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  • 01.06.2012
  • Forschung

Studie

Dienstkleidung kann Infektionen verursachen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2012

Stethoskope und Mobiltelefone sind häufig mit Krankenhauserregern kontaminiert – das ist wissenschaftlich belegt. Doch wie sieht es mit der Dienstkleidung von Ärzten und Pflegenden aus? Ist auch sie Quelle von nosokomialen Infektionen? Eine neue Studie hat die medizinische Kleidung kritisch unter die Lupe genommen.

Bekanntermaßen können viele im klinischen Alltag benötigte Utensilien mit typischen Krankenhauserregern kontaminiert sein wie Mobiltelefone, Piepser, Stethoskope und Stauschläuche. Kürzlich wurde sogar für Krawatten eine solche Besiedlung nachgewiesen und entsprechend vor deren Verwendung bei Krankenhausärzten gewarnt. In einer aktuellen Untersuchung aus der Infektionsabteilung des Shaare Zedek Medical Center in Jerusalem, Israel, überprüfte eine Autorengruppe um Dr. Yonik Wiener-Well die qualitative und quantitative Besiedlung von medizinischer Dienstkleidung (1).

Dienstkleidung als Streuquelle von Infektionen?
Das Shaare Zedek Medical Center ist mit 550 Betten Jerusalems zweitgrößtes Krankenhaus und fungiert als akademisches Lehrkrankenhaus der Hadassah Medical School. Für die Studie wurden insgesamt 135 Ärzte und Pflegekräfte ohne spezielle Vorauswahl und ohne Vorankündigung im Krankenhausalltag angesprochen. Weniger als fünf Prozent der Angesprochenen verweigerten die Teilnahme. Die Dienstkleidung wurde mit kleinen Abklatschplatten (9 cm2), die für zehn Sekunden angepresst wurden, beprobt. Die beprobten Areale waren:
- Bauchmitte, in Nabelhöhe,
- bei langärmeligem Kittel das Ärmelende auf der dominanten Seite (also bei Rechtshändern rechts),
- bei kurzärmeliger Kleidung die Seitentasche (ebenfalls auf der dominanten Seite).

Somit wurden bei jedem Teilnehmer zwei Abklatsche durchgeführt. Eine Ausnahme bildete lediglich das OP-Personal, da die Bereichs-Kasacks keine Taschen hatten. Hier wurde somit nur die Bauchmitte abgeklatscht. Zur Kontrolle wurden vier frisch aus der Wäscherei gelieferte, noch unbenutzte Dienstkittel beprobt. Die Agarplatten wurden 48 Stunden bebrütet und anschließend auf bakterielles Wachstum überprüft. Die gewachsenen Kolonien wurden ausgezählt und gleichartige Kolonien differenziert. Die Empfindlichkeitsprüfung erfolgte mittels Plättchentest und üblichen Zusatztests, zum Beispiel bei Differenzierung von MRSA.

Die nachgewiesenen Keimspezies sind in Abbildung 1 zusammengestellt. Im Hinblick auf den Nachweis potenziell pathogener Keime zeigte sich kein wesentlicher Unterschied zwischen Ärzten und Pflegekräften. Interessanterweise bestand auch kein Unterschied zwischen weißer Dienstkleidung und OP-Bereichskleidung. Zwischen den getesteten Lokalisationen fand sich ebenfalls kein Unterschied (Daten nicht gezeigt). Die Keimbelastung der Kleidung stieg jedoch mit den Dienstjahren. Häufigste nachgewiesene Keime waren Acinetobacter spp. (89 Nachweise) und Staphylococcus aureus (32 Nachweise). MRSA wurden acht-mal nachgewiesen.

Die Keimzahl pro Platte lag zwischen einer und 28 Kolonien und erreichte bei Staphylococcus aureus und MRSA durchschnittlich die höchsten Werte, zum Beispiel im Mittel 21 Kolonien pro Platte bei MRSA-Nachweis.
Die Autoren fragten die Teilnehmer der Studie auch nach ihrer üblichen Wechselfrequenz von Dienstkleidung und konnten keine Korrelation zwischen Wechselfrequenz und Keimbelastung feststellen. Dies galt besonders auch für den Nachweis antibiotikaresistenter Erregerspezies. Diese wurden am häufigsten auf Kleidung nachgewiesen, die täglich oder zweitägig gewechselt wurde.



Kommentar des korrespondierenden Referenten
Die Studie ließ einige sehr überraschende Befunde erkennen. Zum einen korrelierte die Erregerbelastung der Dienstkleidung nicht mit der Berufsgruppe (Arzt versus Pflegekraft), wodurch klassische Vorurteile widerlegt werden. Interessant war, dass die Zahl der Dienstjahre mit dem Nachweis potenziell pathogener Erreger (Gesamtzahl der Nachweise) korrelierte. Allerdings wurde hier keine Statistik durchgeführt. Der Befund könnte jedoch dafür sprechen, dass das Hygieneverhalten mit zunehmenden Dienstjahren nachlässiger wird. Ebenfalls widerlegt wurde die These, dass OP- und Bereichskleidung, die täglich gewechselt wird, in geringerem Maße kontaminiert ist als mehrere Tage getragene weiße Dienstkleidung.

Die Schlussfolgerungen, die die Autoren aus ihrer Studie ziehen, werden durch die Daten im Grunde nicht untermauert. Sie fordern, dass Dienstkleidung „adäquat“ gewaschen werden sollte, dass bevorzugt kurzärmelige Dienstkleidung zum Einsatz kommen sollte, dass bei Tätigkeiten mit Gefahr von Sekret- oder Flüssigkeitskontakt eine wasserdichte Plastikschürze getragen und dass die Händehygiene verbessert werden muss. All dies hätte man allerdings auch ohne diese Untersuchung gewusst.

Für den Referenten ist der interessanteste Befund der Anstieg der Keimnachweise mit dem Dienstalter. Vielleicht sind die „Senioren“ unter den Krankenhausmitarbeitern tatsächlich eine Gruppe, die vom Hygienefachpersonal einmal gezielt unter die Lupe genommen werden sollte.


Literatur:
(1)    Wiener-Well Y et al. Nursing and physician attire as possible source of nosocomial infections. Am J Infect Control 2011; 39: 555-559

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