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  • 01.11.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Hygienebeauftragte in der Pflege

Link Nurses als wertvolle Multiplikatoren

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2019

Seite 10

Für einen besseren Schutz vor Infektionen mit Krankenhauskeimen verfolgt das baden-württembergische Klinikum Heidenheim einen ganzheitlichen Ansatz. Hygienebeauftragte in der Pflege, sogenannte Link Nurses, spielen dabei eine entscheidende Rolle. Deren Einsatz geht in Heidenheim weit über gesetzliche Vorgaben hinaus. 

Wissen von der Theorie in die Praxis zu übertragen, ist nicht immer einfach. Die komplexen Anforderungen an Hygiene und Infektionsprävention richtig umzusetzen, stellen Klinikmitarbeiter jeden Tag aufs Neue vor Herausforderungen.

Im Klinikum Heidenheim überwachen derzeit 3 Hygienefachkräfte die Einhaltung der Hygienevorschriften, bis Ende dieses Jahres werden es 4 sein. Sie beraten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund um das Thema Hygiene und erfassen auftretende Infektionen. Außerdem erstellen sie Hygiene-, Reinigungs- sowie Arbeitspläne. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Nicht minder anspruchsvoll ist die Aufgabe, die Hygienebeauftragten in der Pflege zukommt: Diese sogenannten Link Nurses sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Hygienefachkräften und der Basis – den Pflegenden auf Station. „Sie sind ein wertvolles Gut und die eigentlichen Multiplikatoren vor Ort, wenn es darum geht, Hygienequalität und Infektionsschutz stetig zu verbessern“, sagt Hans Eberhardt, Stationsleiter der Infektiologie. Er hat 2012 für die ersten Link Nurses am Klinikum Heidenheim gesorgt. Mittlerweile gibt es 80 von ihnen, sodass pro Station mindestens eine Hygienebeauftragte oder ein Hygienebeauftragter die bereichsspezifischen Infektionsrisiken im Blick hat. In der Zentralen Notaufnahme sind es 3, auf sensitiven Stationen, wie der Onkologie oder Pneumologie, auf denen Patienten mit sehr geschwächtem Immunsystem liegen, mindestens 2. „Unser Ziel ist es, eine Link Nurse pro Schicht zu haben, denn multiresistente Erreger verzeihen keine Nachlässigkeit. Hier sind wir auf einem guten Weg“, so Eberhardt.

„Unsere Aufgabe ist es, Schwachstellen in der Alltagsroutine zu identifizieren und dafür zu sorgen, hygienisch korrekte Prozesse in unserem Verantwortungsbereich zu etablieren und zu schulen“, erläutert Link Nurse Elfriede Zeck. Sie war bis vor Kurzem für die Frühchenstation des Klinikums als Hygienebeauftragte zuständig. Dort hat sie z. B. erkannt, dass das Desinfektionsmittel für die Wickelauflagen zu lang einwirken musste.

In Absprache mit der Hygienefachkraft wurde auf ein anderes Desinfektionsmittel umgestellt. „Es sind die kleinen Dinge, für die wir ein Auge haben, Hygienefachkräfte haben eher das große Ganze im Blick“, beschreibt Zeck.

Damit sie als Hygienebeauftragte in der Pflege agieren kann, hat Zeck in Heidenheim eine 2-tägige Weiterbildung absolviert. Darin hat sie neben mikrobiologischen und epidemiologischen Grundlagen erfahren, wie sich nosokomiale Infektionen etwa der Atemwege oder von Wunden vermeiden lassen, was im Umgang mit infektiösen Patientinnen und Patienten und was bei Reinigung und Desinfektion zu beachten ist.

„Kosten gering, Benefit riesig“

Die Qualifizierungsmaßnahme ist für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenhauses kostenlos. Der finanzielle Aufwand für externe Teilnehmerinnen und Teilnehmer sei mit 160 Euro für 2 Tage verglichen mit dem Nutzen sehr gering, ist Eberhardt überzeugt. „Das ist keine nennenswerte Investition, der Benefit aber ist riesig.“ Eberhardt hält es für fatal, nicht auf die Kompetenzen der Link Nurses zu setzen. In vielen Kliniken gebe es gerade einmal eine Handvoll Link Nurses für das gesamte Haus. Häufiges Argument: Sie hätten ja ihre Hygienefachkräfte. „Diese helfen aber nur punktuell. Ich stelle Hygienefachkräfte keinesfalls infrage, sie sind wichtig. Aber wenn es um die flächendeckende Etablierung von Hygienestandards und deren Weiterentwicklung geht, sind Link Nurses unverzichtbar. Sie sind wertvolle Kommunikationspartner an der Basis und sorgen für ein flächendeckendes Hygienebewusstsein“, so der Stationsleiter der Infektiologie.

KEINE EINHEITLICHEN VORGABEN FÜR WEITERBILDUNG

Bislang gibt es bundesweit keine verbind- lichen oder einheitlichen Regelungen, wie die Weiterbildung zu Hygienebeauftragten in der Pflege auszusehen hat. Je nach Bundesland und Anbieter variieren Umfang und inhaltlicher Schwerpunkt. Die Weiterbildung in Heidenheim ist speziell auf den dortigen Landkreis zugeschnitten.

Ein weiterer Vorteil von Link Nurses: „Sie kommen sozusagen aus den eigenen Reihen und klären über Hygiene auf ‚ihrer‘ Station auf. Das sorgt für eine ganz andere Akzeptanz unter den Kolleginnen und Kollegen, als wenn eine vorgesetzte Person oder gar jemand von außerhalb der Klinik das übernimmt“, ist sich Eberhardt sicher.

„Noch stärker als bislang hinterfrage ich jetzt routinierte Abläufe“, sagt Zeck. „Ich schaue meinen Kolleginnen und Kollegen nicht auf die Finger und laufe auch nicht ständig mit dem Desinfektionsspray durch die Zimmer. Aber ich bin Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um das Thema Hygiene und habe immer ein offenes Ohr.“

Dass sie ihre Funktion als Hygienebeauftragte zusätzlich zu ihrer eigentlichen Pflegetätigkeit übernimmt, findet sie bereichernd. „Mein Blick ist geschulter. Je mehr ich mich mit meinen Aufgaben als Link Nurse auseinandersetze, desto leichter fällt es mir, sie in die tägliche Arbeit zu integrieren“, sagt sie.

Gleichwohl räumt das Klinikum seinen Link Nurses ausreichend Zeit ein, Hygieneaufgaben gewissenhaft ausführen zu können. Denn Hygiene im Team und in der gesamten Einrichtung flächendeckend zu etablieren, koste vor allem Zeit, betont Dr. Johannes Tatzel, Leiter des 2016 gegründeten Instituts für Krankenhaushygiene im Klinikum Heidenheim. „Je mehr Klinikmitarbeiter in Sachen Hygiene an einem Strang ziehen, desto besser lässt sie sich umsetzen. Link Nurses sind hierbei sozusagen unsere Hygienefühler im Krankenhaus“, beschreibt Tatzel. Ihr Einsatz sei gut steuerbar und flexibel zu handhaben. Wenn, wie im Fall von Elfriede Zeck, die Link Nurse gleichzeitig Praxisanleiterin ist, sei dies eine ideale Kombination, die die Arbeit von Hygienefachkräften gelungen ergänze.

Keine gesetzlichen Vorgaben in Baden-Württemberg

Der Einsatz von Hygienebeauftragten fußt u. a. auf der Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert Koch-Institut zu „personellen und organisatorischen Voraussetzungen zur Prävention nosokomialer Infektionen“ (Bundesgesundheitsblatt 2009, 52: 951–962). In der Novellierung des Infektionsschutzgesetzes von 2011 verweist die KRINKO zwar auf diese Empfehlung. Allerdings haben stationäre Einrichtungen gemäß ihrer länderspezifischen „Verordnungen zur Hygiene und Infektionsprävention in medizinischen Einrichtungen“ einen gewissen Spielraum, was den zahlenmäßigen Einsatz von Hygienebeauftragten in der Pflege anbelangt. In Bayern etwa gibt es konkrete gesetzliche Vorgaben, in anderen Bundesländern nicht – so wie in Baden-Württemberg. Für das Klinikum Heidenheim gilt aber trotzdem das Infektionsschutzgesetz. Darin regelt § 23, dass die Leiter von Gesundheitseinrichtungen sicherzustellen haben, „dass die nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft erforderlichen Maßnahmen getroffen werden, um nosokomiale Infektionen zu verhüten und die Weiterverbreitung von Krankheitserregern, insbesondere solcher mit Resistenzen, zu vermeiden“.

Um dieses Ziel zu erreichen, folgt das Klinikum gewissenhaft dem Credo: Prävention statt Therapie. Das sei nicht nur kostengünstiger, sondern auch effektiver, verdeutlicht Eberhardt. In Heidenheim gelinge das derzeit mit 2 wesentlichen Schritten:

  1. der schnellen Identifikation von Risikopatientinnen und -patienten sowie
  2. den schnellen Kommunikationswegen über Link Nurses.

Im ersten Schritt ermöglicht ein von der internen Medizininformatik entwickelter Risiko-Algorithmus, potenzielle Träger von multiresistenten Erregern (MRE) – wie Methicillin-resistentem Staphylococcus aureus (MRSA), Noroviren oder Influenza – frühzeitig zu identifizieren. Dafür sind bestimmte Faktoren hinterlegt: beispielsweise, ob ein Patient aus einer anderen Klinik oder einem Pflegeheim verlegt wurde. Erkennt das System einen potenziellen Träger multiresistenter Erreger, löst es „Alarm“ aus.

Wertvoller Zeitgewinn dank Schnelltest

Um möglichst schnell zu überprüfen, ob diese Annahme stimmt, nutzt das Klinikum ein Polymerase-Chain-Reaction-(PCR-)Diagnosegerät. Dieser Schnelltest ermittelt auf Grundlage einer Abstrichprobe innerhalb einer Stunde, ob die betreffende Person MRSA hat oder nicht. Auch kritische Keime wie Vancomycinresistente Enterokokken, kurz VRE, und multiresistente gram-negative Stäbchenbakterien, kurz MRGN, können aufgespürt werden. Der bislang routinemäßig durchgeführte kulturelle Nachweis hingegen kann bis zu 72 Stunden dauern. „Häufig haben wir das Ergebnis schon vor dem ersten Arztkontakt“, beschreibt Eberhardt. Ein generelles Screening aller Patientinnen und Patienten bei Aufnahme in die Klinik – in Spitzenzeiten bis zu 120 täglich – sei nicht finanzierbar. Dank des PCR-Geräts ließen sich derzeit 24 Proben gleichzeitig untersuchen. „Das bringt uns eine immense Zeitersparnis. Eine Hirnblutung etwa hat ähnliche Symptome wie eine Infektion mit Noroviren. Je eher konkrete Ergebnisse vorliegen, desto besser können wir geeignete Therapien einleiten“, sagt Eberhardt.

Etwa 9.500 Patientinnen und Patienten fallen im Klinikum Heidenheim jährlich in das MRSA-Risikoprofil und werden gescreent. 98 % sind ohne Befund. Die meisten Keime werden von Menschen außerhalb des Klinikums „eingeschleppt“. Eine besondere Herausforderung im Umgang mit diesen „Problemkeimen“ ist deshalb die Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Im Rahmen des seit 1. April 2019 laufenden, aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geförderten Projekts STAUfrei sollen deshalb nun nicht nur Risiko-Patientinnen und -Patienten, sondern alle Personen, die wegen eines Eingriffs in das Klinikum kommen, auf MRSA gescreent und im Falle eines Nachweises über 5 Tage mit entsprechenden Mitteln dekontaminiert werden. Das Projekt soll Erkenntnisse darüber liefern, inwieweit die ambulante Präventionsmethode im Alltag umsetzbar ist, ob sie den Anteil gefährlicher Krankheitserreger im Krankenhaus reduzieren kann und ob es durch die zuvor vorgenommene Dekontamination zu weniger Wundinfektionen kommt.

DAS PROJEKT STAUFREI

STAUfrei steht für prästationäre Detektion und Sanierung von Staphylococcus-aureus-Infektionen bei geplanten Eingriffen im Klinikum Heidenheim. Das Forschungsprojekt läuft bis 2021 und wird vom Innovationsfonds mit rund 2,8 Millionen Euro gefördert. Mit dem Fonds unterstützt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Projekte, die das Potenzial haben, in die Regelversorgung übernommen zu werden.

Bis Projektende sollen Daten von rund 12.000 Patientinnen und Patienten Rückschlüsse auf Infektionsraten geben. Epidemiologische sowie mikrobiologische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Universitätsklinikums Tübingen sowie der Steinbeis-Hochschule Berlin werten dabei auch aus, welche zusätzlichen Kosten und welche Kosteneinsparungen entstehen. Die Annahme ist, dass sich die Zahl der Übertragungen in der Klinik reduziert und so weniger Wundinfektionen auftreten.

Basierend auf dieser Evaluation bewertet der G-BA dann, ob das Projekt – inklusive der Link-Nurses-Struktur – bundesweit zum Einsatz kommt.

Damit das reibungslos gelingt, wurden vor Studienstart 180 Pflegende des Klinikums und medizinische Fachangestellte aus 53 umliegenden Arztpraxen geschult, auch die Ärzte erhalten eine entsprechende Schulung. Für die kommenden 2 Jahre gehört Zeck gemeinsam mit Eberhardt zum Koordinationsteam des Projekts und ist Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um Keimreduzierung. „Wir sorgen mit dem Projekt dafür, dass Hygiene-Innovationen direkt bei Patientinnen und Patienten ankommen“, sagt Zeck. „Das ist spannend, und ich freue mich, ein Teil dieses deutschlandweit einmaligen Projekts zu sein.“ Und auch Eberhardt ist zuversichtlich: „Zwar werden sich auch künftig multiresistente Erreger im Klinikum nicht völlig ausschließen lassen. Aber wenn wir mit unserem Projekt dafür sorgen können, dass sie reduzierter, kontrollierter und damit steuerbarer auftreten, ist viel gewonnen.“