deutsche Ärztetag lehnt die Substitution ärztlicher Tätigkeit, insbesondere für Indikationsstellung, Diagnostik und Therapie, strikt ab." Am Beispiel des neuen Studiengangs für psychologische Psychotherapeuten wird mit unverminderter Deutlichkeit nach wie vor klar gemacht, es dürfe „nicht zur Ausgrenzung anderer Qualifizierungsformen, insbesondere der ärztlichen Psychotherapeuten kommen".

Die alte Angst vor Beschneidung tradierter Rechte ist da, das Hamsterrad lässt grüßen. Dennoch können selbst erzkonservative Vertreter der Ärzteschaft die Augen vor den neuen Entwicklungen nicht verschließen und demonstrieren unter dem Druck des Zeitgeistes ein Minimum an Bereitwilligkeit: „Seit einigen Jahren entstehen bundesweit immer mehr neue (akademische) Gesundheitsberufe. Die Absolventen dieser Ausbildungen sollen zum Teil vermehrt Aufgaben übernehmen, die bisher Ärzten vorbehalten waren und von diesen künftig delegiert werden sollen. Ziele müssen eine Entlastung von Ärzten, die Steigerung der Attraktivität und Aufwertung der Gesundheitsberufe und die verbesserte Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen sein."

So weit so gut, auch wenn Öffnung für Neues anders aussieht. Die nahezu pflichtgemäße Reaktion des Deutschen Pflegerates (DPR) ließ als Pressestatement deshalb, wie in der Vergangenheit gewohnt, nicht lange auf sich warten. „Die Entschließung des 119. Deutschen Ärztetags zur Delegation statt Substitution greift zu kurz", kritisiert DPR-Präsident Andreas Westerfellhaus. Denn angesichts der gewaltigen pflegerischen und ärztlichen Aufgaben der nächsten Jahrzehnte müsse es bei der Neuordnung der Aufgaben „um die Leistungsmöglichkeiten und nicht um das Prestige" gehen.

Vor allem die bislang fehlende Umsetzung der laut einem Richtlinienbeschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses im Jahr 2011 vorgesehenen „Modellvorhaben über die Festlegung ärztlicher Tätigkeiten zur Über- tragung auf Berufsangehörige der Alten- und Krankenpflege zur selbstständigen Ausübung von Heilkunde nach § 63 Abs. 3c SGB V" ist nicht nur dem DPR ein Dorn im Auge – auch wenn man nicht vergessen darf, wie sich Zeiten und Einstellungen doch ändern. Der 111. Ärztetag in Ulm (2008) endete noch mit der Aussage, dass die Übertragung ärztlicher Tätigkeiten auf die Pflegenden rechtlich nicht möglich und auch nicht gewünscht ist, und betonte nochmals die alleinige Zuständigkeit der Ärzte für Diagnostik und Therapie. Soweit bestand bis zu diesem Zeitpunkt Konsens zwischen Medizin und Pflege.

Damit ließe sich das Thema eigentlich bis ultimo wieder ad acta legen. Eigentlich, würde man Aspekte vernachlässigen, die dann doch aufhorchen lassen. Da ist zum einen der Bundesgesundheitsminister, der Worte findet, die manchen der ärztlichen Delegierten in Hamburg als Attacke auf die weiße Alleinherrschaft erschienen sein mögen. Verstärkten Mannschaftsgeist und Netzbildung der Gesundheitsberufe forderte Hermann Gröhe in seiner Grußbotschaft. Nicht mehr als ein dringender Weckruf, denn erlassene Gesetze ermöglichen allenfalls Kooperationen und geben Rechtssicherheit. Einsichts- fähigkeit und Gutwilligkeit der Akteure mit Blick auf die Erfordernisse der Zukunft im versorgenden Gesundheitswesen können sie nicht verordnen. Das von Gröhe gemeinte „Nun begreift doch endlich!" wirkt da eher wie der hilflose Schlichtungsversuch verzweifelter Betreuerinnen gegenüber dem bockigen Nachwuchs in einer Kindertagesstätte. „Besitzstandswahrung" nennt man den Kampf um die Förmchen ein wenig distinguierter in der Erwachsenenwelt.

Bei genauerer Betrachtung der alltäglichen Arbeitssituation scheint die Mahnung des BMG-Chefs allerdings vordringlich ein Generationendilemma zu sein. Team- arbeit ist in vielen Teilen der täglichen medizinischen Versorgung längst Realität. Vor allem die jüngere und junge Ärztegeneration hält kooperative Praxis statt überkommener Hierarchie schon aus Gründen der Arbeitsentlastung fast für selbstverständlich. So verfügen gut ausgebildete Fachpflegekräfte auf Intensivstationen häufig über eine längere klinische Erfahrung als Ärzte und übernehmen seit langem auch „ärztliche Tätigkeiten", sofern Not am Mann ist, wenn auch gelegentlich in einer Grauzone rechtlich nicht abgesicherter Eigenständigkeit. Ein Bachelor-Studiengang wie der des Physician Assistent als entlastende Assistenz für OP-Ärzte – in den USA und England längst Alltäglichkeit – mag als weiteres Beispiel dienen, das langsam aber unaufhaltsam starre Strukturen in der medizinischen Versorgung ins Wanken bringt.

Fazit: Ohne Zugeständnisse an die Leistungen und Fähigkeiten, ohne daraus resultierende neue Arbeitsteilung wird das Gesundheitssystem schneller als gedacht an Grenzen stoßen, die zulasten aller Beteiligten bis hin zu einer merkbaren Verschlechterung der Patientenversorgung gehen. Das vor allem von Pflegevertretern häufig gezeichnete Schreckensszenario hochgradig gefährdeter Patienten mag noch als überzogene Drohkulisse gelten – völlig aus der Luft gegriffen im Sinne reinen Säbelrasselns ist die Vorstellung gewiss nicht, wenn es nicht gelingt, ehemals „medizinische Hilfskräfte" als Partner zu akzeptieren, die auf einer fundierten wissenschaftlichen und durch praktische Erfahrung soliden Basis stehen.

Darüber hinaus sollte im Puzzlespiel einer gesellschaftlich notwendigen Neuorientierung und Umstrukturierung des Gesundheitswesens das so überschießend emotional diskutierte Bauteil „Reform der Pflegeausbildung" nicht vergessen werden. Wenn sich schon der Blick auf den Umbau des Überholten richtet, sollte man nicht in den alten Fehler verfallen, ein jedes Problem der wahrlich vielen isoliert zu betrachten und zu lösen versuchen. „Vernetzung" findet sich eben nicht nur im digitalen, sondern auch und gerade im täglichen Leben.

Die seitens der Bundesregierung vorgesehene generalistische Ausbildung mit veränderten Ausbildungsinhalten ist in diesem Zusammenhang weit mehr als der von Kritikern monierte „Einheitsbrei mit verminderter Spartenqualifikation". Sie ist vielmehr Grundlage für die Entwicklung hoch spezialisierter Leistungsträger, für die zumindest anspruchsvolle Delegation bis hin (im Falle akademisch-wissenschaftlicher Weiterbildung) zu Substitution ärztlicher Aufgaben zum Arbeitsalltag gehören könnten. Dass für einen solchen Weg entsprechende auch zeitaufwändige Qualifizierungen ebenso erforderlich sind wie eine Beschränkung auf geeignete Bewerber, bedarf kaum einer Diskussion. Der nicht ganz zu Unrecht befürchtete Anspruch, ärztliche Aufgaben wahllos auf alle examinierten Kräfte in der Pflege zu übertragen, wäre hingegen ein Unding. Viele wollen es nicht, und viele, auch das gehört zur Wahrheit, können es nicht.

Das Gebot der Stunde muss also lauten: Umdenken mit Augenmaß! Eine von Westerfellhaus geforderte „Neuverteilung von Aufgaben aller Gesundheitsberufe, insbesondere und gleichermaßen von Ärzten und Pflegefachpersonen" darf hierbei nicht zu Fehlinterpretationen verleiten. Den „Arzt light", dessen Existenz vor allem als Lösung zur Bekämpfung des Ärztemangels betrachtet wird, will wahrlich niemand, die Politik nicht, die Pflegeprofession nicht, die Ärzteschaft nicht und schon gar nicht die Patientenklientel, die völlig zu Recht den Anspruch auf höchste Versorgungsqualität erhebt. Das von dem DPR-Präsidenten angemahnte „kompetenzorientierte" System statt des bisherigen „arztzentrierten" Prinzips neu zu überdenken, umzustrukturieren womöglich, und das ohne ein „Veto bei einzelnen Berufsgruppen", könnte nach Schaffung von Rechtssicherheit allen Beteiligten dienlich sein – wenn auch zu befürchten steht, dass erst ein Generationenwechsel bei allen Protagonisten für endgültige Offenheit und Gröhe'schen Teamgeist sorgen kann.

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