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  • 24.04.2018
  • Die Schwester Der Pfleger

Empathie und Mitgefühl

"Ich bin dein Patient"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2018

Seite 40

In Zeiten hoher Arbeitsdichte und anhaltender Personalnot kommt pflegerisches Mitgefühl häufig zu kurz. Dabei zeichnet genau dies den Pflegeberuf aus. Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit und Warmherzigkeit in der Pflege.

Als ich neulich in meinen amerikanischen Unterlagen etwas Bestimmtes suchte, ist mir ein Gedicht aus den Siebzigerjahren in die Hände gekommen. Ich hatte es schon damals mit Rührung gelesen und es hat mich auch diesmal wieder tief bewegt. Das Gedicht heißt „I am your Patient“ (dt.: Ich bin dein Patient) und es geht darin um pflegerische Empathie und Mitgefühl aus der Sicht eines Patienten (1).

„Alles ist neu und fremd für mich“, schreibt der Verfasser. „Gestern war ich noch in heimischer Umgebung, glücklich, meine kommenden Tage zu planen. Heute bin ich in einer fremden Welt, eifrig bemüht, mich anzupassen.“ Weiter heißt es: „Ich bin ein Bündel von Angst. Ich fürchte das Ungewisse. Ich bin alarmiert über die Möglichkeit von Schmerzen, des Entstellt-Seins, sogar des Todes.“

Kein Wunder, dass ein Patient mit solch existenziellen Emotionen sich nichts sehnlicher wünscht, als aufgefangen und als Mensch verstanden zu werden. Dies beschreibt der Autor des Gedichts eindrucksvoll: „Und oh, wie ich mir wünsche, dass du warm und freundlich bist. Du sollst wissen, dass ich eine Persönlichkeit mit einbringe, die nicht ein weiteres Problem für die Chirurgie oder die Innere Medizin ist. Ich möchte, dass du weißt, dass ich viel mehr bin als der Name auf meinem Namensarmband.“

Patienten als mündigen Partner akzeptieren

Dieser Wunsch, als Patient nicht nur einer unter vielen sein zu wollen, sondern als mündige, individuelle Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, habe ich in jüngster Zeit als Patientin selbst erlebt: Mit einem Blutdruck von 240/120 befand ich mich in der kardiologischen Notaufnahme. Als die Pflegeperson mittleren Alters die Blutdruckkontrolle durchführte, sagte ich zu ihr: „Ich habe furchtbare Kopfschmerzen.“ Sie erwiderte mit lauter Stimme in einem selbstsicheren, etwas überheblichen Ton: „Das glaube ich, dass Sie Kopfschmerzen haben. Das glaube ich Ihnen aufs Wort“ – und verschwand. Ich war perplex. Ich konnte dieses Verhalten nicht verstehen. Diese Gleichgültigkeit.

Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt in einer verwundbaren Gemütsverfassung. Ich hatte eine beruhigende, mitfühlende Antwort erwartet, ein Schmerzmittel.

Erst nach meiner Entlassung und wieder im Zustand sachlich orientierter Denkweise habe ich überlegt, was wohl der Grund der funktionalen Gleichgültigkeit dieser Pflegeperson gewesen sein mag.

Ich fühlte mich in diesem Moment an die Aussage der amerikanischen Kollegin Abdellah erinnert (2): „Pflege ist eine Kunst und eine Wissenschaft.“

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Pflege als eine Kunst und eine Wissenschaft. Mit Wissenschaft in der Pflege ist das empirisch Erfassbare, das detailliert Messbare und das statistisch Belegbare gemeint. Pflege als Kunst befasst sich mit menschlicher Wahrnehmung, individueller Interaktion in allen Ausprägungen, mit emotionalem Befinden (3).

Anselm Strauss, ein amerikanischer Sozialwissenschaftler, hat für das Eingehen der Pflegeperson auf das emotionale Befinden des Patienten den Begriff „sentimental work“ geprägt, der im Deutschen als Gefühlsarbeit, Emotionsarbeit oder Beziehungsarbeit übersetzt wurde. Emotions- oder Beziehungsarbeit ist als Teil jeder Tätigkeit immer dort vorhanden, wo das Wesen, an dem gearbeitet wird, lebendig ist, fühlen und reagieren kann (4). Bei der Beziehungsarbeit ist das gefühlsmäßige Wohlbefinden des Patienten der Fokus pflegerischer Aktivitäten.

Eine grundlegende Art von Beziehungsarbeit besteht für Strauss in der Vertrauensbildung zwischen Pflegeperson und Patient. Der Aufbau von Vertrauen ist dadurch gekennzeichnet, dass der Patient von der Pflegeperson als mündiger Partner akzeptiert und respektiert wird. Dies kommt dadurch zum Ausdruck, dass die Pflegeperson eine bestimmte Art von Kommunikation bereits bei der Aufnahme des Patienten einsetzt. Das heißt, dass sie dem Patienten während des Aufnahmegesprächs gefühlsmäßig nahe ist und den Ausführungen des Patienten interessiert zuhört. Wichtig ist, dass sie ihn dabei nicht vorschnell unterbricht und dem Patienten dadurch möglicherweise ihr Desinteresse an seinen Ausführungen signalisiert.

Zur Beziehungsarbeit gehört, dass sie dem Patienten das Gefühl vermittelt, während der Zeit ihrer Interaktion ausschließlich für ihn da zu sein. Zur kontinuierlichen Vertrauensbildung nach der Aufnahme gehört die regelmäßige Informationsvermittlung an den Patienten bezüglich medizinisch-pflegerischer Maßnahmen. Dabei verwendet die Pflegeperson eine für den Patienten verständliche Terminologie und ermuntert ihn zu Rückfragen und zur Wiederholung des Gesprächsinhalts mit seinen eigenen Worten. Sie erläutert dem Patienten den betrieblichen Tagesablauf und gibt zu verstehen, dass darin sein individueller Tagesrhythmus – wenn immer möglich – Berücksichtigung findet.

Von besonderer Bedeutung für die Beziehungsarbeit ist es, dass die Pflegeperson den Patienten auf geplante pflegerische Behandlungen emotional vorbereitet. Vor einer pflegerischen Behandlung erklärt sie dem Patienten die dabei notwendige Vorgehensweise und weist auf möglicherweise dabei auftretende unangenehme oder schmerzhafte Auswirkungen hin. Gleichzeitig gibt sie ihm zu verstehen, dass sie bei der Durchführung der Maßnahme bestimmte Mittel einsetzen wird, die das Unangenehme der Prozedur minimieren. Sie ermuntert den Patienten, Fragen zu stellen. Schließlich fordert sie ihn auf – wo immer möglich – in angemessener Weise bei der Maßnahme mitzuwirken und dabei seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Der Einsatz von Beziehungsarbeit ist gekennzeichnet von gefühlsmäßiger individueller Betreuung des Patienten. Dabei geht es darum, seine Ängste, Unsicherheiten und Befürchtungen einfühlend zu eruieren und durch entsprechende Maßnahmen auszuschalten, um ein Höchstmaß an emotionalem Wohlbefinden für ihn zu erreichen (4).

In der historischen Tradition des Pflegeberufs

Bei einer derart professionellen Pflegepraxis, nämlich der Verknüpfung von pflegerischer Kunst und pflegerischer Wissenschaft, können die berechtigten Ängste und Sorgen des Patienten eliminiert werden. Die in dieser Weise tätigen Pflegepersonen erleben einerseits die herausfordernsten, andererseits aber auch die befriedigendsten Aspekte ihrer Berufsausübung. Dabei stehen sie in der historischen Tradition des Pflegeberufs und werden so den Verfasser des Gedichts „I am your Patient“ nicht enttäuschen, wenn er dafür plädiert: „Du darfst nie vergessen, dass du für Leute wie mich ein Symbol warst, seit der Samariter vor 2.000 Jahren die Straße von Jerusalem nach Jericho gegangen ist. Die Maschinerie und die Methoden haben sich verändert. Aber die Idee bleibt weiter unverändert. Du bist die wohlwollende Heilerin. Du kannst dich nicht, du darfst dich nicht ändern!“

(1) North Carolina Committee on Patient Care in cooperation with North Carolina Blue Cross-and and Blue Shield, Inc.

(2) Abdellah, F. (1990) zitiert von H. Steppe in: Pflegemodelle in der Praxis. In: Die Schwester Der Pfleger, Nr. 12/1990

(3) WHO, Hall, D.C. (1980): Ein Positionspapier zur Krankenpflege. EURO/NURSE/75.1.REV.1 Seite 1, Abs. 3

(4) Strauss, A. (1985): Social organisation of medical work. The University of Chicago Press, Chicago and London, S. 129 ff.