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  • 01.06.2016

Harn- und Stuhlinkontinenz

Die Haut optimal schützen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2016

Das Risiko für Hautschäden kann mit einer Inkontinenz ansteigen – vor allem, wenn diese über längere Zeit anhält und nicht adäquat versorgt wird. Dieser Gefahr gilt es im pflegerischen Alltag besondere Aufmerksamkeit zu zollen. Eine optimale Hautpflege ist dabei für die Prävention und Behandlung entscheidend.

 

Seit vielen Jahren gibt es einen Wust an Begriffen für den Fall, dass aufgrund von Inkontinenz Hautschäden auftreten, zum Beispiel Windeldermatitis – eine genaue Beschreibung oder Definition war aber nur selten zu finden.

International hat man sich im Jahr 2005 auf den Begriff Inkontinenz-assoziierte Dermatitis geeinigt (Abkürzung IAD) und beleuchtet das Phänomen nun von unterschiedlichen Seiten: Pathogenese, Assessment sowie therapeutische Interventionen bezüglich Prävention und Behandlung.

Frühes Erkennen ist wichtig

Personen mit Harn- und oder Stuhlinkontinenz weisen ein besonderes Risiko für eine IAD auf. Kommen Veränderungen der Haut aufgrund des Alters, des Ernährungszustandes oder besonderer Erkrankungen hinzu – wie Diabetes oder Durchblutungsstörungen –, erhöht sich das Risiko um ein Weiteres. Zudem gelten Personen gefährdet, wenn sie einen schlechten physischen und kognitiven Gesundheitszustand aufweisen, per se eine trockene und schuppige Haut haben oder Medikamente wie Antibiotika oder Immunsuppressiva einnehmen (Beeckman et al. 2015). Betroffene sollten über diese Risiken auch aufgeklärt werden.

Bei Personen mit Inkontinenz ist die Erfassung des Hautzustandes von besonderer Bedeutung, um schnellstmöglich auf Veränderungen reagieren zu können. Personen, die inkontinent sind, sollten daher – wenn möglich – zu Hautproblemen befragt werden. Dies kann im Rahmen der Anamnese erfolgen. Bei pflegebedürftigen Personen ist die Beobachtung der Haut wichtig. Bei Veränderungen gilt es zu erfassen, ob es sich um Druck- oder Inkontinenz-assoziierte Hautschäden handelt. Diese Abgrenzung ist notwendig, da die mit den Hautschäden einhergehenden therapeutischen Optionen unterschiedlich sind und nach den zugrunde liegenden Ursachen ausgewählt werden müssen.

In einigen Ländern werden bereits Instrumente zur Einschätzung der IAD genutzt, beziehungsweise deren Güte und Verlässlichkeit untersucht. Im deutschsprachigen Raum erfolgt derzeit eine Testung zweier Instrumente zur Risikoerfassung und Einschätzung der IAD: Das Perineale Assessment Tool (PAT) und das Incontinence Associated Dermatitis Intervention Tool (IADIT-D) zeigen bisher günstige Praxiseigenschaften. Die wissenschaftliche Empfehlung wird erwartet (Jukic-Puntigam et al. 2011, Steininger et al. 2011, DNQP 2014, Müller et al. 2016).  

Viel hilft nicht immer viel – ein Fallbeispiel

Frau R. leidet als Folge einer Tumorerkrankung im Enddarm an Stuhlinkontinenz, die sie neben ihrer Belastungsinkontinenz als sehr einschränkend empfindet. Sie erzählt der Mitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes, dass sie sich kaum noch hinauswage. Zum einen sind ihr inkontinente Episoden in der Öffentlichkeit ein Gräuel, und zum anderen hat sie im Intimbereich immer wieder starke Schmerzen, da die Haut irritiert und manchmal auch wund sei. Auf die Frage der Krankenschwester, wie sie die Haut pflegen würde, berichtet Frau R.: „Ich wasche mich sehr gründlich, nach jedem Stuhlgang und zusätzlich morgens, mittags und abends. Ich nutze parfümierte Seife, damit es nicht riecht. Und wenn ich mich abgetrocknet habe, dann kommt Melkfett auf die Haut. Ich versuche eine dicke Schicht aufzutragen, damit die Zellstoffeinlagen nicht gleich alles aufsaugen." Die Mitarbeiterin des Pflegedienstes notiert sich die Äußerungen und bietet Frau R. einen Beratungstermin mit der Expertin für Kontinenz- und Wundversorgung an. Die hinzugezogene Pflegeexpertin führt ein Assessment der Inkontinenz und Haut durch, erhebt die damit einhergehenden Probleme und führt eine erste Beratung durch. Frau R. erfährt viel über die richtige Hautpflege, zum Beispiel den Nachteil von Seife oder dass Melkfett die Haut abdichtet, ein Hitzestau auftreten kann und die Haut unnötig aufquillt. Die vorgestellte Barrierecreme möchte Frau R. nun testen. Zudem erfährt sie, welchen Nutzen moderne aufsaugende Vorlagen bieten, zum Beispiel den Superabsorber, der den Urin bindet und unter Druck, wie beim Hinsetzen, nicht mehr frei gibt. Mit diversen Produktmustern möchte Frau R. herausfinden, welche Vorlage für sie optimal ist, sodass sie sich diese vom Arzt verschreiben lassen kann.

Richtig vorbeugen und behandeln

Im Bereich der Wissenschaft liegen Erkenntnisse zur Prävention von inkontinenzassoziierten Hautschäden, aber auch deren Behandlung, nur in geringem Umfang vor. Dennoch können erste Empfehlungen getroffen werden, die auch im nationalen Expertenstandard zur „Förderung der Harnkontinenz in der Pflege" (DNQP 2014) zu finden sind.

Behutsame Reinigung der Haut und Feuchtigkeitserhalt: Als wichtig wird eine optimale Hautpflege angesehen. Sie umfasst die Reinigung und den Schutz der Haut. Stuhlausscheidungen können, vor allem bei Durchfall, die Haut stark reizen. Aus diesem Grund sollten sie zügig entfernt werden. Permanentes Waschen der Haut mit Wasser und Seife gilt derzeit als fraglich. Es besteht der Verdacht, dass der Hautschutzmantel dadurch dauerhaft angegriffen wird. Oft reichen einfache Reinigungen mit Wasser aus. Jedoch sollte auch Wasser sparsam eingesetzt werden und nicht zu heiß sein, da die Haut sonst austrocknet. Werden dem Wasser Zusätze zugefügt, werden milde Waschsubstanzen, die dem pH-Wert der Haut nahe kommen, empfohlen.

Neue Entwicklungen zeigen, dass auch Kombinationsprodukte, die beispielsweise reinigen und gleichzeitig rückfettende und hautschützende Substanzen enthalten, sinnvoll sein können. Nach dem Reinigen wird die Haut behutsam getrocknet. Vermeiden Sie starkes Rubbeln und Reiben in der Intimregion, um (weitere) Hautschäden zu verhindern. Vor allem Personen mit trockener Haut erhalten Produkte, die den Feuchtigkeitsgrad der Haut erhalten (DNQP 2014, Müller et al. 2016).

Applikation von Hautschutzprodukten/Produkten mit Barrierefunktion: Personen, die zu Hautschäden neigen und besonders häufig Inkontinenzepisoden aufweisen – vor allem Stuhl- und Doppelinkontinenz –, erhalten Hautschutzprodukte, um einer IAD vorzubeugen. Derzeit gibt es auf dem Markt sehr viele unterschiedliche Produkte. Ausreichend wissenschaftlich untersucht sind jedoch die wenigsten, und daher kann diesbezüglich gegenwärtig keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen werden. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die regelmäßige Anwendung dieser Cremes oder Sprays die Mazeration der Haut verhindert (DNQP 2014). Bereits betroffene Hautareale – nässend, blutend, eventuell mit Blasenbildung einhergehend – müssen vor Harn und Stuhl geschützt werden. In diesen Fällen können neben der Behandlung der betroffenen Areale eine konsequente Seitenlage, aber auch Harn- oder Stuhlableitungen indiziert sein (Müller et al. 2016). Falls im individuellen Fall notwendig, werden therapeutische Salben aufgetragen. Diese können beispielsweise antibiotische oder antifungale Wirkstoffe enthalten und sind daher nur zur Behandlung und nicht aus präventiven Gesichtspunkten anzuwenden (DNQP 2014, Müller et al. 2016).

Allgemeine Aspekte zum Hautschutz: Personen, die an Inkontinenz leiden, sollten mit individuell angepassten Hilfsmitteln versorgt sein. Die Abstimmung auf die jeweilige Situation, zum Beispiel Unterschiede der Inkontinenz zwischen Tag und Nacht, Fähigkeiten und Einschränkungen zur selbständigen Nutzung oder die Alltagsbedingungen, spielen eine enorme Rolle bei der Auswahl der Hilfsmittel. Dazu gehören Kondomurinale, Analtampons oder aufsaugende Hilfsmittel.

Zudem ist es wichtig, pflegebedürftige Personen regelmäßig zur Toilette zu führen, um inkontinente Episoden von vornherein zu vermeiden. Eine ausgewogene und ausreichende Ernährungs- und Flüssigkeitszufuhr runden die präventiven Maßnahmen ab (DNQP 2014, Müller et al. 2016).

Wie entsteht eine Inkontinenz-assoziierte Dermatitis?

Die Haut ist ständigen Reizen ausgesetzt. Chemische und mechanische Reize können zu besonderen Herausforderungen für das größte Organ des Menschen werden. Ständige Feuchtigkeit kann den Schutzfilm der Haut bedrohen. Die Haut quillt auf, sodass sie durchlässiger und verletzlicher wird. Enzyme und Mikroorganismen in den Ausscheidungssekreten greifen den Schutzmantel der Haut ebenso an. Vor allem die Stuhl- und Doppelinkontinenz gelten aus diesem Grund als besondere Risikofaktoren im Auftreten einer IAD. Doch auch eine gut gemeinte Pflege kann die Haut negativ beeinflussen. Zu warmes, gar heißes Wasser beim Säubern der Haut, zu starkes Reiben beim Waschen oder Trocknen und der falsche oder zu intensive Einsatz von Waschsubstanzen oder Cremes schädigen den Hautschutzmantel. Da in der Intimregion Haut auf Haut liegt, kommt es hier besonders häufig zu Hautschäden.

Woran erkenne ich eine Inkontinenz-assoziierte Dermatitis?

  • Erythem oder Ödem der perianalen oder perigentitalen Hautoberfläche
  • Erosionen, Blasenbildung, seröses Exudat können ebenfalls auftreten
  • Sekundärinfektionen sind möglich

Quelle: Gray et al. 2012

Umfangreiches Wissen erforderlich

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Prävention und Behandlung der IAD Wissen über die Ursachen, Risikofaktoren, Einschätzung sowie Prävention und Behandlung voraussetzt. Sie kann nur gelingen, wenn pflegerisches Handeln geplant und strukturiert verläuft.

 


Beeckman et al. (2015): Procedings oft he Global IAD Expert Panel. Incontinence-assiciated dermatitis: moving prevention forward. Wounds international. London

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (2014): Expertenstandard – Förderung der Harnkontinenz in der Pflege. Entwicklung – Konsentierung – Implementierung. Osnabrück

Gray, M., Beeckman, D., Bliss, D. Z. et al. (2012). Incontinence-associated dermatitis: a comprehensive review and update. J Wound Ostomy Continence Nurs, 39 (1), 61–74

Jukic-Puntigam, M., Steininger, A., Urban, W., & Müller, G. (2011). Die Interrater-Reliabilität des deutschsprachigen Perinealen Assessment Tools (PAT-D): Ein Instrument zur Risikoerfassung der Inkontinenzassoziierten Dermatitis (IAD). Pflegewissenschaft, 13 (11), 590–596

Müller, G.; Schumacher, P.; Jukic-Puntigam, M.; Steininger, A. (2016): Entwicklung valider Anwendungshinweise und pflegerischer Interventionsvorschläge für das deutschsprachige Inkontinenz-assoziierte Dermatitis Intervention Tool. HeilberufeScience. DOI 10.1007/s16024–015–0262–3

Steininger, A., Jukic-Puntigam, M., Urban, W., & Müller, G. (2011). Übersetzung, Anpassung und Prüfung der Inhaltsvalidität des Instruments „Perineales Assessment Tool" (PAT). procare, 16 (4), 3–8 

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