Passwort vergessen
  • 01.05.2016

Verbandwechsel

Schmerzen ernst nehmen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2016

Mit dem Wundgrund verklebte Kompressen, zu rasches Abziehen von Verbandmaterial, zu fest klebende Produkte – Verbandwechsel sind für den Patienten häufig mit Schmerzen verbunden. Doch schon mit einfachen Maßnahmen lassen sich Situationen wesentlich angenehmer gestalten.

 

Der Expertenstandard „Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen" (DNQP 2014) fordert: „Jeder Patient/Bewohner mit chronischen Schmerzen erhält ein individuell angepasstes Schmerzmanagement, das zur Schmerzlinderung, zu Erhalt oder Erreichung einer bestmöglichen Lebensqualität und Funktionsfähigkeit sowie zu einer stabilen und akzeptablen Schmerzsituation beiträgt und schmerzbedingten Krisen vorbeugt." Kürzer gesagt: Schmerz ist in pflegerischen Situationen immer ernst zu nehmen. Denn: Schmerz ist ein Signal des Körpers, der vor zu erwartenden Schäden warnt. Die durch ihn ausgelösten, unwillkürlichen Reaktionen, zum Beispiel das Zurückzucken der Hand von einer heißen Herdplatte, schützen den Körper vor nachhaltigen Verletzungen. Aufgrund einiger Erkrankungen, wie einer Neuropathie, ist diese Warnfunktion allerdings gestört. Bei solchen Patienten kann aufgrund der nachhaltigen Empfindungsstörung unbemerkt eine Wunde mit gravierenden Folgeschäden bis hin zur Infektion entstehen.

Verbandwechsel häufig schmerzhaft

Auch in der Wundversorgung sind Schmerzen ein typisches, oft anzutreffendes Pflegeproblem, das ernst zu nehmen ist. Typische Schmerzauslöser bei Wundpatienten sind beispielsweise die Ausübung von Druck, Nahtdehiszenz, arterielle Durchblutungsstörung, Infektionen wie Abszess und Erysipel, Tumore und Ödeme. Maßnahmen der Wundversorgung wie das Entfernen der Wundauflage, das Débridement oder die Wundspülung sowie Verbandfixierungen und -techniken können ebenfalls zu Schmerzen führen. Schmerzauslösende Krankheitsbilder sind immer vorrangig zu behandeln und möglichst zu beheben.

Ein Verbandwechsel, der oft mit Schmerzen einhergeht, baut eine Stresssituation auf. Ein Patient, der bei einer Pflegehandlung Schmerzen erwartet, entwickelt eine ablehnende Haltung. Hier gilt es, den Befürchtungen und Sorgen des Patienten einfühlsam zu begegnen. Mit bestimmten Taktiken und Strategien können sie wirkungsvoll gelindert werden.

Zu den typischen Schmerzauslösern gehören die Materialien der trockenen konventionellen Wundversorgung, zum Beispiel verklebte Wundgaze und angetrocknete Kompressen. Weitere Maßnahmen in der Wundversorgung, die Schmerzen verursachen können, sind ein zu rasches Abziehen der Wundauflage oder ein unsachgemäßes Ablösen von Folienverbänden, nicht spannungsfrei applizierte Pflaster oder Klebevliese, nicht angewärmte Spüllösungen, Zugluft oder ein langes Freiliegen der Wunde, ausgetrocknete Wunden, eine Reizung aufgrund zu fest klebender Produkte sowie falsch fixierte Sekundärverbände und falsch angelegte Kompressionsbandagierungen.

Ziele des Verbandwechsels sind – neben der Förderung des Wundheilungsprozesses – die Schmerzreduktion und -vermeidung. Zudem sollen mit einem koordinierten Vorgehen aller an der Behandlung beteiligten Personen Komplikationen vermieden werden. Vor dem Verbandwechsel ist der Patient über die geplanten Maßnahmen aufzuklären und in die Behandlung einzubeziehen.

Mögliche Schmerzen sind grundsätzlich ernst zu nehmen. Ein empathischer Zugang ist eine wichtige Voraussetzung. Hierzu gehört es, Stoppsignale zu vereinbaren und bei Bedarf Pausen einzulegen. Situationsbedingt kann es hilfreich sein, den Patienten abzulenken oder ihm durch Körperkontakt wie Handhalten zu signalisieren, dass er und seine Empfindungen ernst genommen wird.

Folgende Maßnahmen sind hilfreich, um Schmerzen beim Verbandwechsel zu vermeiden:

  • Analgetika zeitnah unter Beachtung des Wirkeintritts verabreichen,
  • Fenster schließen, um Zugluft zu vermeiden,
  • eine stressfreie Umgebung schaffen (Telefon, Fernseher und Radio ausschalten, sonstige Unruhe- und Lärmquellen möglichst beseitigen, es sei denn, der Patient wünscht diese zur Ablenkung),
  • Patienten bequem positionieren,
  • den alten Verband schonend ablösen (ggf. nach vorherigem Anfeuchten oder mit hautfreundlichem, lösungsmittelfreien Pflasterlöser), Folienverbände durch paralleles Überdehnen der Folie zur Haut ablösen,
  • Druck und unnötige Reizungen wie Berührung von Wunde und Wundumgebung vermeiden,
  • Wundspüllösung vorab anwärmen, nicht mit zu großem Druck einsetzen und Abfluss sicherstellen,
  • längeres Freilegen der Wunde vermeiden und zügig weiter verbinden,
  • kein ungeplantes Débridement durchführen,
  • bei gereizter, gefährdeter oder mazerierter Wundumgebung transparenten Hautschutzfilm applizieren,
  • stadien- und wundtypgerechtes Verbandmaterial auswählen,
  • Verbände ohne Kleberand bevorzugen oder speziell beschichtete Wundauflagen auswählen, zum Beispiel mit Silikon oder Softgel. Diese ermöglichen einen schmerzarmen Verbandwechsel, da die Beschichtung ein Verkleben mit dem Wundgrund verhindert; auch die Anwendung eines analgetikahaltigen Polyurethanschaums mit Ibuprofen (Biatain®-Ibu) kann sinnvoll sein,
  • Sekundärverband nicht zu stramm, spannungs- und faltenfrei anbringen; keine Einschnürungen durch zu festes Anwickeln von fixierenden Mullbinden oder durch falsch angelegte Kompressionsversorgung provozieren,
  • den Patienten nach Beendigung des Verbandwechsels fragen, ob der Verband beschwerdefrei sitzt, ihn einschränkt oder Schmerzen bereitet.

Welche Maßnahmen helfen noch?

Laut des Expertenstandards „Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten Schmerzen" (DNQP 2011) sind Pflegefachpersonen für die Erfassung und Dokumentation von Schmerzen verantwortlich. Dies muss zusammen mit den behandelnden Ärzten erfolgen. Die Beachtung schmerzminimierender Maßnahmen ist ebenfalls eine pflegerische Aufgabe.

Ab einer bestimmten Schmerzintensität muss eine systemische Schmerztherapie in Kooperation mit dem Arzt erfolgen. Um diese einzuleiten, wird ab einem Schmerzgrad von 3 in Ruhe oder 5 in Belastung auf der Numerischen Rangskala (Abb. 1) eine ärztliche Therapieanordnung eingeholt. Die Verabreichung schmerzhemmender und -stillender Medikamente erfolgt rechtzeitig vor dem Verbandwechsel. Der Wirkeintritt des Analgetikums ist hierbei zu beachten. Die Grundregeln der systemischen Schmerztherapie sind:

  • möglichst orale Einnahme,
  • ausreichende Dosierung,
  • Schmerzmittel nicht intramuskulär verabreichen,
  • pünktlich, regelmäßig und even- tuell zusätzlich bei Bedarf verabreichen,
  • Orientierung am Stufenplan zur Behandlung von Schmerzen der Weltgesundheitsorganisation (WHO),
  • an Co-Medikamente und unterstützende Maßnahmen denken, wie die Gabe von Stuhlweichmachern bei Opiaten oder Magenschutz bei der Verordnung von Diclofenac.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen können ebenfalls dazu beitragen, dass Schmerzen gelindert werden oder verschwinden. Hierzu zählen:

  • Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS),
  • Entspannungs- und Atemtechniken,
  • Kälte- und Wärmeanwendungen,
  • Massage und Akupunktur,
  • Lagerung, eventuell unter Hilfsmitteleinsatz (z. B. Bananenkissen),
  • Basale Stimulation,
  • Musik.

Vertrauen aufbauen

Schmerzen sind ein Hauptsymptom chronischer Wunden und aus Sicht des Betroffenen oft die gravierendste Einschränkung in ihrem Alltag und ihrer Lebensqualität. Sie betreffen den Patienten sowohl physisch als auch psychisch. Eine effektive Schmerztherapie besteht aus Kausaltherapie, Identifikation und Ausschaltung lokaler Faktoren, die den Wundschmerz auslösen, nicht- medikamentösen Maßnahmen und bei Bedarf einer angepassten Analgesie nach Stufenschema.

Die Grundlage des Vorgehens ist ein einfühlsamer, wertschätzender und verständnisvoller Umgang. Schmerzäußerungen des Patienten sind immer ernst zu nehmen. Es gilt: Ängste abbauen, Vertrauen aufbauen.

Download-Tipp:

Checkliste „Schmerzerfassung bei Patienten mit chronischen Wunden"
Eine hilfreiche Checkliste des Wundzentrums Hamburg steht auf Station24 zum kostenlosen Download zur Verfügung: www.station24.de/checkliste-schmerzerfassung-wunden

Literatur bei der Verfasserin.