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  • 01.07.2016

Wissensmanagement

Schatzsuche mit Smartphone und Tablet

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2016

Rund 80 Prozent des Wissens in einem Krankenhaus steht nicht in Fachbüchern, sondern beruht auf den Erfahrungen langjährig tätiger Mitarbeiter. Ist es möglich, dieses „stille" Wissen mithilfe moderner Technologien für Berufsanfänger zugänglich zu machen? Dieser Frage ging die Medizinische Hochschule Hannover mit dem Projekt „Wissenstransfer Pflege" nach.

Pflegerische Expertise hat viel mit Berufserfahrung zu tun. Eine erfahrene Pflegeperson ist in der Lage, viel schneller kritische und lebensbedrohliche Situation zu erkennen als ein neuer Mitarbeiter.

Implizites Wissen ist Wissen, das nicht in Fachbüchern nachgeschlagen werden kann, sondern in den berufserfahrenen Mitarbeitern verankert ist. Es ist äußerst wertvoll, weil es in hohem Maß für die Entwicklung von Expertise sorgt. Zudem trägt „stilles" Wissen zur Problemlösung in nicht-standardisierten Situationen bei.

Das besondere Know-how erfahrener Mitarbeiter ist wie ein ungeborgener Schatz. Doch wie kann es gelingen, dieses reichhaltige Wissen für neue Mitarbeiter sichtbar und nutzbar zu machen, damit diese davon profitieren können?

Dieser Frage ging eine Arbeitsgruppe des Geschäftsbereichs Pflege und des Peter L. Reichertz Instituts für Medizinische Informatik (PLRI) an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in dem Projekt „Wissenstransfer Pflege" nach. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien sollten genutzt werden, um die Entwicklung, Präsentation, Kommunikation und Nutzung von implizitem Wissen zu ermöglichen. Dabei sollten Pflegende – erfahrene Mitarbeiter und Berufsanfänger – mittels Smartphone und Tablet ihre individuellen Lernerfahrungen im Arbeitsalltag sammeln und so für andere sichtbar machen.

Mobil dokumentieren

Implizites Wissen wird vorrangig im persönlichen Austausch zwischen erfahrenen Pflegenden und neuen Mitarbeitern weitergegeben. Für das Projekt wurden daher bewusst die Einarbeitungsphasen neuer Mitarbeiter genutzt.

In der Projektphase wurden sieben Tandems – bestehend aus erfahrenen Praxisanleitern und neu eingestellten Pflegenden – gebeten, ihre Lehr- und Lernerfahrungen mithilfe von Smartphones oder Tablets zu dokumentieren. Durch eine eigens entwickelte mobile Applikation konnten die Pflegenden eigene Bilder und Texte erstellen oder Videos und Tondateien aufnehmen und mit Stichworten versehen.

Die Tandems sollten die Smartphones und Tablets mit der mobilen Applikation über einen Zeitraum von jeweils sechs Wochen nutzen. Insgesamt erstellten die sieben Tandems dabei rund 300 Lernobjekte zu verschiedenen Aufgaben und Abläufen in der Pflege. Sie machten sich Notizen, erstellten Wortbeiträge, schossen Fotos und drehten kurze Filme.

Die gesammelten Lernerfahrungen hat dann eine Pflegewissenschaftlerin gesichtet und kategorisiert. Dazu wurden alle Daten in das Content-Management-System (CMS) Medical Schoolbook übernommen und so webbasiert für die weitere Bearbeitung bereitgestellt. Das CMS Medical Schoolbook ist eine Lernplattform, die das Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik entwickelt hat und die in der medizinischen Aus- und Weiterbildung eingesetzt wird.

Aus neun Hauptkategorien wurden den Lernobjekten verschiedene Attribute zugeordnet, sodass eine Auswertung der Daten möglich wurde. Die Hauptkategorien waren:

 

  • Pflegearbeitsalltag,
  • Qualitätsmanagement,
  • Qualität,
  • Stationen,
  • Datentyp,
  • Person,
  • Datum,
  • Zeit,
  • Gerät.

In der Kategorie „Pflegearbeitsalltag" wurden stationsspezifische und stationsübergreifende Tätigkeiten unterschieden. Hier wurden etwa Hinweise für die postoperative Versorgung oder Patientendokumentation zugeordnet. Ebenfalls in dieser Kategorie befindet sich die Rubrik „Alles für neue Mitarbeiter". Sie beinhaltet Wissen über stationsspezifische organisatorische Abläufe, zum Beispiel Zeiten der Chefarztvisite oder wichtige Personen und Räume.

In der Kategorie „Qualitätsmanagement" wurden die Lernobjekte den hausinternen Kategorien für Zertifizierungen zugeordnet. So wurden alle Dateien, die Informationen zur direkten Patientenversorgung enthielten, der Kategorie Kernprozesse zugewiesen.

Bei der Analyse der Ergebnisse war von Interesse, welche Dateitypen vorwiegend gesammelt wurden und ob es Unterschiede zwischen den erfahrenen und neuen Mitarbeitern gab. Insgesamt haben die Pflegenden 160 Bilder, 106 Notizen, 21 Audiodateien und 14 Videos gesammelt. Während die neuen Mitarbeiter eher Bilder erstellten, verfassten die erfahrenen Mitarbeiter in erster Linie Notizen. Inhaltlich zeigte sich, dass neue Mitarbeiter vorwiegend Lernobjekte zu organisatorischen Abläufen und zu Pflegetätigkeiten erstellt hatten. Praxisanleiter dokumentierten dagegen eher die Einarbeitungsprozesse.

In Interviews wurde nach der Bewertung des Nutzens und den Herausforderungen gefragt. Die Beteiligten haben die Sammlung der Lernerfahrungen größtenteils als hilfreich empfunden, wobei es anfänglich oft Zeit gekostet hat, weil zum Beispiel ein Foto oder Video nicht sofort gelang. Besonders die Smartphones bewerten die Pflegenden als hilfreich für die Sammlung von Lernerfahrungen, weil sie diese gut mitnehmen konnten. Als Herausforderungen nannten die Teilnehmer die limitierten zeitlichen Ressourcen und die „fehlenden Hände" für die Nutzung der Geräte bei der Dokumentation von pflegerischen Tätigkeiten. Auch die Größe des Sieben-Zoll-Tablets bewerten sie als eher hinderlich für die Mobilität – jedoch günstiger für die Dokumentation. Zum Teil bemerkten sie auch misstrauische Reaktionen der Kollegen, da vermutlich der Anschein entstand, es handle sich um privat genutzte Smartphones.

Individuelle Lernhilfe

Das Projekt „Wissenstransfer Pflege" war als wissenschaftliches Vorprojekt geplant. Im Fokus stand die Frage, ob durch die Sammlung von individuellen Lernerfahrungen mithilfe mobiler Geräte praxisbezogenes, implizites Wissen in der Pflege erfasst werden kann. Es zeigte sich, dass das Verfahren geeignet ist, aufzuzeigen, welches Wissen für neue Mitarbeiter in der Anfangsphase relevant ist. Ausbilder und Praxisanleiter können diese Erkenntnis nutzen, um entsprechende Dokumente für neue Mitarbeiter zu erstellen. Die Erfahrungen aus dem Projekt haben aber auch gezeigt, dass die so gesammelten Lernobjekte oft nur für den persönlichen Gebrauch geeignet sind. Bei einigen Lernobjekten konnte bei der Sichtung nicht genau bestimmt werden, warum die Pflegeperson die Lernerfahrung dokumentiert hatte. Einige Bild- und Videodaten eignen sich aufgrund datenschutzrechtlicher Bestimmungen zudem nicht für die Weitergabe an andere. Als individuelle Lernunterstützung von neuen Mitarbeitern hat sich die Nutzung mobiler Geräte als sehr hilfreich herausgestellt. Für eine dauerhafte Implementierung in einem Krankenhaus müssten aber noch eine Reihe von technischen und datenschutzrechtlichen Aspekten genauer betrachtet werden. Wenn auf Bildmaterial zum Beispiel Patientendaten zu erkennen sind, darf dieses nicht für Lernzwecke genutzt werden.

Die Autorengruppe: Regina Schmeer, Medizinische Hochschule Hannover; Dr. Marianne Behrends, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik; Dr. Thomas Kupka, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik; Iris Meyenburg-Altwarg, Geschäftsführung Pflege, Medizinische Hochschule Hannover; Prof. Dr. Dr. Michael Marschollek, Leiter des Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik