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  • 01.07.2016
  • Praxis

Technische Systeme

"Wir benötigen einfache Lösungen"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2016

Ambient Assisted Living, Robotik, Digitalisierung – in Sachen Technik tut sich in der Pflege derzeit viel. Doch kommen die Innovationen auch in der Praxis an und unterstützen bedarfsgerecht die pflegerische Versorgung? Professorin Astrid Elsbernd, die sich seit Jahren mit dem Thema befasst, zieht im Interview ein ernüchterndes Fazit.

 

Frau Professorin Elsbernd, in Japan erhalten Roboter immer mehr Einzug in Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Müssen wir uns darauf hierzulande auch einstellen?

Der Vergleich ist schwierig, denn die Robotik ist meinem Eindruck nach in Japan wesentlich besser ausgereift als in Deutschland; in Japan werden beispielsweise bereits ganze Hotels mithilfe von Robotern betrieben. Ich persönlich betrachte die Technisierung der Pflege in Japan insgesamt mit Interesse und bin froh, dass Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt werden. Sich der Technik zu verschließen, ist sicherlich nicht der richtige Weg. Insbesondere im Bereich der Servicetechnik und der Unterstützung hauswirtschaftlicher Arbeiten sehe ich deutliche Potenziale.

Wo steht die Pflege in Deutschland aktuell in Sachen Technik?

In Krankenhäusern und Pflegeheimen gibt es sehr viel Technik, doch das meiste stammt aus dem medizinischen Bereich. Technische Hilfsmittel, die die Pflege unterstützen, gibt es vergleichsweise wenig.

Woran liegt das?

Zahlreiche Hürden hemmen den bedarfsgerechten Einsatz von Technik in der Pflege. Technische Hilfsmittel erfordern beispielsweise immer auch Dienstleistungen des Herstellers, etwa in Form von Kundensupport, Beratung und Gerätewartung. Dieser Service fehlt häufig. Das ist ein großes Problem, denn Technik ist nur begrenzt nutzbar, wenn keine Dienstleistung dahinter steht. Problematisch ist auch, dass der Einsatz von Technik häufig nicht in ein pflegerisches Gesamtkonzept eingebettet ist. Es nutzt beispielsweise keinem demenzkranken Heimbewohner, wenn ihm mal eben schnell die Robbe Paro rübergereicht wird.

Paro ist ein 60 Zentimeter langer Roboter, der dem Jungen einer Robbe nachempfunden ist. Die technikgestützte Puppe soll einen beruhigenden Einfluss auf Demenzkranke haben und die Kommunikation fördern …

Dieser Effekt wird sicherlich nicht eintreten, wenn der Einsatz des Roboters nicht auf der Grundlage eines durchdachten Konzepts erfolgt. Die Intervention steht dann isoliert da und zeigt keinen wirklichen Nutzen.

Welche weiteren Probleme behindern den bedarfsgerechten Technikeinsatz in der Pflege?

Der wohl wichtigste Grund, warum Technik nur langsam in der Pflege Einzug erhält, ist folgender: Techniken werden häufig entwickelt, ohne die Bedarfe älterer beziehungsweise pflegebedürftiger Menschen in den Blick zu nehmen.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Ein gutes Beispiel ist die gesamte Smart-Home-Technologie, die ältere Menschen im Haushalt unterstützen soll. Wenn man genau hinschaut, sind der sich selbst leerende Briefkasten oder die sich selbst schließenden Rollläden mitunter kontraproduktiv. Denn sie hindern den Nutzer daran, sich zu bewegen und mobil zu bleiben. Zugleich fällt der Nachbarschaft nicht mehr auf, wenn ein Rollladen morgens nicht geöffnet wird.

Führen moderne Technologien nicht auch dazu, dass ältere Menschen länger sicher zu Hause leben können?

Der Einsatz von Sicherheitstechnologien in der häuslichen Umgebung, wie etwa Sturzmatten in Verbindung mit Kommunikationstechnik, ist sehr schwierig. Denn hier müssen komplexe Techniken einerseits zuverlässig zusammenarbeiten und andererseits sichere Verbindungen zu Dienstleistern wie ambulanten Sozialstationen gegeben sein. Darüber hinaus wird das Thema Sicherheit und Technik oftmals ohne vertiefte ethische Perspektive behandelt. Umfangreiche Datensammlungen, die oftmals auch gar nicht durch Dienstleister erfasst und verarbeitet werden können, werden zu wenig vor dem Hintergrund des Datenschutzes bewertet. Beispiele hierfür sind GPS-Sender, die an der Kleidung dementiell erkrankter Menschen befestigt werden, sowie Kühlschränke oder Toiletten, die Daten hinsichtlich ihrer Nutzung senden.

In den vergangenen Jahren wurde viel über Ambient Assisted Living gesprochen, kurz AAL. Diese altersgerechten Assistenzsysteme sollen nutzerorientiert das alltägliche Leben älterer und benachteiligter Menschen unterstützen ...

Diesem Anspruch werden die Produkte aber nicht gerecht. AAL ist ein Beispiel für überteuerte Technik, die völlig am Bedarf vorbei entwickelt wurde. Eine Person um die 85 wird sich beispielsweise keine sogenannte „Smart oder Last Kitchen" mit sehr kostspieliger Technik einbauen lassen, sondern sie möchte auf Bewährtes und Bekanntes zurückgreifen.

Wie steht es um Technik, die grundlegende pflegerische Tätigkeiten unterstützt?

Für die elementare Pflege gibt es kaum gute technische Hilfsmittel. Die verfügbaren Produkte sind häufig schlecht bedienbar und wenig aufeinander abgestimmt, zum Beispiel was die Höhenverstellbarkeit betrifft. Ein gutes Beispiel hierfür sind Badewannenlifter. Theoretisch wäre es toll, ein technisches Hilfsmittel zu haben, das bei der Grundpflege unterstützt. Doch die Geräte funktionieren häufig nicht richtig, sind mangelhaft in der Anwendung und bergen viele Gefahren. Deshalb werden sie zwar häufig angeschafft, aber selten genutzt.

Warum gibt es so wenige gute Hilfsmittel?

Offensichtlich ist den Entwicklern die Lebenswirklichkeit älterer Menschen nicht bekannt. Dies mag zum einen darin begründet sein, dass darüber nur wenig nachzulesen ist. Zudem ist die technische Industrie immer gewohnt gewesen, dass sie Nachfrage durch Angebot generiert – und nicht umgekehrt. Das Credo: Man produziert die Geräte und glaubt, dass sie gekauft und angewendet werden. Hin und wieder klappt diese Strategie auch, wie man beispielsweise am Rollator sehen kann. Ich glaube, nirgendwo auf der Welt ist dieses mechanische Hilfsmittel so verbreitet wie in Deutschland. Dies ist jedoch eine höchst fragwürdige Entwicklung, denn viele Menschen nutzen ihn, obwohl sie ihn gar nicht benötigen. Die Industrie hat hier ein Produkt geschaffen, das eine Nachfrage produziert hat. Denselben Effekt erhoffte man sich bei der Entwicklung von Haustechnik – bislang ist diese Rechnung nicht aufgegangen.
Worauf sollte bei der Entwicklung neuer Technik künftig fokussiert werden?


Pflegebedürftige Menschen haben die Hoffnung, dass Technik sie darin unterstützt, eigenständig zu leben. Dies ist ein wichtiger Anspruch, den wir an Technik stellen müssen – und ich hoffe, dass die Industrie dies hört. Technologien zur Unterstützung einer sicheren Mobilität wird künftig einen hohen Stellenwert haben – denn Bewegungsfähigkeit ist der Dreh- und Angelpunkte für jegliche Teilhabe. Es ist jedoch sehr anspruchsvoll, solche Produkte herzustellen, haben mir Techniker erklärt.

Inwiefern?

Die Technik einer wirklich praktikablen Aufstehhilfe muss beispielsweise derart ausgewogen sein, dass sie ein Gegengewicht zum mobilitätseingeschränkten Menschen darstellen kann. Gleichzeitig darf das Gerät aber nicht so wuchtig sein, dass es gleich den ganzen Raum dominiert. Das ist gar nicht so einfach herzustellen.

Sie sprachen vorhin von der Notwendigkeit eines Gesamtkonzepts. Sind Ihnen Best-Practice-Beispiele bekannt?

Ich habe grundsätzlich den Eindruck, dass Einrichtungen sehr unterschiedliche Kenntnisse davon haben, welche größeren und kleineren technischen Hilfen am Markt verfügbar sind. Gerade kleinere Hilfen, wie beispielsweise Ess- oder Anziehhilfen nach Schlaganfall, sind einigen Mitarbeitern bekannt und anderen wiederum nicht – je nachdem, wie fortgebildet die Pflegenden sind. Ein Gesamtkonzept, das Dienstleistung, Pflege und Technik in einen Gesamtzusammenhang bringt, ist mir nicht bekannt. Dafür würde es auch eines speziellen Assessments bedürfen, das die Lebenslage eines Menschen, die pflegerischen Bedarfe und die technischen Möglichkeiten gleichberechtigt in den Blick nimmt. Für ein solches Assessment haben wir an der Hochschule Esslingen vor einiger Zeit einen Vorschlag erarbeitet; ob er genutzt wird, kann ich nicht sagen.

Wie stehen Sie zum Einsatz von Robotik in der Pflege?

Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Robotik in der Pflege getestet wird. Wichtig ist nur, dass dies im Echtbetrieb mit älteren Menschen unter strenger Beachtung ethischer Forschungsrichtlinien geschieht. Dies ist meines Erachtens übrigens bei allen neuen Techniken wichtig: Sie müssen sorgsam im Pflegesetting getestet werden, bevor sie auf den Markt kommen. Denn die Entwickler wissen, wie bereits gesagt, wenig über die Lebenssituation älterer Menschen. Sie können sich deren Bedarfe schlecht vorstellen. Das fängt bereits damit an, dass den Technikern die motorischen Fähigkeiten älterer Menschen nicht bekannt sind. Ein Tablettenautomat, der von der Motorik her so schwer zu bedienen ist, dass man kaum eine Tablette herausbekommt, hilft älteren Menschen sicherlich nicht weiter. Dabei stellen solche Geräte vom Grundgedanken her einen sinnvollen Ansatz dar. Doch die praktische Umsetzung ist häufig eher schlecht. Ich glaube jedoch weiterhin, dass Technik in der Pflege sinnvoll einsetzbar ist. Deswegen bleibe ich auch am Thema dran und versuche immer wieder, die Techniker an unserer Hochschule beispielsweise für die Entwicklung von Mobilitätshilfen zu begeistern.

Mit Erfolg?

Mit mäßigem Erfolg, um ehrlich zu sein. Für Entwickler ist es einfach nicht reizvoll, sich mit pflegerischen Hilfsmitteln zu befassen. Der Widerspruch zwischen hochentwickelter Technik, die beispielsweise in Autos verbaut wird, und einfachen technischen Lösungen, die in der Pflege etwa die sichere Mobilität älterer Menschen unterstützt, scheint zu groß zu sein. Es passt nicht zusammen. Ein Beispiel: Der Dusch- und Toilettenstuhl ist ein klassisches patientennahes Hilfsmittel, das sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat. Techniker lachen, wenn sie die Dusch- und Toilettenstühle sehen, die heute in der Pflege im Einsatz sind. Die Materialien sind schlecht, die Mechanik veraltet, das Design stigmatisierend. In jedem Kinderwagen ist mehr Technik verarbeitet als in Dusch- und Toilettenstühlen.

Doch kein Techniker möchte einen zeitgemäßen Duschstuhl kreieren …

Richtig. Ich habe mehrfach über Forschungsanträge versucht, einfache, aber wichtige Hilfsmittel für die Pflege technisch weiterzuentwickeln – doch jedes Mal eine Ablehnung erhalten. Die simplen technischen Hilfen, die wir in der Pflege benötigen, interessieren nicht. Das ist leider meine Erfahrung beim Thema Technik: Sobald es um Bereiche geht, die technisch gesehen simpel, aber für Pflegebedürftige essentiell sind, kommt man nicht weiter – vielleicht auch, weil sich mit solchen Produkten nicht viel Geld generieren lässt. Ein Techniker sagte mir neulich, dass man schon für 20 bis 40 Euro einen Dusch und Toilettenstuhl mit verbesserter Technik herstellen kann. Dies zeigt: Mit den Produkten, die die Pflege wirklich unterstützen würde, lässt sich kein Geld verdienen.

Also sieht es mit einer bedarfsgerechten technischen Unterstützung in der Pflege künftig schlecht aus …

Ich hoffe weiterhin, dass die Industrie anfängt, sich auch für eher einfache Produkte interessieren – denn genau das ist es, was ältere Menschen als erstes brauchen. Es ist eine paradoxe Situation, dass jeder Pflegebedürftige ab Pflegestufe 2 einen Rollstuhl angeboten bekommt, der auch eine Menge Geld kostet und dennoch alles andere als sicher und mobilitätsfördernd ist, aber simple technische Hilfen, etwa zum Aufstehen oder zum sicheren Essen und Trinken, kaum verfügbar sind. Darüber hinaus hoffe ich, dass technische Hilfen in der Pflege modularer konzipiert werden, damit sie sich besser den individuellen Lebenslagen anpassen lassen. In anderen Bereichen ist das längst selbstverständlich, etwa in der Autoindustrie.

Was muss sich ändern?

Technik bietet für die Pflege ein großes Potenzial, das es zu nutzen gilt. Insofern sollte die Pflegewissenschaft den technischen Wandel weiterhin kritisch begleiten. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir künftig nicht nur auf digitale Technik, Robotik und Computer fokussieren, sondern erst einmal den mechanischen Bereich in den Blick nehmen sollten. Ältere Menschen wünschen sich, mithilfe technischer Hilfsmittel länger selbstbestimmt leben und in ihrem Alltag unterstützt zu werden. Diese Hoffnung ist da – und sie ist auch nicht unbegründet.

Frau Professorin Elsbernd, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

Astrid Elsbernd, Professorin für Pflegewissenschaft an der Hochschule Esslingen. Von 2011 bis 2014 führte sie im Auftrag des Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg das Projekt „Bedarfsgerechte technikgestützte Pflege in Baden-Württemberg" durch. Technik in der Pflege zählt seitdem zu einem ihrer Forschungsschwerpunkte. 

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