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  • 19.06.2017

Medikamentenmanagement

Einfach mal loslassen!

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2017

Seite 79

Pflegende übernehmen viel zu oft Tätigkeiten, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören. Schluss damit, fordert Krankenhausberater Peter Jacobs. Es ist Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Seit Jahren wird darüber nachgedacht und mancherorts sogar sachlich bis hochemotional diskutiert, wie das Pflegepersonal von „pflegefremden“ Tätigkeiten entlastet werden kann. Was genau pflegefremd ist, ist letztlich bis heute nicht genau geklärt und hängt auch immer sehr stark vom Betrachter ab.

Ein Beispiel: Dürfen Hilfskräfte leere Essens-tabletts abräumen? Kritiker argumentieren, sie dürfen dies nicht, weil sonst die zuständige Pflegeperson nicht wisse, ob der Patient genügend gegessen oder ausreichend Flüssigkeit zu sich genommen habe. Diese Argumentation ist verständlich. Aber nicht, weil das Assistenzpersonal nicht in der Lage wäre, diese Infos zu übermitteln, sondern weil aus einem System heraus argumentiert wird, das riesige Kommunikationshürden zwischen den Berufsgruppen aufgebaut hat und diese Hürden liebevoll hegt und pflegt.

Ein weiteres Beispiel: Warum müssen sich die Pflegenden eigentlich so extensiv um die Medikamente kümmern? Sie stellen – bislang – keine Diagnosen, auf deren Basis die medikamentöse Therapie erfolgt. Sie überprüfen nicht, ob das Medikament wirkt, und sie ändern die Medikation auch nicht, wenn diese nicht die gewünschte Wirkung zeigt.

Aber: Pflegende bestellen Medikamente und verbringen ihre wertvolle Zeit damit, die notwendige Arztunterschrift bis zum Annahmeschluss der Apotheke herbeizubringen. Und wenn der Chefarzt diese Unterschriftsberechtigung gar noch auf einen Oberarzt delegiert, ist das Chaos vorprogrammiert. Die bestellten Medikamente werden in den Arzneimittelschrank geräumt, die Verfallsdaten kontrolliert (oder die richtige Kühlschranktemperatur), die Medikamente werden „gestellt“ und ausgeteilt. Währenddessen wird heftig diskutiert, wer denn die Verantwortung für die Richtigkeit hat: die Person, die gestellt hat, oder die, die austeilt – eine Never Ending Story. Dazu muss die Stationsleitung natürlich darum kämpfen, dass die Arzneimittelschränke modernisiert werden, der alte Medikamentenkühlschrank endlich erneuert wird und vieles mehr.

Nicht zu vergessen: unsere älteren Patienten, die mit ihrer Aldi-Tüte (austauschbar gegen Lidl, Rewe & Co.) zur Aufnahme kommen. Darin befinden sich die 25 bis 30 Medikamente, die täglich laut Hausarzt genommen werden müssen. Die werden quasi als Service mal in der Pflege-Anamnese aufgelistet, bis irgendwann vielleicht ein Stationsarzt Stellung dazu nimmt, was davon wann überhaupt genommen muss oder darf.

Ist das sinnvoll?

Wir leben im Gesundheitswesen längst in einer arbeitsteiligen Welt und sollten uns dieser Herausforderung stellen. Dabei muss das Thema der Qualität von Pflege absolut priorisiert werden. Es müssen weiterhin pflegerische Qualitätsstandards erarbeitet werden. Diese einzuhalten ist quasi ein unabdingliches Pflichtprogramm, das nicht zur beliebigen Disposition gestellt werden kann. Und dazu gehört, moderne Strukturen zu schaffen und heilige Kühe zu schlachten. Wie wir loslassen können, wird heute in jedem modernen beruflichen Lifestyle-Seminar vermittelt. Lassen wir doch endlich einmal los und konzentrieren uns auf die wesentlichen Dinge! Es wird allen nutzen: angefangen beim Patienten über die Pflegenden und Ärzte, die ihre Kernkompetenzen ausleben können, bis hin zum Krankenhausträger, der einen effizienteren Betrieb mit zufriedeneren Mitarbeitern führt.