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  • 01.05.2006
  • Forschung

Jubiläum

Zehn Jahre Pflegewissenschaft in Witten/Herdecke

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2006

Am 12. Mai 2006 begeht das Institut für Pflegewissenschaft sein zehnjähriges Jubiläum. Der erste pflegewissenschaftliche Studiengang an einer deutschen Universität begann im April 1996. Damals startete eine Gruppe von Studierenden in ein Abenteuer mit "ungewissem Ausgang". Der Studiengang war zunächst als Diplom-Studiengang konzipiert und wurde später in einen Bachelor-/Masterstudiengang umgewandelt. Die staatliche Anerkennung erfolgte erst 1999, die Akkreditierung durch die Agentur AQUAS erfolgte 2004 - dabei wurde dem Institut in mehrerer Hinsicht "Vorreiterfunktion" bescheinigt.

Das Studium in Witten/Herdecke weist etliche Besonderheiten auf, etwa eine deutliche Internationalisierung, Praxis-Theorievernetzung, kleine Gruppen, ein spezielles Auswahlverfahren und ein interdisziplinäres Studium fundamentale. Die Studiengebühren können in verschiedenen Varianten bezahlt werden; viele wählen die Möglichkeit "jetzt studieren - später zahlen". Nähere Informationen zum Studium und zum Institut finden sich auf der Homepage (www.uni-wh.de/pflege) - dort steht auch ab Mitte Mai die Festschrift mit vielen Informationen zur Verfügung.

Witten/Herdecke leistete Pionierarbeit
Im Mittelpunkt dieser Darstellung sollen allerdings die Aktivitäten der Absolvent/innenund die Entwicklungen im Wissenschaftsbereich stehen. Viele dieser Aspekte sind beispielhaft für den Aufbau der Pflegewissenschaft in Deutschland.
Die ersten Absolvent/innen fan-den Arbeitsstellen etwa in pflegebezogenen Forschungsprojekten, sie nahmen Aufträge an in Hochschulen/Instituten, sie sind tätig in Pflegekassen, Wohl-fahrtsverbänden, Berufsverbänden, Stiftungen oder Unternehmensberatungen. Eine Absolventin hat ein eigenes Institut "WIFAP" gegründet, hier werden schwerpunktmäßig Pflegende für Gutachtertätigkeiten vorbereitet.

Studierende des "ersten Laufs" von 1996 haben inzwischen promoviert oder befinden sich im Doktorandenprogramm des Instituts. Viele der Ehemaligen treffen sich regelmäßig im Alumni-Kreis, um ihre beruflichen Erfahrungen auszutauschen und Netzwerke zu organisieren.
Die frühe Einbindung der Studierenden in Forschungsprojekte und andere Aktivitäten des Instituts geschah eigentlich aus der Not heraus - zu wenig wissenschaftlicher Nachwuchs stand zur Verfügung. Letztlich hat sich dieser Ansatz allerdings bewährt: Studierende identifizieren sich mit Themen und erwerben viele "extrafunktionale" Kompetenzen.
Bewährt hat sich auch die Koppelung von Forschungsprojekten, Bachelor- und Masterarbeiten bis hin zu Promotionen zu einem Thema - so kann Pflegewissen aufgebaut und transportiert werden.

Zum Schwerpunkt Pflege dementer Menschen sind in den letzten Jahren im Wittener Institut verschiedene Aspekte entwickelt worden. Daraus hervorgegangen ist ein Projekt zum Aufbau von Wohngemeinschaften für demente Menschen, das Zukunftsinstitut Pflege e. V. In diese Initiative sind mehrere Absolvent/innen involviert - es geht darum, Menschen mit Demenz ein Leben in Privatheit und Würde zu ermöglichen und sie nach neuen Erkenntnissen zu begleiten.
Das "Wohngemeinschafts-Projekt ist auch deswegen bemerkenswert, weil "Ehemalige" sich mit einer innovativen Idee selbstständig gemacht haben. Diese unternehmerischen Wege werden im Institut begrüßt und gefördert.

Ein Novum ist auch das Dialogzentrum Demenz. Es ist angebunden an das Institut für Pflegewissenschaft und stellt eine Vernetzungsstelle zwischen Praxis und Forschung dar. Zwei Absolvent/innen, Demenz-Expert/innen, sind dort tätig. Finanziert wird das Dialogzentrum im Rahmen der NRW-Landesinitiative Demenz.

Expertenstandards mitentwickelt
Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) hat mittlerweile fünf Nationale Expertenstandards in Auftrag gegeben und für diese Standards die Verfahren abgeschlossen. Drei dieser Standards wurden im Institut erarbeitet. Der Standard zur Dekubitusprophylaxe galt als erste Vorlage für die anderen Standards - danach wurde zu den Themen Schmerz und Kontinenzförderung gearbeitet. An all diesen Projekten waren Studierende bzw. Absolvent/innen beteiligt. Der neueste Expertenstandard zur Kontinenzförderung hat junge Pflegewissenschaftler/innen hervorgebracht, die in der Lage sind, dieses Thema in Forschung und Praxis weiter zu bearbeiten.
Aus der Standardentwicklung resultieren stets zahlreiche Nachfolgeaktivitäten. Zu den Standards Dekubitusprophylaxe und Schmerz hat das Institut kurze und aktuelle Online-Fortbildungen auf den Weg gebracht - diese ermöglichen einen Wissenserwerb von "zuhause" aus. Weitere Online-Fortbildungen sind in Vorbereitung.
Manchmal ergeben sich Berufswege und Interessensschwerpunkte auch durch Arbeitsgruppen oder Praktika. Ein Arbeitsfeld im Institut ist die Vorbereitung von pflegewissenschaftlich gestützten Gutachten, eine intensive Arbeitsgruppe baut dieses Feld seit Jahren auf. Mehrere Absolvent/innen haben hier bisher eine berufliche Zukunft gefunden.

Internationale Praktika werden gefördert
Zu den Praktika: Nur wenige Studierende suchen nach dem Studium einen Arbeitsplatz in der Internationalen Arbeit/Entwicklungszusammenarbeit. In der Regel sind dies Frauen und Männer, die schon vor der Studienaufnahme Erfahrungen mit Einsätzen im Ausland hatten. Das Tätigwerden in diesem Feld wird ebenfalls vom Institut unterstützt und begrüßt. Bisher sind Pflegewissenschaftler/innen, die in entsprechenden Organisationen konzeptionelle Arbeit leisten, eine Rarität - eher bekannt sind Krankenschwestern/-pfleger, die im Rah-men von Noteinsätzen humanitäre Hilfe leisten. Das Institut möchte an der Internationalen Ausrichtung mit Pflichtpraktika in Entwicklungs- und Schwel-lenländern festhalten, der Gewinn für eine erweiterte Sicht, auch bei heimatlichen "Problemen" ist groß.
Eines der ersten größeren Auslandsprojekte führte viele Studierende und Pflegewissenschaftler/innen nach Sibirien. Im Zusammenarbeit mit der GTZ und EPOS wurden über mehrere Jahre dort Pflegestrukturen im deutschen Rayon aufgebaut.

Deutlicher berufsvorbereitend sind die kurzen Inlandspraktika für die Studierenden. Dabei sollten (bisher) pflegefremde Settings bevorzugt werden. Die Studierenden zieht es in Interessensverbünde wie Kinderschutzbund oder Krebshilfe, in Ministerien, politische Parteien, in Verlage, Medical-Firmen, in die Senioren-Wohnungswirtschaft oder in die Verbraucherberatung.
Zum Beispiel absolvierte eine Studierende ein Praktikum in einer Frauenberatungsstelle, daraus ergab sich eine Spezialisierung in der Bachelorarbeit und schließlich eine Anstellung.

Im Institut wurde in den letzten Jahren ein Praxis-Entwicklungsprojekt zur Pflegeexpertise bei Brustkrebs durchgeführt. Hintergrund sind die Disease-Management-Programme (DMP) der Krankenkassen - die Berufsgruppe Pflege kommt dabei überhaupt nicht vor, obwohl es sich um die langfristige Begleitung chronisch Kranker handelt. Ein Projekt auf einer gynäkologischen Station eines Brustzentrums entwickelte die Pflegeexpertise bei Brustkrebs. Drei Studentinnen begleiteten dieses Projekt und bereiten sich auf eine Rolle als "Breast-Care-Nurse" in Forschung und Lehre vor. Aus dieser Aktivität resultierte ein Fortbildungsprogramm für Pflegende auf "Brust- krebsstationen" (www.breast-care-nurses.de).

Patientenfokus und Praxisorientierung werden gefordert
Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich Pflegewissenschaft in Deutschland, die Interessen der Studierenden und auch die Nachfrage möglicher Arbeitgeber in Richtung Patientenprobleme und Praxisorientierung entwickeln. Dies entspricht einer Grundausrichtung des pflegewissenschaftlichen Institutes, hinzukommt, dass hier Pflegewissenschaft auch die informelle, nicht-berufliche Pflege einschließt. Selbstverständlich ist das nicht, zunächst widmete sich die Pflegewissenschaft, auch international, den Problemen der professionell Pflegenden. Anfangs dominierten Untersuchungen "über" die Pflege aus verwandten Wissenschaften, inzwischen nehmen Fragestellungen aus der Praxis zu, eine Verbesserung der Patientensituation und der Pflegemaßnahmen ist intendiert. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass zunehmend Pflegeexpertise nachgefragt wird und Stellen für "Pflegeexpert/innen" geschaffen werden. Diese sollen in direktem Klientenkontakt die Qualität erhöhen, Innovationen verbreiten und die Kolleg/innen vor Ort beraten, das eigene Feld durch Forschung und Projekte weiterzuentwickeln. Ein guter Ansatz der Praxis-Theorie-Vernetzung, diese stellt eine wichtige Aufgabe im Institut dar.
Durch längerfristige Arbeitsschwerpunkte können sich Studierende ebenfalls auf künftige Aufgaben vorbereiten. So partizipierten viele Teilnehmer/innen an den Projekten zu den Auswirkungen der DRGs auf die Klinikpraxis, sie lernten Daten zu erheben und auszuwerten. Diese Form der "forschungspraktischen Übung" zieht sich über zwei oder mehr Semester und bedeutet das intensive Arbeiten an einem "Gegenstand".

Das ständige Feld "Sprache und Pflege" bringt Absolvent/innen hervor, die in der Lage sind, im Kontakt mit Sprachwissenschaftlern etwa die Pflegedokumentation zu untersuchen. Viele Studierende wurden mit dem Aufbau von pflegespezifischer Patienten-/Familienedukation konfrontiert und haben ihre Qualifikationsarbeiten diesem Feld gewidmet.
Eine kluge Entscheidung des Instituts war es, die Stellen und die Lehrstühle nur mit Menschen zu besetzen, die eine pflegerische Berufserfahrung aufzuweisen hatten, ebenso weitsichtig war die frühe Differenzierung der Lehrstühle nach Aufgabenfeldern wie in anderen Wissenschaften auch. Pflege ist vielschichtig und komplex. Ein Novum war die Ausschreibung des Lehrstuhls in "Klinischer Pflegeforschung", neu die Einrichtung eines Lehrstuhls in "Epidemiologie-Pflegewissenschaft" und geradezu "revolutionär" die Besetzung eines Lehrstuhls in "Familienorientierter und gemeindenaher Pflege".

Noch mehr Infrastruktur für Pflegewissenschaft!
Eine aktuelle Herausforderung ergibt sich nun durch die Neuorientierung der Medizinischen Fakultät an der Universität Witten/Herdecke. Ein Zentrum für Versorgungsforschung soll aufgebaut werden, eine interdisziplinäre Schwerpunktbildung, in der ein pflegewissenschaftlicher Anteil unverzichtbar ist. Nach zehn Jahren Pionierarbeit im universitären Kon-text sind Akzeptanz und Integration der Pflegewissenschaft nun nicht mehr fraglich.
Trotzdem, der Aufbau von Pflegewissenschaft in Deutschland braucht mehr Infrastruktur, mehr öffentliche Förderung, mehr Konzentration auf Klientenprobleme und Versorgungskonzepte. Inzwischen liegt eine Vielzahl von Einzelaspekten vor, die Themen wirken wie ein "bunter Flickenteppich". Auf der Strecke bleiben bisher die Theoriebildung, die Integration feldspezifischer Ergebnisse zu grundlegenden Überlegungen - auch unter Einbeziehung der Ergebnisse anderer Wissenschaften. Hier stehen wir erst am Anfang.
Theoriebildung ist eine selbstverständliche Aufgabe von Wis-senschaft, sie erfordert Freiraum zum Nachdenken - ein Freiraum, den die auftragsorientierte Pflegewissenschaft in Deutschland bisher nicht hatte. Nötig ist auch eine Bildung von Kompetenzzentren, eine Schwerpunktbildung der Institute und der Aufbau von Netzwerken/Verbünden.
Das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke hat diese Profilbildung für sich in den letzten Jahren eingeleitet.