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  • 25.01.2017

Expertengespräch

"Spuren dürfen nicht verblassen"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2015

Pflegende im Nationalsozialismus waren an Verbrechen wie Patiententötungen, Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen beteiligt. Mit Michael Bossle, Professor für Pflegepädagogik an der Technischen Hochschule Deggendorf, sprachen wir über Handlungsspielräume in der damaligen Zeit, die Verantwortung der heutigen Pflegenden und Möglichkeiten der Aufarbeitung.

Herr Professor Bossle, vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und damit die Nazi-Diktatur. Wie wichtig ist das Thema heute für die Berufsgruppe Pflege?

Wie für die gesamte deutsche Gesellschaft ist es selbstverständlich auch für die Pflege unverzichtbar, sich mit der dunklen Vergangenheit des sogenannten Dritten Reiches aktiv auseinanderzusetzen. Denn auch bei uns Pflegenden hat dieser Zeitraum Spuren, Wunden und Narben hinterlassen. 

Pflegende im Nationalsozialismus waren am systematischen Massenmord von kranken und behinderten Menschen beteiligt. Was bedeutet diese Schuld für die heutige Generation von Pflegenden?

Wir können nicht im Hier und Jetzt die Schuld für die Verbrechen unserer Berufsangehörigen eines anderen Zeitraums auf uns nehmen. Wir können auch die Wunden nicht heilen. Die Spuren dürfen aber nicht verblassen. Wir Pflegende der heutigen Zeit haben eine Verantwortung, die Schuld unserer damaligen Berufsangehörigen anzuerkennen und über die Wesensmerkmale der nationalsozialistischen Diktatur nachzudenken. Wir müssen sicherstellen, dass sich derartige Verbrechen nicht wiederholen – nicht in der Gesellschaft, nicht in unserem Beruf.

Halten Sie dies für möglich?

Wir sehen es sehr häufig und in vielen Dingen, dass sich bestimmte Muster in der Geschichte wiederholen. Dies zu unterbinden, liegt in der Verantwortung derjenigen, die im Heute stehen. Diese Verantwortung kann und darf nicht abgelehnt werden.

Was bedeutet das konkret für Pflegende?

Im Nationalsozialismus ist die Würde des Menschen systematisch und in eklatanter Art und Weise verletzt worden. Es ist unsere Verantwortung als Berufsgruppe, hierüber kritisch nachzudenken und Lehren für die heutige Zeit zu ziehen. Ein Beispiel: Wir erleben es Tag für Tag, dass in der Gesundheitsversorgung priorisiert wird. In Krankenhäusern etwa legen Abrechnungssysteme fest, wie viel Geld ein Patient bringt. Es finden damit zwangsläufig ökonomische Bewertungen und Unterscheidungen zwischen Patientengruppen statt. Der stark ausgeprägte Kosten-Nutzen-Gedanke in unserem Gesundheitswesen bringt die handelnden Akteure damit dauerhaft in eine Auseinandersetzung mit dem geltenden humanistischen Grundgedanken, dass jeder Mensch gleich viel wert ist. Das ist etwas, das allen Pflegenden klar sein muss – und es ist eine der Lehren, die wir aus der Zeit des Nationalsozialismus ziehen und in die heutige Zeit übertragen müssen.

Es fällt sehr schwer zu verstehen, warum Pflegende der damaligen Zeit sich allen humanitären Idealen zum Trotz an Patiententötungen beteiligten. Haben Sie eine Erklärung?

Erklärungen gibt es einige. Ein Faktor war sicher die unzureichende Ausbildung. Pflegende, die beispielsweise in psychiatrischen Kliniken – den sogenannten Heil- und Pflegeanstalten – arbeiteten, orientierten sich in ihrer praktischen Arbeit an einer sehr übersichtlichen Dienst-anweisung. Mehr als ein Aufpassen und ein auf die nötigste Versorgung begrenztes Handeln war in der Regel nicht gefragt. Die Mentalität in diesen Einrichtungen war eine, die Behörden glich: Es galten strenge hierarchische, auf Disziplin ausgerichtete Strukturen, Arbeitszeiten von 60 bis 80 Stunden die Woche. Hinzu kam die stete Unterbesetzung in Kriegszeiten, da viele Pflegende Fronteinsätze zu leisten hatten. Auch ärztlich waren die Einrichtungen stets unterversorgt. Es verwundert nicht, dass Akteure in einer eher menschenfeindlichen Umgebung selbst zu Tätern werden.

Hinzu kamen die damaligen politischen Bedingungen …

Richtig. Es galt schließlich als staatlich gelebte Norm, dass es Menschen unterschiedlichen Wertes gab. Der Einzelne war nur dann etwas wert, wenn er der Gesamtgesellschaft nützte. Wenn eine Person nicht mehr arbeitsfähig war oder als unheilbar krank galt, hatte er nach Kriterien der damaligen Zeit sein Lebensrecht verwirkt. Dieser eugenische Gedanke wurde selbst wissenschaftlich gelehrt und in der Praxis gelebt. Das waren auch die Kriterien, nach denen Gutachter im Rahmen der sogenannten Aktion T4 darüber entschieden, ob ein Mensch zu sterben hatte oder weiterleben durfte.

Hinter dem Decknamen Aktion T4, benannt nach der Tiergartenstraße 4 in Berlin, wo das sogenannte Euthanasieprogramm organisiert wurde, verbarg sich die systematische Ermordung von kranken und pflegebedürftigen Menschen …

Sprachlich wurden die kranken Menschen propagandistisch als „nutzlose Esser“ oder „Ballastexistenzen“ bezeichnet. Hitlers sogenannter Gnadentoderlass verdrehte den eigentlichen Euthanasiegedanken im Rahmen der Tötungsmaschinerie als Akt der Erlösung. In der Sprache formt sich das Denken. Das nicht humanistische Menschenbild, die hierarchische Struktur und die unbestrittene Arzthörigkeit taten ihr Übriges, dass Pflegende zu Tätern wurden. Damit zeigt sich eine Gemengelage, die so manche Verstöße erklären kann. Keineswegs dürfen diese Verbrechen allerdings als Bagatellen gewertet werden.

Im damaligen Deutschen Reich gab es sechs Vernichtungsanstalten, in denen in den Jahren 1940 und 1941 im Rahmen der Aktion T4 rund 70 000 Menschen ermordet wurden. Inwiefern waren Pflegende an den Tötungen beteiligt?

Pflegende in den Vernichtungsanstalten hatten die Aufgabe, für einen reibungslosen Ablauf im Zusammenhang mit den Tötungen zu sorgen. In Hartheim beispielsweise begleiteten die Pflegenden die Betroffenen aus dem Bus in die Tötungsanstalt, entkleideten sie, führten sie dem Arzt vor, brachten sie in die fingierten Duschen, in denen sie durch einströmendes Gas getötet wurden, und sorgten dafür, dass keine größere Unruhe unter den Opfern entstand.

Welche Motive hatten die Pflegenden, in solchen Anstalten zu arbeiten?

Oft hatte dies einfach nur ökono‧mische Gründe. Die Arbeit in den Tötungsanstalten war für damalige Verhältnisse sehr gut bezahlt.

Sie hatten angesprochen, dass die Pflegenden jener Zeit schlecht ausgebildet waren und offiziell keinerlei Verweigerungsrecht hatten. Sind sie dennoch verantwortlich für ihre Taten?

In einer heutzutage geltenden juristischen Sicht auf die Dinge selbstverständlich. Jeder, der handelt, ist für sein Handeln verantwortlich. Ausgenommen, er handelt in Ausnahmezuständen oder ist selbst nicht beziehungsweise noch nicht rechtsfähig – dann gelten andere Maßstäbe. Für die damalige Zeit wurden juristische Maßstäbe angelegt, die sich auf den Befehlsnotstand der Pflege berufen haben. Zu keiner Zeit war jedoch die aktive Tötung von kranken und behinderten Menschen legal. Auch nicht im Nationalsozialismus. Es gab nie ein geltendes Recht dazu. Es existierte lediglich Hitlers sogenannter Gnadentoderlass, der bei den Tätern eine Art gesetzliche Anschauung erlangte.

Das bedeutet, dass jeder, der mitgewirkt hat und aktiv tötete, auch nach nationalsozialistischem Recht zu verurteilen gewesen wäre?

Absolut. Interessanterweise wurden damals einige Staatsanwälte mundtot gemacht, die solchen Fällen nachgingen. Man merkt daran, mit welch krimineller Energie die Krankentötungen vonstatten gingen.

Hatten die Pflegenden jener Zeit aus Ihrer Sicht Handlungsspielräume?

Dass es durchaus Handlungsspielräume gab, zeigen die Beschreibungen von Pflegenden aus dem Widerstand. Diese waren aber die Ausnahme. Der Pfleger Franz Sitter beispielsweise, der an die Tötungsanstalt Hartheim dienstverpflichtet wurde, hatte sich als einziger Angestellter geweigert, weiter dort zu bleiben und bei den Tötungen mitzuhelfen. Seine Entscheidung führte ihn dann aus disziplinarischen Gründen an die Ostfront, die er glücklicherweise überlebte.

Sie beschäftigen sich mit der Pflege im Nationalsozialismus seit rund 20 Jahren. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

In den Jahren 1940 und 1941 wurden 641 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen aus der Regensburger Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll in die Vernichtungsanstalt Hartheim gebracht und dort in Gaskammern getötet. Solche Deportationen fanden im gesamten damaligen Deutschen Reich statt. Karthaus-Prüll ist heute das Bezirksklinikum Regensburg, wo ich Mitte der 90er-Jahre meine Ausbildung absolviert und als Krankenpfleger gearbeitet habe. Als Schüler bin ich täglich an einer Gedenktafel vorbeigelaufen. Auf meine Fragen, die sich zwangsläufig aufdrängten, erhielt ich von den Lehrern keine befriedigenden Antworten. Als ich zehn Jahre später mein erstes Studium der Pflegepädagogik abschloss und an der Schule meiner eigenen Ausbildung Lehrer wurde, habe ich gedacht: So, jetzt wird es Zeit, das Thema anzupacken. So habe ich ein viertägiges Schülerprojekt zum Thema Nationalsozialismus konzipiert und durchgeführt.

Wie war dieses Projekt aufgebaut?

Es gab drei Gruppen. Eine beschäftigte sich mit dem Zeitraum des Nationalsozialismus ganz allgemein, die zweite mit dem damaligen Gesundheitswesen und Pflege, die dritte mit den konkreten Geschehnissen in Karthaus-Prüll. Teil des Projekts war zudem eine Exkursion nach Hartheim, wohin die ehemaligen Patienten unserer Klinik deportiert und ermordet wurden. Wir haben in Kleingruppen das Archiv besucht, um Krankengeschichten des betreffenden Zeitraums zu lesen, um Sprache und Gedankenwelt derjenigen zu verstehen, die gepflegt und behandelt haben. Schließlich wurden dann die Ergebnisse der Gruppen in Form von Präsentationen vorgestellt und diskutiert. Ziel des Projekts war, das Unvorstellbare zu entmystifizieren.

Ist das gelungen?

Ich meine, ja. Das wichtigste war für mich immer, dass die Lernenden einen Bezug zu sich selbst aufbauen können, obwohl die Geschehnisse 70 Jahre und länger zurückliegen. Etwas über Einzelschicksale zu erfahren, Biografien von Pflegenden, also ehemaligen Kollegen der eigenen Klinik, zu lesen, lässt Näheereignisse entstehen. Diese können zu einer Berührtheit führen, oder zu einer Distanzierung. Zudem ist die Erfahrung in Hartheim für alle Beteiligten immer ein leiblich spürbares Ereignis. Gefühle wie Sprachlosigkeit, Mitgefühl und Scham überkommen einen, wenn man in einer ehemaligen Tötungsanstalt gewesen ist. Man gerät an die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft und Logik.

Wie haben Sie Ihre damaligen Schüler während des Projektes erlebt?

In der Regel unglaublich motiviert, neugierig, fragend. Die Lernenden haben mich immer weiter geleitet in das Thema. Ich habe von Jahr zu Jahr hinzugelernt, mich weiter beschäftigt.

Ist das Lernprogramm „BerufsbildMenschenbild“ am heutigen Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, damals eines der sechs Tötungsanstalten, aus diesem Projekt heraus entstanden?

Ja, das ist es. Ich bin durch die Kontakte nach Hartheim von der damaligen Leitung Irene Leitner angefragt worden, ob ich nicht ein Lernprogramm für den Pflegesektor konzipieren möchte. Hintergrund war, dass Gruppenanfragen aus der Pflege immer mehr wurden. Das habe ich sofort und ohne langes Nachdenken angenommen. Mittlerweile buchen regelmäßig mehr als 30 Gruppen aus Bayern und Österreich jährlich dieses Programm. „BerufsbildMenschenbild“ ist eine kleine Erfolgsgeschichte. Immer mehr Lehrende und Lernende nutzen es für sich.

Was ist das Ziel von „BerufsbildMenschenbild“?

Ziel ist, das Berufs- und Menschenbild der Lernenden gegenwartsbezogen vor dem Hintergrund der Geschehnisse im Nationalsozialismus zu reflektieren. Man kann dies anhand ausgewählter Phänomene tun: Scham, Nähe und Distanz, Macht und Ohnmacht, Verantwortung, Sprache. Man wählt als Lehrperson eines dieser Phänomene im Vorfeld des Besuches aus und führt das Programm vor Ort mit seiner Gruppe durch. Letztlich geht es darum, Konsequenzen für das gegenwärtige Pflegehandeln begründet und ethisch fundiert abzuleiten. Neben den Gesichtspunkten, die sich mit lebenswertem und sogenanntem lebensunwerten Leben befassen, werden auch Biografien von Pflegepersonen aus dem Widerstand unter die Lupe genommen, Fundstücke von Opfern zum Zwecke der Bestimmung von Nähe und Distanz oder auch historische Texte und Dokumente sprachlich analysiert. Es gilt, die Muster, die zu sogenannten modernen professionellen Anschauungen geronnen sind, zu entschlüsseln. Manche Muster wie das Kosten-Nutzen-Prinzip unseres heutigen Gesundheitswesens entpuppen sich dann didaktisch als Provokationsanlass für die jungen Kollegen. Die Frage von Widerstand wird eine Frage, die sich auch an persönlichen Pflegephilosophien und Fragen von Mut und Weltanschauung messen lassen muss – oder eben nicht. Die Frage, was das Ganze mit mir zu tun hat, steht damit im Mittelpunkt.

Welche Verantwortung tragen Lehrende in der Pflege in Bezug auf das Thema Nationalsozialismus?

Eine extrem wichtige. Ich habe ja schon erzählt, dass meine eigene Erfahrung wichtig war, an das Thema überhaupt ranzugehen. Hier ist sehr viel Überwindung gefragt – sich mit einem Thema zu beschäftigen, das derart unangenehm auszuhalten ist. Aber wenn wir es nicht lehren, besprechen, diskutieren, dann wird es auch nicht Thema. Die Lehrenden sind die, die anfangen müssen. Es ist Auftrag der Lehrenden, an den berufsbildenden Schulen Emanzipations- und Persönlichkeitsarbeit mit den Schülern durchzuführen. Pflegeunterricht hat weitaus mehr Zielperspektiven als nur das Examen.

Welche didaktischen Möglichkeiten der Aufarbeitung gibt es?

Ich bin ein großer Freund, historische Orte wie Museen und Gedenkstätten zu besuchen. Das muss fester Bestandteil sein, wenn man sich mit Geschichte beschäftigt. Wir haben vielerorts lokale Bezüge, die die Pflege vielleicht noch gar nicht entdeckt hat. Die gilt es aufzuspüren. Hier sind wieder die Lehrenden gefragt. Sie müssen den Schülern eine Spur geben und beim Neugierig-sein begleiten. Lohnenswert ist es, lokale Bezüge mit geschichtlichen Themen zu verknüpfen. Auch der Besuch von Fachtagungen kann Diskussionen politischer und gesellschaftlicher Art aufwerfen. Die Kontaktaufnahme mit Experten und Zeitzeugen, wenn noch möglich, kann interessante Perspektiven eröffnen. Vielleicht gibt es auch noch Angehörige, die aus zweiter Hand berichten können. Seid kreativ. Geschichte ist so spannend.

Herr Professor Bossle, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

 

Michael Bossle ist seit 2012 Professor für Pflegepädagogik an der Technischen Hochschule Deggendorf. zuvor war er Lehrer an der Berufsfachschule für Krankenpflege des Bezirks Oberpfalz in Regensburg. 

 

"Auch bei uns Pflegenden hat die Zeit des Nationalsozialismus Spuren, Wunden und Narben hinterlassen"