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  • 31.01.2017
  • Praxis

Demenz im Krankenhaus

Projekt mit Vorbildcharakter

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 7/2015

Rund 25 Prozent aller Krankenhauspatienten sind von kognitiven Einschränkungen betroffen. Darauf reagiert die Fachhochschule der Diakonie jetzt mit einem speziellen Trainingsprogramm, um Pflegenden den Umgang mit Betroffenen zu erleichtern. Das Interesse der Krankenhäuser ist groß, viele fragen die Schulungsmaterialien an. Im Klinikum Gütersloh ist das Projekt bereits erfolgreich gestartet.

Benjamin Volmar leistet im Klinikum Gütersloh wahre Pionierarbeit. Der „Demenz-Koordinator“ besucht täglich verschiedene Stationen des 474-Betten-Hauses und erkundigt sich bei den Mitarbeitern nach Patienten, deren Verhalten auf eine Demenz oder einen Verwirrtheitszustand schließen lässt. Der frischgebackene Absolvent des Bachelor-Studiengangs „Psychiatrische Pflege“ der Bielefelder Fachhochschule der Diakonie macht sich dann ein eigenes Bild: Er führt Gespräche mit den Patienten, führt Screenings durch, spricht mit Angehörigen, vermittelt bei Bedarf Kontakte zu Selbsthilfegruppen. Wenn nötig, begleitet er die Patienten bis zu deren Entlassung.

„Ein Krankenhausaufenthalt ist für viele kognitiv eingeschränkte Personen verwirrend und kann Ängste auslösen“, sagt Benjamin Volmar. „Demenzkranke passen einfach nicht in die oftmals starren Strukturen einer Klinik. Die vielen fremden Menschen, das ungewohnte Umfeld und die hektischen Abläufe führen oft zu einer Verschlechterung der Symptome.“ Das Krankenhaus müsse sich daher an Menschen mit Demenz anpassen – und nicht umgekehrt.

Demenzkranke verstehen

Diese Überzeugung kann Volmar im Rahmen einer vorerst dreijährigen Projektlaufzeit praktisch umsetzen: Neben dem direkten Patienten- und Angehörigenkontakt und gezielten Mitarbeiterschulungen soll sich der 31-Jährige auch um Aspekte wie Raumgestaltung, Orientierungshilfen und Beschäftigungsangebote kümmern – kurz: demenzsensible Strukturen schaffen. 

Das Modellprojekt basiert auf dem britischen Trainingsprogramm „Getting to Know Me“, das John Keady, Professor für gerontopsychiatrische Pflege an der Universität Manchester, entwickelt hat. Ein Team der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld hat die Materialien gemeinsam mit dem Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie des LWL-Klinikums Gütersloh, Bernd Meißnest, übersetzt und an deutsche Verhältnisse angepasst. Dies erfolgte im Rahmen einer zweijährigen Projektarbeit. Die deutsche Version nennt sich „Lern von mir“ und kann ab sofort kostenlos im Internet unter www.lernvonmir.fh-diakonie.de heruntergeladen werden. Eine Printversion wird bald folgen.

„Ein Programm mit unkomplizierten und leicht umsetzbaren Vorschlägen für die Pflege und Behandlung von Patienten mit Demenz im Krankenhaus war längst überfällig“, bringt es Michael Löhr auf den Punkt, der die Projektarbeit an der Fachhochschule der Diakonie leitete. Das zeigten allein die Zahlen, so der Professor für psychiatrische Pflege: In Deutschland lebten gegenwärtig mehr als 1,4 Millionen Menschen mit Demenz – Tendenz steigend. „Im Jahr 2050 werden es schon drei Millionen Erkrankte sein.“

Die Lernmaterialien des „Lern von mir“-Programms bestehen aus Handbüchern, Präsentationsfolien, Lernkarten, Evaluationsbögen und Übungsvideos. Teilweise spielen Menschen mit Demenz als Experten in eigener Sache eine zentrale Rolle. Sie berichten über ihre Erkrankung und ihre Erfahrungen in Krankenhäusern. Ziel dieser Strategie: Die Anwender sollen sich direkt in die Perspektive der Betroffenen begeben können und von ihnen lernen, ihre „Welt“ erfahren.

Die Inhalte basieren auf sechs Trainingsmodulen, die gleichzeitig an einem ganzen Schulungstag oder in sechs einzelnen Teilen eingesetzt werden können:

  • Modul 1: Demenz – eine Einführung
  • Modul 2: Den Mensch als Ganzes betrachten
  • Modul 3: Kommunikation
  • Modul 4: Der Einfluss der Krankenhausumgebung
  • Modul 5: Kenntnis der Person
  • Modul 6: Ein personenzentriertes Verständnis von herausforderndem Verhalten.

Das Programm richtet sich an Klinikmitarbeiter mit unterschiedlichen Qualifikationen, die Kontakt mit demenzkranken Patienten haben, und kann problemlos an die Bedingungen der jeweiligen Einrichtung angepasst werden. Es vermittelt Wissen, weckt Verständnis für die Situation des Erkrankten und bietet konkrete Lösungsstrategien.

„Es geht um eine sinnvolle und praxisnahe Verknüpfung von Psychiatrie und Somatik – eine völlig neue Herangehensweise auf diesem Gebiet“, so Michael Löhr. „Fachwissen und Sensibilisierung ermöglichen es Pflegenden, Emotionen eines Demenzkranken besser deuten und darauf sinnvoll eingehen zu können. Kommunikation auf der Gefühlsebene ermöglicht einen Zugang zu Menschen, die sonst nicht mehr zu erreichen sind. Dies ist bereits die erste erfolgversprechende Maßnahme bei der Pflege und Behandlung von an Demenz erkrankten Personen.“

Mit der bisherigen Resonanz ist Löhr mehr als zufrieden: „Das Programm ist erst seit wenigen Wochen online und wir sind auch noch nicht ganz am Ende mit allen Entwicklungen. Aber die Nachfrage ist schon heute groß. Einige Kliniken aus Deutschland haben sich schon bei uns gemeldet und wollen das Konzept einführen. Demenz ist ein Thema, das den Häusern unter den Nägeln brennt.“

Gute Akzeptanz

Erste Erfolge haben sich auch bei Benjamin Volmar schon eingestellt. Obwohl er erst seit dem 1. März 2015 im Klinikum Gütersloh arbeitet und sein Tätigkeitsfeld völlig neu ist, haben ihn Mitarbeiter, Patienten und Angehörige bereits gut akzeptiert. „Anfangs haben sich manche Pflegende wahrscheinlich schon gefragt, was ich Positives beitragen kann“, so Volmar. „Doch mittlerweile sprechen mich die Kollegen immer häufiger an und fragen um Rat. Oder sie bitten mich, das Gespräch mit einem bestimmten Patienten oder Angehörigen zu suchen.“

Finanziert wird die Stelle des Demenz-Koordinators über Drittmittel. Die Bürgerstiftung Gütersloh stellt 90 000 Euro für das Projekt zur Verfügung, verteilt über drei Jahre. Volmar ist in der Klinik für Gerontopsychiatrie des LWL-Klinikums Gütersloh angestellt und arbeitet überwiegend im Klinikum Gütersloh. Er konzentriert sich aktuell auf die Zentrale Notaufnahme und zwei Pilotstationen der Allgemein- und Unfallchirurgie sowie der Pneumologie. Im Verlauf wird Volmar alle Fachbereiche des Klinikums betreuen.

Auch Pflegedirektor Jens Alberti ist mit dem bisherigen Ergebnis vollauf zufrieden: „Das neue Projekt hat Vorbildcharakter für Krankenhäuser in Deutschland. Patienten mit Demenz oder einer Tendenz zu einem Delir können frühzeitig erkannt und ihren Bedürfnissen entsprechend umfassend behandelt werden. Zudem werden Pflegende und Ärzte durch den Demenz-Koordinator geschult und sensibilisiert. Bei all diesen Tätigkeiten ist uns das Lernprogramm „Lern von mir“ eine unverzichtbare Arbeitsgrundlage, die ich nur jeder Klinik ausdrücklich empfehlen kann.“