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  • 04.05.2017
  • Story

Erstaufnahme für Flüchtlinge

Mitten im Camp

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2016

Infektionen, Hauterkrankungen, wundgelaufene Füße – die Erkrankungen, mit den Flüchtlinge ankommen, sind vielfältig. Viel schwerwiegender sind aber oft die seelischen Verletzungen, die diese Menschen mitbringen. Der Erfahrungsbericht einer Krankenschwester vor Ort.

Marchaba, anna ismi Corinna … – Guten Tag, ich heiße Corinna" murmele ich wie ein Mantra vor mich hin, als ich doch etwas aufgeregt das erste Mal auf das Gelände der Erstaufnahme fahre. Immerhin ist es mehr als 20 Jahre her, dass ich direkt mit Patienten gearbeitet habe. Das ist es aber nicht, was mich nervös macht, sondern vielmehr die Schicksale, die mich erwarten. Wie wird es sein, von Vertreibung, Terror und Flucht zu hören?

Es ist mir klar, dass ich es mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern, Verletzungen und chronischen Folgeschäden der Flucht zu tun haben werde. Und dazu wahrscheinlich die ganze Bandbreite an psychischen Traumen. Ich habe mein gesamtes Wissen ausschließlich aus den Medien und bisher keinen direkten, persönlichen Kontakt zu Asyl- suchenden.

Hektik und Chaos in der Sprechstunde

Das Camp – „Lager" ist ein Wort, das in diesem Zusammenhang überhaupt nicht passt – ist eine stillgelegte Kaserne, in der nun 400 Flüchtlinge untergebracht sind. Es handelt sich um eine Erstaufnahme, und die allermeisten kommen mit dem Bus direkt von der österreichischen Grenze. Sie sind müde, hungrig, frierend und völlig erschöpft. Bei der Ankunft werden sie von ausgebildeten Sanitätskräften und Ärzten „erstversorgt", einige werden direkt ins nahe gelegene Krankenhaus geschickt. Ansonsten ist drei Mal die Woche eine „Sprechstunde" im Sanitätsbereich der Kaserne. Und genau das wird für die nächsten Wochen mein Einsatzgebiet sein.

Bei meinen Einsätzen bin ich die „Assistentin" von Dr. E., so stellt er sich vor. Natürlich duzen sich hier alle. Das ist einfacher in der Hektik, die sich einstellt, als sich das winzige Wartezimmer schon vor dem eigent- lichen Beginn der Sprechstunde mit Heerscharen von Menschen füllt. Ein buntes Gewimmel von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Und es ist laut. Anders als in den Wartezimmern von Hausärzten, wo eher geflüstert wird.

Das liegt sicher auch daran, dass ein direktes Gespräch aufgrund der Sprachbarriere gar nicht möglich ist. Es ist also immer eine Dolmetscherin dabei und zwar nicht nur eine, denn Arabisch reicht bei weitem nicht, wie mir erst jetzt richtig klar wird. Damit nutzen meine paar Brocken Arabisch, die ich mir mühevoll von meiner Nachbarin habe beibringen lassen, nicht sehr viel. Farsi, unterschiedliche arabische Dialekte, Kurdisch, Serbisch, Somali und manchmal Englisch ist das – im wahrsten Sinne des Wortes – babylonische Sprachgewirr, das uns alle umtost. Und selten redet nur einer, denn alle haben dringende Angelegenheiten mit uns zu besprechen.

Nun bin ich aus meiner früheren beruflichen Praxis auf Intensivstationen Hektik, Stress und organisiertes Chaos gewohnt, aber das überschreitet schnell meine Erwartungen.

Systematisch fangen wir erst einmal an, Patienten von Familienan- gehörigen und Freunden zu unterscheiden. Das ist schon mal gar nicht so einfach, denn eigentlich sind alle Patienten. An keinem ist die Flucht spurlos vorbeigegangen.

Patientenschicksale

Dann bitte ich den ersten Patienten in den Untersuchungsraum und habe schon beim Aussprechen des Namens Schwierigkeiten. Keiner fühlt sich angesprochen, und ich zeige die Kopie der Identifikationskarte, die die meisten Flüchtlinge an der österreichisch-deutschen Grenze erhalten haben, einfach herum. Sofort ist mir klar, dass damit der Datenschutz gebrochen ist. Aber das kümmert hier keinen, denn alle sind froh, wenn sie endlich an der Reihe sind.

Ein junger Mann fühlt sich dann doch angesprochen, und er nimmt gleich seine Frau und einen älteren Mann mit ins Besprechungszimmer. Die Dolmetscherin und Dr. E. sind auch darin, und schon ist das Zimmer mit sechs Personen so voll, dass wir uns kaum drehen können. Und alle reden gleichzeitig. Schnell wird klar, dass die eigentlichen Patienten die sehr junge, schwangere Ehefrau und der alte Mann sind, der junge Mann aber das Wort führt.

Von einer Anamnese, so wie ich sie aus dem Krankenhaus kenne, sind wir weit entfernt. Mit Hilfe der Dolmetscherin erfahren wir von dem jungen Mann, der als Einziger direkt mit uns spricht, dass seine Frau etwa im siebten Monat schwanger ist und auf der fast zehn Wochen dauernden Flucht natürlich nicht untersucht, behandelt oder beraten wurde. Eine Überweisung zu einer niedergelassenen Gynäkologin wird vereinbart.

Der ältere Mann ist der Vater des jungen Mannes. Auch er überlässt das Gespräch seinem Sohn und der Dolmetscherin. Er ist „herzkrank" und hat keine Medikamente mehr. Es ist nicht in Erfahrung zu bringen, was genau für eine Herzerkrankung er hat. Also: Überweisung zur Kardiologie ins nahegelegene Krankenhaus.

Ich bin nach diesem ersten Patientengespräch schon total frustriert, habe ich doch das Gefühl, überhaupt nicht helfen zu können. Denn „behandelt" wurde ja eher nicht. Beindruckt bin ich von dem Arzt, der schon seit einigen Wochen drei bis fünf Tage die Woche ehren- amtlich hier arbeitet. Er ist unerschütterlich und laviert sich gekonnt durch die Sprachbarrieren, indem er deutsch, englisch und Zeichensprache mischt und parallel mit der Dolmetscherin und dem jungen Mann spricht. Dabei sieht er aber die Schwangere an, um die es ja eigentlich gerade geht. Sie lächelt schüchtern, sieht mich fragend an und als auch ich sie anlächle, senkt sie den Blick.

Als nächstes rufe ich einen etwa 40-jährigen Mann herein, der aus dem Irak kommt, so sagt er mir in schwer verständlichem Englisch. Er ist gestern mit dem Bus von der Grenze gekommen und zuvor mehrere Wochen zu Fuß gelaufen. Wie lange genau, sagt er nicht. Gestern habe er das erste Mal seit drei Wochen seine Schuhe ausgezogen. Vorher habe er sich das nicht getraut, aus Angst, sie nicht wieder anzubekommen.

Mein Job ist es, einen Fußverband anzulegen, und ich bin erschüttert über den Zustand seiner Füße. Ich frage mich, wie er damit überhaupt so lange hat laufen können. Der Mann lächelt mir dankbar zu, und mein Blick fällt auf seine Hände. Die Finger sind ebenfalls vernarbt, entzündet, voller Wunden und die Nägel nicht vorhanden. Er sieht meinen fragenden Blick und sagt nur ein Wort: „Folter" …

Ein weiterer Patient spricht uns in recht gutem Deutsch an. Wir erfahren, dass er vor seiner Flucht in Kabul eine Bar hatte und von den vielen deutschen Soldaten recht gut Deutsch gelernt habe. Wir fragen ihn sofort, ob er uns als Dolmetscher zu Verfügung stehen würde, und er freut sich sichtlich, dass er ab sofort eine Aufgabe hat. Er ist schon zwei Wochen hier und langweilt sich. Es gibt hier eben nichts zu tun, auch wenn es eine Kantine, Sportmöglichkeiten und Deutschunterricht gibt. Ich treffe ihn noch häufiger, und er ist eine sehr große Hilfe, da er direkt ins Deutsche übersetzen kann und immer gute Laune verbreitet.

Viele seelischen Verletzungen und Narben

Die für mich erschütterndste Geschichte höre ich bei einem anderen Einsatz. Eine Frau aus Masar-e Scharif im Norden von Afghanistan, eine Frauenärztin, kommt mit ihrem Mann und ihren zwei Jungen in das Behandlungszimmer. Sie habe ihre Praxis zurücklassen müssen, da diese von den Taliban zerbombt war, erzählt sie der Dolmetscherin, ebenso wie ihr Zuhause. Nun können ihre Söhne nicht schlafen und wachen immer wieder schreiend auf. Der jüngere der beiden Jungen zerkratze sich immer wieder eine schorfige Stelle im Gesicht. Ich packe eine kleine Tube Salbe ein und gebe sie dem Jungen, der uns neugierig beobachtet. Sein älterer Bruder hat einen Infekt und hustet. Als der Doktor nach dem Ohr-Thermometer greift und auf den Jungen zugeht, fängt der Junge an zu schreien. Mir ist sofort klar, dass das Kind das für uns so vertraute medizinische Gerät für eine Waffe hält. Sein Vater beruhigt ihn, und ich fasse an seine glühende Stirn. Das lässt der Junge etwas verängstigt zu, und ich wuschele einmal durch seinen Lockenkopf. Wir geben etwas Hustensaft, Lutschtabletten und einige Paracetamol-Zäpfchen mit. Das ist alles. Mehr können wir erst einmal nicht tun, fordern die Eltern aber auf, in die nächste Sprechstunde zur Kontrolle zu kommen.

Für sich selbst bittet die Frau um ein Schlafmittel, da auch sie nicht schlafen kann. Auf die Frage nach dem „Warum" fängt sie leise an zu weinen und erzählte, dass ihr drittes Kind in ihren Armen auf der Flucht von den Taliban von diesen erschossen wurde. Es starb in ihren Armen. Sie habe ihr Kind nicht beschützen oder retten können.

Da ich selber Mutter eines Sohnes bin, steigen mir ebenfalls die Tränen in die Augen. Ich lege meine Hand auf mein Herz und sage: „I‘m very sad with you …" und obwohl Berührungen und Körperkontakt in ihrem Kulturkreis eher unüblich sind, steht sie auf, nimmt mich in den Arm und weint eine Weile leise an meiner Schulter. Ich habe diese Frau auch nach Monaten der Begegnung nicht vergessen und frage mich oft, was aus ihr und ihrer Familie geworden ist.

In meinen weiteren Einsätzen höre und sehe ich noch viele Geschichten, die ich mir selbst mit meiner Erfahrung von zehn Jahren Intensivmedizin in einem Großstadt-Klinikum nicht habe vorstellen können. Ich lerne viel, aber die Frustration, nur ganz marginal etwas tun zu können, macht mich bis heute traurig und wütend. Ich sehe überwiegend die körperlichen Wunden. Die seelischen Verletzungen und Narben kann ich nur erahnen. Und es wird sicher lange dauern, bis diese heilen – in einer hoffentlich sichern und Hoffnung spendenden neuen Heimat.

 

 

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