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  • 01.05.2016
  • Bildung

Aktualität von Fachbüchern

Nicht up-to-date

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2016

Die aktuellen Auflagen der gängigen pflegerischen Fach- und Lehrbücher enthalten teilweise fehlerhafte Informationen. Das konnte ein Team der Theologischen Hochschule Friedensau am Beispiel der Kontrakturprophylaxe aufzeigen.

 

Vor fünf Jahren wurden systematische Übersichtsarbeiten zu den Risiken, zur Entstehung und Prophylaxe von Gelenkkontrakturen veröffentlicht, die die bis dahin bekannten Methoden als nicht effektiv oder sogar schädigend beschrieben (Huhn 2011, IQP 2011, Scheffel & Hantikainen 2011). Es wurde konstatiert, dass es sich bei der Kontrakturentstehung um ein komplexes Geschehen handelt, das zum Teil mit natürlichen altersbedingten Veränderungen einhergeht. Die Autoren hielten fest, dass das Vorhandensein oder Fehlen von Kontrakturen nicht als Qualitätsindikator gelten kann. Auch sind erworbene Kontrakturen nicht als Pflegefehler einzustufen, weil nicht eindeutig feststeht, ob und welche pflegerischen Maßnahmen geeignet sind, ein Kontrakturrisiko zu senken (Huhn 2011, Bartoszek & Meyer 2012). Diese neuen Erkenntnisse haben dazu geführt, dass der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) seine Grundlagen der Qualitätsprüfungen geändert und seine Transparenzkriterien zur Kontrakturprophylaxe gestrichen hat (MDS 2014). Das zeigt: Das neue pflegefachliche Wissen zur Kontrakturprophylaxe wurde von der Fachwelt akzeptiert.

Neuauflagen analysiert

Eine Gruppe von Studierenden der Theologischen Hochschule Friedensau wollte herausfinden, ob die Angaben zu Kontrakturen folgerichtig auch in den Neuauflagen der pflegerischen Fach- und Lehrbücher seit 2012 korrigiert wurden. Die Untersuchung stützte sich auf die datenbankbasierte Suche nach Lehr- und Fachbüchern der Pflegeberufe sowie Verzeichnisse der Fachverlage und Angaben in der Referenzliteratur. Neuauflagen und Neuerscheinungen des Zeitraums Januar 2012 bis Oktober 2014 flossen in die Analyse ein. Eine Nachrecherche erfolgte im April 2015. Insgesamt wurden 20 Bücher berücksichtigt; sieben davon wurden als Lehrbücher ausgewiesen, 13 als Fachbücher.

Auffallend war, dass nur ein Buch Gelenkkontrakturen als alleiniges Thema aufgreift (Repschläger-Albert 2013). In den übrigen 19 Büchern variiert der Umfang der Berichte zwischen einer Viertelseite und sieben Seiten. In sechs Lehrbüchern und elf Fachbüchern sind Definitionen für Kontrakturen enthalten, die sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden.

In allen Büchern werden Risikofaktoren und Ursachen für die Entstehung von Kontrakturen beschrieben. Hierbei dominieren die Bettlägerigkeit und allgemeine Immobilität, jedoch nicht explizit die Immobilität außerhalb des Betts. Ob sie in die Risikoüberlegungen einfließt, liegt demnach im Ermessen der Pflegeperson. Für die Erhebung des Risikos werden in 16 Büchern die Pflegebeobachtung angeführt, wobei die Vorgabe sich auf die Gelenkbeweglichkeit oder auf Gelenkfehlstellungen bezieht, aber auch auf Schonhaltung und auf mögliche Schmerzen. In einem Fall wird auf die Beobachtung der Atmung verwiesen, jedoch ohne den Hintergrund zu erläutern. In einem Buch wird die Risikopotenzialanalyse (RIP) nach Kämmer genannt, aber nicht weiter ausgeführt. In vier Büchern finden sich keine Ausführungen zur Erhebungsart.

In 17 Büchern werden zur Kontrakturprophylaxe Bewegungs- und Dehnübungen, das Bewegen der Gelenke, Mobilisation sowie die Lagerung in Funktionsstellung oder physiologischer Mittelstellung empfohlen. In zwei Büchern werden Maßnahmen in das Therapieprogramm nach Bobath integriert (Dammhäuser 2012, Friedhoff 2014). In einem Buch werden physiotherapeutische Maßnahmen und die diametrale Ganzkörperwaschung als Kontrakturprophylaxe empfohlen (Bienstein & Fröhlich 2012).
In keinem der gesichteten Bücher ist ein Quellenbezug zu finden, der eine eindeutige Zuordnung ermöglicht. Häufig handelt es sich um allgemeine Quellenangaben. Bei der Analyse entsteht der Eindruck, dass die Ausführungen der meisten Autoren auf sehr wenige und in allen Beiträgen gleiche Quellen zurückgehen.

In zwei Büchern (Repschläger-Albrecht 2013, Menche 2014) ist die Übersichtsarbeit von Huhn (2011) als Quelle genannt und im Text mit direkten Zitaten allgemeiner Aussage berücksichtigt, jedoch ohne dass die Ergebnisse dieser Arbeit in die Auseinandersetzung einfließen oder diskutiert werden.

Auffallend häufig wird die Kontrakturentstehung als Pflegefehler zumindest angedacht. Auch fällt auf, dass Handlungsempfehlungen zur Kontrakturprophylaxe oft mit der Empfehlung gekoppelt sind, dass die Maßnahmen während der Körperpflege „mitgemacht" werden könnten.

Sorgfaltspflicht verletzt

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Ausführungen zu Gelenkkontrakturen in den gesichteten Lehrbüchern und thematisch relevanten Fachbüchern für Pflegeberufe nicht vollständig und nicht den pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend dargestellt werden. Es ist nicht erkennbar, dass sich die Inhalte seit 2011 gegenüber vorherigen Auflagen verändert haben. In keinem der 20 Bücher werden die Ausführungen kritisch hinterfragt. Selbst in den beiden Büchern, die die neuen Quellen aus dem Jahr 2011 aufgreifen, werden keine Schlussfolgerungen gezogen.

Lehrbücher richten sich in erster Linie an Auszubildende, die fachliche Klarheit und eindeutige Orientierung brauchen. Insofern ist es äußerst bedenklich, dass die Ausführungen in den Büchern teilweise vage formuliert und pflegefachlich nicht haltbar sind. Die beschriebenen Handlungsanweisungen sind nahezu alle nicht zielführend und schaden dem Patienten möglicherweise und sollten so nicht mehr dargestellt werden.

Lehr- und Fachbücher haben einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der beruflichen Pflege. Sie gelten als grundlegende Informationsquelle in der Aus- und Fortbildung. Auch erfahrene Pflegepersonen greifen auf Lehrbücher zur Fundierung des Handelns zurück. Häufig sind Lehrbücher die einzige verfügbare Literatur in den Einrichtungen der beruflichen Pflege (Bartoszek & Meyer 2012).

Deshalb haben Autoren und Verlage eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Lesern. Es stellt sich die Frage, ob sich die Verantwortlichen ihrer Sorgfaltspflicht bewusst sind, wenn sie sich mit veraltetem Wissen zufriedengeben. Ausgehend von der Annahme, dass alle Beteiligten nach bestem Wissen publizieren wollen, müssen als Qualitätsmerkmal und als Teil des Produktionsprozesses dringend die Inhalte auf Aktualität geprüft werden. Autoren müssen neben den offensichtlichen Quellen der Lehr- und Fachbücher sowie den Fachbeiträgen in Zeitschriften auch wissenschaftliche Quellen heranziehen, um weitgehend „robuste" Daten zu generieren. Solange keine gesicherten Angaben gemacht werden können, muss in den Publikationen auf die fehlende Evidenz hingewiesen und auf falsche oder potenziell schädigende Handlungsempfehlungen verzichtet werden. Quellen müssen benannt werden und zuzuordnen sein.

Verantwortliche in der Lehre sollten bei ihrer Unterrichtsvorbereitung berücksichtigen, dass sich mit der sich entwickelnden Pflegewissenschaft zum Teil rasend schnell Erkenntnisgewinne ergeben, die sich noch nicht in den Lehrbüchern wiederfinden. Wenn jedoch Lehr- und Fachbücher nicht zuverlässig den aktuellen Stand des Wissens wiedergeben, wird es unabdingbar, dass die jeweiligen Texte einer Prüfung nach wissenschaftlichen Maßstäben unterzogen werden. So muss für die Lehre neben den herangezogenen Standardwerken auch nach aktueller Literatur gesucht werden, bevor das Thema im Unterricht behandelt wird.

Literatur beim Verfasser.

Das Autorenteam: Siegfried Huhn, Anja Kotschote, Sandra Rätz, Maximilian Steckler, Daria Steinhauer, Claus Warning

 

 

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