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  • 01.05.2016

Multiresistente Erreger

"Es ist nicht sinnvoll, jeden zu screenen"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2016

Infektionen mit MRSA oder MRE können für ältere und geschwächte Menschen schnell lebensbedrohlich werden. Ein Screening sollte aber dennoch auf Risikogruppen begrenzt werden, rät Hygieneexperte Dr. med. Georg-Christian Zinn.


Dr. Zinn, welche Patienten sollten auf jeden Fall gescreent werden?

Für den MRSA, also den multiresistenten Staphylococcus aureus, macht das Robert Koch-Institut sehr genaue Vorgaben, welche Personen gescreent werden sollten. Hier gibt es klare Risikofaktoren, die auch durch Studien gut belegt sind. Dazu gehören Personen, die schon einmal MRSA hatten, aus Regionen oder Einrichtungen mit hoher MRSA-Prävalenz kommen und Patienten, die sogenannte Devices – wie ein Tracheostoma oder Blasenkatheter – haben. Auch Personen, die in der letzten Zeit Kontakt zu anderen MRSA-Patienten hatten oder in der Landwirtschaft arbeiten, gerade mit Schweinen, sollten gescreent werden. Wir sprechen hier von einem risikoadaptierten Screening. Es macht keinen Sinn, jeden abzustreichen. Von 100 Menschen, die ins Krankenhaus kommen, sind im Schnitt nur etwa zwei Prozent MRSA-positiv.

Aber die MRSA-Rate liegt doch deutlich höher?

Die im Moment existierende MRSA-Rate von 16 bis 20 Prozent spiegelt nicht die MRSA-Rate der Bevölkerung wider, sondern den Anteil der positiven Staphylokokkus-aureus-Nachweise. Bei 100 positiv getesteten Abstrichen kann in 80 Prozent der Fälle ein Staphylokokkus aureus nachgewiesen werden, in 20 Prozent der Fälle ein multiresistenter Staphylococcus aureus. Das erweckt dann den Eindruck, als hätten 20 Prozent aller Menschen MRSA, ist aber gar nicht so. Deshalb sind diejenigen, die viel mit MRSA zu tun haben, viel entspannter: So häufig ist MRSA gar nicht.

Eine weitere gefährliche Erregergruppe sind die vierfach multiresistenten gramnegativen Erreger, sogenannte 4MRGN. Was für ein Erreger steckt hinter dieser Bezeichnung?

Der 4MRGN ist ein relativ neuer Erreger. Der erste Fall wurde 2008 in Heidelberg nachgewiesen. Der 4MRGN ist resistent gegen die vier gängigen Antibiotika-Gruppen, die im Moment im Einsatz sind. Damit gibt es so gut wie keine Behandlungsmöglichkeit gegen diese Erreger. Bislang hatten wir noch zwei bis drei Antibiotika, zum Beispiel Colistin, die wirkten und eingesetzt werden konnten. Mittlerweile haben die Keime aber auch hiergegen Resistenzen entwickelt – daran sieht man, wie pfiffig sie sind. Zudem besitzen die 4MRGN die Fähigkeit, ihre Resistenz an andere gramnegative Erreger weiterzugeben. Das heißt, ein Staphylokokkus aureus kann seine Resistenz auf einen E-Coli übertragen. Das macht diese Erreger so gefährlich und macht uns eine Menge Gedanken.

Wie häufig sind diese Erreger?

Infektionen mit 4MRGN sind relativ selten. Wir gehen davon aus, dass etwa 0,1 Prozent aller Patienten einen 4MRGN haben. Zusätzlich gibt es auch den 3MRGN, das heißt, eines der gängigen Antibiotika wirkt noch. Von allen MRGN gehören 95 Prozent zur Gruppe der 3MRGN und nur fünf Prozent zu den 4MRGN. Aber diese Zahlen sind auch mit Vorsicht zu genießen, da es bislang nur wenige Studien zu diesem Erreger gibt.

Bei welchen Patienten sollte ein Screening auf MRGN erfolgen?

Während es für den MRSA klare Risikofaktoren gibt, haben wir bei den MRGN nur wenig Anhaltspunkte. Das Robert Koch-Institut empfiehlt ein Screening für Personen, die in den letzten zwölf Monaten im Ausland waren und hier im Krankenhaus oder bei einem niedergelassenen Arzt behandelt wurden. Gescreent werden sollten hier vor allem Patienten, die in Nordafrika, Südeuropa oder Südostasien waren. Aber auch Personen, die im selben Zimmer mit MRGN-Patienten gelegen haben, sollten getestet werden. Es gibt jedoch auch Kliniken, die streichen generell alle Intensivpatienten ab oder alle Flüchtlinge, die im Krankenhaus behandelt werden.

Halten Sie dieses Vorgehen für sinnvoll?

Nein, es ist nicht sinnvoll, jeden zu screenen. Sinnvoll ist ein Screening, das auf nachgewiesene Risikogruppen fokussiert. Bei allen anderen bringt es nichts und ist in keiner Weise kosteneffektiv. Wir kommen in Deutschland mit unserem Screening-Konzept sehr gut voran. Probleme bereitet eher der Personalmangel. Der kann zu Hygienemängeln und damit zu einer Verbreitung von MRSA führen.

Gibt es andere Gründe, die neben den vom Robert Koch-Institut gelisteten Vorgaben für ein Screening von MRSA oder MRGN sprechen?

Sinnvoll kann ein Screening vor einer größeren OP sein, zum Beispiel bevor eine künstliche Hüfte eingesetzt wird. Viele Kliniken screenen hier Patienten bereits deutlich vor dem OP-Termin auf MRSA und übernehmen die Kosten dafür auch selbst. Ein präoperatives Screening wird vom RKI zwar noch nicht empfohlen, viele Studien legen dieses Vorgehen aber nahe. Kommt es nach einer Hüft-Endoprothese zu einer Infektion, kostet das pro Patient bis zu 100.000 US-Dollar, jeder fünfte – statistisch gesehen – verstirbt. Die Ausgaben für ein Screening lohnen sich hier allemal.

Wie teuer ist ein Screening auf multiresistente Keime?

Ein Abstrich kostet zwischen fünf und zehn Euro. In der Regel wird auf Selektiv-Nährböden abgestrichen, das sind Petrischalen mit einem Nährboden, auf dem nur MRSA wächst. Dieser Test dauert etwa ein bis zwei Tage. Dann gibt es noch einen Schnelltest. Dieser Test dauert – von der reinen Testzeit – vier Stunden, bis das Ergebnis vorliegt, allerdings muss hier noch zusätzlich die Transportzeit ins Labor berücksichtigt werden. Ein Schnelltest kostet allerdings das Zehnfache des Tests mit Selektivnährböden. Er ist damit eher für spezielle Fragestellungen geeignet und nicht für den Regelbetrieb.

Wer entscheidet im Stationsalltag, ob ein Verdachtsfall für ein Screening vorliegt? Der behandelnde Arzt oder die betreuende Pflegekraft?

Das RKI legt sich hier nicht fest, sondern gibt nur vor, dass in jedem Krankenhaus klar geregelt sein muss, wer dafür zuständig ist. In vielen Kliniken übernehmen es die Ärzte, es gibt aber auch Krankenhäuser, da machen es die Pflegenden. In den Kliniken, die wir betreuen, haben wir einen Bogen MRSA und MRGN eingeführt. Hier muss mit Unterschrift angekreuzt werden, ob gescreent wird oder nicht. Das hat dann eine höhere Verbindlichkeit.

Oft wird empfohlen, alle Verdachtspersonen vorsorglich zu isolieren, bis der Befund vorliegt. Dies ist aus Platzgründen aber oft nicht möglich. Was tun?

Patienten mit MRSA sollten isoliert werden, sobald der Befund vorliegt. Wenn man weiß, dass ein Patient bereits MRSA hatte, sollte er aber direkt isoliert werden. In allen anderen Fällen kann man warten. Bei 4MRGN gilt das Gleiche: Isoliert wird jeder Patient, der schon 4MRGN hatte oder der positiv getestet ist.

 

 

 

 

Dr. med. Georg-Christian Zinn ist Ärztlicher Direktor und Facharzt für Kinderheilkunde sowie Hygiene und Umwelmedizin. Er leitet das Zentrum für Hygiene und Infektionsprävention der Bioscientia.